Koolipere – Schulfamilie

Heute möchte ich mich noch einmal etwas mehr meiner estnischen Schule widmen. Ich und meine Klassenkameraden befinden uns gerade in der Endphase des Schuljahres, in der die Lehrer bezüglich Klassenarbeiten und Leistungskontrollen vor der Zeugnisausgabe in knapp drei Wochen noch einmal richtig Gas geben. Dabei haben wir Zehntklässler es eigentlich noch recht leicht, die Elftklässler müssen in diesen Tagen ihre uurismistööd, ihre umfangreichen Hausarbeiten, die einen Großteil ihrer Note in gleich mehreren Fächern ausmachen werden, präsentieren und verteidigen, während die Zwölftklässler mit den riigieksamid, dem Äquivalent des Abiturs in Estland, zu kämpfen haben. Doch trotz dieser stressvollen Zeit für Schüler wie Lehrer kommt der Spaß nicht zu kurz: So wurde Ende April der Tutipäev an meiner Schule veranstaltet. An dem letzten „richtigen“ Schultag ihres Lebens – während der Prüfungsphase findet für die zukünftigen Abiturienten in Estland kein Unterricht statt – verkleiden sich die Zwölftklässler wie an ihrem ersten Tag in der Schule, mit Kinderrucksäcken, Luftballons, Kuscheltieren… In der Turnhalle wurden Kinderspiele wie Topfschlagen organisiert, denen die ganze Schule beiwohnen durfte, für die Oberstufe gab es außerdem einen kleinen Festakt, bei denen die Abiturienten für besonderes Engagement für die Schule geehrt sowie Reden von Lehrern und Schülern gehalten wurden. Diese waren teilweise sehr behrührend, einige Lehrer, die die Schüler, die die Schule bald verlassen werden, teilweise schon als Siebenjährige kannten, haben gesungen oder sogar selbstgeschriebene Gedichte vorgetragen. Auch die Abiturienten haben sich in einer witzigen Rede bei den Lehrern, die sie auf ihrer Schullaufbahn begleitet haben, bedankt. Das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern ist hier teilweise gradezu familiär, und auch das Zugehörigkeitsgefühl zur Schule ist ungemein groß. Dieser Zusammenhalt wurde mir auch am letzten Montag noch einmal bewiesen, als die alljährlichen Olympischen Spiele meiner Schule veranstaltet wurden. Alle Schüler und Lehrerwurden in eines von sechzehn Ländern eingeteilt, die sich dann in verschiedensten Wettkämpfen miteinander gemessen haben. Die gesamten letzten Wochen standen bereits im Zeichen der Olympiade, die Teams mussten sich mit Plakaten, Fotos und Geschichten sowie in einem Quizspiel präsentieren, um Punkte zu sammeln. Die Spiele gipfelten am Montag in einem großen Festumzug durch die Stadt sowie lustigen Wettkämpfen wie Tauziehen oder einem Huckepackrennen. Am Ende des Tages wurden alle Teilnehmer mit einer Medaille und und einem kleinen Preis belohnt.

Am letzten Samstag durfte ich mit YFU im Rahmen des Europatages eine tolle Veranstaltung in Tallinn besuchen. Ich und andere Austauschschüler trafen uns nämlich mit Mitarbeiterinnen der deutschen und österreichischen Botschaft in der estnischen Nationalbibliothek. Nachdem wir erst eine Führung durch die riesige Bücherhalle, die auch eine umfangreiche deutschsprachige Abteilung besitzt, bekommen haben, konnten wir uns im österreichischen Lesesaal bei Saft und Kuchen mit zwei in Tallinn arbeitenden Mitarbeiterinnen der Botschaften unterhalten. Es war sehr interressant, über die spannende Arbeit in den Botschaften und das Leben als Diplomat zu erfahren. Außerdem konnten wir uns über die estnische Kultur austauschen, die die Diplomaten und wir Austauschschüler ja auf ganz unterschiedlichen Ebenen erfahren dürfen.