Kevad? – Frühling?

Obwohl der Winter nun offiziell vorbei ist, ist vom Frühling hier in Estland noch herzlich wenig zu sehen:  Anhand der Temperaturen um die -10 Grad und Schneebergen, die sich meterhoch am Straßenrand türmen, würde man kaum vermuten, dass wir schon Ende März haben. In den letzten Wochen ist einiges passiert:

Angefangen mit dem Eesti Vabariigi Aastapäev, dem „Jahrestag der Estnischen Republik“: Am 24. Februar wird die Gründung der Estnischen Republik im Jahre 1918 gefeiert. An diesem Tag hat sich Estland vom Russischen Reich unabhängig erklärt. Bereits einen Tag später wurde der neue Staat allerdings durch die Deutsche Kaiserreichsarmee besetzt, sodass die Estnische Republik erst nach dem zweijährigen Vabadussõda (Freiheitskrieg), bei dem sowohl gegen die Deutschen als auch gegen die Russen gekämpft wurde, wirklich unabhängig war. Allerdings bestand auch diese Freiheit nur bis 1940, als Estland im Zuge des zweiten Weltkrieges von der Sowjetunion besetzt wurde. Erst im Jahr 1991 konnten die Esten ihre Freiheit wiedererlangen. Dieses Jahr fiel der Vabariigi Aastapäev auf einen Sonntag, sodass wir zum Leid meiner Mitschüler keinen zusätzlichen freien Tag bekamen. In der Schule gab  es am vohergehenden Freitag einen feierlichen Festakt mit festlicher Garderobe, Sanges- und Tanzvorführungen und einer Menge Reden. Am eigentlichen Feiertag hissten die Esten die estnische Flagge (das ist tatsächlich obligatorisch, man kann angezeigt werden wenn man es nicht tut) und in Tallinn gab es eine große Militärparade, die auch im Fernsehen zu verfolgen war.

Am ersten Märzwochenende fand in Tallinn das Model European Parliament statt, eine von der EU organisierte Parlamentssimulation für Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren. Wir 120 Teilnehmer haben in Komissionen über ein Thema diskutiert und dann eine Resolution aufgestellt, in der auf Probleme aufmerksam gemacht wurde und konkrete Lösungsmaßnahmen vorgeschlagen wurden. Die einzelnen Komissionen haben dann im Estnischen Parlament ihre Resolution vorgestellt. Genau wie in der echten Politik wurden Gegenreden gehalten, gegen die man seine Resolution dann verteidigen musste, und am Ende wurde darüber abgestimmt, ob die Resolution angenommen wird oder nicht. Die gesamte Veranstaltung war auf Estnisch, sodass ich zwar nicht gerade große Reden schwingen konnte, aber auf jeden Fall eine Menge gelernt habe! In den vier Tagen habe ich eine Menge toller Menschen aus ganz Estland kennengelernt und kann das Wochenende definitiv als mehr als gelungen bezeichnen!

Vor zwei Wochen ging es dann mit YFU Estland in die Grenzstadt Narva.  Dort, in der östlichsten Stadt der Europäischen Union, sind mehr als 95% der Bevölkerung russischsprachig, sodass von den 15 Schulen der Stadt in nur einer auf Estnisch unterrichtet wird. Diese haben wir Austauschschüler besucht und auch Schüler dieser Schule getroffen, die ungefähr zu gleichen Teilen Esten und Russen sind. Es war natürlich sehr interressant, sich mit ihnen über Estland zu unterhalten und auch den Standpunkt der russischen Bevölkerung in Estland sehen und verstehen zu können. Am zweiten Tag unseres Trips haben wir dann noch die Burg von Narva besucht, von der aus man auch nach Russland hinübersehen konnte – Die beiden Staaten sind nur durch den Narva-Fluss natürlich getrennt.

Momentan sind hier Schulferien, am Montag beginnt das vierte und damit letzte veerand (Schulviertel) – die Schule macht mir jetzt, das ich Estnisch fließend spreche und im Unterricht ganz normal mitarbeiten kann, richtig viel Spaß, insofern werde ich meine letzten Monate auf dem Rapla Vesiroosi Gümnaasium sicher genießen!