„Man lebt um zu essen“

Kaixo! (baskisch für Hallo!)

Inzwischen hat auch das Wetter festgestellt, dass wir uns bereits in der Mitte des Novembers befinden – was für mich bedeutet, dass ich seit zweieinhalb Monaten Im Baskenland lebe, obwohl es mir scheint, als wäre schon viel mehr Zeit vergangen – und hat uns in den letzten Wochen einen Ausblick auf die bevorstehenden Monate gegeben: anhaltender Regen mit einstelligen Temperaturen, die auch die scheinbar abgehärteten Basken zum Griff in die Schränke zwingen, um die Winterjacken und Regenschirme hervorzuholen und sich mit ausgesprochener Wortvielfalt über das besagte Wetter auszulassen. Nicht dass das irgendjemanden von irgendetwas abhalten würde, denn es passiert genauso viel wie in den Wochen zuvor, doch der Reihe nach:

Fast alle Dörfer, Städte und sogar Stadtviertel veranstalten jährliche Feiern zu Ehren der Heiligen, nach denen ihre jeweilige Kirche benannt ist, sodass es an vielen Wochenenden in der weiteren Umgebung ein Fest gibt. Tagsüber werden meist Märkte mit traditionellen baskischen Trachten, Konzerten oder Tortilla-Wettbewerben abgehalten, wobei die religiöse Komponente meist in den Hintergrund rückt. Die “fiestas San Faustos” in Durango, der Hauptstadt der “comarca” (eine Art Landkreis) erstrecken sich allerdings gleich über mehrere Wochen und endeten am Wochenende des 22. Oktober mit etwas, dass ich so auf Stadt- oder Dorffesten in Deutschland noch nicht gesehen habe: ab etwas 22 Uhr platzte die Stadt aus allen Nähten, die Straßen, Plätze, Bars und Clubs waren gefüllt mit Menschen; es schien als sei das ganze Baskenland auf den Beinen und an diesem Abend nach Durango zu kommen. So feierten Jung und Alt, teilweise sogar in Kostümen, entweder vor den verschiedenen Musikbühnen mit moderner oder traditioneller Musik, oder, wie ich mit vielen meiner Klassenkameraden, im “Kafe Antzokia” (Café-Theater), normalerweise eine Art Theater, dass zu diesem Anlass in eine Diskothek umfunktioniert wurde, bis es am frühen Morgen in den extra eingesetzten Sonderzügen zurück nach Hause ging. Dass man hier die “fiestas” gerne und ausgiebig feiert, haben mir die vergangenen Wochenenden gezeigt, wobei jede ihre speziellen Besonderheiten hat.

Gegen Ende des Jahres scheint sich eine gewisse Häufung an Feiertagen zu ergeben, die, um diese auch wirklich ausnutzen zu können, manchmal noch den einen oder anderen Brückentag mit sich bringen. Nach dem Nationalfeiertag Mitte Oktober war am 1. November der “Día de todos los Santos” (Der Tag aller Heiligen), an dem gewöhnlich die Gräber verstorbener Familienmitglieder geschmückt werden. Das dadurch verlängerte Wochenende nutzten meine Familie und ich für einen Besuch der Hauptstadt der Nachbarprovinz Gipuzkoa: Donostia, den meisten eher bekannt als San Sebastián.
Neben seiner muschelförmigen “Kontxa”-Bucht mit beeindruckender Strandpromenade und prachtvollen Altbauten, die den Bewohner der Ruf eines etwas höheren Einkommens bescheren, und dem jährlichen Filmfest, für das regelmäßig einige Hollywoodgrößen anreisen, ist die Stadt vor Allem für seine ausgezeichneten Bars und Restaurants bekannt, die die höchste Dichte an Michelin-Sternen im Verhältnis zur Einwohnerzahl aufweisen. Nach einem Spaziergang durch die Stadt besuchten wir eine befreundete Familie in ihrer beeindruckend großzügigen Dachgeschosswohnung, die uns und einige andere Bekannte zu einem Mittagessen eingeladen hatten. Man muss dazu wissen, dass eine baskische oder spanische Esseneinladung nicht mit einer deutschen vergleichbar ist, denn wenn man um 14 Uhr beginnt, endet das Ganze meist nicht vor 18 oder 19 Uhr und zieht sich über verschiedene Vorspeisen, den Hauptgang, Käse, Früchte, Kaffee und anläßlich des Feiertages auch “huesos de santos” (Heiligenknochen), kleine Marzipanrollen, die mit Honig gefüllt und absolut köstlich sind. Der hiesigen Kulinarik ließe sich an dieser Stelle sicher eine ganze Enzyklopädie widmen, was ich an späterer Stelle gerne noch tun werde, doch fürs erste genügt es, wenn man weiß, dass man den Hosenknopf nach einem solchen Essen nur schwerlich wieder zu bekommt. Denn die Lebensphilosophie lautet hier: “Man isst nicht um zu leben, sondern man lebt um zu essen.”

Dementsprechend besuchten wir am vergangenen Wochenende der Vater meiner Mutter zum “castañas”-Essen. Dieser lebt allerdings nicht wirklich in einem Haus, sondern eher in einem Bretterverschlag mit Holzofen, der an seinen Kaninchenstall mit mehreren Hundert Kaninchen grenzt. Keine Beschreibung könnte ihm wirklich gerecht werden, man könnte sagen, er sei speziell, eigensinnig, schrullig, doch er ist vor Allem eins: ein echtes Original. Zwar schwerhörig, doch mit einer Stimme wie ein Schiffshorn, die er auch gerne einsetzt um seiner Meinung Gehör zu verschaffen. Außerdem ein wahrer Nachtischliebhaber, der sich nur nach dem Verzehr von Eis, Keksen, Schokolade und Kuchen einigermaßen zufrieden fühlt. Alles in allem war dieses Kastanienessen ein Abend, denn ich so schnell nicht vergessen werde, auch wenn ich glaube, das meine Kleidung auch nach zwei Wäschen noch einen leichten Hauch von Kaninchen und Modrigkeit an sich hat.

Die meisten außergewöhnlicheren Dinge passieren an den Wochenenden, da die Schule unter der Woche doch relativ viel Platz einnimmt. In meiner Klasse fühle ich mich inzwischen sehr wohl und auch das erste Zeugnis ist nicht allzu schlecht ausgefallen. Auch mein Spanisch verbessert sich weiterhin, sodass ich mich über immer mehr Dinge austauschen und unterhalten kann. Morgen geht es für mich bereits auf Klassenfahrt nach Rom, und am Wochenende steht der Besuch einer befreundeten Austauschschülerin aus Madrid an.

Bis dahin, saludos,
Timm