Januar bis 12 Stunden vor dem Abflug

„Hey, erzählst du mir kurz wer du bist?“

Klar, kein Problem. Ich bin Timm, 17 Jahre alt, habe im Juni mein Abitur gemacht, und werde ab morgen mein Austauschjahr in Spanien verbringen.

„Moment…Austausch nach dem Abi? Wie kommst du dazu?“

Da ich in der Grundschule eine Klasse überspringen und mein Abi deswegen schon mit 16 machen konnte, ist ein Austausch für mich die beste Möglichkeit, ein Jahr im Ausland zu verbringen, weil man zum Beispiel für ein Au-pair-Jahr oder Work-and-Travel meistens 18 sein muss. Ich hätte natürlich auch gleich mit dem Studium beginnen können, aber da man als Minderjähriger in vielen Bereichen noch von der Unterschrift der Eltern abhängig ist, lasse ich mir damit lieber noch ein Jahr Zeit.

„Ah, alles klar. Wenn du also nach Spanien gehst, dann kannst du bestimmt schon Spanisch oder hattest es zumindest in der Schule, oder?“

Ehrlich gesagt nicht. Ich habe zwar vor einigen Wochen angefangen mir mit einer Mischung aus Büchern und Online-Sprachkursen selbst Spanisch beizubringen, aber ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, Spanisch zu sprechen. Und die Stunden der zweiten Fremdsprachen habe ich mehr oder weniger glücklich im Lateinunterricht verbracht.

„Okay, aber sobald du Spanien bist, wirst du die Sprache sicher schnell lernen. Wieso eigentlich Spanien?“

Das ist eine etwas längere Geschichte. Ich hatte mich im Januar auf einen Platz für ein Austauschjahr in der Türkei beworben, mein Auswahlgespräch fand im Februar statt. Nach einigen Wochen bekam ich dann tatsächlich die Zusage für ein Jahr in der Türkei, konnte mein Teilstipendium der Stiftung Mercator bei der Stipendienverleihung in Essen entgegen nehmen und nach meinen Prüfungen verbrachte ich im Juni eine tolle Woche bei der VBT. Kurze Zeit später erhielt ich dann die Mitteilung über meine Gastfamilie: musikinteressiert, sportlich und mit einem Haus in Istanbul. Kurzum: eigentlich alles, was ich mir von meiner Gastfamilie erhofft hatte. Du kannst dir sicher vorstellen, dass ich seit Januar viele Fragen wie „Willst du wirklich in die Türkei? Warum?“ oder „Was willst du denn mit Türkisch?“ beantworten musste, wobei es aber wahrscheinlich jedem Austauschschüler so geht, doer zumindest denen, die in ein Land gehen, das man gemeinhin als „exotisch“ bezeichnen würde. Ich muss zugeben, dass es anfangs auch bei meinen Eltern eine gewisse Überzeugungsarbeit gebraucht hat, bis sie sich mit meinen Plänen angefreundet hatten.
Ich habe nach meiner Zusage gefühlt jede Nachricht über die Türkei verschlungen und jeden Artikel gelesen, den ich finden konnte. Als sich während eines Familienurlaubs die Ereignisse in der Türkei überschlugen und die Situation auf einen Schlag sehr unübersichtlich wurde, verbrachte ich Tage auf Twitter, Facebook und Whatsapp, um mich auf dem neuesten Stand zu halten. Kurz nach meiner Rückkehr entschieden meine Eltern, YFU, die Stiftung Mercator und ich gemeinsam, dass ich mein Austauschjahr aufgrund der schwer abschätzbaren Entwicklungen nicht in der Türkei verbringen würde.
Es viel mir anfangs schwer, die Türkei für mich abzuschreiben. Jeder der mal kurz vor einem Aufbruch in ein anderes Land stand, kann sich bestimmt vorstellen, wie der Gedanke an ein neues Lebensumfeld immer klarere Züge annimmt. Doch mir wurde klar, dass ich – nach dem Motto „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben“ – auch später noch die Möglichkeit haben würde, einen Aufenthalt in der Türkei zu verbringen. So begannen für mich die Überlegungen, in welchem anderen Land ich mein Austauschjahr verbringen könnte.
Nach Rücksprache mit YFU stand Spanien schnell als mein neues Austauschland fest, und vor einigen Wochen erhielt ich schließlich eine E-Mail mit den Informationen über meine Gastfamilie, mit der ich ein Jahr lang in einem Ort nahe Bilbao im spanischen Baskenland leben werde. Spanien ist dabei für mich auf keinen Fall ein „Ersatzland“, keine „Notlösung“, keine zweite Wahl. Spanien ist vielmehr ein Land, auf dessen Kultur, Menschen und nicht zuletzt Küche ich mich genauso freue, wie ich mich auf die Türkei gefreut habe.
Jetzt, da es nichtmal mehr 12 Stunden bis zum Abflug sind, sogar noch ein bisschen mehr.

Von diesen und den Stunden danach, erzähle ich gerne beim nächsten Mal!

Timm