Die erste Woche – Ankunft, Arrival Orientation und Gastfamilie

Lasst mich von dort weiterschreiben, wo ich das letzte Mal aufgehört habe: am Abend vor meiner Abreise.

Es ist der 1. September 2016, 4 Uhr morgens, und es geht zum Flughafen nach Hamburg. Ich bin zu müde, um mich in emotionalen Abschiedsszenen ein letztes Mal in vertrauter Umgebung umzusehen. Koffer und Rucksack in den Kofferraum, wir sind ein wenig spät dran.
Ankunft am Flughafen, Check-In, Gepäckaufgabe, Verabschiedung, Sicherheitskontrolle. Natürlich war das keine fröhliche Abfolge von Tätigkeiten, wie die Aneinanderreihung vielleicht vermuten lässt, aber seine Eltern für fast ein ganzes Jahr zurückzulassen, ist nichts, über das man gerne schreibt. Ich bin kein Typ für Verabschiedungen, schwer war es trotzdem, aber es gehört dazu.
Während ich am Gate auf das Boarding um 6.00 Uhr warte, treffe ich auf zwei andere Austauschschüler, die sich mit mir gemeinsam auf den Weg nach Spanien machen. Bei unserem Zwischenstopp in Frankfurt stoßen wir auf den Rest der deutschen YFU-Delegation, die sich gemeinsam mit zwei amerikanischen ATS auf den Weg nach Madrid macht.

Am frühen Nachmittag landen wir in der spanischen Hauptstadt, finden glücklicherweise alle unsere Koffer und Taschen auf dem Gepäckband, und werden hinter der Milchglas-Schiebetür unter dem grünen Schild des zollfreien Ausgangs von halb YFU Spanien empfangen. Das ist keine Übertreibung, sondern einfach der Tatsache geschuldet, dass YFU España erst seit drei Jahren besteht. Es ist eine herzliche Begrüßung, wir sind überrascht davon, dass die Direktorin der spanischen Organisation alle unsere Namen kennt. Wir dachten, dass wir auf eine große Zahl anderer Austauschschüler aus der ganzen Welt treffen würden, doch das stellte sich schnell als Irrtum heraus. Stattdessen sind wir eine kleine Gruppe, zwölf ATS insgesamt, acht aus Deutschland, zwei aus den USA, eine aus den Niederlanden und eine aus Norwegen. So geht es für uns in einem kleinen Bus auf den Weg nach San Rafael, nordwestlich von Madrid.

Nach etwa einer Stunde erreichen wir die Unterkunft, in der unsere insgesamt sechstägige Arrival Orientation stattfindet. Während dieser Zeit treffen wir auf insgesamt 5 YFU-Volunteers, die, gemeinsam mit den Organisatoren von YFU España, unseren Aufenthalt in Spanien begleiten werden. In vielseitigen Sessions werden wir auf unsere 10 Monate vorbereitet und – für mich besonders wichtig – lernen die ersten Worte und Sätze auf Spanisch. Zwischen den Sessions vertreiben wir uns die Zeit am Pool oder beim Kartenspielen und gewöhnen uns schon einmal an die spanischen Essenszeiten, denn la cena (das Abendessen) beginnt hier gerne mal erst um 22.00 Uhr.

Am Montag, dem 5. September, also dem letzten vollen Tag der Orientierungswoche, geht es für uns gemeinsam mit einigen Volunteers in das Stadtzentrum von Madrid, wo wir einige Sehenswürdigkeiten erkunden. Neben der Puerta del Sol, der als Mittelpunkt des spanischen Festlands gilt, und der Plaza Mayor, auf der jedes Jahr ein bekannter Weihnachtsmarkt stattfinden, besuchen wir auch den Palacio Real, der als Sitz der spanischen Königsfamilie dient. Auf der Gran Vía, der Haupteinkaufsstraße von Madrid, gilt es dann in kleinen Teams einige Aufgaben zu bewältigen: so müssen wir etwa einige Telefonnummern herausfinden, ein Gedicht über Madrid schreiben, und einen Apfel – unter Einsatz unserer begrenzten Sprachkenntnisse – gegen etwas anderes eintauschen. Die Madrilenen auf Spanisch anzusprechen kostet zwar erst einige Überwindung, doch mit einer Taschenlampe, einer Packung Kaugummi und einem Armband als Ergebnis war meine Gruppe ganz zufrieden.

Es kommt, was kommen musste: der Dienstag, der 6. September, der Tag, an dem wir alle in unsere Gastfamilien weiterreisen würden. Eine echte Nervosität stellte sich bei den meisten wohl erst kurz vor der tatsächlichen Ankunft ein, doch wir fahren alle in freudiger Erwartung nach Madrid. Die Busreisenden, zu denen auch ich gehöre, verabschieden sich an der Avenida de América von der Gruppe und warten mit einem unserer Volunteers auf die Abfahrtszeiten unserer Busse. Um einige andere ATS zu ihrem Abfahrtsgate zu begleiten, werde ich kurzerhand einer Spanierin zur Aufsicht übergeben, mit der ich mich zwar nur schwer verständigen kann, die aber sicher geht, dass ich in den richtigen Bus steige und meinen Platz finde.

In Deutschland sind Fernbusreisen noch nicht so weit verbreitet wie in Spanien, sodass es meine erste Fahrt mit einem Fernbus ist – wenn man von Klassenfahrten und Ähnlichem mal absieht. Es sind ruhige vier Stunden, in denen ich in den hohen Norden Spaniens reise, und „hoch“ ist dabei nicht einfach so dahingesagt, den die Region um Bilbao ist tatsächlich eine sehr gebirgige. Dann, als der Bus die Autobahn wechselt, fällt es mir zu ersten Mal auf: zweisprachige Schilder, die Straße führt plötzlich nicht nur nach Bilbao oder San Sebastián, sondern auch nach Bilbo und Donostia, die, wie ich später lerne, einfach nur die Namen der Orte in der Regionalsprache sind. Denn hier im Baskenland, das die Spanier País Vasco und die Basken Euskal Herria nennen, spricht man eben nicht nur Spanisch, sondern auch Euskera – eine Sprache, die keine Verwandtschaften mit heute bekannten Sprachen aufweist und für Aussenstehende absolut unverständlich ist (an dieser Stelle kann ich aus eigener Erfahrung sprechen). Auf dieses ganz besondere Fleckchen Erde werde ich sicherlich nochmal in eigenen Posts eingehen.

Gegen 19 Uhr erreiche ich schließlich den Busbahnhof von Bilbao und werde von meiner Gastmutter und der beiden Gastschwestern herzlich begrüßt und fahre mit ihnen etwa 40 Minuten zum Haus der Familie, die für die nächsten 10 Monate ihr Leben mit mir teilen wird. Ein Haus mit großem Garten, Gemüsebeeten und einigen Hühnern im Barrio/Auzoa Gazaga, einer Siedlung auf etwas, das der native Bewohner der norddeutschen Tiefebene durchaus als Berg bezeichnen würde, über der Kleinstadt Zaldibar.

Die Aussicht aus dem Fenster neben meinem Bett könnte man übrigens auch auf Großleinwand verkaufen.

Die Aussicht aus dem Fenster neben meinem Bett könnte man übrigens auch auf Großleinwand verkaufen.

Von den ersten beiden Schulwochen, die ich bereits hinter mir habe, berichte ich dann beim nächsten Mal ausführlich.

Saludos,
Timm