Alles zu seiner Zeit

Inzwischen bin ich seit mehr als sechs Wochen hier. Mal vergeht die Zeit wie im Fluge, mal zieht sie sich wie ein Kaugummi. Nichts neues, eigentlich, doch während eines Austauschjahres wird einem diese Tatsache besonders bewusst. Momente, die man gerne festhalten würde, von denen man hofft, dass sie möglichst lange anhalten, und Momente, die man gerne so schnell wie möglich überstanden haben möchte. Beide gibt es, beide gehören dazu.

Hier geht alles seinen mehr oder weniger gewohnten Gang, das Wetter scheint sich nicht richtig entscheiden zu können, ob es den Walnussbäumen schon in Richtung Winter folgen soll, und der morgendliche Weg den Berg hinab zur Bahnstation wird zunehmend rutschiger, weil sich tiefhängende Wolken an den Wäldern festhalten, die die Hänge des Berges bedecken, auf dem ich lebe, und die Serpentinen in eine Rutschbahn verwandeln.

Der 12. Oktober war el Día de la Hispanidad, der spanische Nationalfeiertag, an dem der Ankunft Kolumbus’ auf dem amerikanischen Kontinent im Jahre 1492 gedacht wird. Für mich war dieser Tag ehrlich gesagt nicht mehr, als ein willkommener Tag zur Entspannung, der die Woche etwas verkürzt hat, weil es in meiner Familie – vielleicht nur in meiner Familie, wahrscheinlicher aber im ganzen Baskenland – keine großen Feierlichkeiten anlässlich dieses Tages gab. Die anderen Austauschschüler in Spanien könnten das anders erlebt haben, denn ich habe mir zumindest im Internet einige Bilder der Militärparade und der königlichen Familie in Madrid ansehen können, doch es überrascht mich nicht mehr besonders, dass die Dinge im Euskal Herria (baskisch für Baskenland) anders laufen als im Rest Spaniens. Diesen Eigenheiten werde ich zu gegebener Zeit noch eigene Posts widmen, doch ich kann sagen, dass ich von dem Nebeneinander dieser zwei Kulturen, die sich häufig zu einer eigenen, neuen vermischt haben, fasziniert bin. Auch die Sprache, in deren Sätzen ich nicht einmal die Unterteilung in einzelne Wörter heraushören kann, ist interessant, und ich hoffe, dass ich bald etwas mehr als nur die Alltagsausdrücke lernen kann, die das Standardspanisch zumindest in diesem Bereich verdrängt haben.

Im Colegio hat gerade die letzte Woche des ersten Viertels des Schuljahres begonnen, sodass jeden Tag mindestens eine Klausur ansteht, was mich recht beschäftigt hält. Ich gebe mein Bestes, und habe auch zu meiner Überraschung und der meines Lehrers das erste Examen in Wirtschaft bereits bestehen können, doch dadurch, dass ich noch viele Wörter übersetzen muss, bevor ich sie verwenden kann, bin ich meist etwas zu langsam.

Zur Sprache allgemein: Es geht bergauf. Ich bin gerade eine einer Art von Wendepunkt, an dem sich mein Sprachgebrauch von bloßem Zuhören und Aufnehmen zum aktiven Gebrauchen und Teilnehmen an Gesprächen entwickelt. Es braucht noch tägliche Überwindung, aber die Freude über geglückte Satzkonstruktionen und die Komplimente über meinen Fortschritt dienen als gute Motivation.

Alles zu seiner Zeit. Quasi mein Leitspruch momentan, denn Verständnis von Themen und Sprache, Kontakte zu neuen Leuten und die Einstellung auf ein Leben in einem neuen Umfeld kommen nicht von heute auf morgen. Man muss geduldig sein mit sich selbst, mit seiner Umgebung, alles auf sich zukommen lassen, aber gleichzeitig auch aus dem eigenen Komfortbereich herauskommen.

Das ist das, was mein Austauschjahr momentan für mich bedeutet.

Bis zum nächsten Mal, saludos,
Timm