Die Zeit verfliegt

Ich kann mich noch recht gut an meine Vorbereitungstagung im vergangenen Jahr in Lauenburg erinnern. Eines der Dinge, die man uns sagte, als wir über Erinnerungen und Blogging sprachen, war, dass 90% aller Austauschschüler, die einen Blog beginnen und in den ersten Monaten noch leidenschaftlich höchstens zwei Wochen vergehen lassen, bevor sie den nächsten Eintrag posten, irgendwann an den Punkt kommen, dass einer ihrer Einträge mit “Ich muss mich dafür entschuldigen, dass ich mich so lange nicht mehr gemeldet habe…” beginnen. Typischerweise denkt man dann, dass dies bei einem selbst sicherlich nicht der Fall sein wird. Und man irrt sich — ich zumindest. Vermutlich liegt es einfach daran, dass Dinge, die vor drei oder vier Monaten noch neu und besonders waren, inzwischen auch Teil der Routine geworden sind, und ich deshalb schon über zwei Monate ohne neuen Post habe verstreichen lassen.

Um dieses kleine Versäumnis wieder wettzumachen, werde ich berichten, was seit Februar so alles passiert ist:

Am ersten Februarwochenende fand die Middle Orientation, also sozusagen das Halbzeittreffen, zusammen mit allen anderen spanischen Austauschschülern in El Puig, einem kleinen Strandort bei Valencia, statt. Es war wirklich schön, alle anderen einmal wiederzusehen und sich über Erlebnisse und Erfahrungen in den Familien, mit Freunden, in der Schule etc. auszutauschen, da man sich, wenn man nicht gerade in der selben Stadt wohnt, aufgrund der relativ großen Entfernungen nur selten sieht. Gemeinsam mit zwei Freiwilligen von YFU España wurde am ersten Tag Bilanz des ersten Teils unseres Austauschjahres gezogen, während am zweiten Tag Ziele für die verbleibende Zeit festgehalten wurden — für mich sind es inzwischen weniger als 90 Tage. Außerdem planten wir auch unsere gemeinsame Reise zum Camino de Santiago, zu deutsch Jakobsweg, dessen letzte etwa 110km wir in einer Woche im Mai bestreiten werden.

Zeitgleich zur deutschen Karnevalszeit wird auch in allen Teilen Spaniens carnaval gefeiert, wobei die Feierlichkeiten in Cádiz und auf Teneriffa zu den bekanntesten zählen. In Euskadi hat jeder Ort seine eigenen, lokalen Traditionen und auch unterschiedliche Festtage, so sind beispielsweise in meiner Stadt der Samstag und der darauffolgende Dienstag die Feiertage, an denen sich nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern alle Altersgruppen gerne verkleiden. Ich hatte mich für ein Albert-Einstein-Kostüm inklusive Perücke und weißem Kittel entscheiden, und nach dem Abendessen mit meiner cuadrilla ging es in die Straßen der Stadt. Die “cuadrillas” sind Freundesgruppen, die sich größtenteils schon seit Jahren kennen, aus bis zu dreißig Personen bestehen und gemeinsam essen oder feiern gehen. Viele haben auch eigenes lokal, also einen gemeinsam angemieteten Ort, den sie, mit alten Sofas, Tischen, Stühlen und Musikanlagen ausgestattet, als Treffpunkt, an dem sie Teile ihrer Freizeit verbringen. Besonders an Wochenende landet man häufiger in drei oder vier verschiedenen dieser Räumlichkeiten, die meist die Untergeschosse von Mehrfamilienhäusern bilden, da man eigentlich immer jemanden kennt, dessen lokal ganz in der Nähe ist.

Am Karnevalssonntag, der erste wirklich sonnige tag seit längerer Zeit, fuhren meine Familie und ich mit ihrem Wohnmobil in den Küstenort Lekeitio und verbrachten den Tag am Strand, am Hafen und in der Altstadt. Viele dieser Kleinstädte am Kantabrischen Meer werden bevorzugt von Touristen besucht, da sie einerseits schön anzusehen, andererseits auch wirklich baskisch sind, sowohl was die Gebäude als auch die Sprache der Menschen angeht; doch auch Einheimische aus den küstenferneren Orten kommen gerne, um ein paar Stunden am Wasser zu verbringen.

Wie bereits erwähnt, ist der Dienstag der zweite Höhepunkt der Karnevalsfeiern, den meine Schule als Tag zum Skifahren nutzte, da ganz Ermua am Mittwoch frei hat und Schulen und Behörden geschlossen bleiben. Deshalb ging es für alle Schüler ab der siebten Klasse am frühen Morgen in Bussen in das kleine Skigebiet Alto Campoo, im Süden Kantabriens, auf etwa 2000m. Da es in diesem Jahr weniger geschneit hatte als normalerweise, waren die Pistenbedingungen nicht gerade optimal, aber für einen einzigen Skitag ausreichend. Jeder konnte zumindest ein wenig Ski oder Snowboard fahren, sodass größere Stürze ausblieben und wir am späten Abend zurück waren.

Wer meine früheren Einträge gelesen hat, weiß, das Kulinarische im Baskenland einen hohen Stellenwert hat und mehr und öfter zelebriert wird, als an anderen Orten. Neben den berühmten Pintxos, kleinen Häppchen, die man für etwa 1€ in wirklich jeder Bar variantenreich vorfindet und die zu jeder erdenklichen Gelegenheit konsumiert werden, gibt es auch die cazuelitas, kleine Tonschalen mit winzigen Portionen, die aber mit besondererer Detailversessenheit zubereitet und angerichtet werden. In der vergangenen Woche fand der Wettkampf um die beste cazuelita statt, bei der in den 30 teilnehmenden Bars sieben Tage lang eine besondere Eigenkreation angeboten wurde, die sowohl eine Jury als auch die Bewohner gerne verkosteten. Auch meine Freunde und ich haben uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen und eine Menge verschiedener Dinge probiert, sodass wir sagen können, dass das “Giroa”, welches direkt an meinem täglichen Schulweg liegt, mit seinem Fischgericht zurecht gewonnen hat.
Das letzte Wochenende verbrachten meine Gastschwestern und ich außerdem im Haus unserer Cousins, die beide vor Kurzem Geburtstag hatten. Dazu lässt sich sagen, dass es in meiner Gastfamilie mütterlicherseits zehn Cousins und Cousinen im Alter von 10 bis 25 Jahren gibt, die sich bei solchen Gelegenheiten gerne treffen und gemeinsam Zeit verbringen. Wir unternahmen unter anderem einen Spaziergang am Steilufer, da sich das Haus der Familie in unmittelbarer Küstennähe befindet, und verbrachten viel Zeit mit den Haustieren, zu denen auch ein Sittich gehört, der, je nach Laune, einige Sätze sprechen kann.

Zur Schule lässt sich sagen, dass inzwischen auch das dritte “Halbjahr” vorbei und die Zeit der Hausarbeiten und Prüfungen überstanden ist, sodass es zumindest bis zur Semana Santa, also den Osterferien, etwas entspannter zugeht, obwohl man uns trotzdem gut beschäftigt hält; denn Anfang Juni stehen für alle, die ab dem nächsten Jahr die Universität besuchen wollen, die Selectividad, eine Art Zugangsprüfung der Universität der Region, an. Obwohl es auch eine schuleigene Abschlussprüfung gibt, die die Endnote der zweijährigen Oberstufe beeinflusst, liegt der Fokus auf der Selectividad, die 40% der finalen Durchschnittsnote ausmacht. Allerdings werden nicht alle diese Prüfungen absolvieren, da man beispielsweise Fachhochschulen oder Ausbildungszentren auch mit dem einfachen Abschluss des Bachillerato besuchen kann.
Mit meinen Noten bin ich im Übrigen weiterhin zufrieden, und in der letzten Geschichtsklausur ist mir aufgefallen, dass ich mir den Stoff inzwischen mindestens so gut merken kann wie auf Englisch, während ich mir, wenn ich an das erste Semester zurückdenke, zu Beginn kaum drei Fakten auf Spanisch merken konnte. Allgemein zur Sprache würde ich sagen, dass ich mich annähernd so sicher fühle wie auf Englisch, wobei mir im Englischunterricht während des Schreibens auffällt, dass sich dort die zwei Sprachen teilweise vermischen und ich mich wirklich darauf konzentrieren muss, nicht plötzlich auf Spanisch weiter zu schreiben.

Abschließend bleibt mir noch zu sagen, dass man spätestens jetzt merkt, dass die Zeit wirklich wie im Fluge vergeht. Ich werde deshalb versuchen, die nächsten drei Monate so gut wie möglich zu nutzen und freue mich auf alles, was ich noch erleben werde. Für die Osterferien ist beispielsweise geplant die Familie meines Gastvaters in Extremadura, also dem Süden Spaniens, zu besuchen. Während Euskadi eine der reichsten Gebiete Spaniens ist, ist Extremadura mit Abstand die ärmste Region, sodass ich sicherlich noch einmal viel Interessantes über die Unterschiede zwischen den einzelnen Landesteilen erfahren werde.

Aber bis dahin, saludos y un abrazo fuerte
Timm