Feliz Navidad

Jetzt, da die Tage mit Minusgraden, vereisten Straßen und Wiesen laut Wetterbericht erst einmal wieder vorbei sind, scheint der richtige Zeitpunkt zu sein, um den Dezember, Weihnachten und den Jahreswechsel Revue passieren zu lassen. Einiges davon liegt nun schon über sechs Wochen zurück, deshalb von Beginn an:

Der Dezember ist ebenso für mich wie für viele andere der Weihnachtsmonat, doch so etwas wie die Adventszeit gibt es in Spanien nicht, obwohl das baskische Wort für Dezember abendua (gesprochen: aventua) zumindest entfernt an das erinnert, was man mit Kränken aus Tannenzweigen und den vier Kerzen verbindet. Die Adventskalender, die erst seit einigen Jahren verkauft werden und deren Hintergrund den meisten eher unbekannt ist, sind die einzige Spur von diesen vier vorweihnachtlichen Wochen. Trotzdem sind Städte und auch Dörfer ab Anfang Dezember mit vielen bunten Lichtern geschmückt, die die Weihnachtszeit einläuten.

Der 3. Dezember ist im Baskenland der euskararen eguna, der baskische Tag, der in allen Schulen gefeiert wird. Dazu gehört neben der baskischen Tracht, die aus bunten Kleidern mit langen Röcken oder weißen Hemden, blau-weißen Halstüchern und traditioneller txapela, der bekannten Baskenmütze, besteht, auch, dass der älteste Jahrgang einen Tanz aufführt, der in einem großen Kreis getanzt wird und aus verschiedenen Schrittfolgen, Drehungen und Sprüngen besteht. Dazu versammelte sich die gesamte Schule in der Sporthalle und nach der tänzerischen Eröffnung durch meinen Jahrgang folgten dann verschiedene Vorführungen wie Lieder, kurze Theaterstücke oder auch Tauziehen.
Wo es gerade um Baskisches geht: je mehr Zeit ich hier verbringe, desto mehr erfahre ich zwangsläufig über das Baskenland. Nicht nur dadurch, dass ich meine Weihnachtsferien unter Anderem dazu genutzt habe, mich intensiver mit der hiesigen Regionalsprache zu beschäftigen, sondern auch dadurch, dass ich versuche, möglichst viele verschieden Orte zu sehen. So haben beispielsweise mein Gastvater und ich die Basketballmannschaft meiner Schwester in die Küstenstadt Ondarroa begleitet, die neben Hafen, Strand und Altstadt auch etwas über die jüngste Geschichte zu bieten hat. Mein Gastvater, der als Kind aus dem Süden Spaniens ins Baskenland kam, deshalb nie richtig Baskisch gelernt hat und sich sozusagen zwischen dem befindet, was für ihn die spanische und die baskische Kultur sind, fühlt sich manchmal wahrscheinlich ähnlich wie ich, wenn er lieber den Radiosender wechselt, um die Moderatorin zu verstehen oder sich in diesem Teil Spaniens fremd fühlt, wenn in besagter Küstenstadt auf der Straße fast ausschließlich Euskera gesprochen wird und sich von außen durch die Beschriftung nicht sagen lässt, welche Art von Laden man hier vorfinden würde.
Mehr als den Namen ETA hatte ich vor meiner Ankunft nicht über diesen teilweise gewaltsamen Abschnitt der baskischen Geschichte gewusst, doch als wir während eines kurzen Rundganges durch die Stadt waren und eine Polizeiwache der spanischen Guardia Civil passierten, die hier neben der baskischen Regionalpolizei existiert und in den vergangenen Jahrzehnten allzu häufig Ziel terroristischer Angriffe durch ETA-Mitglieder war, erklärte mir mein Vater, dass es an eben dieser Polizeiwache zahlreiche, teilweise sogar tödliche Anschläge auf Polizisten gegeben hatte, was mich im Idyll der atlantischen Kleinstadtatmospähre recht beeindruckt zurückließ.

Am 10. Dezember fand im Haus meiner Gastfamilie eine Feier anlässlich der Silberhochzeit von Freunden meiner Gasteltern statt, die planend, putzend, kochend und backend tagelang vorbereitet wurde. Die etwa 30 Gäste kamen gegen Mittag an, und nach dem, was quasi die “zweite Trauungszeremonie” war, wurden Nachmittag und Abend mit Essen, Feiern und Tanzen verbracht, bis sich auch die Letzten gegen drei Uhr morgens auf den Heimweg machten und uns mit einem BErg an Köstlichkeiten zurückließen, sodass mindestens zwei Tage lang nicht mehr gekocht werden musste.
Danach ging es auch schon in die nächste Examenswoche, die den zweiten Teil des Schuljahres beendete. Mit meinen Noten kann ich auch dieses Mal ganz zufrieden sein, da ich in allen Fächern mindestens 5 von 10 Punkten erreichen konnte, was zum Bestehen ausreicht. Abgesehen davon habe ich mich inzwischen an den Unterrichtsstil und die meist etwas lautere Geräuschkulisse gewöhnt und kann dem Unterricht ohne große Probleme folgen. Auch der persönlichere Kontakt zwischen Lehrern und Schülern ist nichts Ungewöhnliches mehr, so ist es zum Beispiel ganz normal, sich vor den Ferien von der Schuldirektorin mit zwei “Wangenküsschen” zu verabschieden, die in Spanien sehr typisch sind. Außerdem veranstaltete mein Colegio am letzten Schultag eine Art Abendessen für alle Schüler und Lehrer, bei dem sich die Ältesten als heilige drei Könige verkleiden und die Wünsche der Jüngeren entgegennehmen.

Am 23. Dezember begannen schließlich die Ferien und mit dem 24. Dezember, der Nochebuena (gute/schöne Nacht), dann auch die Weihnachtszeit, die am 6. Januar mit der Ankunft der Reyes Magos (Heilige Drei Könige) endet. In Spanien existieren sowohl der “Papa Noel” genannte Weihnachtsmann, dessen Geschenke in einigen Familien am Morgen des 25. Dezember geöffnet werden, sowie die Heiligen Drei Könige, die in der Nacht vor dem 6. Januar aus dem Morgenland eintreffen und ihre Geschenke mitbringen.
Doch das Baskenland wäre nicht das Baskenland, wenn es nicht auch hier eine eigene Weihnachtstradition geben würde: auch wenn die landesweiten Werbespots und nationale Supermarktketten mit dem Weihnachtsmann werben, bekommen die meisten Kinder in der Nacht des 24. Dezember Geschenke vom Olentzero (gesprochen: Olentschéro), ein älterer, gutmütiger Bergarbeiter, in baskischer Tracht und mit rußverschmiertem Gesicht, der in vielen Weihnachtsdekorationen anzutreffen ist.
An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass in Euskadi sowohl in der Politik als auch in den Schulen sehr viel Wert auf die Gleichberechtigung der Geschlechter gelegt wird, zumal der machismo, also eine Einstellung, die zu Gewalt gegen Frauen führt, in Spanien weiterhin ein weit verbreitetes Problem ist. Mit der Intention diese Gleichberechtigung zu vermitteln, wird deshalb seit einigen Jahren mit Nachdruck die Figur der Mari Domingi eingeführt, die die Kinder gemeinsam mit dem Olentzero beschenkt.
In meiner Familie wurde am 24. Dezember und eigentlichen Día de Navidad, dem 25., gemeinsam mit anderen Teilen der Familie gegessen, wobei ich zum ersten Mal erleben konnte, wie man einen ganzen Tintenfisch zubereitet. Allgemein wird im gesamten Norden Spaniens viel von dem gegessen, was sich an Meerestieren verwerten lässt. Das Angebot reicht dabei von Fisch über verschieden Muscheln und Krebstiere bis hin zu Seeigeln uns Seeschnecken, die ich während der verschiedenen Gelegenheiten allesamt probieren konnte.

Ein weiterer wichtiger Tag, oder besser eine Nacht, ist schließlich die Nochevieja (alte Nacht), die Nacht des 31. Dezember. Die wichtigste Tradition ist dabei in Spanien das Essen der zwölf Weintrauben, die gleichzeitig mit dem Glockenschlägen gegessen werden müssen, die von der Puerta del Sol ins ganze Land übertragen werden, wobei die kanarischen Inseln mit eigener Glocke erst eine Stunde später ins neue Jahr wechseln. Mit der ansteigenden Spannung vor Mitternacht werden die Gläser mit den Trauben mindestens dreimal kontrolliert, damit auch ja keine Traube fehlt, bevor dann auf ein Feliz Año angestoßen wird. Später geht es dann in die Stadt, um das neue Jahr mit Freunden und Verwandten ausgiebig zu begrüßen, allerdings gibt es dabei kaum Feuerwerk, welches hier kaum verbreitet ist

Der 6. Januar ist der Tag der Geschenke, die morgens unter dem Tannenbaum meiner Familie ausgepackt werden, wobei auch an diesem Tag ein Familienessen in der Wohnung meiner Großeltern stattfand, bei dem der Roscón, ein großer, ringförmiger Kuchen unter den Familienmitgliedern aufgeteilt wird. Dabei ist es besonders wichtig, dass kein Stück übrig bleibt, denn der Kuchen enthält eine kleine Königsfigur, die demjenigen, in dessen Stück sie sich befindet, ein glückliches Jahr bescheren soll, während derjenige mit einer schwarzen Bohne den Kuchen des nächsten Jahres bezahlen muss.

Alles in allem war meine spanisch-baskische Weihnacht eine großartige Erfahrung, von der ich sicherlich einige Traditionen mitnehmen werde, und das nicht nur, weil ich das Stück mit der Bohne erwischt habe und deshalb im nächsten Jahr den Roscón bezahlen muss.

Saludos,
Timm