Kulturschock Schule!

So, nach fast einem Monat ohne etwas zu berichten, habe ich doch mal wieder Lust, für meine Familie und Freunde zu schreiben, da ich weiß, dass sie alle auf Neuigkeiten warten.  Ich glaube, dass das nächste große Thema, wie schon im Titel erwähnt, Schule sein wird, da ich dort meine halben Tage verbringe und wohl mit die meisten Erfahrungen gesammelt habe und sammeln werde.

Ich gehe übrigens auf das Colegio Tecnologico Superior Rumiñahui. Rumiñahui ist einer der bedeutendsten Heeresführer der Inkas gewesen, der Widerstand gegen die Spanier leistete. Mit 2000 Schülern ist das Colegio um das Doppelte größer als meine Schule in Deutschland. Davon sind in meiner Klasse 38 Schüler und zum Glück verstehe ich mich mit allen gut. Außerdem bin ich in der gleichen Klasse wie ein belgisches Mädchen, das auch mit YFU nach Ecuador gekommen ist. Das hat Vor- und Nachteile: Auf der eine Seite ist es gut,  jemanden in seiner näheren Umgebung zu haben, dem es ähnlich geht wie einem selber. Auf der anderen Seite verlockt dieser Umstand aber auch dazu,  Englisch und nicht Spanisch zu reden.

Ich habe 40 Stunden in der Woche, wobei ich mir immer noch nicht sicher bin, wie lange eine Stunde hier eigentlich ist. Ich glaube aber, dass die Schulstunden ungefähr so lang wie in Deutschland sind und das sind zwischen 40 und 45 Minuten. Meine Schultage sind immer gleich aufgebaut: ich quäle mich morgens um 6 aus dem Bett und mache mich fertig. Das heißt Schuluniform tragen! Diese besteht aus einem Hemd, Hose und einem Pulli mit den Initialen meiner Schule drauf. Außerdem aus einem hässlichen Paar Schuhe… Ich muss übrigens sagen, ich stehe total auf die Schuluniformen. Man weiß immer sofort, wer auf welche Schule geht, und man hat sofort ein Gruppengefühl, wenn man die Schüler seiner Schule in den Schuluniformen sieht. [singlepic id=157 w=480 h=320 float=]

Dann werde ich glücklicherweise von Freunden meiner Eltern abgeholt, die ihre eigenen Kinder zur Schule bringen, und muss nicht die 20 Minuten zur Schule gehen. Um 7 beginnt der Unterricht. Jeden Montag fängt die Woche mit dem Singen der Nationalhymne an. Diese gefällt mir ausgesprochen gut, auch wenn ich den Text noch nicht verstehe. Aber das kommt noch, ich habe ja noch genügend Montage an dieser Schule. Danach beginnt dann die erste Stunde und darauf folgen zwei weitere Stunden. Und dann endlich die erste Pause, immer herzlich willkommen, da ich im Unterricht meistens nichts verstehe. Dieser ist sowieso ganz anders als der deutsche Unterricht. Es gibt genau zwei Typen von Lehrern. Der erste Typ redet nur und der zweite diktiert nur. Nimmt sich also nicht so viel, aber mir gefällt der erste Typ doch noch ein bisschen besser, da ich mich dort nicht quälen muss mit dem Mitschreiben oder eher dem Kopieren der Unterlagen von meinem Sitznachbarn. Auf diese drei Stunden folgen dann nochmal drei Stunden und dann wieder eine Pause. Danach muss ich nur noch die letzten beiden Stunden überstehen und es ist endlich geschafft. Dummerweise gibt es nicht wie an meiner Schule in Deutschland Blockunterricht, also immer 2 Stunden des gleichen Fachs zusammengefasst. Also muss ich mit Pech an manchen Tagen  für acht Fächer meine Schulsachen mitschleppen. Das geht dann doch ganz schön auf den Rücken, weil ich für jedes Fach einen Collegeblock kaufen musste und es für fast jedes Fach auch ein Buch und machmal sogar noch extra eine Mappe gibt. Außerdem ist es hier mit den Büchern auch anders als in Deutschland, ich musste und muss mir hier die Bücher selbst kaufen für den Unterricht. Hat den Vorteil, dass ich darin rumstreichen kann, wie ich will. Nachteil ist bloß leider, dass die Bücher doch schon gut teuer waren. Und was ich bisher noch nicht gesagt habe: ich bin im Profil „Sociales“ gelandet, welches verschrieen ist als das einfachste der Profile. Das bedeutet für mich, dass ich Fächer wie Philosophie, Literatur und Geschichte habe. Sehr außergewöhnlich ist auch das Fach „Educacion Sexual“, also Sexualkunde. Aber dies behandelt andere Themen als Sexualkunde in Deutschland, hier redet man über seine Gefühle und ähnliche Themen.

Zusätzlich zu meiner Schuluniform habe ich für mittwochs, der Tag, an dem ich Sport habe, noch eine 2. Uniform. Diese besteht aus einem Trainingsanzug, einem T-Shirt und einer gelben kurzen Sporthose. Aber auch der Sportunterricht unterscheidet sich stark von dem in Deutschland. In der ersten Stunde sind wir 1 1/2 Stunden gewandert. Den Berg hinter der Schule hoch und dann wieder hinunter, und in der zweiten Woche haben wir irgendwelche Formationen geübt und sind auf dem Sportplatz herummarschiert. Aber mir gefällt der Mittwoch immer besonders gut, da ich an dem Tag mit den Jungs aus meiner Klasse in den Pausen Fußball spiele. Die letzten Male haben wir sogar um Geld gespielt und zum Glück war ich beide Male in der Gewinnermannschaft!

Hausaufgaben sind nochmal so ein Thema für sich: Ich gebe natürlich mein Bestes, aber machmal verstehe ich nur Bahnhof und dann sage ich immer: „Mein Spanisch ist noch nicht so gut und ich habe die Aufgabe nicht verstanden“. Das zieht zum Glück noch, aber dann muss ich die Hausaufgaben wieder von jemandem abschreiben und das nervt doch ein bisschen. Aber so gibt es wenigsten einen Lerneffekt…

Heute am 26. September ist in Ecuador „Tag der Flagge“, also wie der Name schon sagt, ist der Tag der ecuadorianischen Flagge gewidmet. Außerdem war heute auch die Vorstellung der neuen Abschlussklasse, in die auch ich gehe. Normalerweise hätten wir Sport gehabt, aber mir schrieb eine Klassenkameradin, dass ich meine normale Schuluniform anziehen soll. Dies tat ich natürlich und es war nicht wie befürchtet ein unlustiger Streich. Am nächsten Morgen zum Glück die Erleichterung: alle meine Klassenkameraden in ihrer normalen Uniform. Darauf hin sollten wir dann nach Unterrichtsbeginn alle aufstehen und in die Turnhalle  kommen, die übrigens nur mehr oder weniger ’ne Turnhalle ist. Eigentlich ist es mehr ein Sportplatz mit Dach drüber, aber davon gibt es hier überall welche. Aber meist ist es ja auch warm genug, so dass man die Wände nicht wirklich vermisst. Na ja, jetzt folgte zwei Stunden marschieren üben und ich wusste immer noch nicht, weshalb ich eigentlich hier im Kreis, auf und ab und in sonst welche Linien herum marschierte, aber ich dachte mir nur: „Ok, alles hier wird schon seinen Grund haben, vielleicht ist das wichtig für irgendein Ereignis am Ende des Jahres oder für sonst einen Tag im Jahr…“.  Worauf ich aber nicht gefasst war, ist, dass ich dieses Maschieren schon 2 Stunden später vor allem Schülern, Lehrern und sonst welche Menschen aufführen musste. Das lief dann auch mehr oder weniger gut. Es begann damit, dass ich keine schwarzen Gürtel trug wie alle anderen. Kein Gürtel war aber immerhin besser als ein brauner Gürtel, wie einer meiner Klassenkameraden ihn anhatte. Er wurde dann prompt auf die Bühne geschickt, genauso wie 2 Mädchen, die ihre Sportuniform anhatten. Und schon begann es mit dem Einmarsch und dem Hin- und Hermarschieren in der Turnhalle. Ich glaube, dass ich wirklich jeden Befehl überhört und alles anders gemacht habe als meine Klassenkameraden. Aber vielleicht hatte es dann doch Ähnlichkeit mit den Bewegungen meiner Klassenkameraden. Die Zeremonie ging weiter mit dem gemeinsamen Singen der Nationalhymne und der Flaggenhymne. Es wurden Reden gehalten und das wohl Wichtigste war die Übergabe der drei Flagen an die besten Schüler meines Jahrgangs. Das ist hier so Tradition, dass die ersten drei Besten die Landesflagge für das Jahr übereicht bekommen. Platz vier bis sechs dürfen die Flagge der Provinz tragen und Platz sieben bis neun sind die Träger der Schulflagge. Und was für ein Zufall: keiner dieser Neun war aus meiner Klasse. Dieser Tag endete dann damit, dass wir eine Stunde früher als normal Schluss hatten, und das hat mir besonders gut gefallen an dem ganze Tag!

Was gibt es sonst noch zu erzählen? Ich habe jetzt schon eine Hochzeit und einen 15. Geburtstag – ein riesiges Fest hier ähnlich wie bei uns die Konfirmation – miterlebt und die Feiern sind sehr gut, da man viel tanzt. Das gefällt mir sehr. Auch wächst mir meine Familie immer mehr ans Herz und ich finde jeden Tag mit ihnen schöner als den vorherigen. Leider ist heute Nacht nun auch meine andere Schwester nach Europa geflogen zum Studieren, das heißt, jetzt bin ich wirklich gezwungen, Spanisch zu sprechen. Dies kann aber nur gut sein. Sonst gibt es, glaube ich, erstmal nichts Neues von mir und ich melde mich demnächst wieder.

Übrigens viele Grüße an alle meine Freunde und Familie in Deutschland und ich hoffe, euch geht es gut!
Viele Grüße,

Euer Sebas
PS:

Die Spitznamen hier für Sebastian sind Sebas, Sebi und Sebitas. Dabei gefällt mir der erste richtig gut!