Die letzten zwei Tage in Posen- danach gehts nach Zamosc (31.August 2017)

Liebe Freunde und Freundes Freunde,
Viel Spaß beim Lesen wünscht ihre Rosa Lea Felicia aus Polen:

AAAAAAAAAAARRRRRGGGGG nur noch zwei Tage hab ich hier. Ich stehe jeden Morgen auf, mache mein Bett, putze mir die Zähne, gehe zum Frühstück usw. und auf einmal ist er da der Moment, indem man realisiert, dass ich in 48 h ganz woanders sein werde. So ähnlich wie als ich Berlin verlassen habe, nur dass ich hier nie mehr zurückkommen werde. Ich werde nie wieder wie jetzt hier im Wohnzimmer auf dem Sessel sitzen und hier im Moment zu Hause sein. Was ein trauriges Gefühl.
Vorher hieß es immer „Hier wirst du für ein Jahr nicht mehr sein.“, aber jetzt heißt es für immer. Meine Gastfamilie möchte mich zwar besuchen kommen, sowohl in Zamosc als auch in Berlin. Trotzdem ist unsere gemeinsame Zeit, in der ich ein Teil ihrer Familie wurde, vorbei. Ich hätte gerne noch mehr Zeit hier, würde gerne noch den ganzen Wald hinter unserem Haus erforschen, mit meiner Familie hier Weihnachten, Ostern, Geburtstag feiern, aber ich muss weiter. Weiter zur nächsten Gastfamilie, in die nächsten Stadt, in das nächste Haus und in die nächste Schule.
Denkt nicht, dass ich mich nicht freuen. Ich freue mich MEGA auf die nächste Gastfamilie, ein Jahr werde ich bei ihnen wohnen, mit ihnen wohnen. Ich werde mit meiner Schwester zur Schule gehen, mit meinem kleinen Bruder im Garten spielen und mit meinen Eltern am Essenstisch lachen, aber trotz diesen wunderschönen Vorstellungen, habe ich eine kleine Träne im Auge. Ich habe meine Familie hier in Posen so lieb gewonnen und es fühlt sich echt an, wie eine richtige Familie, nicht aufgesetzt, einfach nur offen und ehrlich. Meine Gastschwester hier in Posen ist für mich in einer Art und Weise, die ich nicht erklären kann zu einer Schwester geworden und meine Gastmutter, zu einer zweiten Mutter. Ich merke, dass ich hier hingehöre, ich bin angekommen, ich fühle mich ZUHAUSE.
Trotz alle dem, muss ich übermorgen abreisen und ich bin die Definition von gemischten Gefühlen. Ich freue mich so auf die Familie in Zamosc. Die Familie, die ganz aufgeregt alles für meine Ankunft bei ihnen vorbereitet. Die Familie die schon jetzt mehr Pläne für das Jahr hat, als da überhaupt Tage wäre um sie zu realisieren. Meine Gastschwester, die immer total aufgeregt ist, wenn wir skypen und sich wie wild deswegen durch die Haare streicht. Mein Gastbruder, der sich nicht ins Bild traut (beim Skypen) und trotzdem so neugierig ist, dass er die ganze Zeit neben meiner Gastschwester steht und zuhört, was seine baldigen Schwestern so reden. Und meine Gasteltern, die einen sehr netten und lieben Eindruck machen und die die Entscheidung gefällt haben mich für ein Jahr bei ihnen aufzunehmen. Achja das wisst ihr ja noch gar nicht: ICH WURDE AUSGEWÄHLT (von meiner Gastfamilie). Ich dachte immer, irgendjemand in einem Büro von yfu hätte sich gedacht, dass das schon irgendwie passen würde und mich zugeteilt.
ABER NEIN, falsch gedacht. Meine Familie hat sich mich ausgesucht. Die wollten mich, genau mich.
-Klar, sie hatten nicht viel Auswahl. (Wir sind ja nur drei Austauschschüler in Polen), aber sie haben mich trotzdem ausgesucht!-
Zurück zu den gemischten Gefühlen: Ich bin voller Vorfreude, Euphorie und Neugierde zugleich und doch würde ich auch gerne hier bleiben. Ich hätte hier noch soviel zu entdecken, soviel zu erleben und soviel Zeit zu leben, aber nein übermorgen geht es los UND ICH FREU MICH. Wie sagt man so schön: „Man soll immer dann gehen, wenns am schönsten ist.“
Wenn ich mir jetzt überlege wie es mir jetzt geht, nach zwei Wochen in dieser wundervollen Gastfamilie, Wie wird es mir dann in einem Jahr gehen?
Die Zeit vergeht so schnell, ich habe nur 10 Monate mit meiner Familie in Zamosc, was wenn das zu wenig ist? Was wenn der Abschied so extrem schwer wird, weil es ein Abschied für immer ist? (Und ja ich weis, ich kann sie dann wiedersehen, aber ich werde nie wieder bei ihnen leben und so zu ihrer Familie gehören.)
Ich habe für mich entschlossen, dass ich jede Sekunde auskoste, weil die Zeit rast und ehe ich mich versehe ist das Jahr um und ich bereue, dass ich ich mich nicht mehr in das Familienleben oder die Schule eingebracht habe.
Apropo Schule. Ich werde natürlich zur Schule gehen, wie ein normales polnisches 15-Jähriges Mädchen und ich werde das schaffen. Ich werde vielleicht sogar gute Noten kriegen. Vielleicht nicht morgen und auch nicht übermorgen, aber in ein paar Monaten wäre das durch aus möglich. An alle, die es nicht wissen Polen hat in Europe die viertbeste Schulbildung und weltweit die zehntbeste, also wird es für mich nicht einfach.
Aber ich bin im Mathematik/Physik Zug, dass heißt ich werde in der Zeit hier bestimmt auch noch was lernen für die Oberschule in Deutschland. Immer positiv denken und so.

Ansonsten geht es mir super. Vor zwei Tagen hatten wir einen extremen Nebel am Morgen und ich dachte nur: „Das ist es, das ist die perfekte Metapher“. Ich komme in ein Land, eine Welt, ein Leben, das für mich komplett mit Nebel bedeckt ist und ich sehe nur die Teile, die mir total nah sind. Aber mit der Zeit lichtet sich der Nebel und ich sehe mehr. Ich sehe das wunderschöne Feld, den Fluss oder den Wald. Ich sehe die Schönheit des Landes um mich herum. Ich lerne es kenne.
Ihr müsst es euch wie eine Erdkugel vorstellen, die komplett von Nebel bedeckt ist und je nach dem wie gut man einen Ort kennt, lichtet sich der Nebel mal mehr und mal weniger an diesen Stellen der Erde.
Vorher konnte man sich nur etwas ausmalen, was hinter dem Nebel sein könnte, aber jetzt kann man es sehen, fühlen, riechen. Ich fange an kleine Teile zusehen. Ich kriege mit wie alles um mich herum funktioniert und was für andere bedeutungsloser Alltag ist, ist für mich ein Abenteuer und total interessant. Ich gucke auf dem Weg zur Sprachschule aus dem Fenster und bin fasziniert von der Umgebung, den Häusern, Menschen und der Natur um mich herum. Ich fasziniert von dem Hund meiner Familie, der zu mir kommt und gekrault werden will. Ich finde das alles so schön, so unfassbar schön.
Dieses Lebensgefühl, die Freiheit, die unbedeutenen Kleinigkeiten, die mich jeden Tag umgeben und diese Jahr zu etwas ganz Großem machen.
Ich habe realisiert, dass es nicht anders und auch nicht ähnlich ist zu dem was ich erwartet habe. Die Wahrheit ist ich wollte gar nichts erwarten. Ein Auslandsjahr in Polen, was soll das schon groß sein. Ich meine mein Traum von einem Auslandsjahr begann in Costa Rica. Und jetzt? Ich kann mir gar nicht vorstellen, jetzt in Costa Rica zu sein und ich möchte es auch gar nicht. Ich möchte hier sein. Hier in Polen. Nicht irgendwo in Costa Rica.
Glaubt mir, dass ich das mal sage hätte ich nie erwartet und das ist was ich damit meine. Ich überrasche mich jeden Tag selbst. Ich gehe joggen, atme die polnische Luft ein, sehe den wunderschönen Wald, quatsche mit meiner Gastfamilie bis spät in die Nacht rein und ich bin dabei einfach nur wunschlos glücklich.
Ich vergleiche mich nicht mit meinen Freunden, die vielleicht eine mega geile Zeit in den USA, Italien, Australien oder Deutschland haben (Lg an euch alle). Ich will hier sein ohne, dass ich mein Auslandsjahr, wegen dem was andere erleben, schlecht mache. Und ich möchte auch niemanden haben, der mein Auslandsjahr bewertet, weil das kann nur ich.
Ich möchte mir nicht Gedanken darüber machen, ob andere aus Deutschland das gut, cool oder voll blöd finden, was ich mache. Ich mache das, was ich hier m Moment machen möchte und was ich cool finde! Ich bin alleine, ein Jahr lang und ich finde es super!
-Hab euch alle trotzdem lieb <3-

Aber da ihr bestimmt wissen wollt, was ich eigentlich so gemacht habe in der letzten Woche. Hier eine ganz kurze Kurzfassung:

Ich war in der Sprachschule (Hausaufgaben, Lernen und Üben inbegriffen). Ich war joggen. Ich war bei yfu-Meetings (Wir reden da über Kultur, Kulturschock, Schule, Regeln….). Ich war einkaufen. Ich war in Warschau. Ich hab gelesen. Ich war in einem Museum über die Geschichte Posens. Ich war essen (viermal). Ich habe Unmengen an Tee getrunken. Ich habe gelacht. Ich war bei einer Ballettaufführung. Ich war nochmal joggen. Ich habe im Zug geschlafen. Ich habe M&M’s gekauft. Ich war alleine einkaufen. Ich bin alleine nachhause gefahren. Ich habe unglaublich viel gelernt. Ich habe in Warschau die Kirche besucht, in der Chopins Herz liegt. Ich habe in Warschau sieben Hochzeiten gesehen und eine ein bisschen gecrasht (Wir mussten während der Zeremonie quer durch die Kirche laufen). Ich habe ein Eichhörnchen gefüttert und ich habe etwas geschenkt bekommen.

So das wars erst mal fürs erste.
Also schreibt mir fleißig! Ich freu mich immer, wenn mir angezeigt wird, dass ich Antworten habe bzw dass irgedendjemand das hier liest!
Eure Rosa aus Polen