Vaxt gözləmir! Время бежит! Die Zeit rennt! ….

 

….so wie am heutigen Tag, Samstag 27.04. 19.09 Uhr  – strahlendster Sonnenschein, 25 Grad, eine leichter Luftzug und bewegungslos hupende Autos in der Innenstadt Bakus – das habe ich wahrgenommen, als ich heute aufgewuehlt von der Arbeit im Maryam – Center (Wohltaetigskeitszentrum fuer Kinder, wo ich Englisch unterrichte) nach Hause gegangen bin. Meine Gastmutter hat die Situation folgendermassen kommentiert: Der Praesident scheint unterwegs zu sein, also steht das Volk still, denn saemtliche Wege wurden abgesperrt. Zum Stillstehen war mir allerdings bereits seit heute Morgen so gar nicht zumute, als ich bemerkte, dass ich mein Portemonnaie verloren hatte, in dem sich mein deutscher Personalausweis, aserbaidschanischer Ausweis sowie Bankkarte befinden. Und ich dachte schon, ich waere durch das Auslandsjahr erwachsener geworden – NEIN! Es hat sich wie ein Rueckschlage angefuehlt: Statt ins Maryam-Center, bin ich sofort zur Schule gegangen, wo wir mit der Schulleiterin, Lehrerinnen und Hausmeistern alle Ecken abgesucht haben – erfolglos. Mit Freundinnen haben wir versucht jeden einzelnen meiner gestrigen Schritte zurueckzuverfolgen – ebenfalls erfolglos. Dass jemand es gestohlen haben koennte, war uebrigens von Anfang an ausgeschlossen – Aserbaidschan ist wirklich ein sehr sicheres Land und die Gesellschaft absolute loyal, sodass man um seine Wertsachen keine Angst haben muss – in der Schule, z.B., lassen wir selbstverstaendlich Handys, Geld, Kameras immer offen liegen.

Erst abends bin ich dann nach einigem detektivischen Nachdenken auf eine vielversprechende Idee gekommen. Wie ich vor einigen Monaten berichtet hatte, steht hier Sauberkeit in der Gesellschaft mit an oberster Stelle – so ist es zu einer meiner Gewohnheiten geworden, meine Tasche gruendlichst ueber dem Balkon auszuschuetteln, sobald sich in dieser ein bisschen Staub angesammelt hat – so wie gestern Abend. Und siehe da: Ich musste nur einen kurzen Blick nach unten werfen und schon ist mir mein schwarzes Portemonnaie ins Auge gesprungen – “gebettet” auf einem niedrig gelegeneren Hausdach zwischen den sich dort oben sonnenden Katzen. Sofort hat sich die naechste Frage gestellt : Wie bekommt man es am Besten dort herunter? Nur ehe ich mich versehen hatte, war einer der Eingangswaechter schon durchs Fenster aufs Nachbardach geklettert. Ich musste mich erstmal vom Schock des Tages erholen, aber (wie Mari aus Tschechien jetzt so schoen sagen wuerde) es ist schliesslich alles Erfahrung ! 😀

Viele neue Erfahrungen und Eindruecke gab es in den letzten Wochen natuerlich auch wieder:

Novrus – das Fruehlingsfest des Land des Feuers

Es liegt zwar schon eine Weile zurueck, aber ich moechte mit dem Bericht vom Novrus Bayramı beginnen, dem Fruehlingsfest, dessen Hauptfeiertage vom 19. – 22. Maerz stattgefunden haben. “Novrus” bedeutet “neuer Tag”, weil nun die Tage laenger und die Naechte kuerzer werden. Allerdings beginnt das Fest eigentlich schon viel frueher, denn es gibt vier Festtage, die jeweils Dienstagsabends stattfinden: Der erste war am 26.02., namens “Su Çərşənbəsi”. “Su bedeutet “Wasser”,  Çərşənbə” – Mittwoch, also mit etwas uebertragener Bedeutung erschliesst sich “der Abend vor dem Mittwoch, der dem Element Wasser gwidmet ist”. Am 06.03. war der “Od (Feuer) Çərşənbəsi”, am 12.03. der “Əl (Hand) Çərşənbəsi” und am 19.03. dann der “Torpaq (Erde) Çərşənbəsi”, der ueberall gross begangen wird: In meiner Gastfamilie wurde mit den Grosseltern gefeiert. Es gab wieder einmal das nationale Reisgericht “Plov” und auf keinen Fall duerfen selbstgemachte Suessspeisen fehlen. Auf dem ersten Foto ist“Paxlavan” zu sehen, aus Zuckermasse und Mandeln bestehend sowie “Şəkərbura”, halbmondfoermige Teigtaschen mit einer kruemmeligen Zuckerfuellung – alles auesserst suess, sodass man dazu schwarzen Tee trinken MUSS. Ausserdem werden blaetterteigartige runde Broetchen mit einer Curry-Fuellung gebacken (Goğal).[singlepic id=403 w=320 h=240 float=]

Schon den ganzen Maerz ueber hatte ich gefuehlt an jeder Strassenecke aufgestellte “Grasbueschel” entdeckt, das sogenannte “Səməni”, gruen spriessender Weizen, der eine erfolgreiche Aussaat und reiche Ernte symbolisiert, so wie hier an der Eingangstuer des Ateliers eines bekannten Kuenstlers der İçərişəhər (Altstadt Bakus)[singlepic id=399 w=320 h=240 float=]

Səməni gehoert auch zu den sieben Dingen, die unbedingt auf dem Novrus-Tisch stehen muessen. Auf dem folgenden Foto sieht man es im Hintergrund, auf dem kleinen Tablett stehen die anderen 6 Sachen (von links nach rechts): Süd (Milch), Su (Wasser), Sari kök (gelbes Möhrenpulver), Sumaq (Tomatengewürz), Sikkə (Münzen) und sığra (Ohrringe) – letztere hat meine Gastfamilie anstelle von “balıq” (Fisch) ausgewaehlt …[singlepic id=400 w=320 h=240 float=]

 

Um Mitternacht wurde am Bulvar – wie bereits zu Neujahr – ein grosses Feuerwerk gezuendet und meine Gastschwestern und ich haben uns die Eier vom bunten Nussteller genommen und ein traditionelles Spiel gespielt: Die Eier werden and der Spitze aufeinandergeklopft und derjenige, dessen Ei am laengsten “der Belastung standhaelt” und nicht kaputtgeht, hat gewonnen. Die bunten Eier haben mich doch sehr an unser Osterfest in Deutschland erinnert und ein bisschen Sehnsucht in mir ausgeloesst – selbst wenn sie anstatt von Punkten und Streifenmustern die aserbaidschanische Flagge als Schmuck getragen haben.[singlepic id=401 w=320 h=240 float=]

Eine andere Novrus-Tradition hingegen, hat mich an Nikolaus und Halloween erinnert: Als ich zwei Tage spaeter mit meiner ersten Gastfamilie Novrus feierte, haben meine Gastmutter und ich auf dem Weg zur Gasttante Muetzen mitgenommen, einmal kurz geklingelt, die Muetzen vor die Tuer gelegt und uns im Fahrstuhl versteckt. Mucksmaeuschenstill haben wir das herzhafte Lachen der Gasttante wahrgenommen, die die Muetzen mit Nuessen, Apfeln und Suessigkeiten gefuellt hat. Gegen Mitternacht sind wir in den Innenhof gegangen, wo Mitten zwischen all den schicken Autos ein grosses Feuer gezuendet wurde. Mir schien es ein bisschen gefaehrlich, da der Wind sehr stark war und ich habe meine Gastmutter gefragt, ob man so etwas bei der Polizei anmelden muss, aber sie meinte nur, dass es an Novrus jeder nach Lust und Laune macht. Und dann ist einer meiner grossen Wuensche in Erfuellung gegangen. Der Tradition nach durfte ich uebers Feuer springen und alle meine Aengste und Sorgen hinter mir lassen [singlepic id=402 w=320 h=240 float=]

 

Osterschnitzeljagd und Fotosession

Am 24.03. war ein Tag, an dem sehr viel Koordinationsfaehigkeit und starke Nerven gefordert wurden: Zusammen mit dem Kulturbereich der Deutschen Botschaft in Baku hatte ich eine Schnitzeljagd in den kleinen Gassen der Altstadt zum Thema “Fruehlingstraditionen – Ostern in Deutschland” fuer die ehemaligen Austauschschueler des Paedagogischen Austauschdienstes und YFU-Austauschueler organisiert. Allerdings wurden fuer den gleichen Tag Fotographen in die Schule bestellt, denn in der 11. Klasse ist es hier ueblich, ein schoenes Fotobuch als Erinnerung an die Schulzeit anzulegen und um “seinen Kindern spaeter zu zeigen, wie es damals war” (Worte unserer Klassenlehrerin). Die Frage, ob man ueberhaupt Kinder haben will, stellt sich hier uebrigens gar nicht: Es gehoert zur guten Sitte, dass man Mitte 20 heiratet und danach sofort Kinder bekommt! Die Fotosession sollte von morgens bis abends stattfinden- es herrschte absolute Anwesenheitspflicht, aber die Schnitzeljagd wollte ich natuerlich auch nicht absagen. Zum Glueck gab es da Mina xanim von YFU, die mit meiner Klassenlehrerin gesprochen hatte, sodass ich blitzschnell zwischen den beiden Veranstaltungen hin und herspringen konnte.[singlepic id=404 w=320 h=240 float=]

Mein Part bei der Schnitzeljagd ist es gewesen, sich die Quizfragen auszudenken. Am Besten ist die folgende angekommen:

 

“In katholischen Regionen Deutschlands, Österreichs und Frankreichs werden die Kirchenglocken zwischen Karfreitag und der Osternacht nicht geläutet.

Was erzaehlt man den Kindern als Begründung dafür?

 

a.       Der Weihnachtsmann und der Osterhase hatten einen Streit, sodass die Glocken kaputt gegangen sind.

b.      Zwischen Karfreitag und Ostersonntag geht man nicht zur Kirche.

c.       In der heutigen Zeit wird per “WhatsApp” und “Facebook” zum Gottesdienst gerufen.

d.      Die Glocken fliegen am Karfreitag nach Rom und kommen am Ostersonntag wieder zurück.”

 

Naaaaa????? Richtig ist natuerlich “d”, aber es hat sich gezeigt, dass Antwort “c” zuerst zum heissen Tipp gehoerte – in der heutigen Zeit schliesslich ja auch nicht mehr unrealistisch :P[singlepic id=405 w=320 h=240 float=][singlepic id=406 w=320 h=240 float=][singlepic id=407 w=320 h=240 float=]

 

Obwohl die Jugendlichen hier Schnitzeljagden nicht kannten, war es absolut amuesant. Denn wir haben uns gewundert, warum so viele der kleinen Dosen mit den Fragen verschwunden waren. Beim vorsichtigen Erkundigen bei den Souvenirhaendlern hat der erste zugegeben, dass er die Dose fuer Muell gehalten und deswegen entsorgt hatte und versuchte, leider vergeblich sie fuer uns aus dem grossen Container herauszufischen. Der zweite hat von einem Hochzeitspaar berichtet, dass sich an den sich in der Dose befindenden Schokoeiern erfreut und sie danach mitgenommen hatte 😀

 

26.03. : “Baku in einem Tag”- Einmal alles aus der Sicht eines Touristen

An diesem Tag hatte ich die grossartige Gelegenheit, so viele Touristenattraktionen der Umgebung Bakus zu sehen, wie ich es meine ganzen ersten 7 Monate lang nicht erlebt hatte. Grund dafuer war ein Familienfreund aus Deutschland, der eine abenteuerfreudige Reisegruppe durch Persien, den Iran, Aserbaidschan und Georgien geleitet, und mich dazu eingeladen hatte,an der Erkundungstour rund um Baku teilzunehmen. Es war fuer mich, als ob ich Aserbaidschan noch einmal neu kennenlernte und mir ist klar geworden, dass es etwas voellig anderes ist, ob man ein Land aus dem Blickwinkel eines Touristen erlebt oder ob man als Austauschschueler fast wie ein Einheimischer Stueck fuer Stueck in die Gegebenheiten der Kultur hereingelangt. Ausserdem habe ich so viel Neues, Interessantes erfahren, was ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht ueber mein Austauschland gewusst hatte: Zum Beispiel dass die Oelentdeckung in Baku total unerwartet geschah, den eigentlich wurde nach Wasser gegraben! Des weiteren, dass es einen Joint Venture mit einer deutschen Strassenbaufirma gab, die hier die im Land erste existierende Autobahn vom Flughafen nach Baku gebaut hat.

Unser erstes Ausflugsziel war der “Yanar Dağ” (brennende Berg),aus dem von Natur aus das ganze Jahr ueber, selbst bei Schnee, Feuer sprudelt. Grund dafuer ist das grosse Erdgasvorkommen suedlich der Abşeron – Halbinsel. Diese Art von Erdgasquellen soll es schon im Altertum gegeben haben und sind auesserst selten auf der Welt zu finden, Marco Polo hatte ueber die “ewigen Feuer” in Aserbaidschan im 13. Jahrhundert das erste Mal berichtet. Je nach Witterung sind die Flammen mal kleiner, mal groesser und obwohl sie an unserem Ausflugstag nicht ihre Maximalhoehe von 3 Metern erreicht hatten, war es fuerchterlich heiss um sie herum…[singlepic id=408 w=320 h=240 float=][singlepic id=409 w=320 h=240 float=][singlepic id=410 w=320 h=240 float=][singlepic id=411 w=320 h=240 float=]

 

Danach sind wir zur Burg “Mərdəkən” gefahren: “Mərd” bedeutet “mutig” und  “kən” heisst “Dorf” – daraus ergibt sich: Wohnort der mutigen Menschen. Der 28 Meter hohe Turm wurde im 15.Jahrhundert gebaut und diente bis zur russischen Eroberung als eine der vier Verteidigungsanlagen, auf deren Spitzen bei Gefahr Feuer gezuendet wurde. Eine der anderen Verteidigungsanlangen ist der Jungfrauenturm “Qız Qalası”, ueber den ich ganz zu Anfang berichtet hatte.[singlepic id=412 w=320 h=240 float=]

Auf dem Weg zu unserem naechsten Ausflugsziel, dem Feuertempel “Atəşqah”, sind wir durch die riesigen Oelfelder rund um Baku gefahren. Besonders intensiv wahrzunehmen war der stechende Oelgeruch, der selbst durch geschlossene Busfenster gedrungen ist:[singlepic id=413 w=320 h=240 float=]

 

Der Feuertempel wurde Ende des 17. / Anfang des 18. Jh. von Haendlern der Seidenstrasse aus Indien gebaut und als Gedenkstaette genutzt. Ausserdem konnten Maenner dort von ihren Suenden freikommen. Allerdings deutet der Name auf eine Gedenkstaette der Zoroastrier hin, die ihre Rituale dort aufgrund des frueher natuerlich austretenden Feuers durchgefuehrt haben. Als im 19. Jahrhundert die Oelanlagen dort aufgestellt wurden, hat man diesem Ort allerdings wenig Ehre zugewiesen: Unsere Reiseleiterin hat uns erzaehlt, dass in den 1960-ern dort 11.000 Tonnen Muell abtransportiert wurden, bevor man an diesem Ort ein Museum errichtet hat.[singlepic id=414 w=320 h=240 float=][singlepic id=415 w=320 h=240 float=]

 

Wie an so vielen Orten in Aserbaidschan, wird rund um den Feuertempel herum noch fleissig gebaut, was aber auf keinen Fall die Touris fernhalten soll, sodass die Jungs auf dem folgenden Foto gerne fuer uns posiert haben :D[singlepic id=416 w=320 h=240 float=]

 

Weiter ging es in die “Villa Petrolea”, die 1881 von den Nobel-Bruedern aus Schweden gebaut wurde (Alfred Nobel hat 1901 den Nobelpreis gestiftet). Sein Bruder Robert Nobel war 1873 zuerst nach Baku gekommen, um mit Walnussholz zu handeln. Aus der suedlichen Region Aserbaidschans “Lenkeran” hat er fruchtbaren Boden nach Baku transportiert, um gutes Holz fuer Gewehrkolben zu erhalten, die er nach St. Petersburg verkaufte. Dann ist ihm allerdings aufgefallen, dass es durchaus effizienter sein koennte, mit dem Oel hier zu handeln, ist zum Oelbaron geworden und hat seinen Bruder Alfred Nobel ebenfalls nach Baku geholt. [singlepic id=417 w=320 h=240 float=]

Die Villa ist heute zwar fuer Touristen zugaenglich, wird aber von der Nobel-Familie gelegentlich noch bewohnt und ist Veranstaltungsort fuer wichtige Meetings der Oelbranche. Auf dem ersten Foto sieht man die beiden Portraits der Nobel-Brueder, auf dem zweiten einen typischen schwedischen Holzschrank, der beweist, dass die Brueder die Villa nach ihren Heimatstandarts eingerichtet hatten J Leider wurden viele der Antiquariate natuerlich waehrend der Sowietzeit beschlagnahmt, aber mittlerweile wieder “nachgeliefert” …[singlepic id=418 w=320 h=240 float=]

Anschliessend wurden wir zu einem der “touristischsten Plaetzen” Bakus kutschiert: Warum ich dies so zynisch betrachte? Es handelt sich um eine riesige Aussichtsplattform, die vor Sauberkeit glaenzt, sodass nahezu kein Staubkorn vorzufinden ist. Zu ihr gelangt man ueber die Gedaechtnisallee, die an die Opfer des 20. Januars 1990 erinnert (s. vorletzten Blogeintrag und erstes Foto) und von ihr aus hat mein einen malerischen Blick ueber ganz Baku (zweites Foto: Cristall Hall, drittes Foto: Promenade usw). Bemerkenswert nur, dass ausser ein paar Touristen dort niemand anzutreffen ist: Ein Blick in die vereinzelten Baueme zeigt den Grund: Dort ist eine versteckte Kamera nach der anderen angebracht, um Touristen nicht mit Wache haltenden Polizisten zu beunruhigen, aber gleichzeitig die Liebespaare von diesem romantischen Ort fernzuhalten, die es doch tatsaechlich wagen koennten, die oeffentliche Ordnung zu stoeren: Die Strafen fallen allerdings vergleichsweise gering aus – fuer einen oeffentlichen Kuss beispielsweise, werden einem lediglich 15 Manat abkassiert :D[singlepic id=398 w=320 h=240 float=][singlepic id=420 w=320 h=240 float=][singlepic id=419 w=320 h=240 float=]

Unser letzter Tagespunkt war die Altstadt Bakus “İçərişəhər”: Dort haben wir die Attraktionen abgeklappert, ueber die ich im Laufe der ersten 7 Monate hier schon berichtet hatte: Den Schirwanschahs Palast, das Miniaturbuchmuseum, das Atelier des Malers, bei dem ich gelegentlich mal hereinschaue und selbst den Pinsel in die Hand nehmen kann. Besonders Spass gebracht hat es, beim Souvenirkauf fuer die Mitglieder der Reisegruppe die Preise herunterzuhandeln und es ist mir erneut bewusst geworden, dass man als Austauschschueler durch Sprach-und Kulturkenntnisse in nicht selten die Privilegien eines Einheimischen geniessen kann 😀

Der Abschluss des Tages hat in einem gemuetlichen Restaurant stattgefunden, wo zu traditionellen Speisen Feuerspucker und Bauchtaenzerin fuer Unterhaltung gesorgt haben. Ich musste mir ein Laecheln auf den Lippen verkneifen, als ich die etwas Entsetzung andeutenden Gesichtsausdruecke der Kellner bemerkt habe, als die Frauen aus der Reisegruppe Bier und Wein bestellten. Alkohol konsumieren in der Oeffentlichkeit? Fuer aserbaidschanische Frauen ein No-Go! [singlepic id=421 w=320 h=240 float=]

 

Anzeichen auf einen deutschen Kulturschock, fragwuerdige Attestatpruefung und Polizeischulung

Dies ist nur eine der vielen kleinen Anzeichen, die darauf hindeuten, dass die Rueckkehr nach Deutschland in zwei Monaten zu einem riesigen Kulturschock wird. Darueber haben wir am 10.04. bei unserem YFU-Mittelseminartag diskutiert und waren uns einig, dass wir uns wie ein Fremder im eigenen Land vorkommen werden.

Ausserdem haben wir ueber das grosse Thema “Attestatpruefung” gesprochen. Diese legen hier alle Schuler am Ende der 11. Klasse ab, um am TQDK, dem Uniaufnahmetest teilnehmen zu koennen. Mari aus Tschechien wird diese Pruefung mitschreiben duerfen und bei Bestehen sogar gleich an die Uni in Teschechien gehen. Mir wurde an der Schule hingegen gesagt, dass man laut Bildungsministerium 11 Jahre hier zur Schule gehen muss, um das Attestat zu erhalten. Die ganze Chose zieht sich jetzt schon Monate hin und es erinnert mich so ein bisschen an das Verfahren zur Visumsverlaengerung im Migrationsamt damals. Und dadurch, dass der Bildungsminister hier gerade gewechselt hat, wird alles noch komplizierter. Abgesehen davon ist es fraglich, ob ich das Attestat ueberhaupt schaffen kann, da es sich auf ALLE Inhalte ab der 5. Klasse bezieht und meine Klassenkameraden jetzt in den letzten Monaten von morgens bis abends zu Privatlehrern gehen. Und da Deutschland sich beim Anerkennen auslaendischer Zertifikate ja bekanntlich etwas schwertut, wuerden mir die Abiturpruefungen sowieso nicht erspart bleiben…

Apropos Schulabschluss: Hier ist es seit einigen Jahren ueblich, dass die Polizei gegen Ende der Schulzeit den Elftklaesslern darueber einen Vortrag haelt, dass man doch bitte im Falle eines Auslandsstudiums unbedingt zurueckkommen soll, um die Entwicklung des eigenen Staates zu foerdern. Zunaechst wurde natuerlich gruendlichst die Anwesenheit kontrolliert. Als mein Name an der Reihe war, weiteten sich zuerst die Augen des Polizisten, dann ging ganz langsam “P..pp..i..l..i..n…Bex..rrens” ueber seine Lippen, gefolgt von :”WOHER kommst du bitte?” was einen Lachanfall bei meinen Mitschuelern, aber in mir nachdenkliche Stimmung ausgeloest hat: So sehr ich es im Moment auch moechte, werde ich NIE ganz wie eine Aserbaidschanerin sein …

 

19.04.: Internationales Flair im Hilton Hotel

Als sich an unserer Schule Anfang April eine amerikanische Universitaet vorgestellt hatte, ist das “Azeri Stundent – Magazin” auf mich aufmerksam geworden und haben mich zu einem Interview in ihre Redaktion eingeladen. Dort habe ich erfahren, dass es das erste Magazin fuer Jugendliche ueberhaupt in Aserbaidschan ist und in erster Linie Infos und Beratung zum (internationalen) Studium gibt. habe ich mich sehr darueber gefreut, dass sie mich sofort dazu eingeladen haben, bei der internationalen Universitaetsausstellung im Hilton Hotel dabei zu sein.[singlepic id=424 w=320 h=240 float=][singlepic id=397 w=320 h=240 float=]

Nachdem ich am Messestand von “Azeri Student” ein bisschen mitgeholfen hatte, bin ich selbst auf Erkundungstour gegangen und habe das internationale Flair der Ausstellung in vollen Zuegen genossen. Ich war begeistert davon, dass Vertreter von Universitaeten aus Istanbul und ich uns ohne Probleme verstanden haben, auch wenn sie auf Tuerkisch und ich auf Aserbaidschanisch geredet haben. An einem anderen Stand aus der Tuerkei haben wir uns als gemeinsame Sprache auf Franzoesisch geeinigt, waehrend ich bei der Vertretung einer Universtitaet in Suedengland, die Austauesche mit Spanien durchfuehrt, mit einem gebuertigen Spanier meine etwas eingerosteten Spanischkenntnisse auffrischen konnte. Auf Englisch ging es bei Unis aus Schottland und Amerika weiter, bevor ich es gewagt habe, mit den etwas streng aussehenden blond-blauauegigen Herren von der weissrussischen Stadtsuniversitaet ins Gespraech zu kommen. Das “gute alte Deutsch” war natuerlich auch “involviert”, denn der Deutsche Akademische Austauschdienst war ebenfalls anwesend.[singlepic id=422 w=320 h=240 float=][singlepic id=423 w=320 h=240 float=]

 

“Monitoring” – 3-stuendiger Vergleichstest und in 5 Wochen Schuljahresende

Da ich es  – wie so hauefig nicht geschafft habe, den Blog in einem Mal fertigzustellen ist es heute schon wieder Montagnachmittag und es fuehlt sich gerade so an, als ob mein Kopf jede Sekunde auseinanderplatzt. Grund dafuer ist das “Monitoring”, dass wir heute 3 Stunden lang geschrieben haben. Dieses Mal ist es eine erste Schuljahresabschlussarbeit, die unsere fuenf Hauptfaecher Russisch, Mathe, Erdkunde, Geschichte und Englisch umfasst hat, aber bedauerlicher Weise auch wieder Inhalte ab der 5. Klasse sodass eigentlich geplant war, dass ich nicht mitschreibe. So haben meine Freundin und ich gestern ganz gemuetlich das schoene Wetter an der Promenade des kaspischen Meers genossen, anstatt zu lernen (auf dem zweiten Foto sieht man im Hintergrund das Regierungsgebaeude):[singlepic id=425 w=320 h=240 float=][singlepic id=426 w=320 h=240 float=]

In der Schulleitung wurden mir dann heute Morgen allerdings zwei Moeglichkeiten angeboten: “Philine, entweder wir schicken dich fuer heute nach Hause oder du versuchst einfach mitzuschreiben!” Ich habe kurz gezoegert, weil ich die letzten allumfassenden Vergleichstests in kaempfender, “sich durchbeissender” Erinnerung hatte, aber mir dann gesagt, dass ich meinen guten Willen zeigen will und es zumindest einen Versuch Wert ist. Und siehe da: Ich habe schon wesentlich mehr verstanden, als bei den ersten Malen und weitaus mehr beantworten koennen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich an all den Herausforderungen der letzten 8 Monaten gewachsen bin und scheinbar unloesbaren Aufgaben jetzt wesentlich gelassener entgegenblicke.

 

Das Schuljahr neigt sich nun mit grossen Spruengen dem Ende entgegen: Unterricht wird kaum noch durchgefuehrt, da viele meiner Klassenkameraden nur noch fuer Tests zur Schule kommen und sich sonst auf Hochtouren mit ihren Privatlehrern auf die Pruefungen vorbereiten. Aus diesen Gruenden muss ich zugeben, dass ich mich manchmal etwas unwohl fuehle, da ich mich gerne auf Tests vorbereiten wuerde, es aber in meinem Fall unsinnig waere, monatlich an die 600 Euro fuer Privatlehrer auszugeben. Dass hier Bildung so stark mit finanziellen Mitteln verbunden ist, hat den Grund, dass Lehrerinnen nur 200 Manat (wie Euro) monatlich vom Staat erhalten, die Lebenshaltungskosten allerdings auf westeuropaischem Standart sind. Klar, dass man sich dann in erster Linie auf seinen Privatunterricht konzentriert, der einem pro Schueler 100 Manat monatlich einbringt! So bin ich gluecklich, dass ich die Gelegenheit habe, im Maryam-Center jetzt Russisch -, Aserbaidschanisch -, sowie ein bisschen Matheunterricht auf Aserbaidschanisch (fuer mich als Schuelerin aus dem russischen Sektor total die Umstellung 😀 ) zu erhalten …

 

Jetzt werde ich mich ganz schnell auf den Weg zum Tanzunterricht begeben und sende euch ein paar der grellen Sonnenstrahlen, verbunden mit ein paar frischen Brisen vom kaspischen Meer!!!

 

Herzliche Gruesse

Philine