Viel zu tun

Die letzten Wochenenden waren tatsächlich turbulent, was zu dem einen oder anderen erstaunten Blick meiner Klassenkameraden bei Gesprächen über meine Wochenendplanung führte. Denn hier herrscht aufgrund der Tatsache, dass ich nur wenige Hausaufgaben machen muss, die allgemeine Meinung vor, ich würde meine Zeit müßig verplätschern lassen – nichts da.

Vorletztes Wochenende war meine Theatergruppe bei einem großen Wettbewerb im südlichen Jõgeva, in dem 25 Gruppen aus Schulen oder, wie in unserem Fall, aus städtischen Theatern schauspielerisch gegeneinander antraten. Trotzdem haben wir uns nicht als Konkurrenten gefühlt, und so war es zu verkraften, dass wir keinen Preis bekamen. Zum Beispiel gab es Abends eine große Lichterwiese, auf der alle miteinander gesungen haben. Das ganze Wochenende hat großen Spaß gemacht und wir hatten ein gutes Stück – ich habe sogar auf Estnisch ein fünfstrophiges Gedicht aufgesagt! Aber es war keine Schande, gegen die teilweise wirklich meisterhaften Stücke der anderen zu verlieren.

Hier gab es übrigens mal wieder ein Beispiel dafür, dass in Estland jeder jeden kennt: Neben der Tatsache, dass ich dort einen Betreuer aus dem YFU-Camp traf, stellte sich auch heraus, dass ein gerade kennen gelernter Junge Austauschschüler in Belgien war und nun die Kontaktperson einer belgischen Austauschschülerin ist, die ich kenne.

Letztes Wochenende fuhr ein Teil der Austauschschüler gemeinsam per Fähre nach Helsinki. Das war natürlich absolut aufregend, vor allem aufgrund der eisigen Temperaturen, die durch die Meeresnähe gefühlt um weitere zehn Grad fielen. Es ist faszinierend, wie eng beieinander die beiden so gegensätzlichen Hauptstädte sind: Wir fuhren nur zwei Stunden mit der Fähre. Obwohl Helsinki nicht wesentlich mehr Einwohner als Tallinn hat (Tallinn: 420.000, Helsinki: 590.000), wirkt es doch gewaltig durch seine groß angelegte Architektur. Die estnische Hauptstadt kommt einem mit ihrem mittelalterlichen Stadtkern dagegen geradezu kuschelig vor.

Sehr amüsant fand ich den Australier Aiden, der in Helsinki das erste Mal in seinem Leben einen Schal trug und partout nicht damit zurechtkam. Auch den anwesenden Südamerikanern fiel es nicht leicht, sich an die Minusgerade zu gewöhnen.

Heute fand die Weihnachtsfeier der YFU statt. Jeder Austauschschüler hatte die Aufgabe, ein landestypisches Weihnachtsgericht mitzubringen. Ich hatte mich für Vanillekipferl entschieden, und hier muss ich mal meinen Stolz verlauten lassen: Sie waren richtig gut, obwohl (oder weil) ich sie ganz ohne Hilfe gebacken hatte. Das Essen bestand insgesamt aus vielen Keksen und Kuchen, die man aus Deutschland kennt (das ist bei dem hohen Prozentsatz der Deutschen unter den Austauschschülern nicht weiter verwunderlich), doch es gab auch einige exotische Leckereien aus z.B. Frankreich, Brasilien und Uruguay. Das Essen des Mexikaners Luis war für jeden außer ihm zu scharf. Der Höhepunkt des Nachmittags war wohl die Darbietung der Franzosin Laetitia und der Uruguayerin Maria Pía, die „We wish you a merry christmas“ auf Spanisch, Französisch, Estnisch und Englisch vorsangen.