Immer wieder Neues

Langsam, ganz langsam habe ich das Gefühl, eine tatsächliche Ahnung von der estnischen Sprache zu bekommen. Ich verstehe immer mehr, kann mit etwas Mühe die meisten meiner Wünsche ausdrücken und wurde neulich von ema für meine Fortschritte gelobt. Das ist natürlich ein Ritterschlag.

Inzwischen habe ich einen leicht veränderten Stundenplan, um mich motivationsmäßig durch physikalische Fachbegriffe zurückwerfen zu lassen. Zum Beispiel habe ich nun acht Stunden Englisch pro Woche. Der Unterricht ist erschreckend anspruchsvoll, und kleine Gemeinheiten meines Stundenplanes wie „Buisness English“ oder Englisch mit der 12. Klasse lassen mich immer mal wieder ratlos den Kopf schütteln. Aber alles in allem genieße ich es, nicht nur Estnisch zu lernen, sondern auch mein Englisch zu verbessern.

Außerdem auf dem Plan steht „Technisches Zeichnen“, bei dem Zehntklässler lernen, mit dem Computerprogramm AutoCad umzugehen. Dieses benutzt mein deutscher Vater zum Arbeiten und nun habe ich den Eindruck, ein verstecktes Genie in der Familie zu haben. Es ist schon zu viel für mich, mir die Tastenbefehle für eine einfache Gerade zu merken.

Deutschunterricht habe ich nun auch mit den Klassen 10 und 12, in denen die Lehrerin sehr beherzt zum Fragen Stellen anregt. Nun weiß die ganze Schule mehr oder weniger über mich Bescheid. Und neulich empfahl mir ein sehr gut Deutsch sprechender Junge, einen Flummi im örtlichen Laden zu kaufen. Auf meine leicht irritierte Frage hin, wozu ich einen Flummi wollen sollte, antwortete er: „Jeder will einen Flummi!“

Ich bin seit nicht allzu langer Zeit Mitglied einer Theatergruppe des Nachbarortes Rakvere.  In dem zweimal die Woche stattfindenden Unterricht spielen wir improvisierte Dialoge und arbeiten an dem Großen Stück zu „Amerika“ von Franz Kafka. Meine Schauspieler-Kollegen sind sehr nett und verständnisvoll und erklären mir geduldig die zu erledigenden Aufgaben. Hoffentlich lerne ich die Sprache, bevor sie die Geduld verlieren.

Neulich war ich auf einer Gala, bei der junge Regietalente ihre Kurzfilme vorstellten. Es war beeindruckend, was die Leute, nicht viel älter als ich, auf die Beine gestellt hatten. Auch sehr beeindruckend fand ich die Tatsache, dass eine Schule in Rakvere einen eigenen Fernsehsender hat. Für diesen wurde ich gleich interviewt. Es ist schon wahr, dass man als Austauschschüler eine ganz spezielle Art von Aufmerksamkeit genießt, zumal die Esten oft selber nicht glauben können, dass ich mich für ihr Land entschieden habe.

Ich habe mich letztes Wochenende mit einigen anderen Austauschschülern in Tallinn getroffen. Es waren drei weitere Deutsche und eine Franzosin. Die arme hatte es ein wenig schwer mit uns immer wieder in die eigene Sprache abrutschenden Deutschen – es ist einfach so entspannend, mal wieder in auf gewohnte Weise reden zu können. Auf jeden Fall war es einfach wunderbar, zu merken, dass andere dieselben Hürden zu meistern haben und dass ich nicht alleine bin. Übrigens bekommen wir im Schulsport tatsächlich Hürdenlauf benotet. Zwar habe ich das noch nie gemacht und habe auch großen Respekt davor, aber Herausforderungen muss man sich stellen!