Herbstferien

Die letzte Woche hatte ich Ferien. Anfangs wunderte es mich, dass die Esten Herbst- Frühlings- und Winterferien haben, schließlich erholen sie sich im Sommer drei Monate lang vom Schuljahr. Tatsächlich hat Estland europaweit die meisten Schulferien, wobei ich das Gefühl habe, dass der Preis dafür ungeheuer viele und schwierige Unterrichtsstunden sind.

Gleich am Freitag fuhr ich gemeinsam mit meiner Freundin Mari-Liis anlässlich ihres Geburtstages zu ihrer Wohnung in die Grenzstadt Narva. Diese Stadt kann als Konfliktherd Estlands bezeichnet werden, schließlich sind hier über 90% der Bevölkerung russisch. In den Neunzigern gab es sogar Diskussionen, ob Russisch die Dienstsprache der Stadt werden soll. Doch den bürokratischen Aufwand kann man sich getrost sparen, denn auf den Straßen ist absolut kein Estnisch zu hören. Auch Mari-Liis ist zu drei Vierteln russisch und nimmt extra den eineinhalbstündigen Weg nach Kadrina auf sich, um in der hiesigen Schule guten Estnischunterricht zu bekommen. Laut eigenen Angaben ist sie in beiden Sprachen gut, aber nicht perfekt. Auf jeden Fall war ein wahres Erlebnis, ihr und ihren Freundinnen zuzuhören: Ständig wechselten sie zwischen Estnisch und Russisch, manchmal sogar in demselben Satz.

Bald darauf fuhr ich mit meiner Freundin Eliisa nach Tartu, die Studentenhauptstadt Estlands. Die dortige Universität ist die älteste und beliebteste Estlands, was die vielen jungen Gesichter auf Tartus Straßen erklärt. Eliisa und ich trafen uns mit dem australischen Austauschschüler Aiden, der den wohl weitesten Weg auf sich genommen hat, um ausgerechnet hier ein Jahr zu verbringen. Wer sich für seine Sicht der Dinge interessiert, kann sie auf seinem Blog nachlesen: whereswebby.wordpress.com. Extrem unterhaltsam ist seine Verwunderung über die in Estland üblichen Milchtüten.

Des Weiteren war ich mal wieder in Tallinn, um die französische Austauschschülerin Laetitia zu besuchen. Gemeinsam aßen wir viel hausgemachten Kuchen in einem netten Café und wunderten uns über die estnische Aussprache. Es ist gut, zu wissen, dass andere über dieselben vermeintlich banalen Dinge stolpern.

Vorgestern war es endlich soweit: Der erste Schnee! Nun ist (im Gegensatz zur Heimat, wo sich auch einige Flöckchen zeigten) davon auszugehen, dass er so schnell nicht wieder verschwindet: Im schneit es bis in den April hinein. Estland zeigt sich im weißen Kleid von seiner besten Seite: Ich hatte nicht mehr erwartet, hier jeden Tag einen blauen Himmel zu sehen. Auf meine besorgte Frage hin, ob man die ganze Zeit über nicht mit dem Zug fahren könnte, antwortete ema übrigens sinngemäß: „Ich habe gehört, dass bei euch bei zehn Zentimetern Schnee Panik herrscht. Bei uns ist das anders.“