Finale

(Zuerst: Falls die Grafik nicht mitmacht, tut mir das Leid.)

Wie fasst man ein Austauschjahr zusammen? Die Antwort auf diese Frage ist nicht einfach zu finden, denn diese unglaubliche Zeit war keineswegs ein großes Erlebnis, sondern ein Jahr meines Lebens, in welchem ich ganze Paletten an Eindrücken, Gefühlen und Erfahrungen sammelte. In diesem Sinne fällt es mir schwer, in ein paar würdigen Sätzen auszudrücken, was mein Jahr in Estland für mich bedeutet. Dennoch werde ich es versuchen.

Die Esten

Der Punkt, der für meinen Aufenthalt in diesem kleinen, aber feinen Land ausschlaggebend war, waren natürlich seine Bewohner. Dieses 1,4 Millionen-Seelen-Völkchen scheint zwischen einem starken Stolz und Minderwertigkeitsgefühlen zu schwanken; doch wer kann es ihnen verübeln, wenn die entschiedene Mehrheit der Ausländer nur das Allergröbste über Estland weiß? …wenn ihnen überhaupt bewusst ist, dass dieses Land existiert. Auch ich hatte bis zu meinem Urlaub in Estland, der für mein ein Jahr später stattfindendes Austauschjahr ausschlaggebend war, nicht die leiseste Ahnung, was es mit ihm denn auf sich hat.

Doch auf der anderen Seite hat man hier einen unbändigen Nationalstolz, überall ist die blau-schwarz-weiße Flagge zu sehen und es gibt alle möglichen Feiertage wie den Flaggentag oder den Muttersprachentag. Anfangs war ich darüber recht skeptisch, immerhin hat das Wörtchen „Nationalstolz“ für die Deutschen immer auch einen sauren Beigeschmack, doch in Estland ist das sozusagen eine Frage der Notwendigkeit. Mit seinen astronomischen Auswanderungsbilanzen und den im Gegensatz dazu sehr strikten Einwanderungsgesetzen sieht es aus demografischer Sicht für das kleine Land katastrophal aus. Nimmt man diesen und den Faktor des relativen Ignoriert-Werdens  („Ist Estland in Südamerika?“) zusammen, so ist es zu verstehen, dass man sich eine eigene Identität bewahren möchte. Allerdings ist es auch wichtig, eine gewisse Skepsis zu bewahren, und so muss ich sagen, dass mir zum Beispiel die Behandlung der in Estland lebenden Russen zuwider ist; erst werden sie ausgegrenzt, dann schimpft man, dass sie sich nicht integrieren wollen. Auch gab es neulich den Vorschlag, homosexuelle Ehe zu legalisieren, was vehement bekämpft und in einer Umfrage von der Mehrheit der Bevölkerung (!) abgelehnt wurde. Und das N-Wort für dunkelhäutige Menschen hat hier anscheinend absolut keinen rassistischen Beiklang, sondern wird ohne jeden Hintergedanken verwendet. Bei diesen Faktoren ist es nicht immer leicht, zwischen gesundem Bewusstsein der eigenen Identität und sehr nach rechts tendierenden Gedanken zu unterscheiden, doch das hat man wohl, mehr oder weniger, in jedem Land. 

Volkstanz und Warteschlangen

Die starke Pflege alter Traditionen könnte auch der Grund sein, aus dem Volkstanz hier sehr populär ist; in allen Altersgruppen und bei Mädchen sowie bei Jungen. Ich war sehr erstaunt, herauszufinden, dass beinahe meine halbe estnische Klasse bei der Volkstanzgruppe dabei ist und sich absolut nicht schämt, in traditionellen Trachten vor der versammelten Schule aufzutreten – warum auch? Folklore hat hier nicht diesen albernen Schlagersänger- und Oktoberfest-Beiklang. Als ich meine estnischen Freunde vorsichtig fragte, ob das denn wirklich niemand albern fände (traditionelle Tänzer hätten es in meiner deutschen Schule nicht besonders leicht), verstanden sie gar nicht, was ich meinte.

Es sind diese kleinen Unterschiede, die das Leben hier anders machen. Oft wird davon ausgegangen, dass der estnische Alltag sehr dem deutschen ähnelt, was grob gesehen auch stimmen mag; doch je länger man hier lebt, desto mehr fallen einem die Ungleichheiten ins Auge. Zum Beispiel wurde mir hier klar, dass man in Deutschland doch sehr höflich ist. Nicht ehrlich herzlich oder generell besonders freundlich, sondern höflich. Als Paradebeispiel dazu dienen Busfahrten in Estland. Erstmal, und da kommt wohl die deutsche Seele in mir durch, wollen oder können sich die Esten einfach in keine ordentliche Warteschlange stellen. Der Portugiese Joao Lopes Marques, der in Estland lebt, beschrieb dieses Phänomen in seinem Buch „Estonia – Paradise without palm trees“ (sehr empfehlenswert) in einem eigenen Kapitel. Hier tut man nämlich so, als würde man in einer Schlange stehen, bis der Bus kommt: Dann rennt man um sein Leben und schubst notfalls die anderen Wartenden beiseite. Am vehementesten wird dieser Sport übrigens von älteren Damen betrieben. Wenn man es dann heil in den Bus geschafft hat (was durchaus nicht immer der Fall ist), so sieht man sich mit größter Anstrengung nach einer freien Bank um, und nur, wenn wirklich jede einzelne Bank in der hintersten Ecke besetzt ist, setzt man sich auf einen freien Platz neben einem anderen Menschen. Keine Begrüßung, kein Lächeln, nicht mal ein Nicken; man setzt sich einfach, und zwar so weit von dem anderen entfernt wie möglich und starrt in die entgegen gesetzte Richtung. Es ist mir auch schon passiert, dass jemand, der auf einer kurzen Strecke neben mir saß, auf eine eigene Bank wechselte, sobald sie frei wurde. Freunde findet man hier überall, aber nicht im Bus.

Nachtrag: Gerade heute ging es mir im Bus sehr schlecht und ich fiel kurz in Ohnmacht (das lag nur daran, dass ich zu wenig getrunken hatte und es heiß war, keine Sorge), und die Mehrheit der Leute eilte mir zu Hilfe, eine ältere Dame überließ mir sogar ihren Sitz. Bei so viel Freundlichkeit kann man eine längere Wartezeit vor dem Bus durchaus verkraften.

Kartoffeln, Kartoffeln, Kartoffeln. Überall Kartoffeln.

Das estnische Wort für „Kartoffel“, kartul, war eines der ersten, das wir in unserem kleinen Sprachkurs zu Beginn des Jahres lernten, und das hat auch seinen Grund. Dieses Nahrungsmittel ist in Estland von großer Bedeutung und die Esten haben, soweit ich weiß, absolut kein Problem damit, es täglich zu essen. Mir passt das ganz gut, denn die estnischen Kartoffeln sind einfach besser (vielleicht liegt es auch nur daran, dass meine Familie sie direkt vom Bauern kauft, und dann in Jahresvorräten). Dazu gibt es, und zwar ausnahmslos, Fleisch. Ich habe dieses Jahr in Estland nicht einen Vegetarier getroffen und Restaurants, die eine vegetarische Karte haben, sind selbst in Tallinn eine Seltenheit. Interessanterweise wurde bei dem YFU-Seminar am Anfang des Jahres eine vegetarische Alternative angeboten, bei dem Abschlussseminar allerdings nicht mehr; das ist wahrscheinlich mit „Anpassung an eine fremde Kultur“ gemeint.

14 Fälle

Ja, die estnische Sprache kann furchteinflößend sein. Auf mehreren Internetseiten wird sie als eine der schwierigsten Sprachen der Welt bezeichnet. Nun weiß ich nicht, wie kompliziert Mandarin oder Hebräisch sind, aber Estnisch zu lernen ist durchaus kein Zuckerschlecken; vor allem nicht für mich, die ich den fünften Fall in Latein schon für eine echte Herausforderung hielt. Die Esten haben tatsächlich für fast jedes denkbares Fragewort einen eigenen Fall, zum Beispiel drückt man mit dem Terminatiiv aus, dass man etwas erreicht und mit dem Essiiv, dass man etwas als etwas tut („Wir gehen zu dem Essen als Familie“). Aktiv, also wenn man sich wie ich nicht besonders gehoben auf Estnisch ausdrückt, werden sie allerdings nicht alle häufig gebraucht und man versteht mich auch, wenn ich einmal nicht durchblicke.

Ich will euch einige meiner Lieblingswörter der estnischen Sprache nicht vorenthalten: Mein Favorit ist wohl „kallirally“, obwohl es in keinem Wörterbuch steht; es heißt soviel wie „viele Umarmungen“ (Umarmungs-Rally). Dann wären da natürlich noch üleüleeile (vorvorgestern) und lapselapselaps (Urenkelkind) und auf putzige Weise übertragene Wörter aus dem Englischen (smuuti – smoothie; edišn – edition).

Das Wichtigste!

Tja, zu guter Letzt darf ich natürlich auf gar keinen Fall meine wunderbaren Freunde, seien es Esten oder andere Austauschschüler, und meine unglaublich tolle Gastfamilie vergessen. Ich werde versuchen, diesen Abschnitt nicht allzu sehr wie eine Oscar-Rede klingen zu lassen, doch es wird nicht leicht sein, denn diese Leute haben mein Leben in unvorstellbaren Ausmaßen beeinflusst.

Einen Austauschschüler aufzunehmen, erfordert Mut. Es ist nicht einfach, sich bereit zu erklären, buchstäblich sein gesamtes Leben einer völlig fremden Person zu offenbaren, mit all seinen Macken und Makeln. Es ist ein riesiges Wagnis und wahrscheinlich gehört auch etwas Glück dazu, dass die Familie und der Austauschschüler zueinander passen. Obwohl es ja nichts Verwerfliches ist, die Gastfamilie zu wechseln, habe ich nie auch nur eine Sekunde ernsthaft darüber nachgedacht; wir hatten Glück, es hat gepasst. Von Anfang an empfing mich meine Gastfamilie wie ein eigenes Kind, mit gleichen Rechten und gleichen Pflichten. Niemals gab man mir das Gefühl, in irgendeiner Form anders als die anderen Kinder zu sein. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, finde ich es verblüffend, wie bedingungslos man mich hier von Anfang an einbezogen hat. Ich bin unendlich dankbar.

Mehrere Austauschschüler meinten häufig, wir seien füreinander eine „dritte Familie“, nach der „echten“ und der Gastfamilie. Der Australier Aiden war es, der den Nagel auf den Kopf traf, als er uns als eine „family of friends“ bezeichnete. Dadurch, dass wir verhältnismäßig wenige Austauschschüler im ganzen Land waren, ungefähr 35, wurden wir mit der Zeit unzertrennbar. Schon nach dem YFU-Abschlusseminar, welches letztes Wochenende stattgefunden hatte, gab es nicht wenige Tränen und ich möchte mir nicht vorstellen, wie es uns am Flughafen ergeht. Aufgrund der Tatsache, dass wir diese unbeschreibliche Erfahrung miteinander teilten, hatten wir immer etwas zum Reden und selbst das siebentägige Anfangsseminar schien uns zu kurz. Nun gehen wir bald, die meisten nach Deutschland oder wenigstens nach Europa, doch einige auch nach Australien, Neuseeland, Kanada, Mexiko, Uruguay, Thailand. Ich kann es jetzt schon kaum erwarten, meine wunderbaren Freunde wieder in Estland zu besuchen, doch ich werde auch mit allen Mitteln versuchen, meine dritte Familie in der großen weiten Welt wiederzusehen.

Was bleibt, ist ein flaues Gefühl im Magen, denn bald wird mein Leben mal wieder radikal umgekrempelt werden. Dem sehe ich mit Neugier, Nervosität und Freude entgegen, denn dieses Jahr hat mich gelehrt, neue Wege zu beschreiten und Vergangenes zu würdigen, ihm aber nicht nachzutrauern. Wenn Ihr die Möglichkeit habt, nutzt die Gelegenheit und werdet Austauschschüler oder Gastfamilien! Dieser Satz wird oft gesagt, aber seine Bedeutung erfuhr ich erst innerhalb des letzten Jahres: Auf diese Weise lernt man viel über die eigene

Kultur und eine fremde Kultur, vor allem jedoch über sich selbst.Cianna aus Neuseeland in Lettland mit der Estland-Flagge. in Südestland Modell ist (vorrangig) meine Brille Essen, diesmal keine Kartoffeln Niels aus Deutschland braucht eine Pause Lilian aus Deutschland, María Pía aus Uruguay, Laetitia aus Frankreich Niklas aus Deutschland und ich Touristen in Riga Die Riga-Gruppe So muss es sein! Freiheit! Alejandro, Mará Pía und ich In Narva Vera aus der Schweiz und Marjolijn aus Belgien sind sauer Die Bremer Stadtmusikanten... in Riga Aiden aus Australien und ich freuen uns über einen Balon Aiden macht Jazz-Hands Ich vor der deutschen Botschaft in Tallinn Denen geht's gut! glücklich über Riga und eine Pizza