Erste estnische Woche

In der letzten Woche begann ich also, mich in Kadrina einzufügen. Das geht natürlich nicht so einfach, denn auch in Estland gibt es Behörden. Und diese sind ebenfalls nicht ohne. Ich war im Immigrationsbüro, bei der Stadtverwaltung und in der örtlichen Schule, die ich ab Montag besuchen werde und zu der ich einen Schulweg von etwa drei Minuten habe – wenn ich mir Zeit lasse. Alle waren dort sehr freundlich zu mir und gaben mir das Gefühl, willkommen zu sein. Mein Schuldirektor spricht sehr gut Deutsch und meine Klassenlehrerin sehr gut Englisch, also sollte es keine Kommunikationsprobleme geben.

Ich durfte mit ema (estnisch für „Mama“) etwas sehr typisch estnisches machen: Wir waren in Estlands wunderschönen Wäldern Pilze sammeln. Für mich weltfremdes Städterkind sahen natürlich alle Pilze gleich aus, so musste ich zähneknirschend hinnehmen, dass ema die Hälfte als giftig aussortierte. Trotzdem war es ein riesiger Spaß und ich glaube, sie fand mein kindliches Erstaunen recht süß. Und ganz am Rande: Auf diese Weise habe ich meine Abneigung gegen Pilze überwunden, denn zum Glück war ich vor dem anschließenden Pilze essen zu höflich, um diese anzumerken.

Außerdem war ich mit ema, meinem Gastbruder Jaanus und Romet, dem kleinen Sohn meiner Gastschwester Kati, der auch eine noch kleinere Schwester namens Lisandra (Liisu) hat, bei der Cousine von ema, also der Gastfamilie von dem Mexikaner Alejandro. Das war jetzt schwierig.

Wir verstanden uns alle sehr gut und fuhren zu einer Art Kletterwald, wo man sich auf immer mehr Schwindelfreiheit erfordernden Levels von Baum zu Baum schwingen konnte. Ich, die sich normalerweise nicht mehr als nötig zu bewegen versucht, war überrascht von meinen eigenen Fähigkeiten und hatte sehr viel Spaß. Das bekamen vor allem die anderen Besucher zu spüren, wenn ich ziemlich schnell und laut jubelnd an einem Drahtseil zum nächsten Baum rutschte. Keine Sorge Mama, da war alles abgesichert.

Ich habe entdeckt, man im kleinen Estland, soweit ich das von meiner Gastfamilie schließen kann, in mindestens einer Sache sehr groß ist: Einkochen beziehungsweise Einlegen. Ema ist ständig unterwegs, um etwa 20-Kilo-Säcke an Gurken zu kaufen, die wir dann zu Gewürzgurken machen. Auf meine vorsichtige Frage hin, warum denn so viele, meinte sie: „Für den Winter.“ Ja, der estnische Winter ist lang. Und wenn es soweit ist, hätten wir theoretisch genug Pfirsich-Birnen-Marmelade, Beerenmarmelade, Kirschmarmelade, Gewürzgurken, eingelegte Pilze etc, um das Haus die ganze Zeit nicht zu verlassen.

Ich kann es kaum erwarten, hier noch mehr Liebenswürdigkeiten zu entdecken.

Zu dem „Familienfoto“: Die beiden Personen in Blau neben mir sind ema und Jaanus, der kleine neben ema ist Romet. Wer Alejandro ist, ist vielleicht zu erraten und die drei anderen sind seine Gastmutter und -geschwister.