…Alltag?

Es ist vollkommen einerlei, wie viel Alltag sich inzwischen schon bei mir durchgesetzt hat – er tut den Ereignissen keinen Abbruch. So wechselte ich kurz nach den Herbstferien aufgrund von einigen Unstimmigkeiten die Klasse. Ich kam von der elften in die zehnte Klasse, wo die Schüler so alt sind wie ich, denn in Estland kommt man mit sieben in die Schule, wobei man schon vorher lesen und schreiben können muss. Und bei solchen (meiner Meinung nach recht strengen) Bedingungen hält man den Schulbeginn mit sechs Jahren für zu früh. Es ist letztendlich doch eine Frage der Gewöhnung.

In meiner neuen Klasse fühle ich mich pudelwohl, ich würde sogar sagen, niemanden von den 43 (!) Schülern in ihr nicht zu mögen. Die Leute sind sehr neugierig auf mich Eindringling und immer zuvorkommend und freundlich.

Damit änderten sich selbstverständlich auch einige andere Dinge, zum Beispiel besuche ich in der Schule nun Finnischstunden. Meine Hoffnungen, in der Sprache großartige Erfolge erzielen zu können, sind gering, zumal ich auch hier weder benotet werde noch Hausaufgaben machen muss. Immerhin ist der Unterricht auf Finnisch und Estnisch und die anderen haben einen nicht unerheblichen Vorsprung. Zumindest bin ich froh, die beiden Sprachen mühelos unterscheiden und sogar Wörter aus dem Estnischen ableiten zu können.

Außerdem habe ich, die ich meine Talente und Vorlieben eher nicht in sportlichen Bereichen habe, nun begonnen, zweimal die Woche schwimmen zu gehen. Der Vorschlag kam von meiner sehr wohlwollenden Sportlehrerin angesichts meiner „Technik“. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass mein Training in diesem Bereich niemals über die Schwimmstunden der dritten Klasse und ein wenig Freibadgeplansche hinausging und ich es für ausreichend hielt, mich über Wasser halten zu können. Nun hilft mir eine sehr freundliche Klassenkameradin, die schon seit Jahren ernsthaft trainiert.

Neulich war ich auf dem Geburtstag von Laetitia, der (sogar in der gesamten YFU-Geschichte) einzigen Austauschschülerin in Estland. Sie wohnt derzeit in Tallinn. Das war schon ein Erlebnis: Dort waren einige ihrer estnischen Freundinnen zusammen mit Austauschschülern aus Frankreich, Deutschland, Brasilien, Mexiko und Neuseeland. Natürlich war die Wiedersehensfreude riesig und anscheinend hatten auch die Estinnen Spaß an dem Feedback aus aller Welt. Allerdings waren ich und der andere Deutsche neben den Esten die einzigen, die dieselbe Muttersprache hatten, was schließlich dazu führte, dass sich einer der anderen zwischen uns setzte, um für die anderen unverständliche Gespräche zu vermeiden.

Es folgen ein paar Impressionen aus Kadrina und Rakvere, wo ich den Großteil meiner Zeit verbringe.