Weihnachten in New York, Suizid einer Mitschülerin und mein Trip nach Philadelphia

Mein Bericht für die Lokalzeitung „Soester Anzeiger“:

Weihnachten am Times Square in New York City und der Besuch im ZDF-Hauptstadtstudio in Washington D.C. werden zurückblickend Höhepunkte des Auslandsjahrs von Nico Nölken sein. Der Scheidinger und Anzeiger-Mitarbeiter hat in diesem Jahr im Rahmen des Parlamentarischen Patenschaftsprogramms (PPP) die Chance, sich ein eigenes Bild der USA zu machen. Er ist viel gereist, musste aber auch durch schwierige Zeiten gehen:

Meine fünf Tage in Washington D.C. waren straff durchgeplant. Die Reise in die US-Hauptstadt ist für alle Stipendiaten des Bundestages ein Teil des Auslandsjahrs. Ein Tag war beispielsweise nur für Treffen mit Kongressabgeordneten reserviert. Wir hatten die Möglichkeit in kleinen Gruppen mit Mitarbeitern der Abgeordneten zu sprechen und ein Foto mit dem entsprechenden Politiker zu machen. Natürlich haben Repräsentanten der USA einen vollen Terminkalender, nur für ein Foto vorbeizukommen und anschließend von einem wirklichen Treffen zu sprechen wäre allerdings unehrlich. An anderen Tagen sahen wir viele berühmte Denkmale der Hauptstadt und besuchten etwa das neue Museum über afroamerikanische Geschichte. Mir war es möglich mich vom Programm zu trennen und das ZDF-Hauptstadtstudio in D.C. zu besuchen. Da die „heute“-Nachrichten vorher im Radiostudio meiner Gastmutter in Detroit gedreht hatten, bekam ich die Möglichkeit mich mit einer der Journalisten in Washington zu treffen, mir das Studio anzuschauen und über journalistische Perspektiven zu sprechen.

 

Zwei Tage nach meinem Flug zurück nach Detroit bin ich mit meiner Gastfamilie nach Pittsburgh gefahren, um eine Universität für meinen Gastbruder anzuschauen. Dort waren wir auch in einer Kopie des Hofbräuhauses aus München, welches alle deutschen Klischees erfüllte. Für musikalische Untermalung sorgte dabei ein amerikanischer Sänger in bayerischer Tracht, der neben Liedern in gebrochenem Deutsch auch eher untypisch deutsche Songs wie „La Bamba“ von Ritchie Valens in seinem Repertoire hatte. Insgesamt war das ein Abend gemischt aus ein wenig Fremdscham und der Bestätigung, dass deutsche Volksfeste gelegentlich ein Mix aus viel Bier und mittelmäßiger Musik sind. Später fuhren wir dann weitere fünf Stunden mit dem Auto nach Philadelphia um dort Thanksgiving bei Verwandtschaft zu verbringen. Wir kamen bei meiner Gasttante zusammen, haben gemeinsam Truthahn gegessen und American Football geschaut. Es war kein besonders aufregendes, dafür aber ein entspanntes Fest ohne förmliche Kleidung. Der Sinn des Festes besteht darin, möglichst viel Zeit mit der Familie zu verbringen.

Nach einigen Wochen voller Freude lernte ich am vergangenen Donnerstag, dass ich auch im Auslandsjahr in keiner „heilen Welt“ lebe. Eine Durchsage kam, dass die Lehrer alle Schüler in ihren Klassen halten sollen und die Stunde nicht beenden dürfen. Daraufhin wurde ich mit einem weiteren Mitschüler aus dem Raum geholt und wir haben unseren Jahrbuch-Kurs in einem Konferenzraum getroffen. Spätestens als ich die Taschentücher und Seelsorger sah war mir klar, was gleich passieren wird: Sie werden uns mitteilen, dass jemand verstorben ist. Eine ähnliche Situation erlebte ich bereits in 2012 an der Ursulinenrealschule, sodass mir vor anderen bewusst war was wohl passiert ist. Die Chefredakteurin für unser Jahrbuch hatte sich tatsächlich am selben Morgen das Leben genommen. Sie hatte Depressionen und kurz vor ihrem Tod noch getwittert: „6 Uhr am Morgen. Du schläfst, ich heule. Dir geht’s gut, ich sterbe.“ Wir alle sahen unsere Mitschülerin jeden Morgen und viele gehörten zu ihren engen Freunden. Am Abend gingen wir dann zu einer Andacht, schon lange hatte ich nicht mehr so viele Tränen gesehen. Zur offenen Besichtigung des Leichnams ging ich nicht. Bei der Beerdigung am Montag sprach auch die Mutter und hatte einen Appell an alle Gottesdienstbesucher: Die Depression war nicht, was ihre Tochter ausmachte und worauf wir nun zurückblicken sollten. Außerdem sei es wichtig, bei Anzeichen für eine Depression Hilfe zu holen und die Augen im eigenen Bekanntenkreis offen zu halten.

Mittlerweile liegt eine Menge Schnee in Michigan. So viel Schnee sah ich seit Jahren nicht mehr. Wir hatten wegen des Schneefalls auch bereits schulfrei, in den kommenden Tagen wird es bis zu -20 Grad kalt. Im Winter werde ich an meiner Schule beim Musical „Shrek“ hinter den Kulissen helfen. Vor einigen Tagen hielt ich eine für mein Stipendium vorausgesetzte Präsentation über Deutschland. Dabei fiel mir auf, wie viele Freiheiten und Privilegien wir als Deutsche gegenüber den USA haben. Für eine Universität müssen wir nämlich nicht zahlen, wir haben eine Gesundheitsvorsorge und dürfen bereits mit 16 Alkohol trinken. Viele meiner Klassenkameraden fanden das beneidenswert.

Auch in diesem Jahr ist mein Gesicht in der Vorweihnachtszeit wieder in einem Universalgutschein-Werbespot auf den Sendern ProSieben und Sat.1 zu sehen. Meine Weihnachtstage und Silvester verbringe ich nun erstmal in New York City. Für März ist bereits einen Trip nach Los Angeles und San Francisco geplant.