Protestieren mit Bernie Sanders, Geburtstag und NYC

Bericht vom 11. Februar in der Lokalzeitung „Soester Anzeiger“:

Bei einer Kundgebung mit Bernie Sanders haben Redner berichtet, wie Angehörige durch eine fehlende Gesundheitsvorsorge verstorben sind. Bei diesem Erlebnis beeindruckte Nico Nölken, der momentan in Detroit lebt, wie Menschen für ein so essentielles Recht kämpfen müssen. Der Scheidinger und Anzeiger-Mitarbeiter hat in diesem Jahr im Rahmen des Parlamentarischen Patenschaftsprogramms (PPP) die Chance, sich ein eigenes Bild der USA zu machen. Einen Protest am Flughafen konnte er sich nicht anschauen:

Meine Weihnachtstage verbrachte ich in New York City, an Heiligabend saß ich zwölf Stunden lang im Auto. Das Fest war für mich also gar nicht traditionell, aber trotzdem ein einmaliges Erlebnis. Mein Gastvater arbeitete vor einigen Jahren in New York, so voll wie an Weihnachten hatte er es aber persönlich noch nie erlebt. Für uns war es besonders am Ground Zero zu stehen, der Ort an dem knapp 3.000 Menschen bei den Terroranschlägen am 11. September getötet wurden. Einige Menschen schossen „lustige“ Selfies als Erinnerung zum Besuch an der Unglücksstelle, was ich auch schon am Holocaust-Mahnmal in Berlin beobachtete und mich zum Nachdenken anregte: Ist es ein Ort, an dem man das Leben feiern oder den Opfern respektvoll gedenken sollte? Für uns galt eher Letzteres. Wir wollten uns nicht das „echte“ New York entgehen lassen und haben uns auch außerhalb von den bekannten Sehenswürdigkeiten viel angesehen.

An Silvester wäre ich zugegeben lieber in Deutschland gewesen, weil das neue Jahr hier nur kaum jemanden begeistern konnte. Es wurden keine Raketen abgeschossen und einige meiner Bekannten gingen schon vor Mitternacht schlafen. Ich habe mich mit Freunden getroffen und die Übertragung von Silvester am Times Square angeschaut. Es fühlte sich unglaublich brav an. Alkohol konnten wir dabei natürlich nicht trinken, wir waren mehrere Austauschschüler. Auch für amerikanische Jugendliche ist Alkohol erst ab 21 Jahren erlaubt, wir würden bei Missachtung des Gesetzes allerdings abgeschoben werden.

Nach Donald Trumps „Muslim Ban“ fand ein Protest mit vielen Menschen am Flughafen in Detroit statt, den ich mir eigentlich mit meinem Gastbruder ansehen wollte. Davon wurde uns allerdings abgeraten: Weil die Demonstration nicht angemeldet war bestand für mich die Gefahr, abgeschoben zu werden.

Einen angemeldeten Protest mit Ex-Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders und mehreren Tausend Teilnehmern konnte ich mir anschauen: Mit seiner Kundgebung wollte Sanders die Abschaffung von „Obamacare“ verhindern. In seiner Rede erzählte ein Teilnehmer, wie die Gesundheitsvorsorge seiner Mutter eine Chemotherapie finanziert und ihr Leben gerettet hat. Eine andere berichtete: „Mein Ehemann war erkältet, wir hatten keine Krankenversicherung und konnten uns keinen Doktor leisten. Als er 40 Grad Fieber hatte brachte ich ihn in die Notaufnahme, in der er dann gestorben ist. Es geht nicht nur um Worte, es geht um die Leben echter Menschen.“ Auf der Demonstration wurde immer wieder „Lasst uns am Leben, gibt uns eine Gesundheitsvorsorge“ gerufen. Dass man in einem Land wie den USA wegen eines so essentiellen Rechtes auf die Straße gehen muss, hat mich sehr beeindruckt.

In meiner Zeit in Amerika bin ich bisher vielen offenen Menschen begegnet, habe aber auch oft genug die Erfahrung gemacht, wie man sich als Ausländer fühlt. In Diskussionen wurde ich ignoriert, weil davon ausgegangen wurde dass ich keine Ahnung habe. Wenn ein Mitschüler eine Frage hat werden oft alle anderen gefragt, nur ich als Austauschschüler nicht. Einige Amerikaner versuchen mich besonders nett zu behandeln oder mir dauernd zu helfen. Der Gedanke, dass ich mit einem Stipendium des US-Kongress alleine in ein fremdes Land gereist bin, wird gerne vergessen. Natürlich möchten Mitschüler oft nur nett sein, auf Dauer kann das aber nerven. Jetzt habe ich zumindest mehr Verständnis dafür, wie sich Ausländer auch in Deutschland fühlen können. Die große Mehrheit hat mich aber sehr offen in ihre Gemeinschaft aufgenommen, wofür ich wirklich dankbar bin.

Das neue Halbjahr hat auch an meiner Schule begonnen, meine neuen Klassen sind neben den Fächern Geschichte und Englisch auch Jahrbuch, „Life Skills“, TV10 (ein Fernsehprojekt der Schule) und Auditorium-Technik. Mathe musste ich in diesem Halbjahr nicht wählen, sodass ich den Stundenplan mehr an meine Interessen anpassen konnte. Jeden Tag werden die gleichen sechs Fächer unterrichtet.

An meinem Geburtstag, der Tag von Donald Trumps Amtseinführung, habe ich von Freunden, wie es an US-Schulen üblich ist, Luftballons bekommen. Später war ich mit meiner Gastfamilie in einem deutschen Ratskeller in Detroit, der zwar einer stereotypischen Vorstellung eines bayerischen Restaurants entsprach, aber schon deutlich authentischer war als das Hofbräuhaus, das ich in Pittsburgh besucht hatte.

Damit ich bis dahin meine Heimat nicht zu sehr vermisse bekomme ich auch immer wieder Pakete: Mittlerweile stehen fünf Kisten voll mit deutscher Schokolade in unserer Küche. Eine betrunkene Bekannte der Familie hat mir auf unserer Super Bowl Party einen Vortrag über fünfzehn Minuten gehalten, wieso Schokolade unser höchstes deutsches Gut ist. Mehr als die Hälfte meines Aufenthalts in den USA ist jetzt rum. Bevor ich am 29. Juni zurück nach Deutschland fliege, versuche ich noch möglichst viele einmalige Erfahrungen zu sammeln. Im März bin ich für eine Woche in Los Angeles und San Francisco, worauf ich mich besonders freue.