Schule auf Irisch

Als ich anfing mich für ein Auslandsjahr in Irland zu interessieren, wollte ich viel über die Schule wissen. Deswegen dachte ich mir, befriedige ich mal die Bedürfnisse von zukünftigen deutschen Austauschschülern, die vorhaben nach Irland zu gehen.

Das irische Schulsystem unterscheidet sich sehr von dem Deutschen.

Zuerst einmal gibt es fast nur getrennte, also Mädchen- und Jungenschulen. Mittlerweile gibt es immer mehr Mixed Schools aber die Regel sind immer noch die getrennten Schulen. Weiterhin sind Schuluniformen fast überall Pflicht. Nur wenige Schulen verlangen die Uniformierung nicht mehr von ihren Schülern, und ich habe hier gelernt, dass diese meist einen nicht so guten Ruf haben. Das kann aber auch nur hier so sein, also bin ich mir da nicht so sicher. Außerdem sind auch viele Schulen in kirchlicher Hand. Dieser katholische Einfluss zeigt sich mal mehr und mal weniger. Das heißt aber nicht, dass alle Schüler katholisch sein müssen. An meiner Schule, die von Nonnen gegründet wurde, gibt es auch einige Muslime oder Anhänger sonstiger Religionen. An meiner Schule finden sich aber auch einige Marienstatuen, wir haben ca. 4 Schulgottesdienste über das Jahr verteilt und während der Prüfungen wird jeden Morgen ein Gebet gesprochen. Das ist aber alles überhaupt nicht schlimm oder störend und es ist auch vollkommen okay, wenn du überhaupt nicht religiös bist. So wichtig ist die Rolle der Kirche in der Schule in der Regel nicht mehr. Aber das kann ich auch nur von meiner Schule genau sagen.

Die Schullaufbahn in Irland beginnt mit der einjährigen Vorschule. Das ist aber eigentlich nur die irische Version von einem Kindergarten. Danach folgt dann die Primary School von der ersten bis zur sechsten Klasse. Im Alter von 12-13 Jahren wechseln die Kinder dann auf eine weiterführende Schule, die Secondary School.

Dort werden die Jahrgänge dann mit „Year“ anstelle von „Class“ betitelt und die Nummerierung beginnt von vorne. Das 1st year bis zum 3rd year wird als „Junior cert“ bezeichnet. Das kann man gut mit dem Realschulabschluss vergleichen und am Ende der drei Jahre wird auch eine große Prüfung geschrieben.

Im Anschluss daran kann man sich entscheiden das 4th year oder auch Transition year genannt, machen. Das ist ein freiwilliges Jahr das vor allem der Berufsorientierung und dem Sammeln von Erfahrungen gewidmet ist. Viele Austauschschüler werden in diesem Jahr platziert, da es eigentlich wirklich ideal für so etwas ist. Es werden viele Praktika gemacht, Klassenfahrten und Ausflüge. Die Atmosphäre ist sehr entspannt da eigentlich überhaupt kein schulischer Druck herrscht. Durch die vielen Projekte ist es auch einfacher neue Freunde zu finden. Alles sehr perfekt für einen Austauschschüler in einer komplett neuen Umgebung.

Ich jedoch wurde im 5th year platziert. Das ist so ziemlich das Gegenteil vom Transition year. Das 5th und das 6th year sind vergleichbar mit der 11. Und 12. Klasse in Deutschland. Während dieser zwei Jahre macht man hier sein leaving cert also quasi die irische Variante vom Abitur.

Fürs leaving cert kann man auch verschiedene Fächer wählen, wie z.B. die verschiedenen Profile in der Oberstufe.
Pflichtfächer sind dabei Englisch, Mathe, Irisch und auch eine Fremdsprache (an meiner Schule entweder Französisch oder Deutsch)
Zu diesen Pflichtfächern wählt man drei verschiedene Wahlfächer. Ich habe mich für Biologie, Geschichte und Kunst entschieden aber es gibt auch Fächer wie z.B. Business, Accounting, Physik, Chemie, Geografie und Hauswirtschaft.

Im 5th year gibt es Schüler aus zwei verschiedenen Jahrgängen die gerade erst neu zusammen gemischt wurden. Zum einen sind da die Schüler, die das Transition year gemacht haben und dann sind da die, die es ausgelassen. Deswegen gibt es einerseits keine richtige Jahrgangsgemeinschaft und andererseits sehr feste Cliquen. Das macht es für „die Neuen“ schwierig.

In Irland werden vor Weihnachten und vor den Sommerferien jeweils die Examen geschrieben. Diese bilden das Zeugnis. Was du das ganze Jahr über geleistet hast zählt dabei dann leider überhaupt nicht mehr und wird auch nicht gewürdigt. Das finde ich persönlich ziemlich schade.
Die Sommerferien sind in Irland fast drei Monate lang. Über Jahr verteilt haben sie aber ungefähr genauso viele Ferientage wie wir in Deutschland, von diesen drei Monaten einmal abgesehen.

Jetzt würde ich euch gerne noch einen durchschnittlichen Tag von mir beschreiben. Mein Stundenplan sieht so aus, dass ich jeden Tag fast jedes Fach habe. Sie sind aber immer in einer unterschiedlichen Reihenfolge, also anders als z.B. in den USA üblich. Am Mittwoch haben wir nur einen „Half-day“ da es Schülern traditionellerweise möglich sein soll, den Gottesdienst zu besuchen, auch wenn das … nun ja … in Vergessenheit geraten ist. 😉

Am Freitag habe ich jedes meiner Fächer, deswegen dachte ich mir, erzähle ich euch einfach mal, wie so ein durchschnittlicher Freitag bei mir abläuft.
Mein Wecker klingelt um 7:15. Das Anziehen der Schuluniform läuft mittlerweile vollkommen automatisch ab. Im Winter habe ich meistens zwei Strumpfhosen übereinander und noch einen Sweatshirt unter dem School-Jumper getragen. In dem alten Gebäude meiner Schule ist es dann nämlich häufig kalt und zugig.

Meine Lunchbox bereite ich meistens schon am Abend vor, um morgens Zeit zu sparen. Meine Gastfamilie muss erst später aufstehen als ich und am Anfang war es für mich besonders schlimm, morgens ganz alleine im dunklen, fremden Haus aufzustehen, aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt. Um 8:40 verlasse ich dann das Haus und muss einen Hügel zur Bushaltestelle hoch gehen. Das ist super um die Müdigkeit los zu werden. Ich nehme dann den Bus, der ungefähr 12 Minuten braucht. Ich habe hier echt Glück so eine kurze Strecke erwischt zu haben, denn manche meiner Freunde verbringen bis zu 45 Minuten im Bus. Mein Schulweg führt mich weiter durch die aufwachende Innenstadt. Ich mag diese Atmosphäre die so ganz anders ist als während des restlichen Tages.

In der Schule komme ich dann gegen 8:25 an. Eigentlich müssen bis 8:30 alle erst einmal in die Kantine gehen aber ich gehe meistens gleich in die Social-Area. Das ist der Aufenthaltsraum für die Schülerinnen des 5th years und des Transition years. Dort stehen auch unsere Schließfächer und jeder hat ein Haken für seine Jacke. Um 8:40 klingelt die Schulglocke und alle fangen an ihre Schulbücher für die ersten drei Unterrichtsstunden aus den Fächern zu holen. Wir stellen uns dann in einer Reihe vor dem jeweiligen Klassenraum an. Die Gänge sind immer voller Mädchen und manchmal ist das Durchkommen schwer. Um 8:45 geht der Unterricht los. Als erstes wird immer die Anwesenheitsliste überprüft um dann an die Tür gehängt zu werden. Wenn du zu spät kommst musst du dich dort eintragen, denn die Listen werden in jeder Stunde eingesammelt und kontrolliert.

In den ersten Stunden habe ich am Freitag Französisch und Irisch. Währenddessen habe ich dann Zeit meine Hausaufgaben zu machen oder zu lesen, da ich beide Fächer nicht machen muss.
Eine Stunde ist jeweils 40 Minuten lang. Da ich zuvor fast nur Doppelstunden gewöhnt war, war das zuerst sehr irritierend. Aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt.
In der dritten Stunde habe ich dann Kunst. In Kunst haben wir hauptsächlich Kunstgeschichte. Das ist sehr trocken und langweilig da einfach das Buch durchgegangen wird. Und dabei liest der Lehrer auch nur vor. Manchmal dürfen wir aber auch kreativ arbeiten. Und das macht dann sehr viel Spaß, da wir viel freier arbeiten dürfen als ich das gewohnt war. Wir haben keine speziellen Themen oder Stilrichtungen vorgeschrieben bekommen, es ging mehr um den symbolischen Wert der Kunst und ihrer Bedeutung. Das finde ich eigentlich einen sehr schönen Ansatz.
Nach den ersten drei Stunden haben wir eine kurze Pause von 15 Minuten. In der Zeit tauschen wir unsere Schulbücher aus und essen ein bisschen was.

Nach der Pause habe ich Geschichte. Dort behandeln wir zurzeit nur irische Geschichte. Und auch hier wird nur trocken das Buch durchgesprochen im langweiligen Frontalunterricht. Ab und zu werden auch Dokumentationen genutzt. Irische Geschichte unterscheidet sich selbstverständlich sehr von der Deutschen. Das war am Anfang sehr kompliziert. Zum einen, da das Niveau der genutzten Texte ziemlich hoch ist und zum anderen, da viele der anderen Mädchen die wichtigen Namen mit der Muttermilch aufgezogen haben, während ich noch nie von DeValera, Collins oder Griffith gehört habe. Mittlerweile komme ich im Unterricht aber sehr gut mit und das geschichtliche Wissen hilft auch um Irland besser zu verstehen.
Danach haben wir Berufsberatung. Dieses Fach dient zur Vorbereitung auf die Uni und es wird z.B. das Benotungssystem erklärt. Das ist zwar alles sehr sinnvoll, aber für uns Austauschschüler ist es überhaupt nicht wichtig.

Nach diesen beiden Stunden haben wir dann die Mittagspause. Die ist fast eine Stunde lang und meistens sehr entspannt und lustig, da eine gute Grundstimmung unter den Mädchen herrscht und es fast kein Gezicke gibt. Häufig wird gesungen, was gerade so angesagt ist und natürlich gibt es auch eine Gruppenwanderung in Richtung Toilette (Am Anfang hat es mich übrigens irritiert, dass es nur Mädchentoiletten, und deswegen auch keine Schilder an den Türen gibt, auch wenn das natürlich nur Sinn macht, in einer Mädchenschule ;)). Nach Der Pause habe ich dann Englisch und das mag ich sehr gerne. Wir lesen z.B. King Lear von Shakespeare, Wuthering Heights oder Gedichte von irischen oder englischen Poeten. Das macht mir Spaß und es fällt mir auch nicht so schwer. Ich glaube der Englischunterricht in Deutschland wird dann echt langweilig werden … aber mal abwarten 😉

Nach Englisch habe ich Mathe. Dort sind wir in das „Ordinary level“ und das „Higher level“ eingeteilt. Ich bin im ordinary level und das ist wirklich einfach und auch ein wenig langweilig, aber das ist schon okay  Grundsätzlich ist der Matheunterricht auf Englisch aber eine ganz schöne Umstellung. Vorher hätte ich gedacht, Mathe müsste, abgesehen von der Sprache, überall gleich sein. Das ist definitiv nicht so, und es hat echt lange gedauert, bis ich all die Techniken gelernt hatte, die hier gelehrt werden an Stelle von denen, die ich immer benutzt hatte. Das wird, zurück in Deutschland, dann wieder genauso ungewohnt schätze ich mal.
Danach haben wir Religion. Meistens dürfen wir da dann einfach nur Hausaufgaben machen oder wir schauen Filme. Ab und zu reden wir auch über Religion, aber eher selten.
In der letzten Stunde vor dem Wochenende habe ich dann Biologie. Dort machen wir ab und zu Experimente und ansonsten machen wir Notizen während die Lehrerin redet. Das ist sehr trocken und auch irgendwie langweilig, obwohl der Unterrichtsinhalt eigentlich echt spannend ist.

Generell gibt es hier nur Frontalunterricht, was für mich sehr ungewohnt war und auch immer noch ziemlich langweilig ist. Da bevorzuge ich den deutschen Unterrichtsstil schon eher.
Um 3:55 ist der Unterricht dann vorbei und ich fahre mit dem Bus nach Hause bis ich um ca. 4:50 zu Hause bin …
… ja das ist mein durchschnittlicher Schulalltag. Ganz anders als in Deutschland aber mittlerweile fast genau so vertraut.
Insgesamt muss ich sagen bevorzuge ich persönlich das deutsche Schulsystem. Ich finde es einfach besser, nachzudenken im Unterricht und auch mal zu diskutieren. Das vermisse ich sehr. Hier wird man leider fast gar nicht dazu angeregt selbstständig zu denken.
Aber trotzdem ist es interessant etwas so Anders kennen zu lernen und es hat schon ein paar Vorteile … zum Beispiel kann man im Unterricht besser mit offenen Augen schlafen, wenn man sowieso nie dazu aufgefordert wird, etwas zum Unterricht beizutragen … 😉