Časd utiká! oder: Die Zeit rennt viel zu schnell davon..

Unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht: jetzt war schon Weihnachten, die halben Ferien sind herum und bald beginnt das nächste Jahr. Die Weihnachtszeit war leider wenig entspannt, in der Schule war ziemlich viel los, an einem Tag hatte ich drei Konzerte, bei denen ich Klarinette gespielt habe und dazu kam natürlich noch das Geschenkesuchen. Das Letztere betrifft nicht nur meine Gastfamilie und Freunde hier, sondern auch nach Hause habe ich (leider ein wenig sehr verspätet..) ein kleines Päckchen geschickt. Aber Weihnachten hier in Tschechien habe ich insgesamt sehr genossen. Meine Gastmutter hat sich riesig gefreut, als ich zwei Wochen vor Weihnachten die Entscheidung getroffen hatte, an Weihnachten (und den folgenden zwei Feiertagen!) Fleisch zu essen. Nachdem ich zugegeben einige Albträume davor hatte, fiel es mir besonders am Heiligabend selber relativ leicht, Karpfen, Wurst, Schnitzel, Kartoffelsalat und noch einiges mehr mitzuessen. Danach war ich allerdings auch wieder ziemlich froh, darauf verzichten zu dürfen..
Aber ich möchte meine diesjährigen und auf jeden Fall auch einmaligen Weihnachten noch genauer beschreiben, denn es gibt einige tschechische Traditionen, die ich so in Deutschland nicht kannte. In Tschechien kommt „Ježíšek“ – das tschechische Christkind – wie in Deutschland am 24.Dezember abends. Zum Frühstück gibt es selbstgebackene „vánočka“ (ein süßes Hefeteigbrot) und schon morgens ist für eine Person mehr gedeckt. Das gehört hier zu Weihnachten, wir hatten bei jeder Mahlzeit einen Platz mehr gedeckt und eine Portion mehr eingeplant, falls ein Gast kommen sollte. Insgesamt wird über den Tag kaum etwas gegessen, zu Mittag nur eine kleine Suppe, denn man sollte unbedingt zu Abend Hunger haben: hier wird nämlich gesagt, an Weihnachten sollen 9 oder 12 verschiedene Essen auf dem Tisch stehen (die zweite Zahl kommt von den 12 Aposteln, den 12 Monaten…) und so sah das frühe Abendessen dann bei uns auch aus:). Aber davor waren wir noch draußen, um einen kleinen Spaziergang zu machen und den Waldtieren auch ein kleines Weihnachten zu bescheren und ihnen Dinge wie Äpfel, trockenes Brot, Karotten und Ähnliches zu hinterlassen. Zu Abend gab es dann, was sehr typisch ist, Karpfen mit weiteren vielen Essen. Als Zeichen des Glücks lag unter jedem Teller eine Fischschuppe, die man sich danach in den Geldbeutel steckt. Nach dem Essen haben wir dann noch Äpfel horizontal aufgeschnitten, um zu schauen, wie das nächste Jahr wird – wenn beim Aufschneiden das Kerngehäuse die Form eines Sterns hat, wird es gut. So ähnlich galt das auch für die Nüsse, die wir geöffnet haben: wenn sie gesund sind, wird auch das Jahr „gesund“. Zuletzt haben wir halbe Nussschalen in einer Wasserschale schwimmen lassen und dann besprochen, wie sie sich geordnet haben und was das für das nächste Jahr bedeutet. Am Ende gab es dann natürlich Bescherung und unter dem Baum lagen eindeutig viel zu viele Geschenke von meiner Gastfamilie für mich. Ich habe mich natürlich gefreut, hatte aber niemals so viel von ihnen erwartet oder gewollt. Zum Glück hatte ich aber auch etwas für sie und mein schlechtes Gewissen war nicht mehr so riesig;). Nach den Geschenken gab es noch ein zweites Mal Abendessen und später am Abend waren wir zum gemeinsamen Weihnachtsliedersingen noch in der Kirche in unserem kleinen Dorf. Sehr voll war es allerdings nicht und nach einer Stunde waren wir wieder zu Hause.

Auf dem Bild könnt ihr einen Teil unseres Weihnachtsessens nach dem Essen sehen;):

tschechien_6_Weihnachtsessen
In den folgenden zwei Tagen waren wir viel mit der hier wohnenden Verwandtschaft zusammen, wir gingen zu Besuch oder jemand kam zu uns. Es gab weitere Geschenke, es wurde viel gegessen und Eierlikör getrunken. Letzteres wird hier in jedem Haushalt zu Weihnachten selbstgemacht und das in verschiedenen Sorten. Was hier Weihnachten auch sehr prägt, sind „pohádky“, die Märchen, die zu jeder Tages- und Nachtzeit im Fernsehen laufen. Da es unzählige tschechische Internetseiten gibt, auf denen man sich Filme kostenlos ansehen kann, weiß ich schon, was mich nächste Weihnachten erwartet:). Wir haben teilweise schon über vierzig Jahre alte Filme gesehen, aber ebenso neue; Zeichentrickfilme, aber vor allem normale Spielfilme, aber das Wichtigste: sie waren meistens original tschechisch (ein paar auch aus dem Englischen, wie zum Beispiel „Kevin – Allein zu Haus“, und einer der großen Klassiker („mrazák“) ist aus dem Russischen übersetzt). Was mich gefreut hat, war, dass ich einen slowakischen Film fast genauso gut verstanden habe wie die tschechischen:). Die Sprachen sind sich echt noch ähnlich genug, dass es zwar einige unterschiedliche Wörter gibt, man sich aber gegenseitig verstehen kann. Da wir also einige Zeit vor dem Fernseher verbracht haben, konnte ich mich mal wieder dem Häkeln widmen und habe mir passend zum Winteranfang Handschuhe gehäkelt:). Hier hat es nämlich kurz nach Weihnachte das erste Mal so geschneit, dass der Schnee liegen blieb und ich mich darüber sehr gefreut habe. Von hier aus haben wir es nicht weit zur ersten Piste und wir planen schon das zweite Mal (ja, wir waren sogar schon einmal!) Skifahren.

Von einer weiteren, wenn auch kleineren Feierlichkeit muss ich noch erzählen: von meinem tschechischen Namenstag. Dieser war genau am 4-Monate-Jubiläum, dem 21. Dezember und in Tschechien ist der Namenstag fast so wichtig wie der Geburtstag. Ich habe allerdings nicht einmal gewusst, dass ich an diesem Tag Namenstag hatte und meine Gastfamilie hat mich richtig schön überrascht. Es gab ein paar kleine Geschenke und danach sind wir alle zusammen auf den „Weihnachtsmarkt“ in Broumov, der Stadt, in der ich auch zur Schule gehe, gegangen. Auch der Nachmittag verlief schön und der Tag gehört auf jeden Fall zu einem, an den ich mich gerne erinnern werde.

Da ich diesen Blogartikel ein bisschen in Etappen schreibe, muss ich euch noch von unserem Krakau-Besuch mit YFU erzählen. Wir „Tschechen“, zwei Mexikanerinnen (von denen eine im YFU-Büro arbeitet), eine Thailänderin und mit mir zwei Deutsche, haben uns schon am Tag vorher in Prag getroffen und sind nach knappen zwei Stunden Schlaf am nächsten Morgen um vier aufgestanden, um unseren Zug zu nehmen. In Polen haben wir uns dann mit den jetzigen Austauschschülern in Polen getroffen, die uns auf ihr Mid-Year-Seminar eingeladen hatten. In den drei Tagen in Krakau haben wir Tourismus gemacht, polnisches Essen (wie Piroggen oder Süßigkeiten) probiert und sind auch zu einer mehr als dreistündigen Führung nach Auschwitz gefahren. Allgemein konnte man beim Lesen durch die Tschechischkenntnisse einiges Polnisches verstehen, doch bei Unterhaltungen hat es kaum geklappt! Polnisch ist für mich eine Singsangsprache mit Zischlauten, die sehr seltsam aufgeschrieben werden. Für manche Laute hat man im Tschechischen einen Buchstaben, aber im Polnischen vier… Die Reise war sehr schön, es hat so viel Spaß gemacht, sich mit den anderen Austauschschülern auszutauschen und ich galube, wir haben es alle richtig genossen.

Links: Wir vier „Tschechen“ in Krakau:). Daneben könnt ihr eine tschechische Spezialität sehen, die sich „trdelník“ nennt und man überall in Prag kaufen kann.

tschechien_6_Krakau     tschechien_6_trdelník

Ansonsten gibt es dieses Mal gar nicht so viel Neues, ich habe mich eingelebt, meine Klasse ist weiterhin einfach super und mit der Familie läuft es auch gut. Inzwischen weiß ich schon meine Rückreisedaten und irgendwie macht mich das schon traurig. Aber ich sollte nicht die Tage zählen, sondern einfach die Zeit hier genießen. Manchmal habe ich das Gefühl, ich würde das Jahr nicht voll und ganz ausnutzen, aber ich glaube, das gehört vielleicht auch dazu. Insgesamt sitze ich ja wenig auf meinem Zimmer und langweile mich, also kann es so schlimm nicht sein;).

Ich wünsche euch allen, wenn auch ein bisschen verspätet, „šťastný nový rok“ und dass ihr es genießt,
Eure Natalie