Head uut aastat! – Frohes neues Jahr!

Tere tere!

Ich weiß, mein letzter Blogeintrag liegt schon wieder viel zu weit zurück (und Silvester auch), aber was soll man machen? Einerseits ist das Leben im Auslandsjahr ja auch viel zu aufregend, aber andererseits ist ja nun auch nicht mehr alles neu, und das, was man anfangs nur bestaunen konnte, ist zur Alltäglichkeit geworden. Dennoch ist seit meinem letzten Eintrag viel Spannendes passiert: Der von YFU organisierte Ausflug nach Helsinki; Weihnachtszeit samt „Päkapikud“, „Piparkook“ und nicht vorhandenem Schnee; ein verschlafener Schulanfang mit interessanter Chorprobe und ENDLICH Schnee Mitte Januar. Habe ich irgendetwas vergessen? Ich habe nämlich das Gefühl, dass der Monat November hier gerade sehr kurz kommt…abgesehen davon, dass in diesem grauen Monat quasi nichts passiert ist, ist es wohl viel wichtiger, dass ich ihn überhaupt überlebt habe. Diese Tristess war wahrlich nicht angenehm. Genug davon, fangen wir mit dem ersten Dezemberwochenende an:

YFU-Wochenende in Helsinki

Dies ist wahrscheinlich die beliebteste Reise, die YFU Eesti mit Austauschschülern veranstaltet. So sind auch wir dieses Jahr zusammen nach Helsinki gefahren. Da fast alle Austauschschüler mitfuhren, hatte ich mich schon im Vorfeld wahnsinnig auf diesen Trip gefreut. Als es dann auch endlich losging, haben wir frohen Mutes das Schiff nach Helsinki gute zwei Stunden unsicher gemacht. Endlich in Finnland angekommen ging es dann aber nicht wie erhofft ins Warme, stattdessen wurden wir von einer Gruppe toller finnischer YFU-Mitarbeitern begrüßt, welche uns in Gruppen einteilten und schließlich zu einer Stadtrallye einluden…was uns allen wohl eher Angst machte, denn in Helsinki war es zu dem Zeitpunkt wesentlich kälter als in Tallinn. Das stellte sich hinterher dann als gar nicht so großes Problem heraus, denn die Rallye-Aufgaben, die uns quer durch die Innenstadt von Helsinki führten, hielten uns davon ab, ins Warme zu gehen.
Am Ende vom Tag, reichlich durchgefroren aber glücklich (was möglicherweise auch daran lag, dass wir Chance bekommen hatten, die schönsten Läden der Innenstadt zu erkunden), ging es dann für eine Nacht in finnische Gastfamilien. Ich war mit einer tschechischen und einer thailändischen Austauschschülerin bei einer Familie eingeteilt, die uns vom ersten Augenblick an unglaublich warmherzig aufgenommen hat. Am nächsten Tag sind wir dann früh aufgebrochen, denn ein Besuch im „Heureka“ stand an. Das ist ein finnisches Science Centre in Vantaa, nicht weit von Helsinki. Meiner Meinung nach hatten wir dort viel zu wenig Zeit, denn es gab einfach so viel zu entdecken, dass wir bestimmt auch den ganzen Tag dort hätten verbringen können. Am Abend dann ging es mit dem Schiff zurück nach Tallinn (was irgendwie gar nicht so lustig war wie die Hinfahrt, einzig und allein den Mexikanern ist nicht schlecht geworden…)

Weihnachtszeit in Estland

Soviel kann ich schon einmal ganz zu Anfang sagen: Wirklich groß untrscheiden sich estnische und deutsche Weihnachtsbräuche nicht. Was aber fest zur Weihnachtszeit dazugehört, sind „Päkapikud“: das sind Weihnachtswichtel und das, was sie tun, lässt sich als wohl am besten als Mischung aus Nikolaus und Adventskalender beschreiben. Die Kinder stellen einen Hausschuh vor ihre Zimmertür, und jeden Morgen hinterlassen die „Päkapikud“ ein kleines Geschenk. Dass dies jeden Tag im Dezember bis zu Heligabend so geht, hat mich erst sehr verwundert (meine Gastmutter hat mir aber versichert, dass die „Päkapikud“ in ihrer Kindheit jeden Advent kamen und nicht jeden morgen). Die Adventssonntage sind hier viel weniger wichtig als in Deutschland und Adventskränze sind nicht wirklich verbreitet.
Und wenn die Esten in der Adventszeit eine Sache lieben, dann sind es (abgesehen von Mandarinen, die in meiner Klasse einen absoluten Hype erlebten) „Piparkoogid“, was nichts anderes als „Pfefferkuchen“ bedeutet. Hier wird in den Supermärkten und Konditoreien massenweise fertigr Pfefferkuchenteig angeboten, aus dem man dann einfach nur noch Plätzchen ausstechen muss. Der Vorteil ist, dass man dann längst nicht so viel Zeit brauchen und sich her aufs Verzieren der Plätzchen konzentrieren kann, der Nachteil ist allerdings, dass man zum Schluss Pfefferkuchen im Überfluss hat und der Anblick lässt einem dann Mitte Januar nicht mehr wirklich das Wasser im Munde zusammenlaufen.
Das Weihnachtsfest mit meiner Gastfamilie war viel, viel erträglicher als erwartet. Heiligabend war der Tag, den die meisten Austauschschüler schon lange gefürchtet hatten, und wir alle malten uns einen furchtbaren Tag voller Heimweh und allgemeiner Enttäuschung und Traurigkeit aus. Gott sei Dank hat meine Gastfamilie auf übertriebene Weihnachtsatmosphäre verzichtet, sodass es sich nicht einmal wirklich wie Weihnachten anfühlte. Das mag seltsam klingen, doch es hat mir sehr geholfen.

Beim Begrüßungsseminar Mitte August sollten wir zusammentragen, was unsere Erwartungen, Hoffnungen und Ängste bezüglich des Gastlandes und unseres Austauschjahrs sind. Bei vielen gehörte „Schnee“ zu den Hoffnungen und bei anderen sogar zu den Erwartungen. Mir wurde gesagt, dass normalerweise schon Ende Oktober etwas Schnee liegt und im Dezember dann der Schnee fällt, der teilweise bis Mai hält. In der Hinsicht wurden wir leider alle enttäuscht. Anfang Dezember hatten wir mehrere feine Schichten Schnee hinter uns, die dann morgens die Landschaft bedeckten und nachmittags schon wieder verschwunden waren. Zu Weihnachten hatten wir dann herbstliche 4°C und grünen Rasen. Was zu Silvester leider auch nicht anders war. Auch beinahe den ganzen Januar hindurch: nichts. Bis dann plötzlich eines Nachts Schnee fiel…und der liegt immer noch! Gestern bin ich mit meiner Gastfamilie etwas aus der Stadt hinaus
gefahren, und dieser klare, estnische Winter mit seinem Schnee, der die Landschaft aussehen lässt wie aus Kristall, ist einfach viel zu schön, um ihn in Wort fassen zu können.

Schule

Also erst einmal, damit das auch klar ist: Schule findet statt. So etwas wie kälte- beziehungsweise schneefrei gibt es schon, doch das folgt klaren Regeln, im Gegensatz zu Deutschland, wo das Ermessen der Verantwortlichen entscheidet. Und diese Regeln heißen: es muss mindestens -20°C kalt sein, damit die Schule ausfällt. Die Mengen an Schnee sind da weniger entscheidend.

Der Schulanfang zeichnete sich vor allem durch sein Trägheit aus. Fast die ganze erste Woche lang waren meine Klassenkameraden und ich kaum ansprechbar und unsere bekamen von uns teilweise tief schlafenden Schülern sowieso nicht viel Aufmerksamkeit. Doch für uns Chormitglieder stand schon gleich zu Anfang eine relativ anspruchsvolle Veranstaltung an: eine große Chorprobe mit vielen gemischten Schulchören aus ganz Tallinn in Vorbereitung auf das Sängerfest, dass alle fünf Jahre stattfindet und so auch wieder dieses Jahr. Obwohl ich von meinem Chor sonst ganz gerne übergangen werde, da ich stimmlich nicht viel zu bieten habe und eigentlich nur mitsingen darf, weil ich am Sängerfest teilnehmen möchte, kam ich mit zur Probe, die von anscheinend sehr berühmten Sängern durchgeführt wurde (die ich aber natürlich allesamt nicht kannte). Das Prozedur dauerte mehrere Stunden, und abends lief in den Nachrichten ein kleiner Beitrag darüber.

Ich habe übrigens das Gefühl, dass ich mich in der Schule mal gewissermaßen „outen“ müsste…zum Anfang des Schuljahres bin ich zu allen Lehrern hingegangen und habe ihnen erklärt, dass ich kein Estnisch spreche und mich deshalb auch leider, leider nicht am Unterricht beteiligen kann. Seitdem habe ich mit den meisten von ihnen nicht mehr gesprochen, und in ihren Augen bin ich wahrscheinlich immer noch die deutsche Austauschschülerin, die eh kein Wort versteht. So ist es aber schon lange nicht mehr…viel mehr ist es so, dass ich nicht verstehen will. Ich weiß, das ist ganz und gar nicht gut, aber wenn man fünf Monat lang zur Schule geht, ohne ernsthaft zu lernen, eignet man sich eine Faulheit an, die man kaum wieder ablegen kann. Mal ganz abgesehen davon, dass man im Unterricht ohnehin total hinterher ist. Ein bisschen Angst habe ich also schon davor, in Deutschland wieder zur Schule zu gehen und absolut überfordert zu sein.

Seit wir so viel Schnee haben, gehen wir im Sportunterricht einer ganz bestimmten, typisch nordischen Sportart nach: Wir gehen Langlaufen. Da ich letzten Montag, vor genau einer Woche also, das erste Mal auf Skiern stand, war das sehr ungewohnt…und nicht wirklich erfolgreich. Macht mich angesichts der Tatsache, dass ich in den Frühlingsferien mit meiner Gastfamilie nach Norwegen zum Skifahren gehe, gaaar nicht nervös….nein, nein. :/

Sprache

Estnisch ist wirklich eine Sprache, die man sich nur ansieht und von man dann denkt, dass sie vollkommen unerlernbar sei. Ganz so schlimm ist es aber doch nicht. Mittlerweile ergibt sogar die Grammatik etwas mehr Sinn (obwohl…das stimmt nicht ganz, denn manchmal wirkt es so, als seien Nominativ, Genitiv und Akkusativ komplett austauschbar).
Beispiel gefällig? „Ich nehme Brot“ war ein Satz, der mir wirklich Kopfzerbrechen bereitet hat. Hatte ich vor, etwas Brot zu nehmen und zu essen, so sagte ich „Ma võtan leiva“ (Ich – nehme – des Brotes, also Genitiv), denn den Genitiv hatte ich in Verbindung mit dem Wort für „nehmen“ schon oft gehört. Meine Gastfamilie wies mich jedoch darauf hin, dass dieser Satz bedeuten würde, dass ich einen ganzen Brotlaib einfach nehmen wolle. Richtig wäre statt „leiba“ statt „leiva“, also Akkusativ, denn das würde sich nur auf einen Teil des Brotes beziehen und nicht auf den ganzen Laib an sich…keine Sorge, ich verstehe es auch nicht.
Abgesehen von der oft noch sehr holprigen Grammatik (soll ich euch vielleicht auch noch die drei estnischen Vokallängen „kurz“, „lang“ und „überlang“ erklären?), verstehe ich schon eine ganze Menge. Ich rede mit meiner Gastfamilie nur noch Estnisch und mit dem Großteil meiner Klassenkameraden auch. Das hilft ungemein und auch wenn man oft das Gefühl hat, gar keine Fortschritte zu machen, weil man nur langsam neue Wörter lernt, so ist man doch auch immer von sich selber überrascht, wenn man bedenkt, dass man vor fünf Monaten nicht mehr als ein „Hallo, mein Name ist soundso“ herausbekommen hat. Auch die Lieder, die man im Chor singt, werden immer verständlicher (obwohl es keine große Überraschung ist, dass die größtenteils ohnehin von der Schönheit des Vaterlandes handeln… 😉 )

So, das war es dann erst einmal wieder von mir, das nächste Mal berichte ich euch von meiner Reise nach Norwegen 🙂

Bis zum nächsten Mal!

Maryam