„Ainult aja küsimus“

…“nur eine Frage der Zeit“, dass ich mal wieder schreibe. Beinahe zehn Wochen sind schon um und ich habe noch nichts von mir hören lassen! Das soll sich ändern, denn es gibt wahnsinnig viel zu erzählen. Ich glaube nicht, dass ich jemals so viel Spannendes in in nur zwei Monaten erlebt und gelernt habe.

Ankunft in Estland

Himmel (oder auch „Issand jumal!“, was die Esten bei jeder Gelegenheit benutzen. Der vielseitigste Fluch, den ich kenne, und gleichzeitig auch der am wenigsten anstößige), das kommt mir schon wahnsinnig lange her vor. Der Moment, als ich (als letzte und auch leicht verspätet) einen Fuß ins Flugzeug gesetzt habe und mir klar wurde, dass ich das Land, in dem ich mich gerade noch befinde, erst nächstes Jahr wiedersehen werde und damit auch all die Menschen und Dinge, die mir wichtig sind, war einfach unbeschreiblich überwältigend und scheint mir gleichzeitig wie nur eine sehr vage Erinnerung. Wie lange ist es schon her? Zwei Wochen? Zwei Monate? Zwei Jahre? Das Zeitgefühl ist mir verloren gegangen, glaube ich. Was mir sehr viel mehr im Gedächtnis geblieben ist (abgesehen von meiner ersten estnischen Kohuke, der besten Süßigkeit überhaupt, die ich am gefühlt kleinsten Flughafen der Welt gegessen habe), sind die vier Vorbereitungstage, die wir in einem Ort, etwas außerhalb von Tallinn, verbracht haben. Dort haben wir alle Austauschschüler, die mit YFU ein Jahr in Estland verbringen, kennengelernt und gemeinsam wurden wir spitzenmäßig auf unser Austauschjahr vorbereitet. Die Teamer waren einfach klasse und man merkte ihnen an, wie viel Spaß sie hatten. Wir haben über Schule, Freunde, möglicherweise auftretende Probleme usw. geredet und haben außerdem jeden Tag Estnisch gelernt. Das war wahnsinnig hilfreich aber auch wahnsinnig ermüdend. Diese Grammatik…14 Fälle sind nun wirklich kein Zuckerschlecken.
Aber daneben hatten wir auch alle gemeinsam unheimlich viel Spaß und bin froh, wie viele neue Freunde ich gefunden und wie viel gelernt habe. Ein wirklich gelungener Einstieg in unser Austauschjahr.

Gastfamilie

Unsere Gastfamilien lernten wir am letzten Tag der Vorbereitung kennen. Nachdem wir alle vor Aufregung um die Wette gezittert hatten und alle Gastfamilien mit einer von uns gesungen Variante „Mein Hut, der hat drei Ecken“ (auf Estnisch!) beglückt hatten, durften wir sie dann auch wirklich kennenlernen. Es gab eine Art gemeinsames Picknick und ein paar Spiele, dann fuhren wir auch schon los und ich lernte die neuen Leute und das neue Umfeld kennen, welche mich ein Jahr lang umgeben werden.
Ich habe in meinem letzten Eintrag komplett versäumt, euch meine Gastfamilie vorzustellen, was ich aber jetzt tun werde.
Meine Gastfamilie besteht aus meiner Gastmutter, meinem Gastvater und meinen drei Gastgeschwistern. Meine beiden Gastbrüder sind 18 und 8, meine Gastschwester ist 14. Mein älterer Gastbruder ist noch vor meiner Ankunft in die deutschsprachige Schweiz geflogen, um dort ebenfalls mit YFU ein Austauschjahr zu machen (und Andreas, falls du das liest, ja, du darfst meinen Blog lesen, wenn du ihn verstehst :D). Persönlich lerne ich ihn dann also erst nächstes Jahr kennen. Mit meinem kleinen Gastbruder und meiner Gastschwester verstehe ich mich sehr gut (auch wenn die Konversationen zwischen mir und meinem Gastbruder eher dürftig sind, da er nur Estnisch versteht und Kinderestnisch mir dann teilweise doch zuu hoch ist). Wir leben in der Hauptstadt Estlands, Tallinn. Ich fühle mich in meiner Gastfamilie jedenfalls sehr wohl und finde auch die Ausflüge, die sie mit mir unternehmen toll. Wir waren bereits auf Hiiumaa, einer ziemlich großen estnischen Insel, in Tartu im Süden und in Sankt Petersburg in Russland, eine Reise, von der wir gerade vor zwei Tagen zurückgekommen sind. So habe ich verschiedene Seiten Estlands kennengelernt, denn es ist auffällig, wie sehr sich das Land doch unterscheidet, der Norden, der Süden, der Osten und die Inseln, alle sind irgendwie anders, und das in so einem kleinen Land.
Außerdem waren wir gleich an unserem ersten gemeinsamen Abend beim Konzert von Robbie Williams, was ein großartiges Ereignis war, da, ehrlich gesagt, große Stars sich nicht allzu häufig nach Estland verirren, außerdem war auch noch Unabhängigkeitstag und die Stimmung war, wie das Konzert auch, entsprechend bombastisch. Einen geileren Anfang für mein Auslandsjahr kann ich mir nicht vorstellen!

Schule, Fuchswoche etc.

Der erste Schultag in Estland ist generell immer der 1. September, an einigen Schulen so auch dieses Jahr, was hieß, dass einige Schüler sonntags zur Schule mussten, ich glücklicherweise nicht. Hier in Estland ist es Tradition, sich zum ersten Schultag fein anzuziehen und dem Lehrer Blumen zu überreichen. Ich muss sagen, dass ich schon ein wenig Bammel hatte, was sich nach diesem Tag auch nicht wirklich gelegt hat. Der Tag bestand eigentlich nur aus Singen und Schulregeln anhören und war dementsprechend kurz. Nachdem ich mich kurz vorgestellt hatte, unser Klassenlehrer einige organisatorische Dinge mit uns besprach und wir die Blumen überreichten, war es auch schon vorüber und jeder machte sich so schnell aus dem Klassenzimmer wie möglich. Niemand schien sich auch nur im Geringsten für mich zu interessieren, wohin die mexikanische Austauschschülerin, die ebenfalls auf meine Schule geht, jede Menge Aufmerksamkeit bekam und anscheinend schon Freunde gefunden hatte. Das soll aber typisch für die Esten sein, dass sie erste Begegnungen scheuen (und ich war bei weitem nicht die einzige, der das so ergangen ist, andere Austauschschüler berichteten Ähnliches). Meine Sorgen, so stellte sich heraus, waren allerdings völlig unbegründet, denn zumindest der Großteil der Klasse ist sehr extrovertiert, offen und fröhlich und ich wurde schon am nächsten Tag toll aufgenommen. Ich komme wunderbar mit meinen Klassenkameraden zurecht und fühle mich auch insgesamt sehr wohl an der Schule. Unsere Fuchswoche hatten wir auch schon. Während der Fuchswoche waren wir Zehntklässler die „Füchse“ und die Zwölftklässler unsere „Götter“, und sie konnten mit uns tun und lassen, was sie wollten…eine ganze Woche voller ekliger Aufgaben und Essen, an das man einfach nicht mehr denken möchte, dazu demütigende Klamotten. Am Ende bin ich dann, über und über mit Haarspray und Eigelb, nach Hause gefahren, während für mich feststand, dass das definitiv die lustigste Schulwoche meines Lebens war und wir so etwas dringend in Deutschland brauchen.
An der Schule stört mich also kaum etwas, eigentlich nur das Essen…sehr fleischlastig. Eigentlich bin ich Vegetarierin, doch hier in Estland in Fleisch praktisch unumgänglich und ich esse es fast jeden Tag, weil meine Schule es in jedem Gericht als nötig ansieht und sich um keine Alternativen bemüht. Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt und werde dann einfach nächstes Jahr zu meinen eigentlichen Gewohnheiten zurückkehren.

Die Sprache

Puh, Estnisch. Das ist eine Sprache, an die man mit Geduld herangehen muss. Mit den meisten europäischen Sprachen ist sie in keinster Weise verwandt, lediglich mit Finnisch und entfernt mit Ungarisch. Einzig und allein in Estland von nicht viel mehr als 1 Mio. Menschen gesprochen und über estnische Grenzen hinaus nicht wirklich nützlich, kommt man als Lernender manchmal ins Grübeln, was die eigentliche Motivation war oder überhaupt noch ist. Gott sei Dank ist die Frage leicht beantwortet, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, in was für einem tollen Land sich gerade befindet und wie schön es wäre, sich mit seinen neuen Freunden in ihrer Muttersprache unterhalten zu können. Leicht ist das aber wirklich nicht. Diese Sprache, die Präpositionen besitzt, aber lieber Fälle benutzt, es Worte wie „jäääär“ gibt und zig Unregelmäßigkeiten auftauchen, macht einem das Lernen nicht gerade leicht. Zuhause muss ich Estnisch sprechen, weil meine Gastfamilie das von mir erwartet und ich meinen kleinen Gastbruder und meine Gastoma ja auch nicht übergehen kann. Darüber bin ich auch sehr glücklich, denn meine Fortschritte sind, rückblickend, doch recht groß. Anfangs konnte ich nicht viel mehr als „Mhm“ und „OK“ antworten, mittlerweile bringe ich mehr oder weniger vollständige Sätze zustande. 😉 Laut meinem Gastvater war mein erster Satz „Aga kärbes ei meeldi mulle“, also „Ich mag die Fliege aber nicht“. Besonders sinnvoll ist das nicht, ich weiß…

Nach einer Woche Ferien fängt also morgen wieder die Schule an, und auch wenn das sehr oft recht ermüdend ist, ich freue mich dennoch drauf. Wenn sie mir nicht zu viel an Arbeit wird, lasse ich demnächst, hoffentlich nicht erst wieder in zwei Monaten etwas von mir hören. 🙂

Head aega!

Eure Maryam