Ein Bericht… :)

Vor zwei Wochen habe ich einen Erfahrungsbericht geschrieben, u.a. für die YFU-FörderInnen meines Osteuropa-Stipendiums 🙂

 

Liebe Förderinnen und Förderer!

 

Ich bin jetzt schon gute drei Monate hier in Estland und ich kann diese tolle Zeit eigentlich gar nicht in Worte fassen. Es ist unglaublich schön, interessant, spannend, aufregend, faszinierend, einzigartig und vieles mehr! Ich lebe in einer klassen Familie und habe schon viele tolle Menschen kennengelernt. Ich konnte Erfahrungen sammeln, die ich zuhause in Deutschland nie so hätte erleben können und es werden mehr folgen. Einiges wird mir wahrscheinlich auch erst später bewusst werden und ich werde es nach meiner Rückkehr verstehen, so kann ich mein Leben lang von meinen Erfahrungen schöpfen. Ich erfahre hier in Estland eine neue Kultur und neue ‚Wege zu leben‘, die sich mir nach und nach erschließen. Ich fange an, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

 

Familie & Sprache

Ich bin sehr glücklich in so einer tollen Familie zu leben. Vom ersten Augenblick haben mich alle herzlich aufgenommen und ich habe immer das Gefühl willkommen zu sein. Meine Eltern und meine beiden Schwestern helfen und unterstützen mich wo sie können, damit ich mich gut einleben konnte und mich immer zurecht finde. Wir verbringen viel Zeit miteinander, machen Ausflüge, kochen und backen gemeinsam. Sie erzählen und erklären mir viel über Estland, die estnische Kultur und Geschichte, die oft noch sehr präsent und ’nah‘ ist. Gleichzeitig sind sie auch sehr an mir interessiert und ich kann von meinem Leben in Deutschland und meinen Erfahrungen berichten. Es ist toll wie vertraut man Menschen nach so kurzer Zeit sein kann.

Mit der neuen Sprache klappt es auch schon sehr gut. Ab und zu träume ich auch in Estnisch, allerdings sind das noch sehr einfache Sachen wie „Meine Stadt ist kleiner“ oder „Mir geht es hier super!“. Allgemein sind die Menschen in meinem Umfeld sehr motiviert mir Estnisch beizubringen. Ich lerne viel, aber der beste (und lustigste) Weg ist, einfach so viel wie möglich Estnisch zu sprechen. Dabei merke ich, dass ich jeden Tag kleine Fortschritte mache. Es macht mir sehr viel Spaß und Freude diese neue Sprache zu lernen. Es ist unheimlich spannend eine Sprache zu lernen, mit der ich, so wie die meisten Nicht-Esten, vorher noch nie in Berührung gekommen bin und es ist toll zu beobachten, wie sich mir immer mehr erschließt. Auch wenn einige Wörter vom Deutschen abstammen, klang Estnisch anfangs ungewohnt, vor allem der Buchstabe „õ“ dessen Aussprache angeblich 1837 von Otto Wilhelm Masing als „das Aufstöhnen eines Bauern’s bei harter Arbeit auf dem Feld“ beschrieben wurde. Sonst spricht man im Estnischen allgemein alles so aus wie man es schreibt, so wird Gymnasium Gümnaasium und Physik füüsika geschrieben. Ich bin es aus dem Deutschen gewohnt ‚ei‘ wie ‚ai‘ auszusprechen. Hier wird ‚ei‘ tatsächlich ‚ei‘ oder ‚ey‘ gesprochen und so kommt es nun vor, dass ich bei deutschen Texten auch ‚ei‘ lese und beispielsweise ‚es schneit‘ anstatt ‚es schnait‘ ‚es schneit‘ ausspreche oder denke.

Eine Lehrerin meiner Schule, die ein bisschen Deutsch kann, gibt mit zweimal in der Woche Estnischunterricht. Wenn jemand mit mir Englisch spricht, sagen meine Freunde immer zu dieser Person „Spricht Estnisch!“, denn sie wissen, dass ich das meistens auch auf Estnisch kann. 🙂 Natürlich mache ich noch einige Fehler, so habe ich zum Beispiel in einer Präsentation für Musik über das Schloss Neuschwanstein anstelle von „magamistuba“ (=Schlafzimmer) „magamatuba“ geschrieben, was etwa mit „Zuschlafenzimmer“ übersetzt werden kann. Meine Klasse, meine Lehrerin und ich, nachdem ich verstanden hatte, wieso alle losgelacht haben, waren darüber sehr amüsiert.

Auch sehr lustig war, als wir in der Klasse am „õpetajapäev“ (=Lehrertag, die 12er sind für einen Tag LehrerInnen) das Märchen Rapunzel laut vorgelesen haben. Einige zuerst auf Deutsch und ich habe den Schluss auf Estnisch gelesen, von dem ich aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht viel verstanden habe. Allerdings habe ich ein umgeschriebenes Ende bekommen, in dem der Prinz mit Rapunzel durchbrennt. Als ich dann nichtsahnend dieses vorgelesen habe, konnte sich meine Klasse vor Lachen nicht mehr halten.

 

Andere Verhältnisse

Estland ist mit einer Bevölkerung von rund 1,3 Millionen ehr ein kleiner Staat. Die Hauptstadt Tallinn ist mit 400.000 EinwohnerInnen auch die größte Stadt, gefolgt von Tartu mit 100.000. Beide Städte sind sehr schön, und Tallinn ist zur Zeit Kulturhauptstadt Europas. Ich lebe außerhalb der Stadt Jõgeva, die zentral-östlich gelegen ist. Ich war schon zweimal am nahegelegen Peipsi-See, dem 5. größten See Europas, den die Menschen hier manchmal liebevoll „kleinen Ozean“ nennen. Jõgeva hat ca. 6000 EinwohnerInnen und ist somit rund 100-mal kleiner als meine Heimatstadt Dortmund. Ich bin auch ein Kind des Ruhrgebiets und für mich ist es ganz neu ‚auf dem Land zu leben‘. Doch ich finde es es sehr spannend diese Erfahrung zu machen und die Strukturen zu erkennen. Es ist unglaublich wie schnell sich Neuigkeiten herumsprechen und wie vielen Menschen ich, die hier erst seit 3 Monaten lebt, auf der Straße begegne. Außerdem genieße ich die Ruhe und die Dunkelheit, die in einer Großstadt nicht zu finden sind.

Da es nicht sehr viele Freizeitmöglichkeiten für Jugendliche in Jõgeva gibt, läuft viel über die Schule. Es gibt viele Veranstaltungen von SchülerInnen für SchülerInnen, z.B. den ‚Salon-Abend‘, für den jede 9er bis 12er Klasse einen kleinen Film gedreht hat; der Schulgeburtstag wird jedes Jahr gefeiert; es gibt Gedenktage oder -wochenende für berühmte Personen, die auf unserer Schule waren, etc. Das bin ich von meiner Schule in Deutschland nicht so gewohnt. Ich gehe einmal die Woche zu unserem Frauenchor und einmal zum gemischten. Meine Sportlehrerin ist auch meine Leichtathletiktrainerin und in der Schule gibt es einen Fitnessraum, der auch nachmittags genutzt werden kann. Außerdem gibt es unter anderem eine Theatergruppe, Volleyball- und Basketballtraining in der Schule und ein Fußball- und Leichtathletikstadion neben der Schule. Das alles bei einer Gesamtschülerschaft von 600, jedoch ist in Estland die Schule für alle zusammen, also von der 1. bis zur 12. Klasse.

 

Die estnische Natur ist beeindruckend!

Ungefähr die Hälfte der Landfläche ist mit Wald bedeckt und auch ich wohne neben einem Wald, in dem ich mit meiner Familie schon Pilze gesammelt haben. Viele Esten essen Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten und auch wir haben Apfelbäume, Johannisbeeren, Erdbeeren, Zucchini, ganz viele Tomaten, Gurken, Zwiebeln, Paprika. Als es noch etwas wärmer war, waren wir auch Sanddorn und Cranberries pflücken. Es gibt viele Moore und Naturschutzgebiete, von denen wir einige gemeinsam besichtigt haben. Durch die viele (unberührte) Natur ist die Luft immer frisch. Mein Vater weiß durch seinen Beruf sehr viel über den Wald und die Tiere und Pflanzen, die in ihm zu finden sind, und er kann mit immer etwas erklären.

Morgens wenn ich aufwache ist es meistens noch so dunkel, dass ich von meinem Fenster die Sterne sehen kann. Wenn ich dann gemeinsam mit meinen Schwestern und meinen Eltern zur Schule fahre, ist der ganze östliche Horizont von der aufgehenden Sonne orange gefärbt. Bei Sonnenuntergang (zur Zeit gegen halb 5) ist der Himmel rosa-rot-orange. Manchmal bleibe ich dann einfach stehen und genießen dieses farbvolle Naturereignis. Wenn wir abends oder nachmittags gemeinsam nach Hause fahren, gucke ich meistens nur aus dem Autofenster genieße den Ausblick und bin beeindruckt, wie verschieden schön der Himmel zur gleichen Zeit sein kann oder wie leuchtend hell das Firmament ist. Ich habe noch nie so viele Sterne beobachten können und ich sehe die Milchstraße fast jeden Tag! Estland ist sehr flach und nicht sehr dicht besiedelt, wodurch der Horizont immer sehr weit ist und der Blick in den Himmel nicht gestört wird.

Ich finde und nehme ich mir hier die Zeit stehenzubleiben, mich um zugucken, zu beobachten, in den Himmel zu gucken, meinen Blick schweifen zu lassen, den ‚Alltag‘ und das ‚Normale‘ genauer zu betrachten. Alles ist neu und spannend für mich, und ich weiß ich werde nach meiner Rückkehr auch die Dinge in Deutschland anderes betrachten. Dadurch kann ich meine Umfeld besser kennen und schätzen lernen.

 

Außerdem erlebe ich hier eine neue Sicht auf die Dinge. Hier in der Ferne kann ich die alles anders reflektieren, mein persönliches Leben, aber auch meine Einstellung. Durch die unterschiedlich Geschichte, durch die andere Kultur, durch ein anderes Familienleben, sind hier andere Sachen ’normal‘. Das können so banale Sachen wie Garderoben in Schulen und fast allen anderen öffentlichen Gebäuden, oder die Art und Weise wie „Gute Nacht“ gesagt wird.

Ich habe mein gewohntes Umfeld verlassen und mich auf etwas ganz Neues eingelassen. Ein fremdes Land, eine fremde Sprache und ersteinmal fremde Menschen. Ich war – und bin es natürlich immer noch – sehr neugierig und erkundungsfreudig und möchte so viel wie möglich sehen und lernen.

Jeder Tag bringt neue Erfahrungen und ist ein kleines Abenteuer für sich.

Jeder Augenblick ist ein ganz besonderer, den ich sehr zu schätzen weiß.

Ich danken Ihnen aus ganzen Herzen, dass Sie mir dieses unglaubliche Jahr ermöglichen!!

 

 

 

 

 

Ich mit meinen Schwestern Heli und Helje (vlnr) am 1. Schultag

Ich, meine Schwester Heli und meine Mutter beim kiicking (schaukeln)

Meine Schwestern Helje und Heli und ich im Sanddornfeld.

 

Helje, Heli und ich vorm Pilze sammeln.

Ein Sonnenuntergang, wie ich ihn fast jeden Tag sehe.

 

Der Peipsi-See mit untergehender Sonne.