Auf dem Weg nach Estland

So, da sitze ich nun endlich im Flugzeug, Flug Nr. 882 von Frankfurt nach Tallinn. Es ist Dienstag, der 16.August, 15 Uhr und ich habe schon eine Autofahrt von Dortmund nach Düsseldorf und einen weiteren Flug von dort nach Frankfurt hinter mir. Doch so richtig begriffen, dass ich jetzt ein Jahr in Estland leben werde, habe ich trotzdem noch nicht. Ich denke, das wird frühesten passieren, wenn ich in meine Familie gekommen bin und mich etwas eingelebt habe. Die kleinen Momente, in denen ich vor Glück, Vorfreude, Aufregung, Begeisterung, etc. schreiend in die Luft springen könnte, die ich seit meiner Zusage im Januar regelmäßig habe, genieße ich aber natürlich auf meinem Weg des Begreifens.

Beim Verabschieden heute morgen hatte ich schon ein komisches Gefühl. Die Menschen, die ich sonst tagtäglich sehe, die ich eigentlich seit meiner Geburt kenne und mit denen ich so viel erlebt habe für ein Jahr nicht mehr zu sehen und hier hinter mir zu lassen, das alles war schon ein komisches Gefühl. Ein ähnliches Gefühl hatte ich bei meiner Abschiedsfeier letzten Mittwoch. Es war schön, so viele Menschen, die mir wichtig sind, ein letztes Mal zu sehen. Für ein Jahr. Und ein Jahr ist andererseits gar nicht so lange. Wenn ich mir überlege, was ich vor einem Jahr gemacht habe und wie schnell diese Zeit vergangen ist, finde ich das teilweise schon erschreckend. Doch ein Jahr kann auch viel verändern, und das nächste Jahr wird vor allem mich verändern.

Wenn in gleich um 17.45 Uhr Ortszeit in Tallinn lande (Estland befindet sich nämlich in einer anderen Zeitzone und ist den Mitteleuropäern eine Stunde voraus), werde ich nicht direkt in meine Gastfamilie kommen, sondern erst ein vier-tägiges Arrival Camp mit allen YFU-AustauschülerInnen, die ein Jahr in Estland verbringen, haben. Hier werden wir nochmals auf unser Jahr in einer fremden Kultur vorbereitet, bekommen eine Einführung in die estnische Sprache und die VBT-Inhalte (Vorbereitungstagung, die ich im Mai eine Woche lang hatte) werden aufgefrischt. Danach werde ich dann am 20.August von meiner Gastfamilie wahrscheinlich abgeholt. Dieser Tag ist übrigens der estnische Unabhängigkeitstag und ich werde sehen, ob und wie meine Familie diesen Tag feiert.

Zu meiner Familie gehören meine Gasteltern … und Ain, die auch emme ja isse (estnisch für Mama und Papa 😉 nennen darf, meine 19-jährigen Gastschwester Heli, die selber ein Jahr in Texas verbracht hat, meine 17-jährigen Gastschwester Hille, die dieses Schuljahr in Belgien verbringen wird, meine 15-jährigen Gastschwester Heljie und eine Katze namens …. . Wir wohnen in einem sehr kleinen Dorf namens Painküla mit um die 30 (!!) EinwohnerInnen. Ob man Painküla überhaupt Dorf nennen kann oder ob es nur eine Ansammlung von Häusern ist, muss ich noch herausfinden 😉 Auf jeden Fall bin ich sehr gespannt wie das Leben außerhalb einer Großstadt, fernab von Hochhäusern, öffentlichem Nahverkehrsmitteln, Geschäften und (Straßen-) Lärm, dafür umgeben von Wald und Natur so sein wird.

So langsam nähern wir uns Tallinn und alle Passagiere müssen während des Landens die elektronischen abschalten. Über meine ersten Eindrücke aus Estland werde ich in den nächsten Tagen berichten. Bis dahin wünsche ich alles Gute 🙂