Wie es endet

Vor zwei Tagen bin ich aus meinem Austauschjahr zurückgekehrt und wohne wieder zuhause in Deutschland. Eigentlich fühle ich mich ganz normal, aber ich glaube, ich werde alles erst später realisieren und dann das gesamte Jahr noch einmal innerlich verarbeiten. Trotzdem versuche ich so gut es geht, aus meiner jetzigen Perspektive von dem sehr ereignisreichen und emotionalen letzten Monat in Ungarn zu erzählen.

 

VENEDIG

Unsere letzte gemeinsame YFU-Fahrt nach Venedig war der Anfang vom Ende. Wir Austauschschüler sind total vertraut miteinander umgegangen und man hat richtig gesehen, wie gut wir alle befreundet sind – gleichzeitig war manchmal aber auch schon diese traurige Atmosphäre in der Luft, wenn man weiß, dass sich die Dinge bald ändern werden.

Speziell von Italien bin ich fasziniert. Ich war das letzte Mal mit 6 Jahren dort, aber dann in diesem Sommer gleich zwei Mal, und die Architektur, die Sprache, das Essen, das Wetter, eigentlich alles gefällt mir richtig gut. Ich hätte ja vor einem Jahr nicht gedacht, dass ich Italien (und auch so viele andere Länder) besuchen werde, während ich eigentlich in Ungarn lebe, wobei ich natürlich sehr froh darüber bin. Es  ist ein perfektes Beispiel dafür, wie viele unerwartete Dinge im Austauschjahr passieren – man kann vorher nie so richtig eine Vorstellung davon haben. Deshalb sollte man sich am besten so wenig wie möglich ein Bild davon machen, sondern es einfach ausprobieren und das Abenteuer wagen.

 

SCHULE

Zurück aus Venedig, hatten wir alle noch zwei letzte Schulwochen vor uns, bevor es Mitte Juni in die Sommerferien ging. Dieses Abschiedsgefühl in der Schule – Lehrer und Schüler, die mich fragen, ob ich noch länger bleibe und was ich in Deutschland machen werde – war irgendwie komisch für mich, weil mir die Schule ehrlich gesagt nicht wirklich etwas bedeutet hat. So richtig eng bin ich nämlich leider mit keinem Ungarn geworden (außer meiner YFU-Betreuerin, die nur ein Jahr älter als ich ist) – stattdessen aber mit meinem Klassenkameraden David aus Mexiko, der mein bester Freund geworden ist und mit dem ich in diesen letzten Schulwochen noch so viel Zeit wie möglich verbracht habe.

Zum Ende hin haben alle Schüler noch einmal richtig viel geübt, um sich für die Endjahresprüfungen in den Instrumenten vorzubereiten. Auch ich habe mich für ein paar Tage sehr angestrengt, vor allem weil ich kurz davor in Venedig war und dort keine Möglichkeit hatte, zu spielen. Angesichts dessen bin ich letzendlich sehr zufrieden mit meiner Leistung (es ist wieder eine 4, also das zweitbeste geworden) und auch mit dem gesamten Jahr. Denn auch wenn das Klavier Spielen eigentlich nur ein Hobby ist, war es sehr interessant, einmal tiefer einzutauchen und so viel zu lernen.

Meinem Lehrer habe ich als Danke eine Schachtel Schokolade geschenkt. Auch wenn ich ziemlich lange gebraucht habe, bis ich mich an seine Unterrichtsweise angepasst habe und verstanden habe, was er mir sagen wollte, weiß ich ihn jetzt rückblickend doch sehr zu schätzen, weil ich all die Fortschritte bemerke, die ich auf dem Klavier gemacht habe.

Nach den Prüfungen hatte jede Klasse eine Klassenfahrt – das macht man in Ungarn jedes Jahr, dafür aber meistens nur über eine oder zwei Nächte und innerhalb des Landes. Wir waren nur eine Nacht weg und haben dafür den anderen Tag einen Ausflug in Budapest gemacht, bei dem wir mit dem Sessellift gefahren sind. Danach sind wir dann an den Velence See, den zweitgrößten des Landes, gefahren und haben dort übernachtet. Am ersten Tag sind wir Boot gefahren, schwimmen gegangen und haben abends unsere eigene Gulasch Suppe gekocht (die übrigens  sehr lecker ist, aber nicht an Barbecues herankommt), am nächsten haben wir dann eine Rad Tour gemacht. Die Klassenkameraden waren alle sehr nett und tatsächlich sind David und ich ihnen dort viel näher gekommen, und auch die Klassenlehrerin, die sonst manchmal ein bisschen grimmig und ziemlich streng ist, war gut gelaunt und entspannt.

Am letzten Schultag hatten wir eine Kuchenrunde und die Klasse hat uns eine Fotocollage mit Unterschriften und noch ein paar andere Bilder geschenkt, was sehr süß war. Von der Schule haben wir auch ein provisorisches Zeugnis bekommen. Danach habe ich mich noch mit zwei Mädchen aus meiner Klasse getroffen – ich habe mich gefreut, dass wir uns doch gut verstehen und ich ja vielleicht doch ungarische Freunde habe. Natürlich hält man am Ende nur mit den wenigsten noch Kontakt, aber jede Begegnung beeinflusst einen ja irgendwie, lässt uns wachsen und Erfahrungen sammeln. Und im Austauschjahr hat man eine Menge davon.

 

END CAMP

Kurz nach Beginn der Ferien hatten wir unser letztes YFU-Camp. Wir haben auf das Jahr zurückgeblickt, über Abschied und die Ankuft im Gastland gesprochen – es wurde also versucht, uns auf die kommenden Wochen vorzubereiten. Natürlich kann ich diese Absicht verstehen und halte sie auch für wichtig, für mich persönlich war das Camp aber nicht so hilfreich. Ich habe einfach meine eigene Art, mit schwierigen Situationen umzugehen und hatte bereits vorher Dinge auf meine Weise reflektiert. Außerdem war ich wirklich gar nicht sentimental über meine Rückkehr und ich habe mich deshalb ein bisschen komisch und unter Druck gesetzt gefühlt, weil von allen eine gewisse Trauer erwartet wurde. Das zeigt aber doch, dass jeder anders ist und verschieden auf bestimmte Situationen reagiert – anders Abschied nimmt, einen anderen Kulturschock erlebt, andere Probleme im Austausch hat, einfach anders empfindet. Das Endcamp, die VBTs (Vorbereitungscamps) in Deutschland, die Gefühlskurve im Austauschjahr orientieren sich am Durchschnitt. Das kann natürlich auch hilfreich sein, aber man sollte immer im Kopf behalten, dass es genau so nur bei den wenigsten eintreffen wird, denn jeder ist individuell, und so auch das Auslandsjahr.

Mitten im Endcamp fand die mündliche Prüfung für die Ungarisch Sprachprüfung statt. Ich bin also mittags mit Esther aus Italien (meiner Partnerin) dort hingefahren und abends wieder zurück, und eigentlich ist es gut gelaufen. Wir haben uns über Familienrollen unterhalten und danach noch ein paar Bilder zum Thema Einkaufen bekommen, über die dann jeder selbstständig sprechen sollte. Der schriftliche Teil war bei mir jedoch sehr schlecht wegen Zeitmangel, weshalb ich nicht denke, dass ich bestanden habe. Die Ergebnisse gibt es aber erst in zwei Wochen und bis dahin muss ich mich noch gedulden. Wenn ich wirklich nicht bestanden habe, ist es natürlich schade, trotzdem habe ich die Erfahrungen dann gemacht (ich war vorher noch nie bei einer Sprachprüfung) und außerdem noch einmal vernünftig Ungarisch Schreiben gelernt.

 

ABSCHIED

In der Woche nach dem Camp – meiner letzten Woche in Ungarn – hieß es Abschied nehmen. Wir haben zusammen Enzos (aus Argentinien) Geburtstag gefeiert, bei dem wir in denselben Restaurant gegessen haben, wo wir auch das erste Mal zusammen als Gruppe waren. Später musste ich dann schon Tschüss zu David sagen, der danach noch verreist ist, und auch zu Hanna, die noch einmal aus Deutschland hergekommen ist, um alle zu besuchen. Ab da hätte es eigentlich anfangen müssen, sich so richtig real für mich anzufühlen, aber das hat es nicht. Einmal habe ich noch meine Betreurin ein letztes Mal im wunderschönen Budapest getroffen, um ihr einen Abschiedsbrief gegeben, und einmal war ich mit meiner Gastfamilie im Rutschpark und in unserer liebsten Eisdiele. Das letzte Wochenende habe ich nichts mehr unternommen und stattdessen die Zeit genutzt, um Briefe an alle Austausschüler zu schreiben und ein Fotoalbum für meine Familie zu basteln.

Am Montag, den 24. Juni haben wir uns dann alle am Flughafen getroffen, obwohl nur die Europäer so früh geflogen sind, um aufs YES (YFU European Seminar) Camp in Berlin zu gehen. Auch dort war ich nicht wirklich traurig, sondern eher aufgeregt auf das Kommende, aber trotzdem haben mich all die herzhaften Umarmungen und Abschiedsworte berührt. Es war einfach ein so schönes Gefühl, zu wissen, dass man so viele echte Freunde gefunden hat, obwohl man in Deutschland nie beliebt war. Im Flugzeug habe ich die Briefe gelesen und die Bilder angeschaut, die ich bekommen habe, und auch das Abschiedsbuch von meiner Gastfamilie.

 

YES-CAMP

Dann kamen wir in Berlin an, von wo aus wir mit dem Shuttle Bus aufs YES Camp gefahren sind. Es war so unreal für mich, auf dem Weg überall um mich herum Deutsch zu hören und durch die grün bepflanzten Autobahnen zu fahren. Das Camp selbst war in einem Wald am See, was angesichts des heißen Wetters perfekt war.

Das YES Camp (YFU European Seminar) ist ein 5-tägiges internationales Camp am Ende des Austauschjahrs, das otional angeboten wird und auf dem man über bestimmte, zum Teil politische Themen spricht. Das Thema dieses Jahres hieß „Break the Walls“, was zum Beispiel Krieg, Diskriminierung oder persönliche Schwierigkeiten beinhaltete. Am Vormittag gab es außerdem Reflexionsgruppen mit anderen Austauschschülern derselben Nationalität, um nochmal ein bisschen auf die Rückkehr nach Hause vorzubereiten.

In der restlichen Zeit hatten wir viel Freizeit, um neue Menschen aus anderen Ländern kennenzulernen (zum Beispiel die Ungarn auf dem Foto) oder vielleicht auch alte Freune, die man schon von irgendwoher (zum Beispiel von der Vorbereitungstagung) kannte, wiederzutreffen. Abends gab es dann immer die YFU Lounge, bei der man Bier kaufen und tanzen konnte. Ich fand das Camp wirklich nicht schlecht, vor alllem auch, weil man so viele Nationalitäten beisammen hatte und es eine besondere Stimmung war, ganz so begeistert wie die Volunteers aus Ungarn war ich (und auch die anderen Austauschschüler, die mit mir dort waren) aber nicht.

 

WIEDERSEHEN

Weil das Camp in der Nähe Berlins stattfand, bin ich mit meinen Eltern noch eine Nacht zum Sightseeing dort geblieben. Sie haben mich am Freitag Morgen abgeholt – das Wiedersehen war emotional, aber irgendwie waren wir noch genauso vertraut wie vor einem Jahr. Wir hatten eine wunderschöne Zeit zusammen, bevor wir dann zurück nach Hause gefahren sind, wo mein Freund, mein Onkel und meine Cousine auf mich gewartet haben. Ich habe mich sehr gefreut, sie zu sehen und auch darauf, endlich wieder in meinem Zimmer sein zu können.

Am Tag darauf, also gestern, hatte mein Vater Geburtstag, weshalb auch unsere restllichen Verwandten zu Besuch kamen. Tatsächlich war es wirklich schön und überhaupt nicht stressig, wie ich es mir eigentlich vorgestellt habe. Im Moment vermisse ich auch Ungarn noch nicht, aber ich weiß natürlich, dass sich das bald ändern kann und bereite mich innerlich schon mal auf alles vor. Abgesehen davon genieße ich jesoch die Zeit hier und freue mich darauf, alles zu machen, zu essen und zu sehen, wozu ich so lange keine Möglichkeit hatte.

 

ABSCHLUSS    

So vergeht also ein Jahr. Es war wohl bis jetzt das Lehrreichste und Beste meines Lebens, und ich hoffe, ich konnte einen guten Einblick in meine Erfahrungen geben, auch wenn ein Austauschjahr – eigentlich alles im Leben – natürlich viel zu komplex ist, um es einfach aufschreiben zu können. Die beste Möglichkeit ist eben, es selber auszuprobieren.

Ich danke allen, die mich auf meiner Reise begleitet haben und wünsche euch, dass ihr eure Träume erreicht, glücklich werdet und euch selbst verwirklicht.

„Was immer du tun kannst oder träumst es zu können, fang damit an.“ ~Goethe

Lucia