Ostern

Der April war ein ereignisreicher Monat, ich war viel mit YFU und meiner Gastfamilie unterwegs und wir hatten Besuch von Luna und Hanna, die nur ein halbes Austauschjahr in Ungarn gemacht haben. Es waren schöne, aber auch stressige Erlebnisse, weshalb die Ferien zu Mitte des Monats genau richtig kamen – dort hatte ich viel Zeit zum Entspannen und gleichzeitig auch einen Einblick ins ungarische Osterfest.

 

VELENCE

Anfang des Monats war ich mit meiner Gastfamilie zum zweiten Mal im Wellnesshotel, diesmal im Ort Velence, der direkt an einem See liegt. Meine Familie in Deutschland würde nie auf diese Weise den Urlaub verbringen, deshalb war es eigentlich ganz schön für mich, die Erfahrung zu machen. Das Zimmer und das Essen waren sehr gut, die Pools waren aber nur im Innenraum und nicht im Freien. Insgesamt war es sehr schön, aber nicht wegen den Wellnessangeboten, sondern weil ich viel Zeit mit meiner Gastfamilie verbracht habe.

 

DEBRECEN

Das Wochenende danach habe ich mit anderen Austauschschülern in einer ländlichen Gegend in der Nähe der Stadt Debrecen verbracht. Dort fand ein YFU-Workshop statt, bei dem wir ungarische Schüler getroffen und gemeinsam einige Dinge unternommen haben: Wir haben ein paar Spiele gespielt, waren Eis essen, in einem Thermalbad (von denen es in Ungarn relativ viele gibt) und hatten abends noch zwei kleine Feiern zusammen.

Wir waren auch auf einem Roma-Festival, allerdings nur wir Austauschschüler, weil viele Ungarn den Sinti und Roma ablehnend gegenüberstehen und man Probleme vermeiden wollte. Ich persönlich fand es aber spannend, die besondere Musik dort zu hören und auch ein paar Fakten zu der Kultur mitzukriegen – schließlich hat man in Deutschland überhaupt keine Berührungspunkte damit.

Gewohnt haben wir kostenlos in den Schlafsälen der Schule und das Essen wurde für uns im Jugendzentrum zubereitet. Es hat gut geschmeckt und war immer etwas Traditionelles, was ich gut fand, denn so habe ich noch ein paar neue typisch ungarische Gerichte kennengelernt. Nur von der Menge her war es wirklich viel zu viel (das ist übrigens auch typisch ungarisch) und ich war nach dem Wochenende wirklich pappsatt.

Auf dem Weg nach Hause haben wir uns noch in Debrecen umgesehen. Die Stadt ist zwar die zweitgrößte Stadt Ungarns, aber war trotzdem klein und idyllisch und sah ein bisschen so aus wie gemalt. Es war sehr schön, aber ich bin doch froh, dass ich weder dort noch auf dem Land wohne, sondern in (bzw. in der Nähe) der großen lebhaften Hauptstadt.

 

SCHULE

Zurück in Budapest, hatte ich noch eine Woche Schule vor mir. Naja, zwei davon waren eigentlich gar keine richtigen Schultage: Am Montag war “Diáknap” (auf deutsch “Schülertag”), den es in Ungarn an jeder Schule gibt und bei dem Spiele gespielt und kleine Theaterstücke aufgeführt werden. Und am Freitag war Kammermusiktag, ein Konzerttag also, bei immer zwei bis fünf Instrumente etwas zusammen vorgespielt haben. Es waren zwar ein paar ungewöhnliche und interessante Kombinationen dabei, die ich vorher noch nie gehört habe, so wie zum Beispiel Harfe und Saxophon, aber ich bevorzuge doch lieber Instrumente im Solo, wo sie nach meiner Meinung besser zur Geltung kommen.

Pünktlich zum Schulende habe ich mein Ungarischbuch durchgearbeitet – stattdessen lese ich jetzt einfachere Bücher wie “Alice im Wunderland” in der Landessprache. Es fühlt sich gut an, die Sprache endlich so erlernt zu haben, dass man sein Umfeld – Gespräche in der U-Bahn, Nachrichten im Radio, Plakate auf der Straße – ohne Anstrengung verstehen kann, und auch das Sprechen klappt jetzt ziemlich flüssig. Am Ende des Austauschjahres möchte ich auf jeden Fall die angebotene Sprachprüfung in B2 versuchen, um meine Ungarischkenntnisse für mich selbst (und wer weiß, für was es sonst nochmal gut sein könnte) festzuhalten.

 

FERIEN

Dann waren Ferien (an meiner Schule ein paar Tage früher als an den meisten anderen:) ), und gleichzeitig kamen auch Luna aus Belgien und Hanna aus Deutschland nach Budapest. Besonders über Hannas Besuch habe ich mich gefreut, weil wir uns im ersten Halbjahr hier sehr gut angefreundet und viel zusammen unternommen haben. Aber ehrlich gesagt hat mich ihre Rückkehr auch etwas nachdenklich gemacht: Immerhin wohnt sie in Deutschland und wir haben die Möglichkeit, uns oft zu besuchen, aber was ist mit den anderen Austauschschülern aus Mexiko oder Thailand, oder mit meiner Gastfamilie? Abschiede sind weder schön noch leicht – das war die allererste Lektion des Austauschjahrs, als wir uns am Flughafen von den Leuten verabschieden mussten, die wir eigentlich nicht in unserem Leben missen wollen. Bald werden wir diese endlich wiedersehen, aber dafür auch erneut Abschied nehmen müssen von so vielen anderen Menschen, die einem hier wichtig geworden sind. Und nicht nur von Menschen muss man sich trennen, sondern auch von der Schule, vom Essen, und von Budapest.

Letzteres ist mir besonders nochmal durch die Reise nach Prag mit YFU bewusst geworden: Obwohl die tschechiche Stadt sehr schön und touristisch war, hat mir bei gedanklichen Vergleichen oft die ungarische Hauptstadt besser gefallen. Es wird wohl immer so etwas wie mein zweites Zuhause bleiben, in dem ich mich besser auskenne als dort, wo ich tatsächlich augewachsen bin – denn wenn die Zeit begrenzt ist, will man sie so gut ausnutzen wie möglich und viel unternehmen, während man im Heimatort die Attraktionen, die es zu bieten hat, gar nicht richtig zu schätzen weiß. Das Austauschjahr hat mir damit eine wichtige Lektion über Zeitnutzung und außerdem auch viel Tatendrang mitgegeben, um meine Lebensweise zu reflektieren und an Gewohnheiten zu arbeiten.

 

OSTERN

An Ostersonntag wurde ich von meiner kleinen Gastschwester Hanna geweckt, damit wir auf der Terasse die Ostergeschenke suchen konnten, die mein Gastvater vorher dort versteckt hatte. Ich fand es süß, dass für Fanni und mich auch noch etwas dabei war, obwohl wir ja eigentlich nicht mehr wirklich zu den Kindern gezählt werden können.

Später am Vormittag kam meine Gastoma noch vorbei, danach waren wir zusammen im Kino und haben uns den Animationsfilm “Royal Corgi – Der Liebling der Queen” angesehen, der lustig und einfach zu verstehen war. Mit der Mischung aus Popcorn, Schokohasen und den verschiedenen Gerichten, die meine Gastmutter für die Feiertage gekocht hat, war ich dann definitiv für die nächsten drei Tage noch gut gefüllt. Eier, die für mich eigentlich definitiv zum Fest dazugehören, gab es bei uns aber überraschenderweise keine, und außer meiner Gastoma, die nur ein paar Straßen weiter wohnt, haben wir auch niemanden aus der Familie getroffen. Ich denke deshalb, Ostern hat keinen so großen Stellenwert für meine Gastfamilie, aber das kann ich deshalb natürlich nicht über das ganze Land behaupten, das ja eigentlich christlicher als Deutschland ist.

Ein traditonell ungarischer Brauch mit heidnischer Herkunft ist es übrigens, dass die Jungen die Mädchen an Ostermontag mit einem Eimer Wasser begießen (oder heutzutage auch mit Parfüm besprühen), damit sie nicht “verwelken” und ihre Fruchtbarkeit, Gesundheit und Schönheit erhalten bleibt. Im Austausch und zum Dank dafür sollen sie dann ein buntes Osterei erhalten. Auch mein Gastvater hatte (im Gegensatz zu uns Frauen im Haus) sichtlich Spaß daran, uns ein bisschen mit Wasser aus einer Sprühflasche zu besprühen. Inwiefern dieser Brauch sinnvoll ist und die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann fördert, kann natürlich angezweifelt werden, aber schließlich hat man in jedem Land ein paar alte Gewohnheiten, die nicht mehr in die Werte der heutigen Zeit passen. Ich fand es jedenfalls sehr interessant, mal etwas aus Ungarn zu erfahren, was man in Deutschland überhaupt nicht hat, und hoffe auf weitere Eindrücke dieser Art in den verbleibenden zwei Monaten.

Lucia