Herbst

Der ungarische Herbst ist wie aus einem Bilderbuch: Draußen herrscht immer genau das richtige Wetter, trocken und weder zu warm, noch zu kalt, um zwischen den sich bunt färbenden Bäumen spazieren zu gehen und dabei die frische Luft einzuatmen, die einen zur selben Zeit belebt und entspannt. Es ist ein perfekter Übergang vom Sommer in den Winter, und passend zum Wechsel der Jahreszeit beginne auch ich, mich zu verändern. 

 

INTERNATIONALE FREUNDSCHAFTEN

Was einem eigentlich nur selten in den Sinn kommt, wenn man über das bevorstehende Austauschjahr nachdenkt, ist die Freundschaft mit anderen Austauschschülern –  vielmehr macht man sich Sorgen, innerhalb der Schulklasse nicht gut aufgenommen zu werden und sich kein soziales Umfeld aufbauen zu können. In Ungarn ist es aber eine besondere Situation: Sowohl das Land als auch YFU Hungary ist klein, und ebenso die Zahl der Schüler, die pro Jahr herkommen (auf dem Arrival Camp waren wir 20). Dadurch ist alles familiärer und es gibt viele gemeinsame Veranstaltungen, durch die man die anderen Austauschschüler besser kennenlernt – Anfang Oktober waren wir zum Beispiel fast alle gemeinsam für eine Woche in Kroatien, was wirklich Spaß gemacht und uns alle viel näher zusammengebracht hat. Wir alle erleben schließlich ähnliche Dinge und verstehen uns gegenseitig am besten – und so kommt es, dass man auf einmal Freunde hat, die aus der ganzen Welt kommen, was ein überwältigendes Gefühl ist.

Wir treffen uns regelmäßig in Budapest, in dessen Umfeld die meisten von uns leben und wo auch die Leute aus den anderen Städten oft unterwegs sind, und unternehmen dann etwas zusammen oder spazieren einfach nur ein bisschen durch Ungarns wunderschöne Hauptstadt. Dort finde ich mich inzwischen gut zurecht und ich bin echt stolz darauf, diesen Ort als mein Zuhause bezeichnen zu können.

Auch mit meinen Klassenkameraden beginne ich, mich anzufreunden: Letzten Monat haben mich zwei Mädchen zum ersten Mal gefragt, ob ich etwas mit ihnen unternehmen möchte, und in der Schule umarmen sie mich immer zur Begrüßung/Verabschiedung. Sie sind echt süß und helfen mir immer, wenn ich eine Frage oder ein Problem habe. Ich mag meine gesamte Klasse auch sehr gerne, aber man merkt eben schon, dass die Sprache noch als Hürde zwischen uns steht – das motiviert einen aber auf der anderen Seite natürlich nochmal stärker, fleißig Ungarisch zu lernen 🙂

 

DIE UNGARISCHE SPRACHE

Ich habe im Vergleich zum Anfang, wo ich kaum ein Wort verstanden habe, auch schon viele Fortschritte gemacht, und versuche jetzt immer, kleine Dinge wie Bestellungen im Restaurant auf Ungarisch zu erledigen. Es war so ein schönes Gefühl, als ein Passant mich nach der nächsten Straßenbahn gefragt hat und ich zum ersten Mal in meiner Zeit hier nicht „English, please“ oder „I don’t speak hungarian“ stottern musste, sondern ihm in seiner Sprache antworten konnte. Übrigens fällt einem erst im Ausland auf, wie oft man generell – vor allem in einer Hauptstadt – von Fremden angesprochen wird, wie wichtig Sprache eigentlich ist und wie hilflos man sich manchmal fühlt, wenn man sie nicht sprechen kann. Und auch wenn man sie beherrscht, ist da immer noch der Akzent, der einen, sobald man den Mund aufmacht, als Ausländer entlarvt – in Ungarn ein besonders komisches Gefühl, weil es hier kaum Einwanderer gibt und es somit auch fast nie vorkommt, dass jemand die Sprache neu lernt.

Zum Lernprozess selbst kann ich sagen, dass Ungarisch viel leichter ist, als ich dachte und als dessen Ruf es voraussagt. Zu Anfang wirken die vielen verschiedenen Vokale und langen Wörter tatsächlich sehr einschüchternd (siehe Foto), vor allem wenn man sich fast keins davon aus anderen Sprachen herleiten kann, dafür fallen einem auf den zweiten oder dritten Blick die vielen logischen Strukturen und Regeln auf, nach denen die Sprache fast ausnahmslos aufgebaut ist. Am meisten gefällt mir zum Beispiel, dass das Ungarische nur drei Zeitformen besitzt, und in der Grammatik nicht zwischen männlich und weiblich unterschieden wird (statt „er“ oder „sie“ sagt man einfach „ö“), auch nicht beim Artikel. Außerdem ist das Schreiben sehr einfach, weil man einfach immer so schreibt, wie man spricht. Schwierigkeiten habe ich dagegen mit den Vokalen: Es kann gut sein, dass manchmal ein „a“ statt ein „á“ ein völlig neues Wort bewirkt – „kar“ heißt besispielsweise „Arm“, während „kár“ „Schaden“ bedeutet. Das „a“ (ein Mix aus dem deutschen „o“ und „a“, ähnlich wie in „Pollen“) zählt für mich übrigens zu den schwer auszusprechenden Buchstaben, zusammen mit dem „gy“ (ähnlich wie in „Adjektiv“). Aber egal welche Sprache man lernt, man sollte sich nie einschüchtern lassen, wie ich finde, und sich stattdessen auf seine Fortschritte und positiven Erfahrungen konzentrieren.

 

DIE EIGENE KULTUR

Auch über die eigene Sprache denkt man auf einmal verstärkt nach, wenn man eine neue lernt. Im letzten Monat ist mir klar geworden, wie froh ich darüber bin, dass Deutsch meine Muttersprache ist. Wir haben einfach so verdammt viele sonderbare Regeln und Ausnahmen, Redeweisen, Abkürzungen und verschiedene Aussprachen, dass ich mir gar nicht ausmalen will, wie sie sich als Fremdsprache verhält. Meine italienische Freundin Esther, die auch hier ist, lernt jedenfalls Deutsch und hat schon für sich festgestellt, dass Ungarisch tatsächlich leichter ist.

Die Reflexion über das eigene Land beschränkt sich natürlich nicht nur auf die Sprache: Das Eintauchen in eine andere Kultur lässt einen so viel über die eigene hinterfragen, und man entdeckt viele positive Dinge, die man übernehmen möchte (zum Beispiel das Essen) – andererseits aber auch einige negative Aspekte (wie ein geringeres Umweltbewusstsein), an die man sich anpassen muss. Ich beziehe mich dabei aber nicht nur auf Ungarn: Jeder Austauschschüler gibt mir als Repräsentant seines Herkunftslandes einen kleinen Einblick in dessen Welt, sodass ich auf einmal, zum ersten Mal in meinem Leben, den Drang verspüre, mal nach Japan, Thailand oder Mexiko zu gehen. Man entdeckt somit, wie wenig man eigentlich weiß und was es noch alles zu lernen gibt, was einen offener und neugieriger werden lässt.

Noch in Deutschland dachte ich, die Zeit im Ausland vergeht wie im Flug, vollgestopft mit einzigartigen und spannenden Erlebnissen, und wenn man zurück kommt, realisiert man plötzlich, wie sehr man eigentlich im letzten Jahr gereift ist. Stattdessen fühlt es sich eher so an, als würde ich mich selbst von außen betrachten, Schritt für Schritt die Veränderungen wahrnehmen, die mein Charakter hier durchlebt. Diese bewusste Persönlichkeitswandlung macht mich umso neugieriger darauf, was für ein Mensch ich wohl in 8 Monaten sein werde und wie ich dann auf alles zurückblicke.

Lucia