Halbzeit

Die erste Hälfte meines Austauschjahres ist jetzt vorüber und gibt Anlass dazu, alles Erlebte zu reflektieren und Ziele für den Rest der Zeit zu setzen. Denn auch wenn ich in den letzten 5 Monaten schon einen Einblick in die ungarische Kultur erhalten habe, der weit unter die Oberfläche geht, gibt es vor allem noch viel über Musik und über mich selbst zu lernen und viele Dinge, an denen ich im Rahmen meines Aufenthalts arbeiten möchte.

 

HALBJAHRESCAMP

Das von YFU Ungarn organisierte Halbjahrescamp fand vom 10.-12. Januar in der Stadt Esztergom statt. Es diente dazu, gemeinsam über Fortschritte und Probleme der letzten Zeit zu sprechen und uns Ratschläge für die noch kommenden Monate zu geben – uns also beim eigenen Reflektieren zu unterstützen. Am ersten Tag haben wir einen Ungarisch-Test absolviert (bei dem ich zu den drei besten gehörte 🙂 ), dann ging es um unser Wohlbefinden im Austausch von der Ankunft bis jetzt. Ein typisches Auslandsjahr beginnt nämlich mit Begeisterung für die neue Kultur, die jedoch immer weiter nachlässt und eventuell zu einer Krise bzw. Kulturschock in der Mitte des Jahres (also genau jetzt) führt, bevor man sich wieder besser fühlt wirklich an das andere Land angepasst hat. Ich persönlich habe eigentlich meinen Aufenthalt in Ungarn zu jedem Zeitpunkt genossen, aber es stimmt schon, dass die anfängliche Euphorie über alles Neue nicht mehr da ist, sondern man sich an das Meiste schon gewöhnt hat und momentan manchmal auch Dinge aus Deutschland vermisst. Dazu gehört auch die Zeit für einen selbst: Hier übe ich stattdessen Klavier, treffe Freunde in Budapest oder verbringe Zeit mit meiner Gastfamilie – aber das sind wiederum Dinge, die ich in Deutschland nicht machen kann und die in nach meiner Rückkehr sicherlich vermissen werde.

Am zweiten Tag haben wir zuerst einen Ausflug in die Stadt gemacht und dann über unser Verhältnis zur Gastfamilie gesprochen: Mit wem verstehen wir uns am besten und wie können wir uns manchen Familienmitgliedern besser annähern? Und gibt es Verhaltensweisen von uns, an denen wir arbeiten sollten? Bei mir ist meine Beziehung zu meiner älteren Gastschwester Fanni am besten, aber eigentlich verstehe ich mich mit allen sehr gut. Jedoch könnte ich definitiv mehr mit ihnen unternehmen, weil ich immer lange Schule habe, an den meisten Wochenenden mit Freunden unterwegs bin und deswegen ziemlich oft spät nach Hause komme. Wir haben außerdem auch über die Schule und unsere Situation in der Klasse geredet. Ich muss sagen, dass ich in der Hinsicht ein bisschen enttäuscht bin, denn ich hatte erwartet, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon enger mit meinen Klassenkameraden befreundet wäre. Es sind zwar alle nett zu mir, aber außerhalb der Schule treffen wir uns nicht wirklich – wobei das nach meinem Eindruck nicht zwingend etwas mit mir zu tun hat, sondern damit, dass es eine Musikschule ist: Es gibt Unterricht am Nachmittag und Abend, und wenn man keinen Unterricht hat, dann übt man am Instrument, weshalb die Schule immer gefüllt und sozusagen der zentrale Treffpunkt für Freundesgruppen ist. Trotzdem möchte ich gerne versuchen, mehr über meine Klassenkameraden zu erfahren und auch mit Leuten aus anderen Klassen Kontakt zu knüpfen.

Dann haben wir noch über die Ungarn im Allgemeinen gesprochen. Dabei ist mir klar geworden, wie umfassend wir die Unterschiede dieser Nation zu unserer eigenen begreifen und beschreiben können: Es gab ein Spiel, bei dem jemand eine Behauptung über Ungarn aufstellen sollte und jeder, der zustimmte, aufstand. Dinge wurden genannt wie „Ungarn haben sehr leckeres Essen“ oder „Ungarn sind immer höflich“, aber auch Negatives wie „Ungarn sind verschlossen gegenüber Fremden“ und „Ungarn reagieren sehr unfreundlich, wenn man Englisch spricht“. Mir persönlich ist in der Hinsicht ein großer Unterschied zwischen Jung und Alt aufgefallen: Die Jugendlichen reagieren meist sehr fasziniert, wenn sie erfahren, dass ich aus Deutschland komme, und oft sagen sie, dass sie später auch einmal ins Ausland möchten, weil sie Ungarn langweilig finden. Die ältere Generation ist hingegen genau das Gegenteil: Spreche ich an der Kasse oder mit Kontrolleuren Englisch, werde ich nicht selten abschätzig behandelt. Das könnte mitunter vielleicht an der Geschichte liegen: Ungarn musste immer viele Niederlagen einkassieren, und dadurch gibt es ein allgemeines Ungerechtigkeitsgefühl und eventuell Angst gegenüber Neuem, Fremden in den Köpfen der Menschen. Dabei können die Ungarn stolz auf ihr Land sein, dass so eine einzigartige Sprache, gutes Essen und eine schöne Hauptstadt hat.

Am letzten Tag haben wir alle von unseren glücklichsten Moment erzählt (bei mir das Eislaufen mit meiner Gastfamilie), eine Liste mit Dingen erstellt, die wir im Austausch noch machen möchten und dann schließlich unseren Brief an uns selbst bekommen, den wir auf dem Arrival Camp verfassen sollten. Es war ein komisches Gefühl, ihn zu lesen und hat einen realisieren lassen, wie sehr man sich doch schon verändert hat. Angeregt von all diesen Ideen und Erkenntnissen sind wir dann schließlich wieder nach Hause zu unseren Gastfamilien gefahren, bereit für die zweite Hälfte unseres Austauschjahres – mit Ausnahme von Hanna und Sabrina aus Deutschland und Luna aus Belgien, die nur ein halbes Jahr in Ungarn verbracht haben und von denen wir uns das darauffolgende Wochenende leider schon verabschieden mussten. Aber wir konnten auch Ingrid aus Argentinien neu begrüßen, die jetzt im Januar ihr Austauschjahr begonnen hat und bis Ende November bleibt.

 

SEMESTERENDE

Auch in der Schule beginnt nun ein neues Halbjahr. Im Januar gab es deshalb Examen und lauter Konzerte, um sich auf dieses vorzubereiten bzw. um das alte abzuschließen und außerdem ein Kammermusikkonzert. In dieser Woche war dann die halbjährige „Konzertwoche“, bei der jeder Schüler von der ganzen Schule im großen Saal etwas vorspielt und die besten nach Abstimmung im „Superkonzert“ landen. Die Klavierspieler waren alle am Dienstag dran und obwohl ich sonst keine Probleme mit Auftritten habe, war ich schon ziemlich aufgeregt: So viele Leute, mit denen ich etwas zu tun hatte, haben mich schließlich zum ersten Mal gehört. Aber es ist gut gelaufen und danach war es ein großartiges Gefühl, die Herausforderung gemeistert zu haben.

Ich fand es richtig interessant, zu sehen, was die anderen Schüler für Instrumente spielen und wie gut sie sind, außerdem war es für mich das erste Mal, dass ich zum Beispiel ein Saxophon- oder Harfensolo gehört habe. Viele Leute an meiner Schule sind auch im Tontechnik-Programm, d.h. sie lernen, selbst Musik zu produzieren, wovon ich mir durch ihre Vorstellungen endlich besser ein Bild machen konnte. Jetzt ist all der Stress jedenfalls erstmal vorbei, ich fange wieder mit neuen Klavierstücken an und ich bin schon gespannt, welche mein Lehrer für mich ausgesucht hat.

Lucia