Ein Vierteljahr

Ich bin nun schon mehr als ein Vierteljahr hier in Ungarn und der letzte Monat ist für mich total schnell vorbeigezogen. Langsam verstehe ich, warum es heißt, dass für Austauschschüler die Zeitwahrnehmung ganz anders ist als normalerweise – es gibt einfach so viel zu tun, dass man manchmal gar keine Zeit mehr hat, das Erlebte zu reflektieren. Ich schreibe hier also alles auf, tatsächlich auch, um den vergangenen Monat für mich selbst festzuhalten. Erst hatte ich das Gefühl, im November ist überhaupt nichts passiert, das erwähnenswert genug für einen Blogeintrag ist, aber als ich nachgedacht hab, ist mir aufgefallen, dass eigentlich sehr viel passiert ist:

 

HERBSTFERIEN

Auch in Ungarn gibt es (zum Glück) eine Woche Herbstferien. Die erste Novemberwoche habe ich also damit verbracht, in meinem Bett zu entspannen und mich von den ganzen Geschehnissen um mich herum zu erholen. Naja, jedenfalls habe ich mir das vorgenommen (wobei ich es sogar für zwei oder drei Tage tatsächlich verwirklichen konnte), stattdessen habe ich die anderen Austauschschüler getroffen, von denen ich einige seit der Kroatienreise nicht mehr gesehen hatte, bin mit meiner Gastfamilie nach Gödöllö (eine Stadt in unserer Nähe) gefahren und habe einen Großteil meiner restlichen Zeit am Klavier verbracht, was im Endeffekt auch viel Spaß gemacht hat. Einen Tag war unsere ganze Schule auf einem klassischen Konzert und es hat mir wirklich gut gefallen, morgen werden wir auf noch eins gehen und ich freue mich schon darauf!

 

SCHULEREIGNISSE

Schließlich hat dann die Schule wieder angefangen, mit einigen Änderungen für mich. Zunächst konnte ich mich endlich an meine langen Wochentage gewöhnen (montags bis 7, dienstags bis 6, plus die Stunde nach Hause), es ist für mich weniger anstrengend und ich kann mich auch am Ende des Tages noch konzentrieren. Das wird jetzt immer wichtiger, denn die Lehrer haben angefangen, mich in den Musikfächern miteinzubeziehen und zu benoten. Jede Woche gibt es Hausaufgaben, wie zum Beispiel ein kurzes Volkslied auswendig zu lernen (Solfézs) oder eine Abfolge von Akkorden in einer anderen Tonart auswendig zu spielen (Musiktheorie).

Während ich Solfézs, wo es eher ums musikalische Gehör – sozusagen die praktische Umsetzung von Musiktheorie – geht, noch gerade so irgendwie verstehe, ist Musiktheorie oft immer noch ein Rätsel für mich. In Ungarn wird nämlich, um das Erlernen von Stücken zu erleichtern, die sog. „relative Solmisation“ angewendet – dabei entsprechen die Laute do, re, mi usw. je nach Tonart verschiedenen Tönen und werden dann gesungen. Diese Methode muss ich ganz neu lernen, deswegen war der Überraschungstest, den ich letzte Woche geschrieben habe, eine kleine Katastrophe. Klein deshalb, die Lehrerin mich natürlich noch anders als die anderen benotet, und weil ich mir hier glücklicherweise keine Gedanken um meinen Zeugnisdurchschnitt machen muss.

Zwischennoten haben wir übrigens schon bekommen, David (mein mexikanischer Klassenkamerad) und ich aber bis jetzt nur in den Klavier- und Kammermusikstunden, im Chor und in Sport – in Klavier habe ich sogar eine 5 (entspricht einer 1 in Deutschland). Im Großen und Ganzen mag ich meinen Lehrer gerne, er gilt als einer der besten in der Schule und gibt gute Tipps. Jedoch kommt er gerne mal 15 Minuten zu spät zum Unterricht, sodass wir nur ein Stück besprechen können statt mehrere – und was soll man sagen, als Deutsche kann ich, wie das Klischee es sagt, nichts Gutes davon halten. Auf charakterlicher Ebene ist er mir aber wiederum sehr sympathisch, er hat immer gute Laune und pflegt guten Kontakt zu seinen (ehemaligen) Schülern: Mitte des Monats waren wir alle, wie er es jedes Jahr organisiert, gemeinsam Pizza essen.

Auch im Chor habe ich eine 5, so wie fast jeder andere auch – das Fach wird nicht allzu ernst gesehen und auch so bewertet. Weil vor zwei Wochen aber ein Wettbewerb anstand, hat die Lehrerin doch etwas Druck gemacht hat und wir hatten manchmal zwei Stunden Übung statt einer. Am Ende hat sich die Mühe und Extrazeit gelohnt, denn für unseren Auftritt haben wir den Goldpreis bekommen 🙂 Mit anderen Leuten bin ich so auch mehr in Kontakt getreten, denn unser Chor ist groß und umfasst alle Mädchen, die nicht im Orchester spielen.

 

YFU TEEPARTY

Am Ende des Monats fand dann die YFU Teeparty, auf ungarisch YFU délután, statt. Dort kamen alle Austauschschüler zum ersten Mal seit dem Arrival Camp wieder zusammen und es wurde sich darüber ausgetauscht, wie das Jahr von jedem bisher verlaufen ist. Ich würde sagen, jeder hatte bis jetzt eine gute Zeit hier, auch wenn manche die Gastfamilie wechseln mussten (im Extremfall sogar mehrmals) und man sicherlich schon einige schlechte Erfahrungen gesammelt hat. So war mein schlimmstes Erlebnis, wie ich in der Metro ohne Verwarnung 8000 Forint (etwa 25 Euro) zahlen musste, weil ich meinen Schülerausweis mit meinem Ticket vorzeigen musste und ihn nicht bei mir hatte. Aber ein wenig Geldmangel ist sowieso etwas, das womöglich jeder Austauschschüler hat, vor allem wenn man in einer Hauptstadt lebt und jeden Tag an lauter verlockenden Geschäften vorbeikommt. Tipps gegen solche Dinge – und alle anderen auch – kriegen wir von unseren YFU Betreuern (hier auch „Angel“ genannt), die in Ungarn nur ein paar Jahre älter sind als wir selbst und auch ein Austauschjahr hinter sich haben. Mein Angel ist zum Beispiel erst 17, aber dadurch kann sie mich auch sehr gut verstehen und mir immer gut helfen, was praktisch ist.

Meine Gastfamilie ist wirklich super und es gibt eigentlich nichts, was ich an ihr auszusetzen hätte – ich fühle mich hier zuhause. Mit allen verstehe ich mich gut und mir werden wirklich viele Freiheiten gelassen, bis jetzt hatten wir also noch nie Probleme. Auch die Tatsache, dass ich mir ein Zimmer teile, macht mir entgegen meiner Erwartungen fast gar nichts aus, wobei ich die meiste Zeit sowieso unterwegs bin. Natürlich vermisst man immer einige Dinge und Angewohnheiten, wie bei mir die Kaffeemaschine (meine Gastfamilie trinkt keinen Kaffee) oder die Netflixmarathons mit Nachos vor meinem Zimmerfernseher – aber schließlich wäre es auch komisch, wenn nicht, oder? Dafür weiß man diese Dinge, wenn man zurückkehrt, dann viel besser zu schätzen – und am Ende vermisst man dann dort die Dinge, an die man sich das letzte Jahr über gewöhnt hat. Aber den Preis bin ich bereit zu zahlen, dafür dass man überhaupt die Möglichkeit hat, einen Einblick in einen anderen Alltag und eine andere Kultur zu erhalten.

Lucia