Schulalltag

Seit dem 3. September, also fast einem Monat, gehe ich auf das „Szent István Kiraly“ Musikgymnasium in Budapest. Es gefällt mir sehr gut, auch wenn es manchmal anstrengend ist und ich montags erst um 20 Uhr zuhause bin. Ich nehme nämlich jeden Tag hin und zurück eine halbe Stunde die S-Bahn und je zwei Stationen mit der U-Bahn und Straßenbahn, was für jemanden, der aus einem eher dörflichen Ort kommt, echt ungewohnt ist – es fühlt sich aber irgendwie auch gut an, auf einmal ein Teil der Großstadt mit all dem geschäftigen Trubel zu sein.

Meine Mitschüler sind alle sehr freundlich und offen und versuchen mir immer bestmöglichst zu helfen, wenn ich eine Frage habe oder etwas nicht verstehe – auch wenn das aufgrund der Sprache vielleicht nicht immer klappt und es manchmal damit endet, dass wir in einem wilden Mix aus Deutsch, Englisch und Ungarisch sprechen. Aber in meiner Klasse ist auch ein anderer Austauschschüler, David aus Mexiko, den ich bereits auf dem Arrival Camp kennengelernt habe und dank dem ich zum Glück nie als einzige ratlos dastehe. Wir unterhalten uns oft über Dinge, die uns hier in Ungarn besonders auffallen, und die ich in den nächsten Absätzen aufgelistet habe.

 

DIE UNGARISCHE SCHULE

Im Großen und Ganzen ist die ungarische Schule eigentlich ziemlich ähnlich zur deutschen, es finden sich viele Gemeinsamkeiten. Das betrifft zum Beispiel

  • Den Unterricht im Klassenverband
  • Die Fächer
  • Die Länge der Unterrichtsstunden (45 min) und Pausen (10-15 min)
  • Den technischen Stand
  • Die Regeln (entgegen meiner Erwartungen gleich streng)

Im Laufe der Zeit sind mir trotzdem immer mehr Details eingefallen, die ich so aus Deutschland nicht kenne. Hier die Unterschiede:

  • Zum Schulsystem im Allgemeinen: Die Grundschule dauert acht Jahre, danach kann man eine sog. Spezialfachschule (2 Jahre), ein Gymnasium (4 Jahre) oder eine Berufsschule (3-4 Jahre) besuchen, die nochmals in verschiedene Typen unterteilt wird. Bei den Fremdsprachen kann zwischen Englisch und Deutsch gewählt werden, das Niveau ist an meiner Schule durch den Musikschwerpunkt jedoch nicht so hoch und die Kommunikation ist manchmal (noch) schwierig.
  • Das Unterrichtskonzept ist viel altmodischer: Es gibt klassische Sitzreihen und der Lehrer (fast immer weiblich) hält in der Regel einen Monolog, während die Schüler selbst dafür verantwortlich sind, die wichtigen Dinge in ihr Heft zu notieren.
  • Wir – bzw. meine Mitschüler – haben bis jetzt schon in jedem Fach einen Test geschrieben, wobei die Note (von 1-5, eine 5 ist am besten) jedes Einzelnen am Ende laut in der Klasse vorgelesen wird.
  • Wir haben 5 Schulstunden die Woche Sportunterricht – das klingt anstrengend, aber eigentlich sind es nur 5 Minuten Laufen und dann spielt man Fußball, Ping Pong oder Badminton.
  • Mir scheint es, als wäre hier mehr Respekt vor den Lehrern vorhanden: Ich habe noch nicht gesehen, dass jemand etwas Unerlaubtes gemacht hat und ermahnt werden musste. Am Anfang der Unterrichtstunde steht man außerdem auf, und wenn man den Lehrern auf dem Flur begegnet, sagt man „Guten Tag“ bzw. „Auf Wiedersehen“.
  • Am ersten Schultag und bei besonderen Anlässen trägt man schwarz-weiß und ein Hemd bzw. eine Bluse.
  • In der Mensa gibt es – typisch für Ungarn – vor jedem Gericht eine Suppe, man kann jedoch oft nicht zu Ende essen, weil die zwei Mittagspausen (um 11.35 und 12.35, für mich etwas zu früh) nur 15 Minuten dauern und man sich noch anstellen muss.

 

DAS MUSIKPROGRAMM

Auch weil meine Schule auf einen Beruf im musischen Bereich vorbereitet, sind hier viele Dinge anders als an meiner deutschen Schule:

Wann immer man freie Zeit findet, wird am Instrument geübt. Die Schule fängt erst um 9 Uhr an, sodass man auch schon um 7 Uhr kommen und in einem der vielen Räume spielen kann, die alle mit einem Klavier oder Flügel ausgestattet sind (auch die Klassenräume). Ich schlafe zwar lieber aus, dafür kann ich aber in den Englisch- bzw. Deutsch- und den Ungarischstunden üben, von denen David und ich freigestellt wurden.

Außer der Fremd- und Muttersprache gibt es noch 3 weitere für den Abschluss relevante Fächer (Mathe, Geschichte, Physik) und Sport, die bis 14:30 Uhr unterrichtet werden. In den meisten davon verstehe ich gar nichts und ich mache stattdessen Ungarischübungen (mein Ungarisch hat sich auch schon sehr verbessert 🙂 ). Außerdem gibt es noch das Fach Tontechnik, das Orchester bzw. den Chor für die Klavierspieler und Volkstanz, der zwei Stunden des normalen Sportunterrichts ersetzt. Danach folgen die Musikfächer, die über zwei Schulstunden andauern: Sólfezs (eine Art Training des absoluten Gehörs), Musiktheorie und Musikliteratur. Für jemanden, der nur Vorkenntnisse aus dem herkömmlichen Musikunterricht in Deutschland mitbringt, ist das echt schwer nachzuvollziehen, aber ich gebe mein Bestes, um das Wissen der anderen aufzuholen.

Der Unterricht im Hauptinstrument (bei mir das Klavier, man kann auch noch ein zweites Instrument wählen) findet zwei Mal die Woche für eine Stunde statt. Ich merke jetzt schon, dass ich mich vor allem in meiner Technik verbessert habe, denn mein Klavierlehrer weiß einfach unheimlich viel und gibt mir sehr viel neue Kritik. Seit Neuestem habe ich auch Kammermusikstunden, das heißt, man spielt ein Stück zusammen mit einem Schüler auf zwei Instrumenten – in meinem Fall Klavier und Geige. Ich bin sehr gespannt, wie es am Ende klingen wird 🙂 . Ich werde mit dem Üben am Ball bleiben und euch in meinem nächsten Beitrag über alles auf dem Laufenden halten!

Lucia