Szeged, Salat und Sentimentalität

Hallo Leute,

nach über vier Monaten melde ich mich mal wieder. Entschuldigung, dass ich mich so lange nicht gemeldet hab –  die Zeit verging so schnell und ich habe erst gar nicht realisiert, dass ich mal einen neuen Blogeintrag schreiben müsste 😀 Seit dem letzten Eintrag ist einiges passiert: Wir waren in Pécs (eine Großstadt in Südwestungarn), Budapest, auf dem höchsten Berg Ungarns.. Aber am besten fange ich mal von vorne an.

Wie gesagt waren wir in der Nähe von Pécs, ungefähr Mitte Februar. Da haben wir dann Bekannte meiner Familie besucht, die Zwillinge bekommen haben – sehr süß. Danach habe ich mich mit einer ATS aus Mexiko getroffen, mit der ich ziemlich gut befreundet bin und wir hatten einen super Nachmittag, an dem wir die Umgebung von Harkány (das ist das Dorf, in dem sie wohnt) ausgecheckt haben. Eine Woche später kam dann eines der Highlights meines Austauschjahres: Wir sind nach Budapest gefahren und haben uns da das Phantom der Oper angeguckt, das zu meinem absoluten Lieblingen zählt. Ich fand es super nett von meiner Familie, dass sie dafür die Tickets organisiert hatte, denn obwohl sie im Vergleich zu den deutschen relativ günstig waren (ca. 20 Euro pro Person), ist das immer noch viel für eine ungarische Familie, weil die Leute hier einfach viel weniger verdienen. Hier findet ihr Bilder von den atemberaubenden Kostümen und Kulissen.

Anfang März war dann mein Geburtstag, wegen dem eine gute Freundin, die auch ATS aus Deutschland ist, für eine Woche zu mir nach Szeged kam. Wir hatten Glück, weil genau in der Zeit auch der eine Turm des Szegediner Doms geöffnet war, so dass wir dann hinaufgestiegen sind. Die Aussicht war unglaublich –  das Wetter war einfach super!

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Die Aussicht über Szeged in Richtung Stadt

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Der Dom von vorne

Die Zelte vor dem Dom gehörten zu einer Ausstellung zur Erinnerung an das Hochwasser von 1970, wenn  ich das richtig in Erinnerung hab.

In die gleiche Woche fiel auch der Frauentag. Am Frauentag ist es in Ungarn üblich, dass die Mädchen von den Jungs Blumen geschenkt bekommen. Die Jungs aus meiner Klasse haben dann jedem Mädchen eine Blume gegeben und waren an dem Tag noch höflicher als sonst 😀

Ungefähr zwei Wochen später kamen dann ca. 10 Deutsche aus Brühl in der Nähe von Köln an unsere Schule, um an einem einwöchigen Austauschprogramm teilzunehmen. Als ich mich ihnen vorgestellt und erzählt hab, dass ich seit August in Ungarn lebe, wollten sie es zuerst gar nicht glauben! 😀 Ich hab dann an ihrem Stadtbesichtigungsprogramm teilgenommen und bei Verständnisproblemen übersetzt, was ein ziemlich gutes Gefühl war. Wir hatten dann ein paar schöne Tage zusammen, und jetzt im Mai sind die Ungarn für eine Woche bei ihnen in Brühl gewesen.

Außerdem war natürlich Ostern, was in Ungarn mit der Familie gefeiert wird. Zum typischen Essen am Samstag vor dem Ostersonntag gehören Salat, Schinken und Eier. Die ganze Familie trifft sich, wobei jeder etwas mitbringt (zum Essen) und alle unterhalten sich und feiern. Am Ostersonntag selbst gehen dann alle gemeinsam in die Kirche und es gibt dann entweder Lamm oder Hase, das kommt auf die Vorlieben der Familie an. Am besten gefallen hat mir die ‚locsolás‘, also das ‚Begießen‘ der Mädchen und Frauen durch die Männer mit Wasser oder Parfüm. Die männlichen Verwandten und Freunde kommen mit Wasser, sagen ein Gedicht auf und begießen das Mädchen dann ein bisschen, was ihr Schönheit fürs nächste Jahr bringen soll. Als Belohnung bekommen sie Schokolade, Geld oder auch einen Kuss auf die Wange.

Im April hatten wir Osterferien, und da meine Familie sehr reiselustig ist (also wirklich sehr, sobald sie Freizeit haben, packen sie die Koffer und setzen sich ins Auto), sind wir in den Norden von Ungarn gefahren: ins Mátra-Gebirge. Da sich dort auch der höchste Berg Ungarns, der Kékes mit 1015 Metern, und die Stadt Eger befinden, wurde der Ausflug natürlich für ein bisschen Sightseeing genutzt: Schließlich muss ‚a német kislány‘ (das kleine deutsche Mädchen) alles sehen, was Ungarn zu bieten hat! Versteht mich nicht falsch, ich freu mich natürlich darüber, aber manchmal sind sie (die Ungarn) wirklich sehr patriotisch. In Eger stehen die Überreste einer von Ungarns wichtigsten Burgen. Wie ihr vielleicht wisst, haben die Türken im 16. & 17. Jahrhundert für 150 Jahre in Ungarn geherrscht, was man auch heute an den teilweise aus dieser Zeit erhaltenen Gebäuden sieht. Bis die Türken wirklich die Übermacht in Ungarn hatten, gab es einige Schlachten bei den verschiedenen Burgen Ungarns, bei denen die Ungarn meisten verheerende Verluste erlitten. Eine Ausnahme bildet die Schlacht von Eger im Jahre 1552, wo die Ungarn gegen eine Übermacht von Türken siegten. Gárdonyi Géza (auf deutsch würde man Géza Gárdonyi schreiben, aber auf ungarisch schreibt man die Namen umgekehrt) hat darüber das Buch ‚Egri csillagok‘, die Sterne von Eger geschrieben, welches bis heute sehr beliebt ist in Ungarn und außerdem zur Pflichtlektüre in den Schulen zählt. Ich habs auch gelesen, es ist ganz interessant, aber auch ziemlich patriotisch. Die Burg ist jedenfalls nicht soo gut erhalten, aber dafür gibt es noch Tunnel unter der Erde, in denen sich die Soldaten aufhielten. Sie haben uns demonstriert, wie es war, als Teile der Burg über den Tunneln eingefallen sind (wenn ich das richtig verstanden und in Erinnerung habe :D) und die Soldaten dadurch in den Tunneln eingeschlossen waren – ohne Licht, nur mit den Kampfgeräuschen über ihn. Es war ziemlich beeindruckend.

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Der Stein auf dem Gipfel des Kékes

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Links sieht man Teile der Burg

Danach, gegen Ende April, waren wir mit YFU in Prag – das war absolut eines der Highlights meines Austauschjahres. 17 ATS, zwei Teamer, ein Fremdenführer und ein Busfahrer. Wir sind für 4 Tage unterwegs gewesen und es war super. Prag ist eine wunderschöne Stadt, die zu besichtigen sich auf jeden Fall lohnt! Unterwegs haben wir noch in Bratislava und in Lednice angehalten und dort für jeweils zwei Stunden Sehenswürdigkeiten besichtigt. Als wir in Prag waren, haben wir am ersten Tag eine Stadtbesichtigung gemacht, die allen gut gefallen hat, aber leider ein bisschen lang war – das hätte man besser einteilen können. Aber es hat sich natürlich gelohnt. Wir haben uns die Prager Burg mit dem St-Veits-Dom, die Karlsbrücke, einen Park, den Judenfriedhof und die alte Synagoge und noch weitere Bereiche der neueren Stadtteile angeguckt. Und natürlich Prager Bier probiert 😀

Als ich dann wieder in Szeged war, ging es nach einer Woche auf Klassenfahrt, welche uns noch mal nach Pécs führte. Es war ziemlich cool, für mehrere Tage so mit meinen Freunden zusammen zu sein, auch wenn es am ersten Abend so super kalt war, dass sich die meisten erkältet haben. Auf dem Weg nach Pécs haben wir in Mohács angehalten, ein Ort, bei dem im Jahre 1526 ca. 24000 Ungarn gegen die Türken gefallen sind. Da standen ziemlich viele ‚Säulen‘ aus Holz, in die Gesichter und Muster geschnitzt waren. Ein Mann hat uns für ungefähr anderthalb Stunden herumgeführt und die Führung war ziemlich langweilig (‚Wir Ungarn sind fürs Vaterland gestorben, der Türke hat uns angegriffen, unser tapferer König Lajos II. …). Aber das restliche Programm der Klassenfahrt ging klar, so dass es sich gelohnt hat, mitzukommen.

Seitdem ist nicht viel passiert. Der Alltag beherrscht mein Leben und es ist nicht mehr alles so aufregend und spannend wie noch im September. Ich habe noch ungefähr 30 Tage hier in Szeged, wir werden noch einmal ans Meer in Kroatien fahren und dann gibt es noch ein YFU-Camp, bis zum 13.6. hab ich noch Schule, außerdem gibt es noch eine Ungarisch-Sprachprüfung, auf die ich mich vorbereiten muss… Ich bedauere einerseits, dass meine Zeit hier zu Ende geht, aber andererseits möchte ich auch nach Hause, da meine Familie, meine Freunde, mein Hund mir alle fehlen. Und ich weiß, dass ich gleichzeitig hier Familie und Freunde zurücklasse, Leute, die mir sagen, dass ich doch noch ein Jahr bleiben soll, die mit mir lachen und mich mögen, obwohl wir einander zuerst fremd waren. Aber ich weiß, dass ich irgendwann zurückkommen werde, auch wenn ich den Zeitpunkt noch nicht kenne.

Bis dahin,

sziasztok barátaim, majd írok

Linda