unvorstellbar

Nun ist das zur Realitaet geworden, was ich mir im Vorherein immer so wenig habe vorstellen koennen. Wie oft habe ich in Deutschland versucht, mir auszumalen, wie ein Alltag fuer mich in Chile aussehen wuerde. Viel habe ich mir erzaehlen lassen, vom hiesigen Leben, der Mentalitaet der Menschen und Chile ueberhaupt. Und doch hat meine Vorstellungskraft nie ausgereicht, mich in dieses Leben hineinzufuehlen. Diese voellig andere, komplett fremde Umgebung, als die, an die ich durch mein ganzes Leben gewoehnt war, hat meine Fantasie nie fassen koennen. Und so bin ich im Unwissen aufgebrochen, wenn ich mich auch im  theoretischen Sinne weitestgehend vorbereitet hatte.

Nun ist hier meine vierte Schulwoche angelaufen und ist so ein Stueck weit zum neuen Alltag geworden. Ich habe eine zweite Familie, in deren Alltag, in deren Haushalt ich mich eingegliedert habe. In der Schule lerne ich meine Mitmenschen mit jedem Tag besser kennen, waehrend ich auf immer neue Namen, immer neue Gesichter treffe.
Voll und auf  bin ich damit beschaeftigt, mich anzupassen, einzugliedern, mich zu gewoehnen.

Von Tag zu Tag begegnen mir mehr, erkenne ich neue Unterschiede, in der mir immer weniger fremden Kultur.

Und von Woche zu Woche geniesse ich das Schulleben mehr, da ich merkliche Fortschritte im Sprachgebrauch mache und mehr und mehr Teil der Klassengemeinschaft werde.

Was hier zunehmend waechst, ist mein Interesse fuer Geschichte. Sowohl die Geschichte unseres Volkes als vielmehr die des chilenischen. So ist mir beispielsweise passiert, dass mir im Gespraech mit zwei sehr gern gemochten Klassenkameraden von den Meinungsunterschieden der chilenischen Bevoelkerung bezueglich Pinochets erzaehlt wurde. Und eben diese Klassenkameraden berichten mir, dass sie die Aera Pinochets gutheissen, man muesse sich dochmal die wirtschaftliche Entwicklung des Landes auf Grund dessen anschauen. Auch mit meinen Gasteltern habe ich darueber gesprochen, und sie bestaetigten mir, dass tatsaechlich ein unheimlich grosser Bruchteil in diese Richtung denkt, wenn auch nicht sie. Ich denke, dass wir als Deutsche unheimlich sensibilisiert sind fuer geschichtliche Epochen wie die Pinochets und ich von daher aus Deutschland nur die strikt ablehnende Meinung kenne.

Auch die Konfrontation mit der deutschen Geschichte bleibt hier nicht aus. Mitschueler freuen sich, wenn sie ein deutsches Wort sagen koennen, sei es der Hitlergruss. Mir vergeht in diesen Situationen das Lachen und sie bringen mich dazu, mich damit auseinander zusetzen, was durch eine solche Konfrontation mit meiner Herkunft in mir vorgeht. Das ist ein so schoenes Beispiel dafuer, dass man oft erst aus der Ferne ueber etwas zu lernen beginnt, in dem man immer gelebt hat.

Ich bin grad jederzeit vollauf beschaeftigt und sehr gluecklich damit! Ich habe mich dem Volleyball-Team meiner Schule angeschlossen und spiele einmal die Woche Tischtennis nach der Schule. Ausserdem gehe ich zum lateinamerikanischen Tanzen, eine Gruppe mit supernetten Maedels. Beschaeftigt bin ich gerade noch damit, mir Flamenco-Unterricht zu organisieren, denn davon gibt es mehrere Angebote in meiner Stadt und dieser Tanz ist mittlerweile zu meiner Leidenschaft geworden!

Am Wochenende war ich mit meinen neuen sozialen Kontakten beschaeftigt, und bin auf zwei Geburstagen eingeladen gewesen. Eines der Dinge, an die es sich zu gewoehnen gilt, ist die Art, wie die Chilenen tanzen, die doch ganz anders ist, als die, die ich von Deutschland gewoehnt bin. Auch darin spiegelt sich wieder, wieviel naeher man sich hier doch ist, als im „kalten“ Deutschland.

Am Freitag habe ich auch zum ersten Mal meine liebste neue Freundin Gabi mit nachhause gebracht. Es ist hier sehr wichtig, die Freunde den Eltern vorzustellen, sowie bei den anderen Eltern ein gutes Bild abzugeben. Es war superschoen, sie hier zu haben und ich war ganz stolz und auch aufgeregt. Zwei Tage spaeter dann war ich bei einer anderen Freundin Jenny zuhause, um ihr mit Englich behilflich zu sein, und habe wiedereinmal gespuert, was Familie hier fuer eine andere Rolle einnimmt. Den halben Nachmittag haben wir alle beisammen gesessen, bis wir uns irgendwann aufgerafft haben, Englisch  zu praktizieren, was hier so schlecht ist, dass ich im Kontrast sogar jetzt ein sehr gutes Englisch spreche, auch wenn ich das Gefuehl habe, durch das Spanisch meine anderen Sprachkenntisse zu verlieren.

Zudem habe ich Ende letzter Woche begonnen, die simplen Dinge, die mir bewusst durch den Kopf gehen, auf Spanisch zu denken zu versuchen. Dadurch bin ich auch fuer mich staendig mit meinem Woerterbuch beschaeftigt, komme aber garnicht mehr aus dem Spanisch raus! Es klappt super und die Fortschritte, die ich mache, machen mich beizeiten stolz!

Als Jugendlicher freut man sich hier auf die Schule und auch ich habe sehr grossen Spass daran, abgesehen vom fruehen Aufstehen. Wenn ich motiviert bin, verstehe ich den Unterricht sehr gut, doch bisher habe ich mich erst in wenigen Faechern dazu aufraffen koennen. Am meisten zu schaffen machen mir da die Namen, denn durch die vielen ausserschulischen Aktivitaeten, die ich ausprobiert habe, habe ich sehr viele Leute kennengelernt, kann aber einfach keinen neuen Namen mehr in meinem Kopfe aufnehmen!

Am Wochenende wird hier ein grosses Familienfest stattfinden, weil meine Gastmama Geburtstag feiert. Noch mehr Namen! Aber vielleicht reichen da, wie auch in der Schule fuer alle Lehrer, Onkel und Tante. Ich freu mich sehr darauf, die Familie kennenzulernen und vorallem auch, dass meine Schwester wieder aus Santiago zu Besuch kommt! Darueberhinaus auch auf das Essen, mit dessen Vorbereitung meine Gastmama schon jetzt staendig beschaeftigt ist.. Auch wenn ich schon ohne Fest in meinem heute einmonatigen Aufenthalt in dieser Familie noch keine zwei Male dasselbe zu Mittag gegessen habe… Meine Mama ist wirklich eine Goettin in der Kueche!
Auch ich habe am Samstag mal meine Backkuenste erprobt und mit dem Brotrezept meiner echten Mama meine ganze Familie hier begeistert!

Fuer heute will ich meinen Bericht zu Ende bringen; Es ist immer dasselbe, beginn ich einmal zu schreiben, kann ich so schnell nicht mehr aufhoeren. Es ist schoen, hier habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, mit meinen Erfahrungen Buch zufuehren; wodurch ich mein deutsch nicht verlerne und sich immer wieder alles ordnen laesst.

Ich hoffe es geht Euch allen gut, und ihr geniesst den wohl gerade so warmen Sommer! Frueh genug werde ich Euch von dem Fruehling hier erzaehlen, waehrend ihr friert, wie ich gerade 🙂

Also, ganz viele und liebe und herzliche Gruesse ueber den Pazifik,
Alles Liebe,
Leoni