Gute Zeiten, die zu schnell vergehen

Sonntag

Heute ist ein Tag seliger Entspanntheit. Ich bin in einer unheimlich ruhigen, ausgeruhten Verfassung, der ich nachgehe und die ich geniesse.

Was hier immer wieder meine Aufmerksamkeit weckt ist, dass ich staendig in unterschiedlichen Stimmungen wandele, die sich auf einer anderen Ebene als nur der meines Wohlergehens unterscheiden. Ich denke, ich kann das damit erklaeren, dass ich in diesem neuem Umfeld hier, mich in staendiger Veraenderung befinde, sei es in der Beziehung mit meiner Familie oder mit meinen Freunden. So fuehle ich mich besonders dieses Wochenende so, als wuerde ich gerade einen neuen, weitausholenden Schritt nach vorne tun, mich auf einen neuen Punkt zubewegen, eine neue Stufe erklimmen, die mich meinen neuen Freunden naeher bringt. Damit ist fuer mich in diesen Tagen eine noch fremde Stimmung verbunden, die ich zwar geniesse, aber doch noch nicht so recht ergruenden kann. Teil dieser Stimmung ist aber auch eben diese Ruhe, von der ich zu Beginn geschrieben habe. Diese Ruhe, die dadurch geschaffen wird, dass ich mittlerweile in einem Haus lebe, in dem ich zuhause bin. Die mich hier daheim sein laesst, mich hier zuruecklehnen, entspannen, durchatmen laesst.

Warum ich mich meinen neuen Freunden gerade naeher fuehle, als je, kann ich nicht an besonderen Ereignissen fest machen. Und auch moechte ich damit nicht sagen, dass ich an einem Punkt angekommen bin, an dem ich unterschiedslos zu den Anderen Teil des Ganzens bin.

Natuerlich gibt es auch noch immer diese Situationen in der Schule, in denen ich mich unwohl fuehle. Es sind die Situationen, in denen wir in grosser Gruppe zusammensitzen und in denen es mir bedingt meiner Sprache und der Vorkenntisse so schwer faellt, mich einzubringen. Was mich aber so nervt, weil ich diese Rolle, des Maedchens, das eben dabei sitzt, fuer mich ganz und garnicht abkann! Dafuer kennt ihr mich wahrscheinlich gut genug.

Der Unterschied nun ist aber, dass ich die Gespraeche mittlerweile komplett nachvollziehen kann. Ich verstehe sogut wie alles und allein das macht mich manchmal so stolz und froh, dass ich mich um garnichts anderes mehr kuemmere! Da waeren wir wieder beim alten Thema: So haengt doch alles von der Einstellung ab. Vom Ausgangspunkt der Wahrnehmung.

Ein weiterer mittlerweile entstandener Unterschied, den ich unheimlich wertschaetze ist, dass ich hier meine Freunde habe, meine nahstehenden Personen, denen ich eben davon erzaehlen kann. Denen ich von den Freuden und Sorgen erzaehlen kann und mich damit bei ihnen in Vertrauen wissen kann.

Die letzten beiden Wochenenden habe ich wunderschoen verbracht. Das vergangene Wochenende war eines der langen Wochenenden des Oktobers. Hier werden die Feiertage, die unter der Woche anstehen, immer auf den Montag vorverlegt und somit viele verlaengerte Wochenende geschaffen.
Mit meiner Familie habe ich einen langen Ausflug in Richtung Sueden unternommen. Wir haben den Vulkan Lonquimay besucht und viel der dortigen Umgebung gesehen! Waren im Schnee stapfen, sind auf die Anden hinaufgefahren, sodass nur noch ein Fusstritt gefehlt haette, das nachbarische Argentinien zu besuchen. Wir haben Stunden in einem Termalbad verbracht und vorallem Stunden geredet ueber Gott und die Welt. Oder bessergesagt Chile und die Welt! Ich lebe hier in einer  sehr weltoffenen und toleranten Familie. Das fuehrt dazu, dass ich mich nicht genieren muss, meine Meinung zu aeussern, zu erfragen was mich interessiert und macht moeglich, dass viele weiterbildende Gespraeche entstehen.

Mit meinem Bruder habe ich eine Vertrauensperson gefunden, mit der ich uebergluecklich bin, in einem Haus zu leben. In den wenigen Wochen und Monaten, die schon vergangen sind, haben wir eine Freundschaft aufgebaut, die mir sehr wichtig ist und die ich sehr schaetze.

Am Sonntag nach dem Schneeausflug habe ich mit Matias, einem Freund und Klassenkameraden, und seiner Familie einen Ausflug an den Strand unternommen. Auch wenn es fuer mich mittlerweile schon fast normal sein muesste, freue ich mich jedes Mal aufs Neue riesig, wenn ich dem Meer so nahe bin! Vor dem Ausflug war ich etwas aufgeregt, die Familie kennenzulernen, wo das hier doch so wichtig ist und mit jeden meiner naeheren Freunde immer nochmal eine andere Herausforderung bedeutet hat. Doch ich habe mich gut gemacht und mich  mit allen gut verstanden!

Die Woche, die mit einem Tag weniger doch um einiges kuerzer erschien, ging flott herum und wenn ich jetzt an sie zurueck denke, habe ich sie zufrieden und ohne grossen Aufruhr verbracht. Am Freitag war ich dem Geburtstag einer Klassenkameradin eingeladen, die hier fast um die Ecke wohnt. Was ich an diesem Abend so genossen habe war, dass ich mich endlich mal mehr unterhalten habe, mit meiner Sitznachberin der Schule. Immer ist sie mir gegenueber sehr hilfsbereit und fuer alle Fragen offen, und doch haben wir nie viel zu reden gehabt. Und das ist eine Angelegenheit, derbezueglich ich neige, mir Stress zu machen. Weil es so unangenehm ist, nach Gespraechsthemen zu suchen, und diese Situationen so oft entstehen, wenn man beisammen sitzt. Nun aber am Freitag haben wir fast den ganzen Abend zusammen verbracht, und ich habe mich unheimlich gefreut, sie besser kennen zu lernen! Wie es hier wohl garnicht so ungewoehnlich ist, stellte sie mir einen Freund vor, der mich gerne kennen lernen wolle, und so, schneller als gedacht, war ich wieder voll drinne, in dem Teenie-Leben, dem hier alle so leidenschaftlich nachgehen. So quatschte ich ein bisschen mit ihm, um danach bis aufs kleinste Detail von meinen Maedels auseinander genommen zu werden. Und nicht zu vergessen, dass auch am Folgetag nochmal jedes Wort genau interpretiert wurde! 🙂

Was mir hier so gefaellt ist, dass Freundschaften auf Haenden getragen, gehegt und gepflegt werden. So mangelt es nie an liebevollen SMSn, an einer kurzen Umarmung in der Schule, an den Worten, wie lieb man einen habe. Und alldas mit einer  solchen Ehrlichkeit, dass es mich immer wieder beruehrt. Darueberhinaus scheint es den Meisten sehr leicht zu fallen, darueber zu reden, was man fuehlt. So mag es vielleicht sein, dass in Deutschland eine direktere Art an Tag gelegt wird, die die Dinge auf den Punkt bringt, wie sie sind. Ja, tatsaechlich mag man hier vielleicht etwas mehr durch die Blume sprechen.  Doch trotzdem werden die wirklich wichtigen Dinge mit einer entwaffnenden Ehrlichkeit uebermittelt. Wie beispielsweise mein Bruder, der mir einfach so, nachdem wir uns am Nachmittag etwas unterhalten haben, sagt, dass er es so moegen wuerde, mit mir Zeit zu verbringen, weil ich ihn meiner Froehlichkeit immer anstecken wuerde! Oder eine Dani, die mir vermittelt, dass sie nur zu gerne ihre Schwester mit mir teilen mag, wenn ich meine grosse Schwester mal zu sehr vermissen wuerde.

Das schaetze ich wirklich. Ich glaube, ich werde von hier mit einem viel romantischeren Touch nach Hause zurueckkehren.

Meine Mama ist ueber dieses Wochenende verreist, wodurch wir hier den Haushalt ganz selbststaendig schmeissen muessen! Woran ich merke, dass sie fehlt, ist an der Unordnung meines Zimmer, die ich jetzt sorgenlos auslebe, weil ich weiss, dass das wenn dann sie interessieren wuerde! Heute habe ich die Gelegenheit gleich am Schopf gepackt und endlich mal wieder gekocht! Ganz daheim gefuehlt hab ich mich mit meinem Lauchgemuese und damit aber auch die Maenner gluecklich gemacht 🙂

Jetzt geht wieder ein Wochenende vorueber, das wie an mir vorbeigerast ist. Es ist doch verrueckt, wie die Zeit verfliegt. Und mir ist es nicht moeglich, die Momente festzuhalten, die ich am meisten geniesse. Jetzt sind hier bald 3 Monate herum, immer weniger Zeit bleibt mir und immer mehr bin ich hier. Wie gerne wuerde ich manchmal das Vergehen der Zeit stoppen und in meiner Stimmung anhalten. Aber trotzdem merke ich auch, dass mir die schoenen Momente im Nachhinein viel mehr wiegen, dass ich aus ihnen mehr mitnehme!

Jetzt werde ich bald schlafen gehen, damit ich auch morgen gut in die neue Woche starte. Irgendwie ist hier jede Woche fuer mich mit einer neuen Etappe verbunden, finde ich manchmal. Sodass ich Sonntagabends immer recht erwartungsvoll bin, was mich erwartet! Die folgende Woche wird aber entspannter zugehen, weil ich keinerlei Sport machen darf. Der Arzt hat mich krankgeschrieben, weil ich mich seit Wochen mit schlimmen Husten rumplage und er ein Vorstadium einer Lungenentzuendung festgestellt hat! Ich fuehl mich aber nicht so krank.

Also, meine Lieben dadrueben. Ich hoffe es geht Euch gut, ihr geniesst den goldenen Herbst! 🙂 Ich schicke Euch die liebsten Fruehlingsgruesse aus der Ferne und lasst Euch druecken!

Eure Leo