Schon Mai?!?!

Hej,

Oje, ist das lange her, seit ich das letzte Mal geschrieben habe… Ich habe allerdings eine gute Entschuldigung, in der letzten Zeit war nämlich so einiges los…

An Ostern war ich mit meiner Gastfamilie in Oskarshamn, um dort meine Gastgroßmutter zu besuchen. Leider bin ich dann dort erstmal krank geworden und habe vom eigentlichen Besuch nicht viel mitbekommen. Auf der Rückfahrt sind wir dann über Vimmerby zurück gefahren, wo die meisten Bücher Astrid Lindgrens sich abspielen und auch verfilmt wurden. Die Autorin ist in der Nähe der Stadt auf einem kleinen Hof namens Näs groß geworden, der mittlerweile ein beliebtes Touristenziel ist. Wir hatten leider nicht viel Zeit und waren deshalb nur kurz auf Katthult, dem Hof von Michel aus Lönneberga (auf Schwedisch Emil). Die Fahnenstange vor dem Haus war gar nicht so hoch wie erwartet, auch wenn man bestimmt trotzdem bis nach Mariannelund sehen könnte von da oben… schließlich ist die Region alles andere als bergig.

Ostern war sehr früh dieses Jahr, und dem entsprechend waren das die Osterferien auch. In Schweden gibt es keine Pfingstferien und das bedeutet über zehn Wochen Schule ohne Pause…. Dafür werde ich danach drei Monate Sommerferien haben, das gleicht das ganz gut aus. Zur Zeit gibt es einiges an Prüfungen zu schreiben, die so genannten Nationellas und Kursprov. Die Nationella ist eine national gleiche Prüfung, die die Schlussprüfung eines Kurses in Schwedisch, Mathe oder Englisch ist. Das schwedische Schulsystem teilt den Schulstoff nicht auf Schuljahre, sondern Kurse auf. Das heißt, dass jede Schule die Kurse für jeden einzelnen Schüler zusammensetzen kann, je nachdem, welches Programm er machen will. Die Kursinhalte sind klar definiert und festgeschrieben, was es auch einfacher für Hochschulen macht, die Studiengänge anzupassen und die Studienanforderungen zu definieren: Wer Medizin studieren will, muss Chemie 2 gehabt haben, wer Jura studieren will, muss in Gesellschaftskunde mehrere Kurse belegt haben.

In allen Fächern außer Mathe, Schwedisch und Englisch wird die Nationella durch die Kursprov ersetzt, die nur in der jeweiligen Schule genau gleich ist. Auch hier wird der Lernstoff des gesamten Kurses zusammengefasst. Ein Kurs muss übrigens nicht genau ein Jahr lang sein. Manchmal ist ein Kurs zwei Jahre lang, manchmal auch nur ein halbes. Je nachdem, wie oft man den Kurs pro Woche hat und welche Lerninhalte an der Reihe sind.

Diese Prüfungen sind anstrengend, haben aber einen Vorteil: Du kannst dich nicht verschlechtern, außer du fällst durch. Wenn du aber in einer Arbeit eine schlechte Note hattest und dann in der Kursprüfung eine bessere im selben Bereich schreibst, wird diese Note gewertet. Ohne Durchschnittsberechnung. Okay, du hast es kapiert. Jetzt bekommst du auch die Note, der deine Leistung jetzt entspricht. Die Kursprüfung sollte also weniger als Vorgeschmack einer deutschen Abiturprüfung betrachtet werden, sondern mehr als letzte Möglichkeit, sich zu verbessern.

So viel zum Thema Prüfungen. Jetzt aber zum schönen Teil dieser Jahreszeit: Der Frühling ist da! Es ist warm und wird jeden Tag heller. Am 29. April wurde deswegen hier groß gefeiert: Neben dem 70. Geburtstag des schwedischen Königs war nämlich Valborg, übersetzt Walpurgisnacht, wo die Schweden den Frühling begrüßen. Überall werden große Feuer angezündet, begleitet von typischen schwedischen Frühlingsliedern, normalerweise von einem Männerchor gesungen. Zusammen mit Valborg findet auch häufig das „Mösspåtagning“ statt, also das Mützenaufsetzen. In Schweden bekommen alle Abiturienten eine Mütze, die ein wenig wie eine Kapitänsmütze aussieht. Die Mützen werden alle zusammen aufgesetzt, begleitet vom „Studentsång“, ein weiteres schwedisches Lied über den Schulabschluss. Meine Klasse durfte dieses Jahr dieses Mützenaufsetzen musikalisch begleiten, ein kleiner Vorgeschmack zum Abiball. Der Abiball hier heißt natürlich nicht so, sondern Gubbskiva, oder Skolskiva: Alle Lehrer und Schlüler des Abschlussjahrgangs essen und feiern zusammen, und die Musik-Zweitklässler an meiner Schule geben traditionellerweise ein Konzert. Die Proben dazu sind schon seit Januar zugange und ich glaube, das wird ein unvergesslicher Abend für uns alle.

Ich merke, dass das Austauschjahr immer schneller richtung Ende geht und alleine bei dem Gedanken habe ich so viele verschiedene Gefühle, dass ich nur noch verwirrt bin und nicht weiß ob ich lachen oder weinen soll. Ich habe hier so wunderbare Menschen kennengelernt und ein zweites Zuhause gefunden. Aber ich vermisse auch meine Freunde und meine Familie zuhause, vermisse das deutsche Essen, vermisse meine Stadt und, und, und…

Trotzdem glaube ich, dass das Nachhausekommen nicht einfach sein wird. Ich fühle mich in der schwedischen Kultur zuhause, fühle, dass meine Persönlichkeit eigentlich schon immer mehr schwedisch als deutsch war, ohne dass ich es wusste. Deshalb bin ich mir sicher dass es schwer für mich wird, mich wieder zurück in die deutsche Kultur anzupassen, meinen Status als Austauschschüler abzulegen. Plötzlich wieder wie alle anderen sein: etwas, dass man die ganze Zeit im Ausland versucht hat, jetzt aber vielleicht gar nicht mehr will.

Doch bevor ich hier weiter über Abschiede philosophiere, bleibe ich lieber im hier und jetzt und genieße meinen letzten Monat im wundervoll sommerlichen Schweden, wo die Sonne noch um zehn Uhr Abends scheint.