Wer nicht geht, kann auch nie zurückkommen.

Noch 7 Tage. 7 mal schlafen, 7 mal aufstehen, 7 mal sind Tagesabläufe und Umfeld noch vertraut. It’s the final countdown, im wahrsten Sinne des Wortes: in einer Woche breche ich mit meinen Mitaustäuschlern auf nach Südostasien.

Ich bin Lea, 14 Jahre alt, und werde mein Auslandsjahr in Thailand verbringen. Dort war ich bisher noch nie – ich weiß darüber nur, was ich in Büchern gelesen habe, was uns auf der Vorbereitungstagung erzählt wurde und was mir meine Gastfamilie schon alles berichtet hat. Persönliche Erfahrungen haben mich also nicht dazu bewegt, mich für dieses Land zu entscheiden. Viel mehr war es einer der ersten Ausdrücke, die ich jemals auf Thai gehört habe: ไม่เป็นไร (mai bpen rai). Macht doch nichts. Bitteschön. Passt schon. Keine Sorge. Take it easy. Diese drei kleinen Wörter haben mich wahrscheinlich dazu gebracht, auf dem Auswahlzettel „Thailand“ anzugeben – man sagt, mai bpen rai sei nicht einfach nur eine alltägliche Phrase, nein, es sei viel eher eine Philosophie. Lass dich nicht aus der Ruhe bringen, und vor allem: lächle. Einer der vielen Namen Thailands ist ja „Land des Lächelns“, und dieses Land möchte ich unbedingt kennenlernen.

Obwohl ja doch noch eine Zeit lang hin ist bis zur Abreise, gab und gibt es noch ein paar Dinge zu erledigen. Wir mussten uns wegen des Visums beim „Königlich-Thailändischen Honorarkonsulat“ melden (wahnsinn, was für ein Zungenbrecher! Versucht mal, dreimal ganz schnell hintereinander Königlich-Thailändisches Honorarkonsulat zu sagen ^^). Langsam muss ich mir überlegen, was ich denn mitnehmen möchte – was sich aber doch als recht schwierig erweist, abgesehen von Klamotten und einer Kamera. Ich bin auch ins Gastgeschenkebastelundkaufgeschäft eingestiegen: meine Gastmutter hat beispielsweise verlauten lassen, dass sie sehr gerne Schokolade isst, und ich habe Keramikrohlinge angemalt, eine Schüssel und eine Schale.

Auf meine Gastfamilie freue ich mich sowieso schon sehr. Ich habe eine erwachsene Gastschwester, die in Bangkok studiert, und meine Gasteltern, beide Lehrer, die in der Provinz Phitsanulok leben. Alle machen einen furchtbar netten Eindruck, man schreibt sich und schickt ab und an Fotos hin und her. Meine Gastmutter hat auch schon erwähnt, dass sie bereits allerlei „Vorkehrungen“ getroffen hat, um mir die ersten Tage so europäisch wie möglich zu gestalten – sie hat beispielsweise einen Toaster für mich besorgt. ^^

Was mir derzeit ein wenig Sorgen bereitet, sind allerdings zwei Dinge. Einerseits die Sprache – ich habe zwar ein Buch bekommen, mit dem ich vorab ein bisschen Thai lernen kann, aber Thai ist eine Tonsprache, das bedeutet, es gibt fünf verschiedene „Töne“ im Thai, und je nach dem, wie du ein Wort aussprichst, kann ein Wort eine andere Bedeutung haben. Aber wahrscheinlich geht das dann schon alles, wenn um einen herum nur Thai gesprochen wird – learning by doing, sozusagen – und meine Gastmutter hat mir schon versichert, sie würde mir helfen, so gut es geht.
Andererseits sind da aber ja auch die politischen Unruhen. Das Militär hat die Macht ergriffen, das Kriegsrecht wurde ausgerufen und eine Ausgangssperre wurde verhängt. Es sind zwar Neuwahlen angesetzt, aber die sollen frühestens im Spätsommer 2015 stattfinden. Als ich meiner Gastfamilie erzählt habe, dass ich mir Sorgen um sie mache, meinten sie allerdings, alles ginge seinen gewohnten Gang und der Alltag verlaufe wie sonst auch, abgesehen von der Ausgangssperre. Zu hören, dass es ihnen gut geht, war für mich das Allerwichtigste. Und da noch keine Hiobsbotschaft von YFU gekommen ist oder eine Absage oder sonstige schlimme Nachrichten aus Thailand, denken wir einfach alle positiv, dann wird das schon alles wieder werden.

Was mich immer wieder erstaunt, ist, dass der Tag der Abreise immer näher rückt (und mir das lang gar nicht wirklich klar gewesen ist). In der Schule bekommen wir Termine für Schulaufgaben gesagt – und ich bin nicht da, die Planungen für das Schulfest laufen – und ich werde nicht dabei sein, im Kino soll im Dezember ein Hobbitmarathon laufen, in den meine Freundin als ambitionierter Hobbit-Fan mit mir gehen wollte, aber auch da werde ich mich auf der anderen Seite des großen Teichs befinden. Heraklit sagte einmal „alles fließt“. Aber im Moment trifft „alles tropft“ die Sachlage um einiges besser. Erst langsam wird mir bewusst, wie lange ich eigentlich weg sein werde, weil die Leute einer nach dem anderen anfangen, sich von mir zu verabschieden. Und immer häufiger beteuere ich, dass ich ja nicht verschwunden sein werde, sondern nur… weg, in zehn Monaten kommen wir Austauschschüler wieder zurück. Aber vor uns liegt eine wahnsinnig aufregende Zeit, dessen bin ich mir sicher. Schrittweise, aber doch immer schneller läuft alles auf diesen 23. Juni zu, die Spannung steigt, ich habe immer wieder Anflüge von diesem Fernweh und der Nervosität, ich freue mich sehr darauf, meine Gastfamilie endlich persönlich kennenzulernen. „Bubbling of excitement“ beschreibt meinen derzeitigen Gemütszustand ganz gut, glaube ich.

Jetzt ist aber besser mal Schluss, die wirklich interessanten Dinge warten ja erst noch weit weg, zwischen Kambodscha, Malaysia, Laos und Myanmar. 🙂 Macht’s gut, und
ลาก่อนค่ะ
Lea