Ich bin ein Mensch – nichts Menschliches ist mir fremd…?

สวัสดีค่ะ

Ist schon eine Weile her, dass ich mich gemeldet hab, und in der Zwischenzeit ist wahnsinnig viel passiert.
Seit mittlerweile vier Wochen lebe ich in Phitsanulok bei meiner ueberaus liebenswerten und wundervollen Gastfamilie, bestehend aus meinen Gasteltern und deren Neffen, ich hab sie alle sehr lieb. แม่ spielt gerne Uno, mag Schuhe und lernt mir Thaikochen, das macht grossen Spass ^^ Ausserdem ist sie selbst Thailehrerin (bloss halt fuer Thais), aber sie hilft mir trotzdem bei Sprachschwierigkeiten. Zum Beispiel wenn ich mal wieder Unglueck gesagt hab aber schoen gemeint hab – das heisst naemlich beides suay, man betont es nur anders. Mein Gastvater ist an der gleichen Schule wie ich (nur dass er Lehrer statt Schueler ist). Er ist witzig, sein Jackett hat einen Reissverschluss und auf seinem Schreibtisch in seinem Buero ist ein Bild von einem versteinerten Stueck Pizza. Glaubte ich zumindest. Als ich danach fragte, erklaerte er mir, das sei ein sehr altes Abbild von Buddha. Hups… ^^ Und mein Gast”bruder” ist etwas juenger als ich, faehrt gern Motorroller – das darf man in Thailand schon relativ frueh (und teilweise sogar ohne Helm), er mag gern Ahoibrause, die ich ihm mitgebracht hatte, und er spielt gern Spiele.

Mit diesen Leuten werde ich die kommenden neuneinhalb Monate verbringen und ich moechte mich an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bedanken dafuer, dass sie mich aufnehmen.

In Thailand ist so wahnsinnig viel los! Montags bis Freitags ist erst mal Schule von halb acht bis vier, und hinterher gibt es noch Clubactivities wie Fussball, Aerobic oder Musik. Schuluniform ist (natuerlich) obligatorisch (und sie zu buegeln a pain in the ass ^^). Die Thais sind sehr lustig, mehr als nett und essen gern. Gemischt. Reis oder Nudeln, dazu Papayasalat oder was mit Fisch oder Fleisch oder Suppe oder Curry oder einfach alles miteinander. Thaiessen ist toll aber manchmal hab ich das Gefühl, in China gelandet zu sein. Wenn man dann Huehnerfuesse (ja, Fuesse, nicht Beine), Schweineblutbatzen oder frittierte Grillen isst, kommen einem Zweifel. Man sollte vorsichtshalber immer erst nach dem Essen fragen, was das jetzt war xD auf diese Weise hab ich die Schweinehaut wie Chips und den gehaexelten Frosch wie Geschnetzeltes empfunden.

Als “Falang” ist man in der Schule schon sehr besonders. Einerseits weil man als Austauschschueler seinen eigenen Stundenplan bekommt und nicht immer nur mit einer Klasse Unterricht hat – da kommt man durch die ganze Schule (und das Gelaende ist wohlgemerkt riesig). Andererseits kann man ja noch nicht so gut bzw. fast kein Thai, und das laedt die mutigeren Schueler dazu ein, ihre Englischkenntnisse auszuprobieren. Ganz oft drueckt man dann noch ein Gruppenselfie auf dem Gang in die Zwischenstunde, bevor der naechste Lehrer kommt.

Ich wurde schon ganz oft gefragt, ob denn dann die Tochter von meinen Gasteltern bei uns in Deutschland wohnt, solange ich in Thailand bin, schliesslich ist das ja ein Austausch. Dieses Wort “Austausch” meint bei einem Austauschjahr allerdings den kulturellen Austausch, und nicht, dass man Kinder hin- und hertauscht ^^ Als Austauschschueler kannst du nicht nur nehmen. Du kannst nicht nur Thai lernen wollen, nicht nur das Thaiessen probieren, nicht nur in die Thaischule gehen. Du kannst auch mal deutsches Essen fuer die Gastfamilie kochen, ihnen das eine oder andere Wort Deutsch beibringen, von deutschen Festen erzaehlen, was auch immer einem einfaellt. Mein Lieblingsbeispiel kommt wieder aus der Schule. Ein paar meiner Freunde sind der Ansicht, dass Schimpfwoerter zum unerlaesslichen Wortschatz eines Austauschschuelers gehoeren, und deswegen haben sie mir auch schon bisschen beigebracht, ordentlich auf Thai zu fluchen. Im Gegenzug koennen sie jetzt ein paar unschoene Woerter auf Deutsch. xD

So ein Tag in Thailand plaettet einen. Es ist heiss und feucht und erst letzte Woche hatten wir (es ist ja Regenzeit) ein Unwetter apokalyptischen Ausmasses, das ALLES bisher dagewesene in Deutschland in den Schatten stellt. Wir durften das halbe Haus evakuieren, weil es ueberall reingeregnet und Fenster aufgeweht hat.

Wie sieht Schule in Thailand aus? Na ja. Erst mal sind die Klassenzimmer um einiges kleiner als bei uns, aber es passen zwanzig Leute mehr rein. Eine Klasse hat knapp fuenfzig Schueler (was einem auf so kleinem Raum aber gar nicht so viel vorkommt). Und dann gibt es natuerlich die Adjaans, die Lehrer. Oft herrscht zwischen Lehrer und Schuelern ein fast freundschaftliches Verhaeltnis, und manche Lehrer bieten an, sie Kru statt Adjaan zu nennen. Kru ist weniger formell. Anders als in Deutschland spricht man Lehrer bei ihrem Vornamen bzw. ihrem Thaispitznamen an, also Adjaan Wiphaa oder Kru Ben. Unterricht ist meistens sehr frontal, der Lehrer steht vorn, erzaehlt was, schreibt gelegentlich was an die Tafel. Melden und so gibt es nicht wirklich, manchmal stellt der Lehrer Fragen und die beantwortet die ganze Klasse auf einmal, oder in Englisch (oder anderen Sprachklassen) gibt es viel nach dem “repeat after me”-Muster. Das finde ich bisschen schade, deutschen Unterricht mag ich ehrlich gesagt lieber.

Schuelern in Thailand ist es erlaubt, im Unterricht zu schlafen. Wirklich. Den Lehrern ist das, solang sie gerade keinen Test schreiben, relativ egal, und es gibt in jeder Stunde mindestens zwei oder drei Leute, deren Koepfe auf der Tischplatte ruhen. Was dagegen nicht erlaubt ist (aber es tut trotzdem jeder) sind Musikhoeren und Handyspielen. In Thailand scheint jeder ein Smartphone zu haben, und man benutzt es auch fuer alle moeglichen Sachen, vom Lexikon bis hin zur Monopolyapp. Wohlgemerkt im Unterricht. ^^

In der Mittagspause isst man entweder seinen mitgebrachten Reis oder man bestellt sich eines der zig Gerichte in der Schulkantine. Dort ist das Essen billig und schmeckt wie in einem Restaurant, man kann Guaithiau (Nudeln), Pad Thai (thailaendische Nudeln mit Erdnuessen und Ei und mehr, je nach dem), Reis natuerlich mit einer von x Beilagen, oder Fastfood oder Fruechte. Fruechte sind ein Extrakapitel fuer sich. Vom bereits erwaehnten Alienei reicht das Repertoire der Schulkueche (und natuerlich der Maerkte und Buden) ueber gewohnte europaeische Fruechte und die Mango aus dem Garten zu anderen exotischen Dingen. Drachenfrucht sieht wie der Name schon sagt aus wie ein Drachenei, und wenn ihr vor etwas steht, das euch an eine grosse, gruenbraune, stachlige Abrissbirne erinnert, dann ist das zweifelsohne Durian. Durian stinkt fuerchterlich, das gebe ich zu, aber sie schmeckt ganz ausgezeichnet. Wie fast alles hier, ich komm aus dem Schwaermen gar nicht mehr raus. ^^

Der thailaendische Feiertagskalender bietet unzaehlige Moeglichkeiten, sich auch das religioese Leben mal genau anzuschauen. Meine Gastfamilie und ich sind beispielsweise an einem Abend zum Tempel gefahren, um Yian Tian zu feiern. Dafuer kaufte man eine Blume und Raeucherstaebchen und eine Kerze, und mit diesen Dingen pilgerte man gemeinsam mit anderen Glaeubigen dreimal um den Tempel herum. Mit all den vielen Kerzen und dem Raeucherstaebchenduft, der umherwaberte, hatte der Abend eine teilweise im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubende Atmosphaere. Wer seine drei Runden vollendet hatte, folgte dem Menschenstrom zu einem Baum, unterdem man inmitten der anderen Kerzen seine eigene sowie seine Blume und seine Raeucherstaebchen hinterliess.
Religion und Spiritualitaet ist in Thailand ohnehin wichtiger als in Deutschland, glaube ich. In jedem Haus gibt es eine Art Hausaltar mit einer Figur von Buddha (manchmal auch mit dem Koenig nebendran). Weil in Thailand auch der Glaube an Geister weit verbreitet ist, gibt es vor vielen Haeusern ein Geisterhaeuschen auf einem Pfahl, in das Figuren gestellt werden und wo manchmal Essen und Getraenke geopfert werden. Weil man ja den Geistern ihren “Lebensraum” durch den Hausbau weggenommen hat, sucht man sie durch das Geisterhaeuschen zu besaenftigen. Finde ich eine tolle Idee. 🙂

Ganz am Anfang, in meiner ersten Schulwoche, uebte die m 4 (also die juengste Klasse an meiner Schule) fuer eine Art Aufahmezeremonie. Zur Schuluniform gehoert naemlich auch eine silberne Anstecknadel und die wird neuen Schuelern bei dieser Zeremonie ueberreicht. Grosses Trara, Moenche sollten kommen, wir uebten einen der zwei Schulsongs, man musste sehr, sehr lang still sitzen, ehe man dann gemeinsam mit seiner Sitzreihe nach vorne zur Buehne ging und unter einer Art Choreographie diese Nadel aufhob. Dann steckte einer der Lehrer einem diese Nadel an und man schritt zurueck an seinen Platz. Hoert sich jetzt langweilig an, aber es ist einfach hochformell und nicht jede Schule macht das, aber meine Schule ist darauf unglaublich stolz und das Ganze war schon sehr beeindruckend. Bevor diese Zeremonie losging, gab es allerdings noch eine Prozession hin zur Meetinghall. Die Marching Band, Schuelerinnen verkleidet als Thaitaenzerinnen und mehrere Banner und Schilder, die den Schulnamen trugen, sollten daran teilnehmen, und ich als Farang auch. Zu diesem Zwecke wurde mir eine neonpinke Flatterhose (pink ist unsere Schulfarbe) und ein Rueschenhemd bei einem Kostuemshop ausgeliehen und am grossen Tag sollte ich um fuenf wieder am Kostuemshop sein, wo ich geschminkt und einer Frisuraenderung unterzogen wurde. Meine Haare fuehlten sich nach all dem Haarspray an wie Plastik, aber als ich das Thaikostuem anhatte, waren meine Lehrer ganz happy ^^ Ich bekam ein Schild in die Hand und mir wurde ein Platz in der Reihe zugewiesen, und dann machte sich der lange Zug auf den Weg zur Schule. Das anschliessende Umziehen in die Schuluniform erfolgte relativ hastig, weil die Zeremonie direkt im Anschluss an die Prozession stattfand (und ich als “neue Schuelerin” ja daran teilhatte) und mir war das alles etwas zu viel Schminke, aber die Thais fanden das alles den vielen Fotos nach zu urteilen total super und es war einfach ganz anders als Deutschland. War toll, das ausprobieren zu koennen und mitmachen zu duerfen. ^^

Wildlife gibt es in Thailand natuerlich auch. Das Haus teilt man sich mit den Geckos, die sind praktisch ueberall, und draussen gibt es ab und zu Schlangen, aber auch ganz viele grosse, bunte Schmetterlinge und Voegel, die total tolle Nester bauen. Was ich aber nicht so super finde, sind die Spinnen, die einem “auflauern” und ueberraschenderweise und in Handtellergroesse im Kuechenschrank auftauchen. Die kann ich ueberhaupt nicht ausstehen…

Ich geh jetzt dann Schuluniform buegeln und kochen ^^ Bis dann,

Lea

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