Es war einmal in 543 Jahren…

สวัสดีค่ะทุกคน

Ja, ihr habt richtig gelesen – es war einmal IN 543 Jahren (ganz so schlecht ist meine Ausdrucksweise im Hinblick auf Grammatik dann doch noch nicht ^^). Mein Bericht fuer den August, auf Thailaendisch สิงหาคม, ist ein Bericht aus der Zukunft. Gut, das waren die beiden Vorhergehenden theoretisch auch, doch lasst mich erklaeren: In Thailand ist die am weitesten verbreitete Religion der Buddhismus. Der hat wie das Christentum ja auch seine eigene Zeitrechnung (kurz BE von Buddhist Era) – aber die startet 543 Jahre vor der unsrigen und gilt in Thailand. Das Jahr AD 2014 entspricht also dem Jahr 2557 BE.

In diesem Monat ist wieder so unglaublich viel passiert, dass ich euch wieder nur von ein paar Highlights erzaehlen kann. Es sind oft die normalsten Kleinigkeiten, die die groessten Gefuehlsregungen hervorrufen, im positiven wie auch im negativen Sinne. Oftmals ist der Alltag hier schon sehr vertraut und manches geht einem mit einer ueberraschenden Selbstverstaendlichkeit von der Hand, manchmal ist etwas verwirrend, manchmal schraeg, skurril, erschreckend oder grotesk, aber auch wunderschoene oder furchtbar lustige Erlebnisse zeichnen meine Tage und Wochen in เมืองไทย.

In thailaendischen Schulen gibt es jedes Jahr den sogenannten Color Sports Day, also eine Art Sportfest. Zu diesem Anlass teilt sich die Schule auf mehrere Farben auf, in unserem Fall waren es vier Teams (blau – สีฟ้า, gruen – สีเขียว, lila – สีม่วง und orange – ลีแสด). Im Vorfeld bereiten die Farben einiges vor (unter anderem designen sie T-Shirts, die dann tatsaechlich professionell bedruckt/bemalt werden [wie sagt man dazu?!]), natuerlich trainieren die Sportler, aber wer nicht bei den Wettkaempfen mitmacht, kann cheerleaden oder sich an den dekorativen Taetigkeiten beteiligen. Das Ganze wird ueberwacht und gemanagt von den m6lern, also der Oberstufe. Ich war bisschen Maedchen fuer alles, hab mal den m6lern mit den Cheerleadern geholfen, hab Dekoration gebastelt, mit den Cheerleadern aus m4 und m5 den Farbsong geuebt, was auch gerade so anstand. In der Woche vor dem Sportday traf man sich innerhalb der Farben nach der Schule immer an einem bestimmten Ort, um Dinge zu organisieren oder eben zu ueben. Zu diesem Zwecke verkuerzte die Schule jede Stunde um zehn Minuten, sodass um 14:30 statt um 16:00 Unterrichtsschluss war, und danach hatten die Farben genug Zeit.

Am Tag vor dem Sportday waren unsere Adjaans wohl ขี้เกียจสอน, denn der komplette Unterricht fiel aus. Diese Gelegenheit nutzte einer meiner Thailehrer und ein paar andere Lehrer, um mit mir thailaendisch zu kochen. Im Lehrerzimmer schnippelten wir Obst, crushten Erdnuesse, frittierten Ei, brieten Huhn, machten Somdtam und gruenes Curry, andere Beilagen deren Namen ich nicht behalten konnte und verbrachten den gesamten Vormittag mit Mittagessen kochen. Als eine Art Appetizer brieten wir in sowas wie einem Kocher, dessen Temperaturregler kaputt war, zwei Scheiben Toast, was sich als recht schwierig erwies, da man jederzeit damit rechnen musste, dass einem der Toast ankokelte, aber wir hatten das (dank der Erfahrung der Lehrer im Umgang mit dieser Geraetschaft) ganz gut drauf. Wir wollten dann noch eine Art suesse, dickfluessige Kondensmilch draufschmieren, und waehrend wir danach suchten, machte sich eine Lehrerin an unserem Toast zu schaffen. Die Schere in ihrer Hand legte nahe, dass sie eine dieser unmoeglich aufzureissenden Plastikverpackungen in die Knie zwingen wollte, doch stattdessen setzte sie dazu an, den Toast in mundgerechte Stuecke zu schnipseln. So sehr ich ihre Bemuehungen auch zu schaetzen wusste, die fremde Kultur und das “nichtfalschnichtlustigblossanders” im Kopf zu behalten versuchte – das zog irgendendeinen Stoepsel in mir und das Lachen sprudelte mehrere Minuten lang (!) voellig ungehemmt aus mir heraus. Wer haette gedacht, dass sich der Kochkurs in eine Runde Bauchmuskeltraining verwandeln wuerde. Erst nach einiger Zeit hatte ich mich wieder halbwegs im Griff und konnte den ein wenig verdatterten (oder schlichtweg grinsenden) Adjaans den Grund fuer meinen ploetzlichen Gefuehlsausbruch erlaeutern – was zu Gelaechter ihrerseits fuehrte.
Nach der “Schule” wurde ich ein bisschen spontan zu den Spasscheerleadern meiner m6-Klasse dazugeschleust, weil ich bei keinem Wettkampf mehr mitmachen konnte – die Teams standen schon fest und ich war weng zu spaet dran. Diese “Zweitcheerleader” existierten neben den “regulaeren” Cheerleadern und waren eine kleine Vereinigung bisschen verrueckter Klassenkameradinnen, die einen fuerchterlich wilden Tanz einstudierten und sich aufgrund dessen Laenge selbst nur die Haelfte merken konnten. Ich durfte bei der letzten Probe mitmachen, was sehr viel Spass gemacht hat und uns einige belustigte Blicke vorbeikommender Schueler einbrachte (wir uebten draussen vor dem m6-Gebaeude).

Der Sportday selbst erstreckte sich ueber zwei Tage statt einem, wie die Bezeichnung vermuten liesse. Tag 1 – ein Donnerstag – bestand fuer uns Extracheerleader erst mal aus Dressup. Jemand hatte einfarbige Pluderhosen auftreiben koennen, man flocht sich gegenseitig exzentrische Frisuren und verpasste sich noch exzentrischeres Makeup, band sich Stoffstreifen um die Handgelenke, die beim Tanzen wunderschoen flatterten – und machte sich auf zum Swimmingpool, um die dort stattfinden Wettkaempfe mit seiner Anwesenheit zu bereichern. Gemeinsam mit den Trommlern sorgten wir fuer die noetige Stimmung – was in der prallen Sonne eine Herausforderung war, sowohl fuer uns als auch fuer die Schminke. Die Tribuenen standen eindeutig im falschen Winkel, das war tatsaechlich sonnenklar. Was den Tanz angeht endete das Ganze hauptsaechlich in unkoordiniertem Gefuchtle und zahllosen Lachanfaellen 😉 Zwischendurch hatten wir dann aber auch Pause und konnten ungestoert den Schwimmern zusehen. Es gab keine Leinen im Wasser, um die Bahnen voneinander abzugrenzen, und deswegen geschah es recht oft, dass ein Schwimmer mit einem anderen kollidierte, gerade beim Rueckenschwimmen. Zudem waren die Bademeister erschreckend haeufig im Einsatz, in manchen Laeufen sogar mehrfach. Ob es an der Hitze lag oder an etwas anderem, weiss ich nicht, aber es war sehr seltsam fuer das, was man so von Deutschland gewoehnt war. Am Abend dieses doch sehr sportlichen Tages ging ich frueh schlafen, da es mir bereits vor Freitag grauste – ich hatte um vier Uhr morgens einen “Termin” beim Kostuemshop. Denn auch am Sportday sollte wieder eine Prozession stattfinden. Ich hatte jedoch Glueck, denn als ich in aller Herrgottsfruehe am Kostuemshop antanzte, warteten (bzw. doesten oder schliefen) dort bereits einige andere von สีแสด, die schon zwei Stunden vor mir hatten da sein muessen. Ich hatte ja schon fast damit gerechnet gehabt, wieder eine flattrige Hose zu bekommen, aber stattdessen wickelte man mich in eines dieser Thaikleider – mitsamt der zugehoerigen Kopfbedeckung (die schwerer war, als sie den Anschein machte). Knappe zweieinhalb Stunden spaeter wurden wir zur Schule kutschiert, bekamen alle moeglichen Schilder, Fahnen und Zeremonienstoecke ueberreicht und los ging die Prozession in Richtung Sporthalle – in vier geordneten Pulks, fein nach Farben sortiert. Das begleitende Blitzlichtgewitter verstand sich beinah schon von selbst ^^, als wir ins Stadion einmarschierten und dort den Schulsong sowie die Nationalhymne sangen. Was laenger dauerte als erwartet, denn viele Lehrer hatten offenbar einiges zu sagen. Bis wir dann entlassen wurden, war es neun Uhr und allesamt sehr hungrig. Um dem abzuhelfen, fand sich die Cheerleadertruppe im Klassenzimmer ein, fruehstueckte ausgiebig Klebreis mit Beilagen, befreite sich vom Prozessionsmakeup und verschnoerkelte sich mit neuen Ornamenten. Oder Grausligkeiten. Am Freitag entschieden wir uns fuer Letzteres, denn wir hatten Mullbinden entdeckt und konnten so die eine in eine Mumie verwandeln, eine andere in einen Zombie – und wir erschufen noch weitere Kreaturen. Fertig aufgehuebscht kehrten wir zurueck ins Stadion, feuerten die Laeufer an und folgten anschliessend dem Menschenstrom in die Sporthalle, wo weitere Wettkaempfe stattfanden – diesmal eher lustiger Natur. Neben Tauziehen spielte man beispielsweise eine Art Hindernislauf, be idem man unterwegs ein mehrteiliges Superheldenkostuem anzulegen hatte und dann getragen von Farbkollegen ins Ziel “flog”. Oder Topfschlagen, oder etwas, das entfernt an Golf erinnerte: Die Teilnehmer bekamen eine Gurke um die Huefte gebunden, die an einem Stueck Seil baumelte, und nur damit musste man einen Tennisball durch die halbe Halle bugsieren. Als die Massen von diesen Spielen abgelenkt waren, zogen sich ein paar der m6ler der verschiedenen Farben erneut um, und tauchten schliesslich in schillernden Outfits wieder auf. Denn nun folgte die Cheerleader-Competition, von der ich bislang nichts gewusst hatte. Jede Farbe hatte Superspezialcheerleader, die eine richtige Show einstudiert hatten, mit Faechern, Nebelmaschine, richtiger Tanzchoreographie und Hebefiguren. Jeder einzelne Auftritt hatte etwas schwer Beeindruckendes – ich haette keinen Sieger kueren koennen. Aber die Entscheidung hatten uns ja eh die Sportlehrer abgenommen ^^ Waehrend die Jury sich ihr Urteil bilden konnten, wurden die Sieger der uebrigen Wettbewerbe verlesen, und mir fiel auf, dass dabei die Reihenfolge anders herum gehalten wurde als in Deutschland. Wo wir Wert auf Spannung legen und uns vom letzten Platz zum ersten hocharbeiten, kam hier der erste Platz stets auch zuerst aufs Podium. Ganz zum Schluss, mit dem prunkvollsten Pokal, kam das Cheerleaden. Lang hinausgezoegert, aber als verkuendet wurde, สีแสด haette in dieser Kategorie gewonnen, kochte unser Viertel der Halle foermlich. Man tanzte, man klatschte, man schrie, man feierte, dafuer hatten sie alle hart gearbeitet und keine Muehen gescheut. Dieser Sportday klang in einer wunderbaren Atmosphaere aus und ich bin sicher, dass ich das lang in Erinnerung behalten werde.

Wenige Wochen spaeter stand dann das naechste Ereignis vor der Tuer, aber das war eher auf privater Ebene: der Geburtstag der Koenigin. Gut, was hat das jetzt mit Privat zu tun. Hatte ich mich auch erst gefragt. Aber in Thailand sind die Geburtstage von Koenigin und Koenig von aeusserster Wichtigkeit und Mutter- und Vatertag richten sich nach diesen Geburtstagen. Da in Thailand der Respekt vor Aelteren, insbesondere den Eltern, um einiges groesser geschrieben wird als in Deutschland, werden diese Feiertage auch entsprechend zelebriert. Die Schule wurde mit vielen blauen Fahnen geschmueckt (da blau neben der Jasminblume das Symbol des Muttertags ist), es gab eine Zeremonie zu Ehren der Koenigin und des Muttertags, wir Schuelerinnen und Schueler bastelten Karten fuer unsere คุณแม่s und kauften Anstecknadeln mit Jasminblumen. Am Muttertag selbst (hatten wir Schulfrei ^^) ueberreichte man die Karte, untermalt von einem Wai, und wuenschte einen สุขสันต์วันแม่. Manche Familien unternahmen etwas groesseres, fuhren ueber mehrere Tage weg, da wir langes Wochenende inklusive Brueckentag bekommen hatten, viele gingen essen, und wieder andere blieben einfach nur zu Hause, liessen es sich gut gehen und genossen die Gelegenheit, faul sein zu duerfen.

Boah, das war viel. Und nur ein Bruchteil von alldem, was hier alles los war. Ich bin mir sicher, anderen Austauschschuelern, egal wo auf der Welt sie ihr Gastland haben, geht es wie mir: ein neues Land, eine neue Kultur, alles neu. Auch nach zwei Monaten (eine vergleichbar kurze Zeit, aber trotzdem). Eine unglaubliche Flut an Informationen. Desoefteren hat man wirklich das Gefuehl, der Kopf wuerde platzen (gerade wenn man beispielsweise kurz davor ist, zu verstehen, was der Lehrer da redet, den Faden dann doch wieder verliert und unter Anstrengung versucht, ihn wieder zu finden ^^).

Vielen Dank fuer eure Aufmerksamkeit und Ausdauer xD Macht es alle gut.

Lea

Cheerleaders Etwas abgespacter Teil des Orange-Staff-Teams Cheerleading-Wettbewerb