Carpe diem

หวัสดีจา

“Nutze den Tag.” Nun, diese Uebersetzung des beruehmten Ausspruchs “Carpe diem!” von Horaz kennt wohl jeder. Genau wie “Geniesse den Tag”. Es ist unglaublich einfach, seine Tage im Austauschjahr unter diesem Grundsatz zu verbringen: etwas Offenheit, vermischt mit Neugier und ein paar Loeffeln Geduld und gutem Willen. Eine Prise Humor gehoert auch dazu, obendrauf noch das Talent, den Moment zu leben. Gut, etwas Glueck braucht man natuerlich auch, das stimmt. Aber packt diese Dinge ein in euer Austauschjahr und ihr seid sehr gut geruestet.

Also man kann Tage ja auf vielerlei Art und Weise nutzen. Einmal kann man den Briefstau abarbeiten, der sich langsam angesammelt hat, man kann Thai ueben, sein Zimmer aufraeumen, das Auto mal wieder sauber machen. Oder man unternimmt etwas mit Freunden, oder macht sich einen schoenen Tag mit der Gastfamilie, gerade die Ferien bieten da viel Spielraum. Mittlerweile sind sie zwar schon wieder vorbei, aber ich blicke zurueck auf sehr, sehr ereignisreiche Wochen: ich konnte Freunde im Internat meiner คุณแม่ besuchen, war auf dem YFU-Midyearcamp und hatte mit allen anderen Austauschschuelern einer wundervolle (und schlaflose) Zeit, wurde letzte Woche spontan zur Pianistin des Schulchores gemacht und bestritt mit diesen supertollen Leuten dann ebenso spontan (aber erfolgreich) einen Wettbewerb vergangenes Wochenende, auch das Wegfahren kam nicht zu kurz – meine Gastfamilie nahm mich mit in vier verschiedene Provinzen. Unsere freien Wochen konnten meine Gastfamilie und ich, da wir ja alle Ferien hatten, sehr viel gemeinsam nutzen. Zu Hause beim Spiele spielen oder Filme schauen, aber auch bei den weniger interessanten Taetigkeiten wie Putzen oder Kochen. Wir besuchten meine Gastschwester im Isaan, haben einen Pavillon im Garten aufgebaut, ein Federballturnier mit den Nachbarskindern veranstaltet. Wir trieben so dahin, Plaene gab es keine, man konnte einfach schauen, was der neue Tag so bringen wuerde. In den Ferien habe ich auch eine Art Schulunlust entwickelt. So sehr ich mich auch darauf freute, meine Freunde wiederzusehen… Ferien bleiben Ferien, und ich hoffe, richtig zu gehen wenn ich annehme, dass ein jeder Schueler, haette er die Wahl, Ferien der Schulzeit vorziehen wuerde.

Ich persoenlich habe bemerkt, dass das Tage geniessen meistens nur unterbewusst ablaeuft und ich mir nur in den seltensten Momenten wirklich darueber klar werde, wie hoch ich innerlich huepfe. Erst heute aber habe ich in einer sehr passiven Lage aktiv den diem gecarpt, und zwar sass ich zu besagtem Zeitpunkt mit ein paar Freunden bei stroemendem Regen vor der Kopiererhuette unserer Schule. Gemeinsam lauschten wir dem Trommeln der Tropfen auf dem Wellblechdach und dem leisen Surren der Drucker, waehrend wir uns ueber Gott und die Welt unterhielten und darauf warteten, dass uns der Rueckweg zum Klassenzimmer freigegeben wuerde. Unbewusst streift einen das Hochgefuehl um einiges haeufiger. Im Nachhinein faellt mir das oft auf, an Tagen, an denen ich beispielsweise in meinem holprigen Thai ohne ein einziges englisches Wort ueberlebt habe. Wenn einem immer wieder irgendetwas daemmert – dass warm duschen ein wirkliches Privileg ist beispielsweise, oder dass Ketchup den Thais wohl zu allem schmeckt, vom Toast ueber die Pizza bis hin zum Ei. Oder aber an dem Punkt, an dem man sich wirklich zu Hause fuehlt und wenn man auf die Postkarte der Gastschwester aus Japan mit einem Brief aus Chiang Mai antwortet.

Eine weitere Erkenntnis der anderen Art war fuer mich die, dass Thailand ein Land der offenen Tueren ist. Und das meine ich woertlich. Die allermeisten Haeuser weisen weder eine Klingel noch sonst irgendeine Vorrichtung auf, mit der sich Besuch ankuendigen kann, und unter Tags ist die Haustuer eigentlich immer unverschlossen, es sei denn, es ist niemand zu Hause. Bei uns gehoert es dann auch dazu, dass immer wieder Gaeste hereinschneien, manchmal bringen sie bisschen was zu essen mit, manchmal sitzen sie bisschen im Wohnzimmer oder in der Kueche und reden miteinander, manchmal bedienen sie sich auch bloss aus dem Kuehlschrank und verschwinden dann gleich wieder. Auf der metaphorischen Ebene verhaelt es sich aehnlich. Auch wenn viele Thais am Anfang viel zu schuechtern sind, einen Falang anzusprechen, sind sie (wenn sie auftauen) furchtbar neugierig, stellen daher auch viele Fragen und – ganz wichtig – machen viele Fotos. Zu diesem Zwecke haben die Thais wohl auch eine Vorrichtung der etwas anderen Art erfunden. Sie selbst nennen es “Selfie-Stab”, das ist ein Teleskoparm, auf dessen Ende eine Halterung fuers Handy befestigt ist. Selbstausloeser einstellen, den Arm ausfahren, posieren, klick.

Die juengsten Ereignisse sollten an dieser Stelle auch abgedeckt werden, gerade ob der Tatsache, dass hier gestern ลอยกระทง (sprich “Loy Grathong”) gefeiert wurde. Loy Grathong bedeutet woertlich uebersetzt “ein Grathong schwimmen lassen”, und das ist eine wichtige Zeremonie am วันลอยกระทง. Aber vorweg, was ist jetzt dieses ominoese Grathong? Ganz allgemein: eine schwimmende Sache, die Leute in Thailand entweder kaufen oder selbst machen und die dann zu Ehren der Flussgoettin ins Wasser gelegt und vom Fluss fortgetragen wird. Normalerweise ist das Grathong aus vielen, vielen Blumen und Bananenblaettern und moeglichst natuerlich, damit der Fluss nicht verschmutzt und damit die Geister provoziert werden; es gibt aber auch Varianten aus einer Art Semmel, wo sich dann die (ohnehin schon viel zu gut gefuetterten) Fische freuen koennen. An Loy Grathong wird praktisch ueberall ein einziges Lied gespielt, der “Loy Grathong”-Song, der davon erzaehlt, dass im zwoelften Monat (des traditionellen thailaendischen Mondkalenders) getanzt wird und mit dem Grathong alle Sorgen dem Fluss uebergeben werden. Loy Grathong ist somit ein Fest der Erneuerung und der Liebe, aber auch in der Religion spielt es eine Rolle. Zu Ehren von Gautama Siddharta werden auf dem Grathong Raeucherstaebchen und eine Kerze befestigt und das Wegschwimmenlassen erinnert an die buddhistische Maxime, sich nicht von Hass oder Aerger leiten zu lassen.

Loy Grathong rueckte auch in der Schule immer naeher, die m4-Schueler konnten an einem Grathongbastelnachmittag teilnehmen, in meiner Thaimusikklasse spielten wir den Loi Grathong-Song, und da Phitsanulok am Nan-Fluss liegt, wurde die ganze Stadt in Erwartung vieler Gaeste wunderschoen dekoriert. Bei uns in der Familie mussten wir dann bisschen improvisieren, weil wir darauf gezaehlt hatten, mit einer Freundin ein Grathong zu machen, aber da sie die Einzige war, die sich damit auskannte, und sie dann aber doch keine Zeit fand, kauften wir am Abend des Fests einfach welche. Gross genug war die Auswahl jedenfalls – aber leider war unser Aufenthalt unter den Feiernden nur sehr kurz. Mein Gastvater schien zum Leidwesen meiner คุณแม่ und mir selbst weniger als nur “nicht angetan” von den vielen, vielen Leuten um uns rum und den Wolken, denen immer wieder ihre Last an Regentropfen zu schwer wurde. Wir machten daher leider nur ein paar Fotos, bevor wir schon wieder nach Hause fuhren, ein Grathong liessen wir auch nicht schwimmen. Was ich mir allerdings nicht nehmen liess, war, die tausenden und abertausenden Khom Loy, also Papierlaternen mit einem kleinen Feuer, der das Ganze zum Aufsteigen bringt, zu fotografieren. Es war mehr als beeindruckend, im Meer der Lichter zu stehen, den Blick nach oben zu richten und die eben noch so unscheinbaren… Papiertueten zu den Sternen schweben zu sehen. Und um einen rum noch mehr glueckliche Gesichter, in allen Augen glitzerte es im wahrsten Sinne des Wortes. Das war fuer mich ein wahrhaft magischer Moment. Und ich verstehe zwar, dass mein Gastvater schnell wieder heimwollte, weil wirklich sehr viele Menschen da am Fluss waren, aber ich finde, einmal im Jahr haette man das schon ein, zwei Stunden in Kauf nehmen koennen. Na ja, meine Gastmutter und ich haben beschlossen, das Loyen nachzuholen am Sonntag, mit meiner Freundin – und einem selbstgemachten Grathong. Hoffentlich sind die Flussgeister uns auch dann noch gewogen ^^

Einmal moechte ich noch auf “Carpe diem” verweisen. Die Lateiner unter euch moegen ja  wissen, dass das Tag geniessen beziehungsweise den Tag nutzen eine sehr freie Uebersetzung von carpere ist, die woertliche Uebersetzung waere viel eher pfluecken. Und obwohl hier vor einigen Wochen schon die “kalte Jahreszeit” angebrochen ist (mit Temperaturen zwischen 25 und 35 Grad), wachsen einem im Garten die Fruechte praktisch direkt in den Mund. Wir koennen immer wieder Kokosnuesse “pfluecken”, die Zimtaepfel sind schon weg und die Mangos werden immer suesser – อร่อยมากๆ !

Wenn ich nicht jeden Tag aufs Neue so beinah schon kindlich begeistert waere, wuerde ich wahrscheinlich tausend Traenen weinen. Das Ende von Morgen kommt und geht in einer derart unverschaemten Geschwindigkeit, dass es verwunderlich ist, dass ich ueberhaupt noch mit dem ganzen Leben und so hier nachkomme – und bald ist schon Halbzeit, und dann gefuehlt noch dreimal schlafen, bis es zurueck nach Hause geht. Diese Erkenntnis hat mich erst gestern relativ schmerzlich aus dem tagtaeglichen Staunen gerissen; dieser Traum von Austauschjahr ist endlich und waehrend man ihn lebt, sollte man “Carpe diem” wohl in allen Ehren halten.

Ich wuensch euch allen was, macht’s gut! Viele liebe Gruesse,

Lea

 

P. S.: Ich hab Fotos versprochen, ich werd Fotos hochladen – sobald mich der Fotomanager von WordPress laesst. Nur Geduld, aufgeschoben bedeutet nicht aufgehoben ^.^
Edit: Es funktioniert! Theoretisch. Im Code sind die Bilder jetzt vorhanden (aber kann man sie auch sehen?)

Backen
Khanom
Khom Loi
Grathongbasteln
LoiGrathong