Auf der bunten Seite der Macht

หวัสดีค่ะ

Es ist wieder ein fuerchterlich kurzer Monat vor mir weggelaufen. Zeit, einen neuen Teilbericht aus der Sicht einer ฝรั่ง im fernen Thailand zu erstatten.

An dieser Stelle folgen die ueblichen Worte, also dass ich total geflasht vor lauter Eindruecken bin und so, dass mir das alles zu schnell geht, dass es zu viel gibt, um euch alles haarklein zu schildern. Wie die letzten Male auch habe ich mir ein paar fuer mich erzaehlenswerte Momente rausgepickt. Lasst euch mitnehmen auf die bunte Seite der Macht.

Eine durchaus berechtigte Frage duerfte jetzt lauten, wieso ich meinen Aufenthalt in diesem elefantenkopffoermigen Land dort drueben diesmal mit “auf der bunten Seite der Macht” betitle. Dazu habe ich einige Gruende, und die fangen jeden Montag morgen um acht Uhr an. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich naemlich normalerweise die ganze Schule schoen nach Klassen und Mattayoms geordnet auf dem Sportplatz zur Morgenansprache. Und diese widerum beginnt damit, dass die thailaendische Flagge gehisst wird und dazu die Nationalhymne gesungen wird – von allen. Es gibt Thais, die wahnsinnig gut singen koennen, auch an unserer Schule, aber dieser Moment jeden Morgen, in dem sich alle 1461 Stimmen erheben, erinnert mich doch immer an diesen Punkt in Harry Potter mit der Schulhymne, die ja jeder nach seiner Lieblingsmelodie singen darf. Gut, wir haben eine Marching Band, die unseren “Chor” begleitet, aber genau so stelle ich mir dieses Hymnesingen in Hogwarts vor. Manche meiner Mitschueler singen leise, andere sehr laut, die einen schneller oder langsamer als die anderen, und die Melodie ist zwar entfernt gleich, aber jeder singt in einer anderen Tonlage. Und in gewisser Weise ist das echt cool, weil einfach trotzdem jeder mitmacht.

Natuerlich gibt es auch haufenweise sichtbare Buntigkeiten. Mal abgesehen von der Schuluniform (die auch an anderen Schulen zumindest in Grundzuegen relativ gleich aussieht) traegt jeder, was er gerade will, und das kann vom bunt gemusterten Rock ueber die Fussballmontur bis hin zur waschechten Feiertagsklamotte sein. Eine besonders gute Gelegenheit, diese “bunte” Menschenmischung zu beobachten, bietet sich praktisch jederzeit, wenn man gerade unter Leuten ist, also auf einem Markt, wenn man Essen geht, oder auch wenn man gelangweilt im Auto sitzt und darauf wartet, dass der Stau und die roten Ampeln einem den Heimweg freigeben. Um einen rum kann man die Leute beobachten, mal laeuft ein Moench mit Laptoptasche ueber der Schulter vorbei, mal sieht man eine ganze Familie, die auf einem einzigen Motorroller durch den Verkehr kurvt und meistens nicht einmal Helme traegt – im Auto schnallen sich auch nur die allerwenigsten Leute an (so viel zu Sicherheit).

Autofahren ist generell ein sehr faszinierendes Thema fuer mich. Beispielsweise ist mir die Fahrt zu meiner Gastschwester in Bangkok mehr wie eine Achterbahnfahrt vorgekommen, was einerseits an den Bremshubbeldingern liegt, die man sehr oft auf der Strasse uebersehen hat, und andererseits an der Geschwindigkeit, sowohl in- als auch ausserhalb von Staedten. Offiziell darf man in der Stadt 50 und auf Autobahnen 120 km/h fahren; wenn es schnell gehen muss (was bei der beruehmten thailaendischen Puenktlichkeit so gut wie immer der Fall ist) dehnt man diese Begrenzungen aber gern um 20 km/h aufwaerts aus.

Sehr ueberraschend verhaelt es sich auch mit Gebaeuden. Gerade in den ersten Wochen konnte ich mich daran kaum sattsehen, vor allem an den Daechern. Wo wir in Deutschland unsere Haeuser mit Ziegeln in sehr braven Farben schmuecken, leuchtet hier und da in Thailand ein feuerrotes oder koenigsblaues Dach durch die Baeume, ich bin aber auch schon an welchen in schreiendem Gruen vorbeigekommen. Was mich auch oft ueberrascht ist die Holzhuette neben dem Herrenhaus – Thailand ist nicht nur bunt, sondern in gewisser Weise auch ein Land der Gegensaetze.

Aber zurueck zu bunt – die Kleidung ist sehr verschieden, das kann man wohl sagen. Auch gibt es ein bestimmtes Muster, wann man welche Farbe anzieht, das liegt daran, dass den verschieden Wochentagen verschiedene Farben zugeschrieben werden. Montags laufen dann immer erstaunlich viele gelbe Hemden vorbei, um nur ein Beispiel zu nennen. Was mich manchmal ein wenig wundert, ist dass in Thailand der Respekt, der einem entgegengebracht wird, ganz stark davon abhaengt, wie man ausschaut (und wie man riecht ^^). Jeder duscht hier mindestens einmal, aber eher mehrfach am Tag, und es wird nicht nur in der Schule sehr viel Wert darauf gelegt, dass alles เรียบร้อย (das beinhaltet ordentliches Aussehen und gute Manieren) ist. Dagegen ist es eine Alltaeglichkeit, zu spaet zu etwas zu kommen oder einfach mal gar keinen Plan zu haben und alles spontan zu managen. Manchmal zu spontan fuer meinen Geschmack. Dieses “spontan” reicht von einfach so mit Lehrern (fuer Deutsche undenkbar) uebers Wochenende einen Ausflug machen bis hin zu mal eben eine Rede auf Thai in die Hand gedrueckt zu bekommen, die man noch an besagtem Morgen vor einem Komitee zu halten hat. Chrm. Ich bin prinzipiell eine Person, die gern zumindest grob vorausplant, und da ist Thailand dann manchmal eine schwere Probe fuer den inneren Geduldsfaden ^^ Die Austauschlehrerin an unserer Schule aus Amerika hat mir aber einen sehr wertvollen Tip gegeben. Voraus, สบาย ist ein beliebter Ausdruck in Thai, der etwa “relaaaaaax” entspricht. Thais sind bei weitem toleranter fuer Situationen, die hohes สบาย von einem fordern als wir Westler, man kann also sagen, die “innere Sabai-Box” eines Thais ist viel grosser als die eines Farangs. Ziel in einem Austauschjahr ist es also unter anderem, seine eigene Sabai-Box zu hegen und zu pflegen, damit diese waechst und man dann auch mit solch hyperspontanen Situationen gelassen grinsend umgehen kann.

Man kann Thailand aber nicht nur Auesserlichkeiten wegen als bunt bezeichnen. Wenn man sich die Menschen und deren Gewohnheiten etwas naeher anschaut, fallen einem sicherlich erst einmal die verschiedenen Religionen ins Auge – der Grossteil der Thais sind Buddhisten (oh, und das ist der Grund fuer viele weitere Buntigkeiten, vor allem im Bereich religioese Dekoration), aber es gibt auch viele Muslime, gerade im Sueden, und Christen begegnet man auch immer wieder. Was allerdings allen gemeinsam ist, sind zwei Dinge. Erstens ist die Religion fuer alle zumindest bis zu einem gewissen Grad wichtig. Anders als in Deutschland gehoert Religion wohl fuer Thais zum Leben dazu, egal welche, aber jeder glaubt an irgendwas; Atheisten hab ich bisher noch keine getroffen. Zweitens: fast alle sind das, was man bei uns als ziemlich aberglaeubisch bezeichnen wuerde. Das heisst, Geistergeschichten sind staendig und ueberall in aller Munde und sehr, sehr viele Leute glauben auch daran. Erst letzte Woche wurde in der Bibliothek eine muntere Gruselgeschichtenrunde veranstaltet und dort war von Gespenstern die Rede, die fuer bestimmte Personen sichtbar an Strassen nach Taxis winkten, oder von japanischen Soldaten, die ab und an vor den Computerraeumen unserer Schule zu finden seien. Vor der Informatikstunde machte dann auch prompt eine Art kurze Panik die Runde. Hm. Mir wurde auch schon einige Male die Frage gestellt, ob ich an Geister glaube (und ob es denn in Deutschland viele davon gaebe), auf ein “Nein” hin folgte dann ein “warum” seitens der Neugierigen.
Es ist ausserdem so, dass in Thailand nur etwa drei Viertel der Bevoelkerung “richtige” ethnische Thais sind. Es gibt viele Einwanderer aus China, aber auch Malaysia oder Laos oder Kambodscha. Eine relativ bunte Mischung, wie man so schoen sagt; was aber sehr gut funktioniert. Mir ist noch nicht aufgefallen, dass hier irgendjemand aufgrund seiner Abstammung benachteiligt oder doof angeredet wird, ganz im Gegenteil. All diese unterschiedlichen Menschen machen Thailand wie man so schoen sagt zu einer “multi-kulti”-Gesellschaft.

Was dann auch noch eine sehr bunte Angelegenheit ist, ist das Essen (tut mir leid, aber dieses Thema muss wieder angesprochen werden ^^). Auf der Orientation-Week in Bangkok hab ich mir noch zu jeder Mahlzeit genau notiert, was da so drin war, und seitdem habe ich noch sehr viele andere unterschiedlichste Dinge probieren duerfen, aber es gibt so irrsinnig viele Gerichte, dass eine genaue Analyse von allen und jeden Tag ein Ding der Unmoeglichkeit ist. Fakt ist jedoch, alle Geschmacksrichtungen sind in saemtlichen Abstufungen vorhanden, und nicht alles, was total raffiniert aussieht, schmeckt auch so (und umgekehrt). Zudem ist es moeglich, so gut wie alle Gerichte sowohl im “high so” (Thai-Slang fuer “high society”) Sternerestaurant eines Einkaufszentrum als auch am fuer deutsche Verhaeltnisse eher schaebigen Strassenstand zu besorgen. Ich persoenlich wuerde es jedoch niemandem empfehlen, in der Mall zu essen, weil es dort meistens viel zu teuer ist und es an der Strasse aber genau so sauber und lecker ist, bloss fuer viel weniger Geld. Diesem Umstand zufolge trifft man an Staenden, an denen gutes Essen in haeufig gebrauchten und gespuelten Plastikschuesseln verkauft wird, sowohl den Businessmanager im massgeschneiderten Anzug als auch den typischen Normalsterblichen mit weniger gut bezahltem Job.

In Suedostasien ist derzeit ASEAN ein wichtiges und beinahe allgegenwaertiges Thema. Keks fuer den, der schon vorher weiss, was das ist (ich hatte bis zu meiner Ankunft in Thailand noch nie was davon gehoert). ASEAN ist die Association of Southeast-Asian Nations und in etwa vergleichbar mit der EU: zehn Staaten haben sich zusammengeschlossen, um Wirtschaft und Politik und so gemeinsam zu verbessern. Dieses “Ueber den Tellerrand schauen”, das Denken auf internationaler Ebene, wird hier in Thailand immer wieder an verschiedenen Stellen im Alltagsleben weitergegeben und vertieft, sei es in der Schule beim ASEAN-Day, wo die verschiedenen Laender vorgestellt werden und man mal die jeweilige Nationaltracht anprobiert, oder an einem Markt, wo Kinder die ASEAN-Hymne singen. Ueberall findet man ASEAN-Kalender oder Hallo in den “ASEAN-Sprachen”. Auch wird den Leuten immer weiter bewusst, wie wichtig es ist, Englisch sprechen zu koennen. Es ist bloss so, dass in den Schulen der Unterricht in den meisten Faechern sehr theoretisch gehalten ist (bei fuenfzig Schuelern pro Klasse ist viel Praxis ohnehin schwieriger als bei dreissig), in Sprachen ist das beispielsweise abschreiben und auswendiglernen. Einmal durfte ich mit einem Amerikaner Grundschueler am Englischtag animieren und mir ist aufgefallen, wenn man sie beispielsweise anstatt “how are you” “how are you today” fragt, verstehen viele das schon nicht mehr, und das ist bei vielen Phrasen (und auch nicht nur bei Grundschuelern) der Fall. Soll jetzt nicht heissen, die Thais koennen kein Englisch, aber Deutsche im gleichen Alter koennen es meistens um einiges besser. Klar, fuer Thais ist das auch viel schwieriger, aber dennoch glaube ich, dass da die Art und Weise, in Deutschland Unterricht zu halten, an vielen Stellen effizienter ist als die in Thailand.

Mal ganz nebenbei bemerkt ist Thailand in Suedostasien das einzige Land, das nie von irgendeiner westlichen Kolonialmacht erobert wurde – es gibt also auch einen Grund fuer “die Macht”. ^.^

In meinem Alltag laeuft alles “wie immer” – keine wirklich herausstechenden Ereignisse. Die letzten eineinhalb Wochen waren an meiner Schule die Midtermtests: das Schuljahr ist in Thailand in zwei Semester aufgeteilt und am Ende jeder Haelfte ist einmal geballte Examenwucht. Obwohl ich nur in Englisch und Chinesisch meine Tests geschrieben habe (was dann aber doch acht Stueck an der Zahl waren), hatte ich schon einiges zu tun, und ich beneide meine Mitschueler nicht. Anders als in Deutschland muss man hier keine Aufsaetze schreiben, sondern es laeuft alles ueber Multiple Choice. Das hat mich sehr ueberrascht – zumindest in Thai hatte ich etwas Textproduktion erwartet, aber da hatte ich wohl falsch gedacht. Heute war der letzte Tag und nun wartet ein ganzer Monat wundervoller Ferien auf uns, die haben wir uns alle redlich verdient! 🙂

Diesmal habe ich keine Bilder angefuegt, weil ich keine das Thema betreffenden gemacht habe. Entweder werden es naechsten Monat mehr oder ich hole die Fotos nach – versprochen. Bis dahin macht es alle gut, ich wuensch euch was.

เจอกันนะจ้า

Lea