Resumen del año

Queridos lectores!

Es ist unglaublich lange her, dass ich eschrieben habe, zweieinhalb Monate. Tut mir leid. Seit zwei Wochen sind Ferien, und endlich – Zeit zum Schreiben. Am letzten Tag des Jahres.

Seit fünf Monaten bin ich hier. Was ist in diesen sechs Monaten passiert?

Mein erster Tag in Quellón. Sonne, Regenjacke, Wind. Nach einer Nacht mit Bettheizung, drei Wolldecken und einer Wolldecke; nach chilenischer Art höchstkompliziert gefaltet. Vor einigen Wochen bekam ich diese Kunst des Bettfaltens endlich mal in weniger als 10 Minuten hin. Meine Direktorin lerne ich auf der Straße kennen, stolz verstehe ich, als sie uns daran erinnert, morgen um halb neun in der Schule anzutanzen. Mein Geschichtslehrer läuft auf der anderen Straßenseite rum, mein Vater ruft ihm „Ihre neue Schülerin!“ zu und klopft mir stolz auf die Schulter. „Glatzköpfig, wie ich“ zwinkert er mir zu. Schuluniform kaufen. In dem Schulpullover habe ich M, dank meiner langen Arme. Ein bisschen peinlich berührt muss ich fragen, wie ich mir die Schulstrümpfe anziehen soll, einen Tag später werde ich sehen, dass es eigentlich egal ist. Grau und Blau, das ist meine Schuluniform. So schlecht sieht sie gar nicht aus, denke ich. Dann geht die Schuhprozedur los. Die grauen Schuhe, die ich mitbringe, sind nicht konform, schwarz müssen sie sein. Die für Mädchen als Schulschuhe üblichen Ballerinas mit Riemchen gibt es aber leider incht in Größe 39/40. Auch um andere schwarze Schuhe in 39/40 zu inden, müssen wir durch drei Läden rennen. Meine Schuhe sind nicht schön, aber wenigstens passen sie. Der Weg zwischen den Läden führt über Holzbretter, auch innerhalb Quellóns werden die Straßen erneuert; ein Riesenprojekt in ganz Chile. Die Leute sehen mich neugierig an, ich bin 1,77m groß und bis vor 6 Monaten war ich nach meiner Definition noch braunhaarig, hier bin ich aber blond. Mittlerweile nehme sogar ich meine Locken als blond wahr. Es geht nach Hause, „a tomar once“.

Mein erster Schultag. Am Morgen wird die Schuluniform angezogen, ein unsicherer Blick in den Spiegel, die müden Augen. Schminken geht nicht, da muss ich durch. Und rein ins Auto. Meine beiden Brüder zischen sofort in ihre Klassenräume, noch vor halb neun, ich selbst bleibe mit meinen Eltern bis 9 Uhr unten, verstehe etwa die Hälfte von dem, was sie mit einer Lehrerin besprechen. Dann werden wir in meinen Klassenraum geschoben, ein Kuss auf die Wange von meinen Eltern, dann stehe ich alleine vor meiner neuen Klasse. Wir sind mit mir 21, ich werde in die erste Reihe gesetzt, alleine aufgrund der geraden Zahl, und jeder einzelne stellt sich vorne an der Tafel vor. Mir, damals eine sehr schüchterne Person, wird das Gott sei Dank erlassen. Die erste Stunde: Mathe. Den Stoff kenne ich, deswegen verstehe ich zumindest den Zusammenhang; das Unterrichtsgespräch allerdings? Keine Chance. Es ist laut, die Hände werden nicht gehoben, stänig wird gelacht. Alle schreiben fleißig von der Tafel ab, machen sich Notizen. 5 Funktioen werden durchgehauen, erstmal ohne selbstständige Übungsaufgaben. Eineinhalb Stunden verfliegen im Flug. Die Mädchen hinter mir verwickeln mich in ein Gespräch, dem ich kaum folgen kann. Eine fängt an, statt langsamer lauter mit mir zu reden. „Pame, no grites, si no es sorda! No entiende, pero no es sorda!“ lacht ihre Freundin. Ich frage nach dem Stundenplan, er wird mir auf der Rückwand meines Heftes notiert. „Vamos?“ kommt es von meiner Seite. „Mm-h“ antoworte ich, folge und bekomme heraus, dass es zum Frühstück gehen soll. In Physik verstehe ich gar nichts, „Tue ich auch nie.“, meint später mein großer Bruder. Der Tag vergeht im Flug.

Meine ersten Freundschaften. Maria setzt sich neben mich, damit ich nicht so alleine bin, wenig später tauschen wir in die Mitte des Raumes, weil sie nicht so gerne vorne sitzt (mich hatte das auch schon genervt) und am nächsten Tag ziehen wir unseren ganzen Tisch in die andere Reihe, um direkt vor Coni und Johanna zu sitzen, meinen jetzt besten Freundinnen. Dieser Prozess dauerte so etwa zwei Wochen. Seitdem sind wir unzertrennlich.

September. Am 10. September, dem letzten Tag vor der Ferienwoche, gehen wir in chilenischen Trachten zur Schule: Die Frauen als Huasas oder Chinas, die Männer als Huasos. Meine Mutter leiht mir ein Kleid und das Tuch zum Cueca-Tanzen, so richtig durchgedrungen bin ich aber in der einen Sportstunde, in der wir geübt haben, aber leider nicht, fürs Tanzen bin ich generell nicht besonders begabt. Es verlangt aber zum Glück auch niemand von mir. Danach gehts nach Los Andes, insgesamt 16 Stunden Autofahrt in den Norden, die wir an zwei Tagen bewäktigen. Chiles Straßen sind bequem: Karten braucht da keiner. Die Autobahn geht geradeaus, wenn das Städtchen, zu dem man will, auf dem SChild steht, biegt man ab. Und folgt der Straße. Und ist da. Nicht wie in Deutschland, wo man ohne Karte, Navi oder besonders gute Streckenkentnisse völlig verloren ist… Die Woche des 18. September wird mit Empanadas, Cueca, der chilenischen Flagge und viel Essen gefeiert. Dasheißt vor allem: Viel Fleisch. Schwein, Huhn und Rind, Kartoffeln oder Reis, und als Gemüse Tomaten oder Salatblätter. Mein bevorzugter Salat: La chilena, Tomaten mit Zwiebel. Hier wird auch aus kaltem Broccoli mit Öl und Salz Salat gemacht.
Wir von Chiloé leiden in Los Andes im September unter der Hitze und laufen in T-Shirt und kurzer Hose rum; die Einwohner frösteln bei unserem Anblick und ziehen sich gleich noch eine zweite Jacke über. Im Sommer werden es dort 40 Grad. Ein Ausflug in den Schnee kostet uns trotzdem nur 1 Stunde im Auto, dann stehen wir (nach 12 Serpentinen) im zentimeterhohen Schnee, zwischen weißem Wind und mit sehr viel Kälte. Dummerweise ohne Handschuhe, Schneeballschlacht war aber bei dem eher eishaftigen Schnee an diesem Tag so oder so unmöglich. Auf der Rückfahrt kommen wir an einer Schlucht vorbei, das man unter dem Namen Pferdesprung kennt. Mein Vater erzählt mir die Geschichte dazu: Ein Bauer wurde damals von einer alten Hexe verfolgt und in seiner Angst wagte er den Sprung über die Schlucht, auf seinem Pferd. Die Schlucht ist breit, wirklich breit, es ist völlig unmöglich, darüberzuspringen. Doch der verängstigte Bauer, oder besser gesagt sein Pferd, schafften es von einer Seite zur anderen und entkamen so der Hexe. Chilenen sind unglaublich gut im Geschichtenerzählen und Übertreiben, das macht sie für mich zu den perfekten Gesprächspartnern.

Ungefähr in dieser Woche fing ich auch an, meine chilenischen Eltern Mamá und Papá zu nennen. Das hatten wir nicht besprochen, sondern irgendwas rutschte es mir einfach heraus und niemand hat etwas gesagt. Und nach ein, zwei Tagen wurde mir auch endlich bewusst, dass meine Brüder meine Großeltern mit „Usted“, also „Sie“ ansprechen: als ich meine Mutter danach fragte, meinte sie, dass das weniger eine Sache von Respekt, sondern mehr von „cariño“ sei, also mehr eine Liebkosung. Für cariño gibt es im Deutschen leider keine Übersetzung, ist aber ein großer Bestandteil des chilenischen Alltags. Cariño hat mit alldem zu tun, was wir für andere machen, Aufmerksamkeit, Umarmungen, sich sorgen, etc.

Auf dem Heimweg nach Quellón steht eine Kuh in der Kurve. Mein Vater bremst, bliebt aber nicht stehen, sondern fährt einen vorsichtigen Schlenker. Niemand verliert ein Wort, mein Kichern geht zum Fenster raus. Und zu Hause fressen uns wöchentlich fremde Schafe, Kühe oder Pferde das Gras ab… Spart das Rasenmähen. Chilenische Gärten sind sowieso anders als deutsche: große, verwilderte Wiesen, und in einem Teil eben ohne Gras, sondern mit Erde, die an anderer Stelle der Wiese ausgehoben wurde, dort stehen dann ein paar Sträucher. Jetzt im Sommer blühen an jedem Haus die Rosen. Die werden auch nicht groß in Form geschnitten, und auch sonst stört sich niemand daran, dass die Sträucher und Bäume auf den Bürgersteig oder die Straße hinausstakseln. Da fängt in Deutschland manch einer Gerichtsprozesse an…

Schulanfang. Prügungen, PSU, Arbeiten, Präsentationen. Alles mit Note. Viel, anstrengend, und doch finde ich jeden Morgen ein bisschen Lust, in die Schule zu gehen. Auch wenn ich dank nächtlichem Lernen nicht auch noch die Zeit finde, Tagebuch oder gar Blog zu schreiben. Nicht mal zum Lesen habe ich Zeit. „In den Ferien“, denke ich… Und jetzt sind die Ferien da. Ich habe mit einem Durchschnitt von 6,3 Tercero Medio abgeschlossen, jede Hausaufgabe, jede Arbeit, jede Prüfung und jede Präsentation mitgemacht und bin unglaublich stolz.

Mehr als das kann ich am Ende dieses Jahres, 2013, aber sagen, dass ich mich als Person nicht verändert, sondern entwickelt habe. Ich bin lockerer, selbstständiger, selbstsicherer und auch liebevoller geworden, im Sinne des chilenischen cariño.

Und sprachlich ist es mir jetzt endlich möglich, die Späße zu verstehen, ich kenne dank meiner Familie einige Redewendungen. Ich kann endlich wieder Ironie und Sarkasmus benutzen – mein Vater dachte schon, ich wäre eine ernste Person und wäre erst in Chile lustiger geworden. Ich denke schon seit einiger Zeit auf Spanisch, jetzt aber eher auf Chilenisch. Das Chilenische ist deutlich anders als das spanische Spanisch, mit seinen ganzen Modismos, verschluckten „s“ und der schnellen Aussprache. Außerdem habe ich mir auch das Chilote angewöhnt – Jueeeeeeeeeeeeeeee (Jesús, María y José)…

Ich wünsche Euch allen einen guten Rutsch ins Neue Jahr, da drüben fehlen ja nur noch nur noch eineinhalb Stunden bis die Silvesterböller 2014 ankündigen… Bald kommt ein Bericht über Weihnachten und Silvester und einen typischen Tag auf Chiloé.

Liebe Grüße

Kara