Musik, Höflichkeit und wunderschöne Städte

So oder so ähnlich könnte man Lettland zusammenfassen. Natürlich ist das längst nicht alles, doch alles was ich bisher erlebt hab hier rein zu schreiben, würde meinen Computer sprengen 🙂

Musik: Das ist hier unglaublich wichtig. Es ist nicht ungewöhlich, einfach mal ein kleines Liedchen anzustimmen, in das dann alle einfallen. Es ist so ansteckend, das sogar ich mit meiner wenig richtigen Singstimme mitsinge, wegen Textschwierigkeiten bei lettischen Liedern allerdings „blablabla“.  Es ist mir auch schon passiert, dass jemand im Unterricht  bei einer Stillarbeit (!) Musik anmacht und dann alle laut mitsingen.

Höflichkeit: Gemeint ist Höflichkeit von Jungen Mädchen gegenüber. Ich werde vorgelassen, bekomme Sachen aufgehoben(meistens Tischtennisbälle) und Türen aufgehalten. Zu letzterem eine etwas extreme Geschichte: Vor ein paar Tagen ging ich mit meinem jüngeren Gastbruder über den Schulhof zur Schule. Kurz vor der Tür holte uns ein mir völlig unbekannter Zwölftklässler ein und öffnet die Tür zur Schule. Dabei schob er meinen Gastbruder mit der Tür einfach völlig ungerührt brutal zur Seite, nur um sich dann danebenzustellen und zu warten, bis ich durchgegangen war. Das Ganze ging so schnell, dass ich völlig baff einfach durch die Tür ging. Das Schrägste: danach verabschiedete sich mein Gastbruder, als wär nichts gewesen. Natürlich muss ich auch keine schweren Sachen tragen, wenn ein Junge dabei ist, und einer meiner Klassenkameraden nahm mir auch schon mal ganz selbstverständlich die Schokolade aus der Hand und bezahlte sie.

Wunderschöne Städte: Davon gibt es hier reichlich. Das Straßenbild ist hier anders als ich es aus Deutschland kenne. Man sieht alte Plattenbauten, aber auch kleine Paläste nebeneinander. Viele Städte sind sehr alt und haben dementsprechend eine ganz besondere Atmosphäre. Viele Häuser sind heruntergekommen und man sieht oft ein Schild mit „Pārdod“, also „zum Verkauf“, allerdings auch sehr schön gepflegte alte Häuschen.

Ein Highlight ist natürlich Riga, die Hauptstadt. Die größte Stadt des Landes hat etwa 800000 Einwohner, davon sind etwa die Hälfte eingewanderte Russen, deswegen gibt es etliche Läden, die in russisch beschrieben sind oder Bücherläden nur mit russischen Büchern. Ein beliebter Treffpunkt für die Rigaer Jugend ist die Laima-Uhr(Laima ist eine lettische Schokoladenmarke) neben der riesigen Lettischen Freiheitsstatue. Mit einer anderen Austauschschülerin aus Berlin bin ich einfach planlos in Kreisen durch die Stadt gelaufen und wir haben erstaunliche Sachen gesehen: Etwa den großen Rigaer Markt auf russisch oder eine Schlange vor einem noch nicht mal eröffneten H&M. Zum Schluss waren wir im Radisson-Hotel, meine Gastmutter hatte uns empfohlen, in den 26. Stock zu fahren und dann auf die Toilette zu gehen. Wir waren entsprechend verwundert, sind diesem Rat aber gefolgt. Ich kann nur sagen: wenn ihr jemals nach Riga kommt, müsst ihr das unbedingt tun! Die  (Damen-, tut mir leid für die Herren) Toilette hat zwei Glaswände, von denen man einen atemberaubenden Ausblick auf Riga hat, am besten bei Dunkelheit.

Hier möchte ich noch auf etwas näher eingehen: letzte Woche waren wir bei meiner Gastoma ganz im Norden von Lettland, nur noch etwa 30 km von der Grenze zu Estland entfernt. Meine Gastbrüder sagten mir vorher, wir fahren aufs Land und helfen beim Kartoffelernten. „Auf dem Land“ hieß in diesem Fall zwei alte Häuser samt Scheune voller Heu, ein riesiges Stück Land mit Wald und Wiesen etwa 4 km von nächsten Dorf entfernt. Auf dem Hof leben meine Gastoma, -tante und -onkel. Wir haben geholfen, von Hand einen großen Kartoffelacker von seinen Kartoffeln zu befreien. Meine Gastfamilie war ehrlich erstaunt, als ich ihnen sagte, dass ich das noch nie gemacht hatte. Im Anschluss an einige Stunden harte Arbeit gab es Abendessen (natürlich Kartoffeln) und 2 Lats von meiner Gastoma. Fazit: Landleben ist ziemlich hart, aber es macht einen Heidenspaß, im Heu herumzuspringen!

Zum Schluss möchte ich noch einen kleinen Absatz an meine Freundin Nora in Estland richten: Ja, ich war auch mit meiner Gastfamilie im Wald Pilze sammeln, ja, ich bin auch unbegabt im Auseinanderhalten von giftigen und essbaren Pilzen, und ja, hier gibt es auch Elche! Und nicht nur die: Das Bild zeigt einen Baum, unter sind Spuren von einem abgewetzten Elchgeweih, das obere sind Bärenkrallen!