Ein typisch lettischer Tag

Hallo wieder aus dem hohen Norden! Tja, was sind typisch lettische Tage? Im Prinzip für mich ganz normale Tage, die sich einfach durch das überwältigendes Gefühl unterscheiden, dass ich solche Tage in Deutschland nie erleben könnte.

Ein typisch lettischer Tag könnte ungefähr so aussehen:

Kurz nach sieben würdest du aufstehen, frühstücken, dich fertigmachen, dir deine Tasche schnappen und dich auf den Weg zur Schule machen. Frühstück würde aus Grießbrei oder Haferbrei bestehen, ohne den in Lettland gar nichts geht. Sogar nach unserem Fahrradmarathon im Sommer bekamen wir als erstes eine Schale Haferbrei in die Hand gedrückt, der hier mit Marmelade gegessen wird.  Anders sieht es an den beiden Tagen aus, an denen du Chorprobe in der nullten Stunde hast, da diese ’schon‘  um 8:10 Uhr anfängt. Selbst wenn die erste Stunde erst um neun Uhr losgeht, bist du zusammen mit den meisten anderen schon gegen halb neun in der Schule. Zuallererst machst du dich zu deinem Schließfach auf, um deine Jacke abzulegen, Schuhe zu wechseln und die benötigten Bücher einzusammeln. Ja, Schuhe wechseln: In meiner Schule sogar eine Regel, die im Winter streng beachtet wird. Liegt daran, das man im Winter ganz schön viel Schnee und Matsch mit in die Schule trägt

Wenn du das getan hast, setzt du dich, wenn du gerade nichts zu tun hat, an einen der Tische im Flur. Da wir eine kleine Schule sind, kennst du fast alle und scherzt bis zum Stundenbeginn herum, besprichst diverse Pläne, schreibst Hausaufgaben oder leistest einfach deinen Freunden Gesellschaft. Drei Minuten vor Stundenbeginn klingelt es, wobei ihr alle zusammen wie auf Kommando aufsteht und euch auf den Weg in eure Klassen macht. Selbst an dem Tag, an dem du zur zweiten Stunde hättest, wärst du um neun in der Schule und würdest einfach wie in der Pause weitermachen. Es könnte zum Beispiel deine Klassenkameradin mit einer Fünfliterflasche Kvasa, einer Art Limonade, auftauchen und allen, Lehrer eingenommen, den Rest des Tages Kvasa anbieten.

In den Stunden würdest du je nach Fach mehr oder weniger gut aufpassen, da die Lehrer mehr nach dem Prinzip unterrichten: Ich lehre. Entscheide selbst, ob du lernen möchtest. Ein gutes Prinzip, wenn man sich einen Tag nicht so gut fühlt und dann Hauaufgaben und ähliches einfach am nächsten Tag einreicht, aber es öffnet natürlich dem Missbrach Tür und Tor… Eine Schulstunde geht 40 Minuten, mit zehn Minuten Pause. Die Pausen würdest du Klassenzimmer wechseln, da jeder Lehrer sein Zimmer hat,  ins Schulcafe gehen um einen Snack zu kaufen, und ungefähr alle zwei Stunden zum Schließfach pilgern, da sämtliche Bücher mitzunehmen zu anstrengend ist. Nach fünf Stunden, also um ein Uhr,  ist die Mittagspause, die von den jüngeren Schülern genutzt wird um in der Mensa zu essen. Die Älteren wären aber meistens eher zu etwas anderem als ein warmes Mittagessen aufgelegt, also würde sich dir die Wahl stellen, in den nahen Minimarkt zu gehen (und höchstwahrscheinlich mit einer Tüte Chips wieder rauszukommen) oder im Cafe einen Salat, ein Eis oder sonst eine Kleinigkeit zu essen. Dann würdest du die 25 Minuten mit deinen Freunden verquatschen oder könntest auch auf dem Schulflur Wiener Walzer tanzen. Nach weiteren ein bis drei Stunden wäre dein Unterricht offiziel vorbei, was aber noch lange nicht bedeutet, das du nach Hause gehst. Vor und nach den Stunden habe Lehrer sogenannten konsultācijas, in denen man vermasselte Tests oder verpassten Stoff nachholen kann. Das finde ich persönlich eine wunderbare Idee, da man jede schlechte Note verbessern kann. Gehst du nicht zu konsultācijas , hängst du noch herum bis der Schulbus kommt, auch wenn du wie ich in kurzer Entfernung wohnst und gar nicht mit dem Bus fährst. Eine sehr beliebte Beschäftung für diese Zeit wäre zum Beispiel Bilder machen, oder ein dir unbekannter Junge aus dem nahen Technikum, eine Berufsschule die mit der zehnten anfängt und vier Jahre geht,  könnte dich mit seinem Parfüm einsprühen. Wäre die letzte Stunde Sport, könntest du noch bleiben und Volleyball spielen. Sport hättest du nicht nur mit deiner Klasse, sondern abwechselnd mit der zwölften und elften Klasse und immer in der selben Halle wie die männliche Fraktion, wobei Vorsicht angesagt ist, dich nicht von herumfliegenden Bällen treffen zu lassen. Einmal im Monat wäre Schwimmen angesagt, wozu du noch nicht mal die Schule verlassen müsstest, um ins Schiwmmbad zu kommen.

Wenn also endlich der Bus gekommen ist, würdest du nach Hause gehen. Oder auch Schlittern, da die kleineren Straßen überhaupt nicht geräumt werden und du über zehn Zentimeter festgepackten Schnee spazieren würdest. Du hättest den Nachmittag entweder frei, wobei ‚frei‘ sich relativ schnell ändern kann, oder hättest je zwei Mal die Woche Musikschule und Volkstanz, ergänzt durch gelegentlich Skifahrten oder Schlittschuhlaufen.

Für die Musikschule müsstest du etwa eine Viertelstunde mit dem Bus nach Cesis fahren, was dich 50 santims(=70 Cent) kosten würde, und würdest dort mehr oder weniger fleißig Solfežau und Klavierspielen lernen, selbst wenn dein Hauptinstrument ein anderes ist. Solfedžau lässt sich kaum übersetzten, im Prinzip schreiben wir Rythmusdiktate, singen oder lernen Akkorde.

Volkstanz wäre einer der Höhepunkte der Woche. In der eiskalten Halle würdest du dich möglichst schnell umziehen, und bis zum Beginn herumhüpfen und versuchen warm zu bleiben. Die anderen Tänzer aus deiner Schule und aus dem schon erwähnten Technikum würden nach und nach eintrudeln. Nach zehn Minuten Training wäre jenes Wärmeproblem vom Erdboden verschluckt…  Die schon beherrschten Tänze würdet ihr perfektionieren, bis der Tanzlehrer zufrieden ist. Es könnte aber auch passieren, das die Jungen der Gruppe rebellieren und vor Übermut die Stoffeier des Osterntanzes herumschmeißen. Das wäre noch harmlos, denn wenn jemand dich mit einem Stoffei abwirft, ist es nur mäßig schmerzhaft. Einen Jutesack gefüllt mit Papier ins Gesicht zu bekommen, ist schon weniger angenehm. Nach den zwei Stunden konzentrierten Tanzens würdest du abhängig von der Außentemperatur entweder drinnen oder draußen noch mit den anderen herumscherzen und erst, wenn alle abgeholt worden, dich selbst auf den Weg machen. Lange Wartezeiten wären deswegen nötig, weil unsere Schule die beste im Umkreis ist und deswegen viele von weit weg kommen. Endlich würdest du dich zusammen mit den anderen anwohnern auf den Nachhauseweg machen, wobei vorsicht angesagt ist, nicht durch die Gegend gewirbelt, in den Schnee geschmissen oder getragen zu werden.

Zuhause angekommen würdest du das leckere essen, das deine Gastmutter gekocht hat, verschlingen(das mittagessen bestand schließlich nur aus Kleinigkeiten) und den restlichen Abend mit Klavier- und Schachspielen verbringen, bis du gegen elf Uhr abends ins Bett fällst und dich schon auf den nächsten typisch lettischen Tag freuen würdest!

An einem typischen Wochende könnte man dich wahrscheinlich in Volkstracht auf einer Bühne tanzend finden. Immernoch kämpfend mit dem Lächeln und mit den unglaublich engen Rock, der Atmen zu einer Sache der Unmöglichkeit macht. Nach dem Volkstanz wäre der moderne Tanz an der Reihe, wobei alle die Regel, das man mit unter 16 um elf Uhr zuhause sein muss, geflissentlich ignorieren und die halbe Nacht durch tanzen.

Hättest du kein Konzert, könntest du mit deinen Freunden auch einfach in die Disko gehen oder es ein bisschen ruhiger angehen lassen und mit deinen Gastbrüdern  Hügelchen diverse Sportarten ausführen (nein, ich weiß nicht wie das an besten geht! Ehrlich gesagt fahre ich zum ersten Mal mit dem Rad durch den Tiefschnee!). Oder du würdest vor dem Computer sitzen und dir den Kopf zermartern, wie du deine so schwer beschreiblichen Gefühl trotzdem irgendwie verständlich aufschreiben kannst…

…wovon ich hoffe, das es mir halbwegs gelungen ist.

Jara

Übrigens sind sämtlichen gegebenen Beispiele in dieser Woche  wirklich passiert und entstammen nicht meiner Fantasie 🙂