Drei Städte, drei Länder, drei Kulturen

Auf die vorsichtigen Fragen von Freunden und Familie aus Deutschland, ob wir denn so weit im Norden schon Frühling hätte, kann ich ohne Probleme antworten: Von wegen Frühling, der Sommer ist angebrochen! Noch vor etwa vier Wochen hat es 40 Zentimeter geschneit, jetzt haben wir einen Hitzerekord von 30(!) Grad. Hat sich das Warten doch gelohnt, der Winter ist übergangslos zum Sommer geworden. Darf ich also wieder beim Sport draußen schwitzen! Und zwar nicht nur in der Schule, nein nein. Die Letten sind ein überaus aktives Völkchen, meine freie Zeit verbringe ich mit meinen Gastbrüdern und Freunden draußen beim Tischtennisspielen, Basket- oder Volleyball. Stört nicht, dass ich keine dieser Sportarten allzu gut beherrsche ;-D Wer davon die Nase vollhat, kann in einem der nahen Seen schwimmen gehen oder eine Fahrradtour über das überaus flache Land unternehmen. Außer es gibt eine der wunderlichen Wetterphänomenen, die zur Normalität geworden sind: Regen und Sonnenschein oder Gewitter mit Blitz und Donner, aber ohne Regen.

Apropo Touren… in der vergangenen Zeit, schon fast zwei Monate, ach du meine Güte,  unternahm ich davon zwei. Also natürlich mehr, aber zwei in andere Länder: Das YFU-Mittelseminar in Tallinn, der Hauptstadt unseres Nachbarlandes Estland, und eine viertägige Reise nach St. Petersburg.

 

Tallinn

 

Das Mittelseminar wurde von allen heiß ersehnt, da wir uns unter ATS seit Weihnachten nicht mehr gesehen haben. Da ich nicht in Riga wohne, komme ich mir manchmal ein bisschen ausgesetzt vor, da die nächste ATS 84 Kilometer von hier entfernt wohnt. Auf der anderen Seite ist das nicht so viel, da das Bussystem gut ausgebaut ist und die Busse in alle Richtungen etliche Male täglich fahren.

Anfang April entschuldigte ich mich bei meiner Klassenlehrerin und fuhr nach Riga, wo sich alle ATS getroffen haben. Nach einigen Aufschreien zwischen eigentlich fast Fremden, die durch das Austauscherlebnis zu guten Freunden stapelten wir uns in einen kommerziellen Reisebus und machten uns auf nach Tallinn. Sechseinhalb Stunden später hatten wir unheimlich viel Kakao getrunken, Informationen ausgetauscht und alle Kopfschmerzen. Im Rekordtempo legten wir unsere Taschen in der Herberge ab und gingen essen. Für mich schon der erste Beweis, wovon ich schon viel gehört habe: Dass Estland ein sehr modernes Land ist. Im Restaurant starrte wir alle eine Weile verdutzt auf kleine Kärtchen, die uns ausgeteilt wurden, bis wir das Prinzip verstanden hatten: Du bestellst das Essen, wartest an der Theke bis du es bekommst und hälst dann das Kärtchen gegen einen Pieper, wo der Betrag übertragen wird. Nach dem Essen eilten wir gleich weiter in einen Buchladen, mit der Begründung: Überraschung! In der Tat war zu der Zeit die Tallinn Musik Week, an der auch Prāta Vētra gespielte, die beliebteste lettische Popband. Nicht ohne Grund, wie wir erfahren durften. Besonders mitreißend wurde es dann, als der Sänger die englischen Texte hinter sich ließ und die ganze Masse anfing auf Lettisch zu singen!

Unsere drei Tage Tallinn kann man mit zwei Wörtern sehr gut zusammenfassen: zu kurz! Teile des Programms waren zum Beispiel eine zum Schießen komische Stadtrallye, bei der wir uns nur dachten, welche Hirne haben sich diese Extraaufgaben ausgedacht?! Es war auf jeden Fall ein Erlebnis, ein paar Stunden wie die Bekloppten durch Tallinn zu rennen, und das Gelächter der Teamer, als sie sich unsere Videos angesehen haben, konnte man bis auf die Straße raus hören.

Tallinn ist eine wunderschöne Stadt. Sie ist sehr gut erhalten und in Schuss gesetzt, dafür aber ergibt sich ein Gefühl der Unechtheit. Es ist wie die Mischung einer Megametropole(in klein, schließlich hat Estland nur 1.3 Millionen Einwohner)und einer neu erbauten Altstadt. Dazu noch die ungewöhlich Sprache, die für mich aussieht wie endlose Vokalreihen, aber sich sehr schön anhört. Estnisch hält den Rekord für das Wort mit den meisten Umlauten hintereinander, jäääär (wenn ich nicht ganz falsch liege Eisstraße).

In Lettland gibt es übrigens jede Menge lieb-lustig gemeinte Vorurteile über Esten, etwa dass Esten das langsamste Volk der Welt ist oder dass in Estland die Bäume kürzer sind. Kann ich nur bestätigen, das mit den Baumen…Kiek in de Kök

 

 

 

 

 

Sicht durch ein Loch in der Mauer

 

Die Alexander-Newski-Kathedrale, ein ortodoxes Gotteshaus. In Tallinn gibt es erstaunlich viele Kirchen, wenn man berücksichtigt, dass die Esten das nicht-gläubigste Volk der Welt sind…

 Sankt Petersburg

Ja ihr habt richtig gelesen! Meine letzte Reise ging in das Land der Vorurteile, das Land der Korruption, der Unterdrückeung Lettlands, der Sowjetzeitbefürworter, und ganz sowieso da wo alle tun und lassen was sie wollen. So zumindest wurde mir Russland immer dargestellt- wie anders die Wahrheit herausfinden als hinfahren?

Die Reise war diesmal nicht von YFU, sonden von einer ATS(nenn wir sie mal „Saebelzahn“) organisiert. Das bedeutete für uns vier, die mitgefahren sind, unendlich viele Telefonate mit Familien in Deutschland und Österreich, Unterhatungen mit Gastfamilien und Freunden, die nicht so recht verstanden haben, warum Russland, und kleine Stressigkeiten mit YFU, da selbstorganisierte Reisen nicht so ganz lupenrein sind. Mit vielen Ratschlägen von beiden Familien und an allen Hindernissen vorbei ging es letzten Mittwoch los- vier Tage Russland! Zusammen mit einer Gruppe aus 8 Letten/Russlandletten, zwei Busfahrern und einer Reiseführerin ging es auf die Reise nach Sankt Petersburg, mit Exkursionen in alle größeren Touristensehenswürdigkeiten und noch einiges anderes. Die ersten Schwierigkeiten gingen an der Grenze zu Russland los, keine von uns hatte bisher eine Grenzkontrolle mit Visa über sich ergehen lassen müssen. Noch dazu gab es Ärger mit unserer ‚Australierin‘- zwischen австрия und австалия ist im Russischen nur ein Buchstaben unterschied.

Am ersten Tag besuchten wir das Kloster in Pskov, eine Stadt nahe der estnischen Grenze. Das Kloster war ungewöhnlich voll, da unsere Reise genau mit dem orthodoxen Ostern zusammenfiel. Gekleidet in Rock und mit Tuch auf dem Kopf(absolute Pflicht für alle weiblichen Besucher) staunten wir über die üppige russische Architektur. Besonders beeindruckend fand ich die bunten Farben, in denen sogar das Kloster gestrichen war- ein knallgrüne Kirche sieht man auch nicht alle Tage. Schon am ersten Tag merkten wir, unsere Reiseleiterin ist ein flotte alte Dame: Sie raste in einem Tempo durch sämtlich Aktionen, dass wir kaum mitkamen!

Eindrücke aus Pskov

 

Mehr Eindrücke aus Pskov

 

Abends um etwa ein Uhr kamen wir endlich im Hotel an, die eher eine einfache Unterkunft war, da wir sowieso nicht viel Zeit dort verbrachten. Totmüde fielen wir ins Bett, aber viel Zeit zum Schlafen hatten wir nicht…

Denn am nächsten Tag ging es morgens los auf eine Rundfahrt durch die Stadt, die Saebelzahn verrückt gemacht hat, da unsere Reiseleiterin eine sehr blumige Sprache verwendete… versucht das mal sinnvoll zu übersetzen:“Es ist so ein schöne Haus! Schaut doch mal, was ein wundervolles Haus! So eine klasse Stadt hier!“

Aber Unrecht hatte sie nicht, St. Petersburg ist wirklich eine wunderschoene Stadt und den Besuch auf alle Faelle wert. Genauer gesagt habe ich das Gefuehl, zurueckkehren zu muessen. Dass man irgendeine Kultur, geschweige denn die -zugegebenermassen- europaeischtste Stadt Russland in ein paar Tagen unmoeglich verstehen kann, hat mir das Austauschjahr beigebracht.

Ein Highlight des ersten Tages,und des ganzen Besuches, war der Besuch in der State Hermitage. Das russische Kunstmuseum ist nicht umsonst weltberuehmt, davon hat schon die ewige Schlange vor der Tuer gezeugt. uebringes wbeschweren sich touristen oft darueber, dass Einheimische wesentlich weniger bezahlen als Besucher. aber wenn man mal daruebe nachdenkt, in seinem Urlaub gibt man mehr Geld aus als im Alltag und viele Russen koennten sich einen Besuch in ihren eigenen Ausstellungen nicht leisten, wenn diese Ermaessigungen nicht waeren. Unsere Besuch in der Hermitage ging gleich mit einem Drama los- zwei von uns vier ATS hatten keinen ISIC, kurz fuer Internaitional Student Identification Card, eine internationale Ermaessigungskarte fuer Schueler. Sie erspart jedem Schueler eine Menge Geld, ich wuerde zum Beispiel auch im Supermarkt damit Ermaessigung bekommen und der Besuch der Ermitage ist mit ihr kostenlos. Da diese Karte in Lettland nur in Riga ausgestellt wird, hatten die beiden „Laendler“, unsere Oesterreicherin und ich keine. Nach einigem Stress mit unserer Reiseleiterin, die meinte wir muessten uns halt in der endlosen Schlange anstellen, da sie uns als gruppe  mit ISIC angemeldet hatte, stellte sich heraus: Der Besuch der State Hermitage ist fuer Unter-18-Jaehrige sowieso kostenlos!

Nur zu schade, dass es eigentlich nie reicht für so ein großes und wunderschönes Museum- wer kann schon fünf Stunden stehend sich Kunst ansehen? Den Versuch ist es aber auf jeden Fall wert, die Ermitage(ich muss zugeben, keine Ahnung wie man das richtig schreibt) ist ein einziges KUNSTWERK. Seht es euch selbst an, wenn ihr je nach Sankt Petersbug kommt!

Noch am selben Tag folgte eine Bootfahrt durch die vielen Kanäle der Stadt, vorbei an etlichen Prachtgebäuden. Endlich hatte ich verstanden, was unsere Geografieleherin uns mit ‚Kulturregionen‘ beibringen wollte. Ein Haus, das in Sankt Petersburg steht, wäre in Riga fehl am Platz, und die Architektur Tallinns würde in Berlin auffallen wie ein bunter Hund. Nicht das ein Unterschied an einem bestimmten Punkt festzumachen wäre, es ist mehr eine Atmosphäre, die jeder Stadt eigen ist. Es sind nicht die Straßenschilder auf Kyrillisch(das ich zumindest lesen kann), nicht die prachtvoll russischen Kuppelbauten, nicht das Russisch. So wie Tallinn eine Atmosphäre des sehr aufgeschmückten Alters hat, sieht Sankt Petersburg aus wie im 19. Jahrhundert mit modernen Mitteln erbaut, und Riga- ist und bleibt meine Lieblinghauptstadt!- wirkt wie zerfallen und neu zusammengenäht, ist es in jeder größeren Stadt anders.

Samstag folgte ein Spaziergang durch das Catherinenschloß, mit dem berühmten Bernsteinzimmer. Ein Geschichtsstein der russischen Geschichte, in der man sich zu meinem Leidwesen sehr gut verlaufen kann… Wo kamen plötzlich die ganzen Leute her?! ‚Ich entschuldige mich übrigens für die blumigen Ausdrücke, das wurde uns genau so erklärt.

Abends nutzten wir die freie Zeit, mit ein paar Russen spazieren zu gehen, die wir am Morgen zuvor im Hotel kennengelernt hatten. Eine von ihnen hatte uns auf Deutsch angesprochen und sich als Studentin aus dem Süden Russlands auf Urlaub vorgestellt. Beim Gespräch versuchten wir uns so gut wie möglich auf Deutsch zu unterhalten, während Säbelzahn vor uns fröhlich auf Russisch plapperte. Mit Händen und Füßen erzählten wir uns Geschichten aus Deutschland, Lettland, und Russland, und freuten uns über Verständnis auch ohne gemeinsame Basis.

Von der Nachttour am selben Abend kann ich nicht viel erzählen- wir waren einfach zu übermüdet, um uns allzusehr auf die weitgeschwungenen Reden unserer Reiseführerin zu hören. An der Brücke über die Neva wachten wir wieder auf- an dem Abend war die Brückenanhebung und orthodoxes Ostern, was Fastenbrechen beduetet. Brückenanhebung bedeutete zu meiner Enttäuschung aber nicht, dass sich die gesamte, etwa 100 Meter lange Brücke anhebt, sondern nur der erste Brückenbogen.

Am nächsten  Morgen hieß es schon:“Einpacken, wir fahren!“ Mit Halt in Peterhof, einem großen, hübschen Park, ging es über Estland zurück nach Riga. Etwa ein Uhr morgens waren wir an der Grenze und ließen die Grenzformalitäten über uns ergehen, diesmal wesentlich angenehmer(und langsamer) da- wer hätt’s gedacht!- um eins ist nicht viel los so an der Grenzstation! Auch wenn ich das Gefühl habe,dass der Grenzbeamter fast nicht durchgelassen hätte. Was ein Pokerface dieser Russe drauf hatte! So gut, dass Säbelzahn bei der Frage, wo wir denn waren, fast einen Herzinfakt bekommen hätte. Dabei war er nur nett und wollte wissen, ob es uns gefallen habe. Ohhh ja…

 

Tja, und nach zwei Wochen Kampf konnte ich endlich diesen Blog halbwegs logisch formulieren! Dazu ist heute ein besonderer Tag. Habe ich schon erzählt, dass man in Lettland Namenstage feiert? Jeden Tag sind etwa 2-4 Namen im Kalender geschrieben. Oft ohne (mir) enkenntlichen Sinn, aber wenigstens kann ich verstehen, dass Adams und Ieva(Eva) am 24. Dezember Namenstag haben. Naja, Jara ist in den meisten Ländern dieser Welt ein seltener Name, aber in Lettland habe ich immer das Gefühl, alle Letten würden sich mit ungefähr 15 verschiedenen Namen abwechseln. Beim 22. Mai stehen zwei Einträge: Emilija; kalendarā neierakstītu vārdu diena. Im Klartext: an alle wie mich, die gar nicht im Kalender drinstehen, kann man trotzdem Spontangeschenke machen! Oder einfach gratulieren…. So „feiere“ ich diesen Tag mit meinem Bruder und selbstgebackenen Kuchen und wünsche allen ATS noch wundervolle letzte Wochen, allen Daheimgebliebenen ein gutes Restschuljahr und allen zusammenhanglos diesen Blog lesenden einfach einen schönen Tag!

Jara