Vorbereitung im Dschungel – Flug und Orientation Camp in Rio de Janeiro

Wow. Okay. Also, jetzt bin ich tatsächlich in Brasilien. Eigentlich schon eine ganze Weile, aber ich komme jetzt erst dazu, das zu schreiben (jaa, nach einem Monat xD ich hatte halt viel zu tun! Dafür beschreibe ich hier alles aber auch extra detailliert ;)) Und das waren zumindest meine ersten Gedanken, als ich angekommen bin. War ja auch abzusehen, irgendwann musste dieser Tag ja kommen. Die letzten Tage in Deutschland haben mich schon auf eine Probe gestellt, sie waren einfach unglaublich vollgepackt und stressig. Jeden Tag hatte ich eine lange Liste an Dingen, die ich zu erledigen hatte, außerdem wollte ich mich auch noch mit vielen Leuten das letzte Mal treffen, schließlich war es die letzte Möglichkeit. Und wenn ich euch zukünftigen Austauschschülern etwas mitgeben kann: Kümmert euch rechtzeitig um alles. Auch wenn ihr denkt „ ach nein, es ist noch einen Monat bis zur Abreise, ich muss damit und damit noch nicht anfangen..“ Doch, ihr müsst anfangen! Es kommen am Ende so viele Sachen zusammen und dazu muss man ja auch noch ein bisschen Zeit für seine Familie einplanen und einmal durchatmen können und realisieren, dass man bald ein Jahr nicht da ist. Also macht alles am besten zu früh als zu spät fertig, sonst endet ihr wie ich und fangt erst am Tag des Flugs an, denKoffer zu packen und sitzt noch am Flughafen am Abschiedsbucheintrag für die beste Freundin. 😀  

Aber egal, irgendwie habe ich doch noch alles Wichtige geschafft, und das ist ja die Hauptsache. Der Abschied am Flughafen war mehr oder weniger emotional, denn ich war irgendwie mit meinen Gedanken ganz woanders, als dass ich hätte weinen können. Ich habe es wahrscheinlich auch einfach nicht realisiert, dass ich alle meine Freunde und Familie ein Jahr nicht sehen werde. Nach dem viele Fotos gemacht wurden und ich auch das ein oder andere total süße Geschenk bekommen habe (danke nochmal dafür!!) wurde es dann wirklich ernst. Ein komisches Gefühl. Nach all der Zeit der Vorbereitung und Vorfreude kam dieser Tag auf einmal ganz plötzlich, und es kam mir so vor, als hätte ich erst am voherigen Tag erfahren, dass ich am nächsten Tag fliegen werde. Hört sich komisch an, aber vielleicht kann der ein oder andere Austauschschüler das Gefühl nachvollziehen. Und hier beginnt mein Abenteuer…

Allerdings war ich nicht komplett alleine, ein anderer Austauschschüler ist mit mir zusammen von Hamburg nach Frankfurt geflogen, was aber super geklappt hat. Dort haben wir dann andere Austauschschüler aus ganz Deutschland getroffen und konnten uns schon mal ein bisschen kennenlernen und unterhalten. Auf dem Flug, der um die 12 Stunden und über Nacht ging konnte ich dann endlich mein Abschiedsbuch lesen. Ich war so geflasht und gerührt, wie viel Mühe sich die Leute gegeben haben und was für schöne Wünsche und Erinnerungen sich darin befinden. Ich bin so dankbar für so eine tolle Familie, Freunde und Bekannten-/Verwandtenkreis und es bedeutet mir viel, wie viel Arbeit ihr darein gesteckt habt. Noch mal ein ganz großes Dankeschön an alle!! Ich lese es hier in Brasilien bestimmt schon zum 6. Mal durch :). Aber das Abschiedsbuch war ja nur ein kleiner Teil von dem, was mich erwartet(e).

 

Mein Sitzplatz war äußerst unbequem und eng, aber einige wenige Stunden konnte ich, glaube ich, schlafen. Nach brasilianischer Zeit sind wir dann endlich ca. 5 Uhr aus dem Flugzeug gestiegen. Nach all der Zeit voller Vorbereitung und Vorfreude hatten wir nun tatsächlich brasilianischen Boden unter den Füßen und haben brasilianische Luft geatmet. Jetzt ging es tatsächlich los.

Uns fielen schon die ersten Unterschiede auf: Das Wasser. Überall auf öffentlichen Plätzen stehen Wasserspender, aber das Wasser ist so voller Chlor. Immer wenn ich eine Flasche aufgemacht habe, roch es wirklich wie im Schwimmbad. Aber mittlerweile habe ich mich dran gewöhnt. Nach etwa 3-stündiger Wartezeit wurden wir von einem Reisebus abgeholt und haben die ersten Eindrücke von Brasilien bekommen. GANZ anders als Deutschland. Der Weg ins Camp, obwohl wir überwiegend auf der Autobahn waren, war total schön und spannend. Schon nach zehn Minuten Fahrt durch Rio, oder sogar noch weniger habe ich diesen großen Unterschied zwischen arm und reich, von denen alle immer erzählen, mit eigenen Augen gesehen. Ich glaube, die Favelas (slums in Brasilien) waren einer der ersten Sachen, die mir ins Auge gefallen sind, was auch unvermeidbar war, denn es waren unglaublich viele, die sich an der Autobahn und an den Bergen an- und übereinander gereiht haben. Kleine Betonhäuser, manchmal auch ohne Decke oder die vordere Wand, mit Wäscheleinen und jeweils so groß wie mein Zimmer in Deutschland, einige zumindest. Davon dann unglaublich viele neben- und übereinander, und davor meist ein See zum Müll abladen. Zum Beispiel habe ich eine riesige Ladung Plastik gesehen, was echt krass war. Auf der anderen Seite, nicht mal 200 Meter weiter, konnte man prunkvolle hohe Gebäude, Hochhäuser und auch den Zuckerhut sehen, und tatsächlich auch den Cristo Redentor. Seine Umrisse mussten wir allerdings halb erahnen, weil er hinter Wolken und ganz ganz weit in der Ferne war.

                                   

Um etwa 10 Uhr sind wir in Riberão angekommen, wo unser Orientation Camp stattfand und ich habe mich direkt in die Unterkunft verliebt. Man kann sich das so vorstellen: Man ist von der Autobahn abgefahren, und nach einer Zeit sieht man einfach nur Grün. Unter einem Schotterweg, über einem Berglandschaft mit Wald. Und als wir ausgestiegen sind, habe ich mich gefühlt, als wäre ich im Dschungel. Alles war voller Bambus, Palmen und mehr Pflanzen, es gab einen Bach und alles war quasi umgeben von diesen Bergen. Wunderschön!!

  (danke an Clara für das Bild!)

Die Unterkunft bestand aus ein paar Gemeinschaftsräumen/häusern in denen man isst oder Gruppenaktivitäten macht und mehreren kleinen Holzhütten, in denen man zu zweit oder dritt schläft. Ansonsten gab es noch einen Pool, ein Fußballfeld und einen äußerst baufälligen Spielplatz. Nach dem wir die Koffer im abgeladen hatten, erwartete uns auch schon der erste Programmpunkt: Frühstück. Das war für uns deutsche extrem komisch, weil wir erstens noch total müde waren und es zweitens in Deutschland Mittagszeit war, aber trotzdem habe ich mein erstes brasilianisches Frühstück hier, was aus Weißbrot, Ei, Kuchen, Früchten, Kaffee und unglaublich süßem Saft bestand, genossen. Der erste Tag hat sich wirklich wie Urlaub angefühlt (die anderen Tage eigentlich auch), denn wir hatten zwar ein Welcome Meeting, bei dem sich jeder vorgestellt hat und auch das Programm vorgestellt wurde, aber den Rest des Tages haben wir, glaube ich, einfach nur am Pool gelegen, gebadet, geredet und gegessen. Damit kommen wir zur nächsten Sache: Ich habe sooo viel in diesen Tagen (und auch danach) gegessen!! Ich werde bestimmt auch noch einen ganzen Beitrag über das Essen hier schreiben, denn ich liebe dieses Thema. Das Essen ist auch ein wichtiger Bestandteil der brasilianischen Kultur, über die wir hier etwas beigebracht bekommen haben, und deswegen zeige ich euch jetzt mein erstes Mittagessen (hat sich wie Abendessen angefühlt), ein richtig typisch brasilianisches Gericht:

Reis, Bohnen (gibt es jeden Tag), dazu Salat und Farofa (geröstetes Mehl aus Maniokwurzel mit Gewürzen, schmeckt meiner Meinung nach wie salzige Semmelbrösel, aber manche finden auch es schmeckt wie Sand), als Getränk Guarana, ein brasilianischer Softdrink (ich liebe es!!)

Die Teilnehmer bestanden zum größten Teil aus Deutschen, ansonsten war noch jeweils einen Teilnehmer aus Mexico, Uruguay, Chile, Dänemark und Frankreich da und zu dem noch 9 Teamer, von denen die jüngste gerade vor ein paar Wochen selbst erst aus dem Ausland zurückgekommen ist und die älteste als Gastmutter schon viele Schüler aufgenommen hatte. Das war ziemlich cool, weil alle aus verschiedenen Perspektiven ihre Erfahrungen mit uns geteilt haben und uns Tipps geben konnten. Ich hatte zu allen Teamern ein super Verhältnis und man konnte jederzeit zu ihnen kommen und sie alles Mögliche fragen, auf das sie dann ehrlich geantwortet haben.

Unser Tagesablauf bestand aus Essen (es gab hier jeden Tag auch eine Snack-Mahlzeit, in der es brasilianische Hot Dogs, Kuchen und Kaffee gab), Orientation Time, zweimal pro Tag, in der wir in Gruppen mit den Teamern verschiedene Themen wie brasilianische Kultur und Länderinfo, Freizeit, Familie, Schule und soziales Leben durchgegangen sind und dazu haben wir ein Heft bekommen, in dem alle Informationen noch mal gesammelt drinstanden, sowie Erfahrungsberichte von Austauschschülern und Gastfamilien und Übungsaufgaben. Eine weiterer Programmpunkt war Portuguese Drops, einmal pro Tag, wo wir alle zusammen brasilianische Lieder gesungen haben, zum Beispiel Popsongs oder die portugiesische Version von „Head, shoulders, knees and toes“ um uns ein bisschen mit der Sprache vertraut zu machen. Das war auch eine Sache, die mir erst im Camp so richtig bewusst geworden ist und über die ich mir wirklich Sorgen gemacht habe: ich konnte kaum Portugiesisch, und all die Sachen, die ich mit meiner App zu Hause vor einem Jahr circa gelernt habe, hatte ich wieder vergessen. Im Camp haben wir ausschließlich Englisch geredet, was mir und manchen Deutschen so viel Spaß gemacht hat, dass wir manchmal sogar, wenn wir alleine in einem Raum waren und niemand aus den anderen Ländern dabei war, englisch geredet haben. Zwischendurch haben wir auf dem Fußballfeld in großer Runde immer mal wieder Energizer gemacht, die man von der VBT kannte.

Eine besondere Sache war noch, dass eine Teamerin Geburtstag hatte und wir dort auch schon ein paar kulturelle Eindrücke bekommen konnten: Erstens das brasilianische Geburtstagslied, dass übrigens nicht die Zahl, wie alt man wird, beinhaltet, und dann der Kuchen. Aus dem  wird das erste Stück nämlich von unten nach oben herausgeschnitten und das bekommt dann eine besondere und wichtige Person, die derjenige, der den Kuchen schneidet, bestimmen darf.

Tja, und die restliche Zeit hatten wir einfach Spaß, und zwar viel davon. Ich habe schnell Freunde gefunden und mich mit allen Teamern und Teilnehmern gut verstanden. Wir haben uns alle viel unterhalten und kennengelernt und waren sehr oft im Pool, auch spät abends und auch einmal morgens vor dem Frühstück, was ohne Sonne zwar kalt (in Brasilien ist es gerade Winter) aber immer total witzig und wunderschön war. Abends konnte man immer, wenn man sich nach draußen gestellt hat, viele unbekannte Geräusche, Gezirpe oder Gequake, von Tieren hören.

Zum Schluss zwei Anekdoten: Einmal hatten zwei Teilnehmer die tolle Idee, eine Kokosnuss vom Baum zu pflücken, dessen Schale aber einfach nichtb aufzukriegen war und so saßen wir eine lange lange Zeit am Pool und haben mit dem einzigen Hilfsmittel, einem Metallstab, der irgendwo rumlag, auf die Kokosnuss eingeschlagen. Tatsächlich hat es irgendwann funktioniert, aber in der Kokosnuss war statt Wasser so ein komisches Glibber, das nach Kokos geschmeckt hat (es war Kokos). Manche haben es gegessen, aber viele haben es sich dann auf den Körper oder ins Gesicht geschmiert, weil das die Haut weicher gemacht hat.

Ein zweites außergewöhnliches Erlebnis hatte ich, als wir morgens nach dem Schwimmen zu so einer Art Aussichtspunkt am Waldrand gegangen sind, von wo man das ganze Camp und die Berge drumrum sehen konnte, ein überwältigender und wunderschöner Ausblick. Und als ich dort neben mir eine Weile in den Wald geschaut habe, habe ich auf einmal etwas im Baum rumspringen sehen. Ich dachte erst, es wären Eichhörnchen, aber dann habe ich gesehen, dass es kleine Äffchen waren!! 😀

Das Orientation Camp war für mich eine unglaublich witzige, spannende und wunderschöne Erfahrung, an die ich mich immer zurückerninnern werde und für die ich sehr dankbar bin. Ich habe wundervolle Menschen kennengelernt, hatte richtig Spaß und einfach eine tolle Zeit. (Auch wenn ich nicht Teil von einer der vier Pärchen war, die sich innerhalb der drei Tage gebildet hatten ;)).

Aber auch diese tolle Zeit ging viel zu schnell zu Ende, und dann wurde es ernst. Nicht, dass ich mich nicht auf meine Gastfamilie gefreut habe, aber aufgeregt war es trotzdem. Doch wie ich die getroffen habe, erfahrt ihr im nächsten Beitrag…

Vielen Dank fürs Lesen!!

Até breve! Elisabeth