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Worüber ich noch nicht gesprochen habe

24 Tage verbleiben mir noch als Austauschschülerin in Ungarn, bis ich zurück nach Deutschland gehe – zuerst aufs YFU YES-Camp in der Nähe Berlins, und dann schließlich wieder nach Hause. Über den Großteil meiner Erlebnisse habe ich in meinem Blog bereits geschrieben, in diesem Beitrag soll es deshalb um etwas anderes gehen: um Werte und Gefühle. Das sind Dinge, die man weder kaufen, noch auf Fotos festhalten kann, die dir niemand zeigt oder beibringt, sondern sich mit unseren Erfahrungen und unserem Umfeld entwickeln und verändern.

 

SELBSTSTÄNDIGKEIT

Eine der wohl offensichtlichsten Lektionen, die man im Ausland lernt, ist Selbstständigkeit. Es beginnt schon mit dem Flug alleine in ein anderes Land, das vielleicht zehn oder mehr Stunden entfernt liegt. Okay, in meinem Fall waren es nur zwei, aber trotzdem hatte ich in den darauffolgenden 10 Monaten noch reichlich Dinge, die ich auf einmal alleine erledigen musste. Viele waren banal und eigentlich selbstverständlich, aber trotzdem habe ich vor meinem Austauschjahr nie einen Brief zur Post gebracht, einen Granatapfel aufgeschnitten oder den Trockner bedient, weil sowas in Deutschland immer automatisch meine Eltern erledigt haben. Aber natürlich gab es auch wirklich herausfordernde Situationen, zum Beispiel in der Schule oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in Budapest. Man ist eben in einem unbekannten Land und kommt aus seiner Komfortzone heraus, um die Sachen zu lernen, die noch neu für einen sind, aber schon bald immer vertrauter werden.

 

ORGANISATION

Um all die neuen Situationen besser zu verarbeiten und unter Kontrolle zu kriegen, muss man sich strukturieren. Für mich ist der Alltag besonders stressig, da meine Schule wegen dem Musikprogramm bis nachmittags oder abends andauert und ich dann eventuell noch zuhause übe, gleichzeitig aber meine Freunde in Budapest treffen und noch Zeit mit meiner Gastfamilie verbringen will. Dazu kommen noch Skype-Gespräche, YFU-Organisationen, das Pendeln von Budapest nach Hause und umgekehrt, Lernen für Musiktheorie, Einträge in mein Tagebuch, meinen Blog usw. – das ist eine Menge mehr als Zuhause in Deutschland, und da dachte ich schon, dass meine Wochentage vollgestopft sind. Trotzdem kriege ich alles meistens irgendwie hin, indem ich Termine in den Kalender schreibe und alle Aufgaben, die mir zwischendurch einfallen, in mein Handy schreibe und zuhause direkt erledige. Was mir außerdem geholfen hat, ist eine Tagesroutine: Wenn die täglichen Aktivitäten immer ungefähr denselben Ablauf haben, spart das viel Zeit und Energie, weil man nicht mehr darüber nachdenken muss. Ich habe trotzdem sehr lange gebraucht, um hier eine zu entwickeln und fühle mich erst seit ungefähr drei Monaten richtig vertraut in meinem Alltag – wenn man darüber nachdenkt, ist es ziemlich erstaunlich, nach wie länger Zeit man sich so wirklich an das Gastland und seine Gewohnheiten anpasst.

 

ANPASSUNG

Apropos Anpassung: Es ist der Schlüssel zu allem. Die Hinterfragung der bisherigen eigenen Gewohnheiten und die gleichzeitige Akzeptanz von neuen Verhaltensweisen lässt uns offener und toleranter werden. Aber man muss auch das richtige Maß finden: Sich so sehr öffnen, dass man sich mit seiner Familie versteht, Freunde findet, sich im Gastland wohlfühlt – sich gleichzeitig aber nicht selbst verlieren. Man muss eben für sich selbst entscheiden, welche positiven Eigenschaften der andere Kultur man übernehmen will, wie sehr man sich verändern möchte.

Tatsächlich hat meine Bereitschaft zur Anpassung ständig gewechselt: Es gab Tage, da hatte ich mich in meiner Gastfamilie die schönsten Erlebnisse, und es gab Tage, an denen ich einfach keine Lust hatte, am Familienleben teilzunehmen. Diesen Monat waren wir zusammen in Italien und ich fühle mich dort jetzt so wohl wie nie zuvor – ganz wie zuhause eben. Entgegengesetzt verhält es sich in der Schule: Am Anfang habe ich noch reichlich Smalltalk geführt und war offen zu allen, jetzt habe ich einfach keine Motivation mehr dafür. Manchmal bin ich einfach genervt von der Stimmung in der Klasse, aber ich habe auch meine Leute gefunden, mit denen ich mich verstehe und bin jetzt ganz ich selbst, ohne mich extra nett und aufmerksam zu verhalten. Aber das ist okay, denn man kann eben nicht jedem gefallen und überall hineinpassen.

 

SELBSTBEWUSSTSEIN

Aber wie macht man das überhaupt, ganz man selbst sein? Das ist wohl eine dieser Fragen, die uns unser ganzes Leben lang begleiten werden und auf die man doch keine Antwort bekommt. Ein Stück näher kommt man ihr im Auslandsjahr aber vielleicht trotzdem: man trifft so viele neue Menschen, probiert neue Hobbies aus und ist vielen unbekannten Situationen und Herausforderungen ausgesetzt. In anderen Worten, man wird selbstbewusster. Vielleicht entdeckt man ja sogar eine Welt, in die man besser hineinpasst als in die ursprüngliche.

 

NATIONALBEWUSSTSEIN

Es gibt durchaus Punkte, die mir in Ungarn besser gefallen als Zuhause, zum Beispiel sind die Menschen höflicher und respektvoller und es gibt viel mehr Kultur (Traditionen, Nationalgerichte, auch musikalisches und künstlerisches Interesse). Aber ich bin trotzdem glücklich, in Deutschland zu leben, was mir erst in Ungarn so richtig klar geworden ist. Hier ist nämlich schon einiges schlechter geregelt und läuft nicht so organisiert ab, und die westlichen Länder werden als Vorbilder bewundert. Die deutsche Sprache ist übrigens sehr beliebt und wird von vielen als Fremdsprache gelernt, weshalb sie für mich ebenfalls inzwischen viel schöner klingt.

Ich persönlich hatte während meines Austauschjahres zwar trotzdem nicht wirklich Heimweh, dennoch hat sich auch meine Sicht auf mein Zuhause im Speziellen verändert: Ich weiß es jetzt viel besser zu schätzen, dass ich ein eigenes Zimmer habe, dass meine Mutter jeden Tag kocht oder dass mein Vater alles, was ich ihm in die Hand drücke, reparieren kann. Auf diese Dinge freue ich mich schon, wenn ich in vier Wochen zurückgehe.

 

FERNBEZIEHUNG

Außerdem freue ich mich auf das Wiedersehen meines Freundes. Ich kann mir vorstellen, dass viele andere in der Situation sind, in der ich vor einem Jahr war, deshalb möchte ich ein bisschen über meine Fernbeziehung schreiben. Für meinen Freund und mich stand immer fest, dass wir uns nicht trennen werden, sondern versuchen, die Zeit zu überstehen, solange ich im Ausland bin. Und es hat funktioniert, auch wenn manchmal Zweifel aufkamen. Denn es gab Phasen, in denen die Gefühle für den anderen ziemlich in den Hintergrund gerückt sind, doch schon bald darauf wurden sie wieder durch Zeiten ersetzt, in denen man sie deutlich wahrgenommen und den anderen vermisst hat. Alles in allem lief es viel besser und harmonischer als ich dachte – ich bin stolz, dass wir er geschafft haben. Natürlich ist es nicht die Lösung für jeden, zusammenzubleiben: Wenn man sich wegen der Fernbeziehung nicht richtig auf sein Auslandjahr konzentrieren kann, weil man die ganze Zeit streitet, macht es durchaus Sinn, sich fürs erste zu trennen – dasselbe gilt auch dafür, wenn man sich wegen der Beziehung eingeschränkt fühlt. Wichtig ist nur, dass man immer ehrlich bleibt und über die jeweiligen Vorstellungen spricht. Ich würde es jedenfalls immer erst einmal versuchen und dann sehen, wie beide damit zurechtkommen. Auf keinen Fall würde ich wegen dem Partner aufs Ausland verzichten – denn wenn die Fernbeziehung nicht funktioniert, hätte es das wahrscheinlich auf lange Sicht genauso wenig. Und ein Austauschjahr ist schließlich eine große persönliche Entwicklung mit lauter unvergesslichen Erfahrungen.

Lucia

Rumänische Ostern

Salut,
ich weiß, ich bin spät aber jetzt kommt doch auch noch mal ein Beitrag über mein Ostern in Rumänien.
Zuerst einmal wird Ostern hier eine Woche später gefeiert als in Deutschland, da Rumänien mehrheitlich orthodox ist. Da aber die Hälfte der Familie meiner Gastmutter aber katholisch ist, waren wir am katholischen Ostern bei meiner Gasttante zum Festessen eingeladen, wir haben also also sozusagen zweimal Ostern gefeiert.
Der Samstag des orthodoxen Osterwochenendes hat zuerst einmal ziemlich stressig angefangen, meine Gasteltern sind um fünf Uhr morgens aufgestanden um das Essen vorzubereiten, und bis zum Nachmittag wurde die Wohnung geputzt und gekocht.
Am frühen Abend sind die Schwester und die Nichte meines Gastvaters angekommen, die das restliche Wochenende mit uns verbracht haben und kurz vor Mitternacht sind wir alle zusammen zur Kirche aufgebrochen. Der Mitternachtsgottesdienst war definitiv der interessanteste Gottesdienst den ich jemals erlebt habe. Zunächst fand er nicht in der Kirche sondern vor der Kirche statt, da die Kirche für die vielen Menschen zu klein gewesen wäre. Der ganze Platz vor der Kirche war überfüllt und die Menschen standen bis in die Seitenstraßen, und es ist nicht einmal die einzige Kirche in unserem Viertel!
Um Punkt Mitternacht haben die Glocken aufgehört zu läuten und der Gottesdienst hat angefangen, der hauptsächlich gesungen wurde. Nach ca. 15 Minuten kam eine kleine Prozession mit Kerzen die Kirchentreppen herunter, die Kerzen wurden an einer Kerze entfacht, die in Jerusalem angezündet wurde und mit dem Flugzeug nach Europa transportiert wurde. Jeder hat sich an den Kerzen seine eigene Kerze angezündet, dabei wurde von allen hunderten Menschen auf dem Platz ein Lied gesungen, das während des Gottesdienstes immer wieder wiederholt wurde:

Hristos a înviat din morți,                                  Christus ist von den Toten auferstanden
Cu moartea pe moarte călcând                        Mit dem Tod über den Tod schreitend
Și celor din morminte,                                       Und gibt jenen aus den Gräbern
Viață dăruindu-le.                                              Das Leben zurück.

Es war ein besonderer Moment, alle haben gesungen und ringsum war ein Meer an Kerzen, ein sehr schöner Anblick. Danach ging der Gottesdienst noch etwas weiter und am Schluss sind alle mit angezündeten Kerzen singend dreimal um die Kirche gegangen, dabei haben die Kirchenglocken geläutet und es wurde auf einer toaca gespielt, eine Art Holzbrett, auf das auf eine bestimmte Weise mit Holzhammern geschlagen wird und das früher die Kirchenglocken ersetzt hat. Man findet es noch heute an vielen Kirchen.

Als wir von der Kirche nach Hause gekommen ist, gab es erstmal Essen, besonders wichtig: die hartgekochten Eier, die man erst essen darf, nachdem man die Schale am Ei eines anderen zerbrochen hat, dabei sagt man der eine „Hristos a inviat“, also „Christus ist auferstanden“ und schlägt sein Ei gegen das des anderen, danach werden die Eier umgedreht und die beiden verbliebenen heilen Seiten aneinandergeschlagen, dabei sagt der andere „Adevarat ca a inviat“, also „wahrhaftig, er ist auferstanden“.

Am Sonntagmorgen bin ich mit meiner Gastmutter zur Kirche gegangen und wir haben für jeden eine kleine Tüte mit in Rotwein getränktes Brot, das den Leib und das Blut Christi symbolisiert, geholt, das an Ostern immer das erste ist, was gegessen werden sollte. Das Brot wird auf eine bestimmte Weise gebacken, nur unverheiratete „reine“ Mädchen dürfen es backen und dabei müssen bestimmte Gebete gesprochen werden, danach werden Brot und Wein in der Kirche gesegnet.

Mittags ist die Schwester meiner Gastmutter mit Mann und Tochter gekommen und es gab das Osteressen. Fun fact: meine Gastmutter hat exakt 135 Eier für das Essen verwendet. Es gab Vorspeise, Suppe, traditionelles Osterlamm und dann noch Torte, und ich habe noch mehr gegessen als an Weihnachten, was schon fast ein Ding der Unmöglichkeit war.

Das Ostern hier unterscheidet sich definitiv sehr von dem deutschen, aber es war sehr interessant, es hier zu erleben und ich habe die Tage sehr genossen.
Ne auzim in curand,
Alina

Ostern

Der April war ein ereignisreicher Monat, ich war viel mit YFU und meiner Gastfamilie unterwegs und wir hatten Besuch von Luna und Hanna, die nur ein halbes Austauschjahr in Ungarn gemacht haben. Es waren schöne, aber auch stressige Erlebnisse, weshalb die Ferien zu Mitte des Monats genau richtig kamen – dort hatte ich viel Zeit zum Entspannen und gleichzeitig auch einen Einblick ins ungarische Osterfest.

 

VELENCE

Anfang des Monats war ich mit meiner Gastfamilie zum zweiten Mal im Wellnesshotel, diesmal im Ort Velence, der direkt an einem See liegt. Meine Familie in Deutschland würde nie auf diese Weise den Urlaub verbringen, deshalb war es eigentlich ganz schön für mich, die Erfahrung zu machen. Das Zimmer und das Essen waren sehr gut, die Pools waren aber nur im Innenraum und nicht im Freien. Insgesamt war es sehr schön, aber nicht wegen den Wellnessangeboten, sondern weil ich viel Zeit mit meiner Gastfamilie verbracht habe.

 

DEBRECEN

Das Wochenende danach habe ich mit anderen Austauschschülern in einer ländlichen Gegend in der Nähe der Stadt Debrecen verbracht. Dort fand ein YFU-Workshop statt, bei dem wir ungarische Schüler getroffen und gemeinsam einige Dinge unternommen haben: Wir haben ein paar Spiele gespielt, waren Eis essen, in einem Thermalbad (von denen es in Ungarn relativ viele gibt) und hatten abends noch zwei kleine Feiern zusammen.

Wir waren auch auf einem Roma-Festival, allerdings nur wir Austauschschüler, weil viele Ungarn den Sinti und Roma ablehnend gegenüberstehen und man Probleme vermeiden wollte. Ich persönlich fand es aber spannend, die besondere Musik dort zu hören und auch ein paar Fakten zu der Kultur mitzukriegen – schließlich hat man in Deutschland überhaupt keine Berührungspunkte damit.

Gewohnt haben wir kostenlos in den Schlafsälen der Schule und das Essen wurde für uns im Jugendzentrum zubereitet. Es hat gut geschmeckt und war immer etwas Traditionelles, was ich gut fand, denn so habe ich noch ein paar neue typisch ungarische Gerichte kennengelernt. Nur von der Menge her war es wirklich viel zu viel (das ist übrigens auch typisch ungarisch) und ich war nach dem Wochenende wirklich pappsatt.

Auf dem Weg nach Hause haben wir uns noch in Debrecen umgesehen. Die Stadt ist zwar die zweitgrößte Stadt Ungarns, aber war trotzdem klein und idyllisch und sah ein bisschen so aus wie gemalt. Es war sehr schön, aber ich bin doch froh, dass ich weder dort noch auf dem Land wohne, sondern in (bzw. in der Nähe) der großen lebhaften Hauptstadt.

 

SCHULE

Zurück in Budapest, hatte ich noch eine Woche Schule vor mir. Naja, zwei davon waren eigentlich gar keine richtigen Schultage: Am Montag war „Diáknap“ (auf deutsch „Schülertag“), den es in Ungarn an jeder Schule gibt und bei dem Spiele gespielt und kleine Theaterstücke aufgeführt werden. Und am Freitag war Kammermusiktag, ein Konzerttag also, bei immer zwei bis fünf Instrumente etwas zusammen vorgespielt haben. Es waren zwar ein paar ungewöhnliche und interessante Kombinationen dabei, die ich vorher noch nie gehört habe, so wie zum Beispiel Harfe und Saxophon, aber ich bevorzuge doch lieber Instrumente im Solo, wo sie nach meiner Meinung besser zur Geltung kommen.

Pünktlich zum Schulende habe ich mein Ungarischbuch durchgearbeitet – stattdessen lese ich jetzt einfachere Bücher wie „Alice im Wunderland“ in der Landessprache. Es fühlt sich gut an, die Sprache endlich so erlernt zu haben, dass man sein Umfeld – Gespräche in der U-Bahn, Nachrichten im Radio, Plakate auf der Straße – ohne Anstrengung verstehen kann, und auch das Sprechen klappt jetzt ziemlich flüssig. Am Ende des Austauschjahres möchte ich auf jeden Fall die angebotene Sprachprüfung in B2 versuchen, um meine Ungarischkenntnisse für mich selbst (und wer weiß, für was es sonst nochmal gut sein könnte) festzuhalten.

 

FERIEN

Dann waren Ferien (an meiner Schule ein paar Tage früher als an den meisten anderen:) ), und gleichzeitig kamen auch Luna aus Belgien und Hanna aus Deutschland nach Budapest. Besonders über Hannas Besuch habe ich mich gefreut, weil wir uns im ersten Halbjahr hier sehr gut angefreundet und viel zusammen unternommen haben. Aber ehrlich gesagt hat mich ihre Rückkehr auch etwas nachdenklich gemacht: Immerhin wohnt sie in Deutschland und wir haben die Möglichkeit, uns oft zu besuchen, aber was ist mit den anderen Austauschschülern aus Mexiko oder Thailand, oder mit meiner Gastfamilie? Abschiede sind weder schön noch leicht – das war die allererste Lektion des Austauschjahrs, als wir uns am Flughafen von den Leuten verabschieden mussten, die wir eigentlich nicht in unserem Leben missen wollen. Bald werden wir diese endlich wiedersehen, aber dafür auch erneut Abschied nehmen müssen von so vielen anderen Menschen, die einem hier wichtig geworden sind. Und nicht nur von Menschen muss man sich trennen, sondern auch von der Schule, vom Essen, und von Budapest.

Letzteres ist mir besonders nochmal durch die Reise nach Prag mit YFU bewusst geworden: Obwohl die tschechiche Stadt sehr schön und touristisch war, hat mir bei gedanklichen Vergleichen oft die ungarische Hauptstadt besser gefallen. Es wird wohl immer so etwas wie mein zweites Zuhause bleiben, in dem ich mich besser auskenne als dort, wo ich tatsächlich augewachsen bin – denn wenn die Zeit begrenzt ist, will man sie so gut ausnutzen wie möglich und viel unternehmen, während man im Heimatort die Attraktionen, die es zu bieten hat, gar nicht richtig zu schätzen weiß. Das Austauschjahr hat mir damit eine wichtige Lektion über Zeitnutzung und außerdem auch viel Tatendrang mitgegeben, um meine Lebensweise zu reflektieren und an Gewohnheiten zu arbeiten.

 

OSTERN

An Ostersonntag wurde ich von meiner kleinen Gastschwester Hanna geweckt, damit wir auf der Terasse die Ostergeschenke suchen konnten, die mein Gastvater vorher dort versteckt hatte. Ich fand es süß, dass für Fanni und mich auch noch etwas dabei war, obwohl wir ja eigentlich nicht mehr wirklich zu den Kindern gezählt werden können.

Später am Vormittag kam meine Gastoma noch vorbei, danach waren wir zusammen im Kino und haben uns den Animationsfilm „Royal Corgi – Der Liebling der Queen“ angesehen, der lustig und einfach zu verstehen war. Mit der Mischung aus Popcorn, Schokohasen und den verschiedenen Gerichten, die meine Gastmutter für die Feiertage gekocht hat, war ich dann definitiv für die nächsten drei Tage noch gut gefüllt. Eier, die für mich eigentlich definitiv zum Fest dazugehören, gab es bei uns aber überraschenderweise keine, und außer meiner Gastoma, die nur ein paar Straßen weiter wohnt, haben wir auch niemanden aus der Familie getroffen. Ich denke deshalb, Ostern hat keinen so großen Stellenwert für meine Gastfamilie, aber das kann ich deshalb natürlich nicht über das ganze Land behaupten, das ja eigentlich christlicher als Deutschland ist.

Ein traditonell ungarischer Brauch mit heidnischer Herkunft ist es übrigens, dass die Jungen die Mädchen an Ostermontag mit einem Eimer Wasser begießen (oder heutzutage auch mit Parfüm besprühen), damit sie nicht „verwelken“ und ihre Fruchtbarkeit, Gesundheit und Schönheit erhalten bleibt. Im Austausch und zum Dank dafür sollen sie dann ein buntes Osterei erhalten. Auch mein Gastvater hatte (im Gegensatz zu uns Frauen im Haus) sichtlich Spaß daran, uns ein bisschen mit Wasser aus einer Sprühflasche zu besprühen. Inwiefern dieser Brauch sinnvoll ist und die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann fördert, kann natürlich angezweifelt werden, aber schließlich hat man in jedem Land ein paar alte Gewohnheiten, die nicht mehr in die Werte der heutigen Zeit passen. Ich fand es jedenfalls sehr interessant, mal etwas aus Ungarn zu erfahren, was man in Deutschland überhaupt nicht hat, und hoffe auf weitere Eindrücke dieser Art in den verbleibenden zwei Monaten.

Lucia

3 Wochen in Japan : Was ist bis jetzt passiert?

Also….wie beginne ich diesen Blog jetzt? Als Allererstes sollte ich mich höchstwahrscheinlich vorstellen, nicht wahr? Ich bin Anneli, ein 15 Jahre altes Mädchen aus Deutschland, dass die nächsten zehn Monate in Japan verbringen wird. Warum Japan fragt man sich jetzt? Angefangen hat es bei mir, wie bei den meisten, mit Anime/Manga. Ich hatte also schon ein Interesse in Japan, bevor ich überhaupt darüber nachgedacht hatte ein Auslandsjahr zu machen. Die Idee ganze 10 Monate in Japan zu bleiben, kam erst Anfang 2017. Zudem Zeitpunkt hatte meine Mutter in der Zeitung gelesen, dass ein Austauschprogramm namens YFU nach Gastfamilien sucht, die für drei Wochen eine/n Japanischen Austauschschüler/in bei sich aufnimmt. Da hat das ganze begonnen sich in meinem Kopf festzusetzen. Ich habe mir Blogs durchgelesen, YouTube Videos angeschaut, und nach Austauschprogrammen gesucht. Das ganze hab ich ein Jahr lang gemacht, bis es endlich soweit war, und ich mich anmelden konnte. Eigentlich wollte ich wie die meisten in der 10. Klasse gehen und dachte ich hätte mich auch dafür eingeschrieben, bis dann der Bestätigungsbrief kam und dort drauf stand ,dass ich März 2019 fliegen werde. Nachdem dieser groß e Schock überwunden war, habe ich mich absolut gefreut und konnte gar nicht erwarten zu fliegen. Irgendwann nach einem Jahr kam dann auch die VBT (Vorbereitungstagung) und ich konnte mich endlich mit anderen Austauschschülern austauschen und Fragen klären,die mir auf dem Herzen lagen. Zu der Zeit waren es nur noch 58 Tage bis zum Abflug und glaubt mir….auf etwas anderes konnte ich mich um ehrlich zu sein nicht so wirklich konzentrieren. Im Unterricht heimlich Kanji und Grammatik lernen und nicht aufpassen war quasi Alltag für mich geworden. 1 Monat,3 Wochen,2 Wochen…die Zeit verging wie im Flug und ich konnte es gar nicht fassen. Da hatte ich ein Jahr gewartet und nun waren es nur noch zwei Wochen bis zur Abreise. Ich hab es wirklich einfach nicht glauben können. Der Koffer war gepackt, die  Visumsunterlagen war auch noch rechtzeitig gekommen und von den Freunden hatte ich mich auch schon verabschiedet. (Ich persönlich bin relativ gut im packen und packe auch immer zwei Wochen vorher schon,von daher hatte ich damit nicht wirklich Stress) Also ging es für mich zum Flughafen….um ehrlich zu sein, ich hätte gedacht ich würde in Tränen ausbrechen und meine Eltern zu Tode umarmen. Das war allerdings überraschenderweise nicht der Fall. Ich war verhältnismäßig ruhig. Es ging also endlich los!! Nicht das ich es in dem Moment realisiert hätte, aber es war ein gutes Gefühl. Die beiden Flüge verliefen ziemlich friedlich und das Essen war wie immer in Flugzeugen unglaublich ekelhaft! 11 Stunden später landeten wir also in Tokyo, Haneda Airport. Tokyo ,eine der größten Städte der Welt und ich würde dort wohnen! (Meine Gastfamilie lebt in Tokyo🌸)  Die ersten vier Tage und die Orientierung in Tokyo fühlten sich absolut nicht echt an. Ich dachte: “Ja okay,Sonntag fliegst du wieder zurück”. Es hat sich so komisch angefühlt einfach da zu sein! Ich habe neue Leute kennen gelernt, aus Schweden,Finnland,Thailand,Korea,USA,Japan….und diese unglaublich zu schätzen gelernt. Alles in Allem war es eine wunderbare Orientierung!! Nun den an meinem Ersten Samstag in Japan hab ich dann meine Gastfamilie kennengelernt. Um ehrlich war es ein wenig awkward,da ich sowieso gleich wieder Tschüss sagen musste,da ich mit meiner AR (Area Rep ) meine Schuluniform kaufen war. Außerdem hat meine kleine  Gastschwester (12) die ersten zwei Tage nicht ein einziges Wort mit mir geredet. Wir haben auch die ersten drei Tage nichts wirklich gemacht,außer  Spaziergänge,Einkäufe und registrieren im City Hall. Ich war wirklich ein ganz klein wenig enttäuscht,weil ich mir (was ihr zukünftigen Austauschschüler nicht tun solltet) schon im Vorhinein vorgestellt hatte wie alle so sind und sein werden. Da dass in meinem Fall nicht der Fall war,war ich zu erst ein wenig enttäuscht. Außerdem waren alle im Mega  Pack Stress,weil wir am Dienstag gleich weiter nach Okinawa geflogen sind, um den Elementary School Abschluss meiner kleinen Schwester zu feiern. Ich persönlich muss sagen, dieser Urlaub hat so unglaublich geholfen,mich mit meiner Gastfamilie zu verstehen. Wir haben viele Dinge unternommen (kayaking,sightseeing,essen(!!!),Mini Radtour,am Strand chillen) und ich hab mich absolut in Okinawa verliebt.(Vorallem in das 5 Sterne Hotel in dem wir waren…) Nach dem Urlaub konnte ich mich sogar schon ein ganz winziges bisschen mit meiner Gastfamilie auf Japanisch unterhalten UND meine kleine Gastschwester und ich kommen mittlerweile super miteinander klar! Ich war wirklich traurig als wir wieder zurück geflogen sind 🙁 Die Woche danach war auch nicht wirklich reizend und ich hab auch nichts so wirklich gemacht außer schlafen,da ich mit Fieber und Schnupfen im Bett lag. Außerdem musste ich mich einmal übergeben,weil ich zu viel Wasser zum runterbekommen der Miso Suppe getrunken hab. Als es mir dann am Samstag ein wenig besser ging,sind wir das Erste Mal zu meiner Schule gefahren und haben meine Lehrer und Vice Schulpresidenten getroffen( die übrigens alle unglaublich knuffig und süß sind…Ich liebe japanische Lehrer..bis jetzt auf jeden Fall 😂) Fun Story: Ich hab überlegt in den Gitarren Club zu gehen und meinte so zu meinem Lehrer,der für Austauschschüler zuständig ist: “ Ja,also ich würde glaub ich gern in den Gitarren Club gehen..” und er nur so :” Oh ja also ich bin der Leiter des Gitarren Clubs,schön dich kennenzulernen!” Auf jeden Fall fand ich das super. Sonntag waren wir dann zum O-Hanami picknicken in Tokyo und haben noch ein paar Einkäufe erledigt. Dann war es soweit : MEIN ERSTER SCHULTAG an einer JAPANISCHEN Schule. Mannomann war ich aufgeregt!! Außerdem war es irgendwie alles ein wenig peinlich,da ich in das Klassenzimmer kam und “Guten Morgen” gesagt hat und alle mich nur stumm angestarrt haben. Ich hab auch noch nicht mal ein Viertel von dem verstanden,was gesagt wurde,da meine Lehrerin unfassbar schnell redet…also wirklich SCHNELL. Dazu kommt noch,dass ich dachte alle wären so unfassbar begeistert,dass ne Austauschschülerin da ist, aber die meisten mich gefühlt gar nicht mal bemerkt haben.(Und wieder der Tip: Stellt euch nicht vor wie eure Klassenkameraden auf euch reagieren werden,denn es wird sowieso anders kommen!) Dazu kam,dass ich mit zwei  Klassenkameradinnen und deren Mütter nach Hause gefahren bin und wir  irgendwie gefühlte Stunden nach Hause gebraucht haben.  Mein erster Tag war also insgesamt nicht so prickelnd,dafür kommt aber jetzt der zweite Tag! Es ist unglaublich wie sich ein so gefürchteter Tag in so einen guten Tag verwandeln kann. Heute musste ich meine Rede vor den Lehrern und der ganzen Schule halten, und ich war so so soooo unglaublich nervös. Die Rede an sich war auch nicht so nice (ich hab gefühlt durchgehend gestottert), aber danach fühlte sich alles so viel viel lockerer an! Außerdem noch mal an der Stelle ein großes Dankeschön an alle meine Japanischen Lehrer,die die ganze Zeit mitgefühlt haben. Alle Lehrer haben mir viel Glück gewünscht und so aufmunternd die ganze Zeit zugenickt und gelächelt und nach der Rede hat so gefühlt jeder einen Daumen nach oben gezeigt und so…der Gitarren Club Leiter hat mir sogar ein High Five gegeben. 🙂 Ein weiterer erleichternder Punkt ist,dass mich nicht mehr alle komisch anschauen,sondern meistens anfangen zu lächeln und mit dem Kopf nicken. Ich hab auch schon ein paar Freunde gefunden! Die eine hat sich heute neben mich gekniet und mit mir Vokabeln gelernt. Das war sehr süß von ihr.

Puhhhhhh jetzt hab ich aber echt echt viel geschrieben. Das waren meine 3 Wochen Japan bisher! Ich werde höchstwahrscheinlich in zwei drei Wochen wieder schreiben,da ich dann viel zu erzählen hab. Nächste Woche kommt der Schultrip zum Mount Fuji auf mich zu!

Ich hoffe dieser Blog hat euch ein wenig weitergebracht/amüsiert…was auch immer, und melde mich dann bald wieder.

PS: Fotos einfügen klappt noch nicht,aber ich werde schauen,was ich tun kann!!

 

Frühling

Eigentlich ist es erstaunlich, wie groß der Einfluss des Wetters auf unsere Stimmung ist. Der Wechsel vom Winter in den Frühling ermöglichte Spaziergänge in T-Shirt und Jeansjacke, Eisdielen-Besuche mit meiner Gastfamilie, Kaffee und Kuchen im Freien, und Joggingrunden und Picknicks im Park. Die Sonne, die morgens durch mein Fenster scheint, die Blumenbeete und grün werdenden Bäume, die milde Abendluft in den Straßen von Budapest – all das weckte mich aus meinem mürrischen Winterschlaf und brachte mich dazu, mich aufs Neue in die wunderschöne Hauptstadt Ungarns zu verlieben.

 

AUSFLÜGE

Und so kam es, dass ich in diesem Monat alles erkundet habe, was ich in Budapest noch so sehen wollte, wie zum Bespiel eines der berühmten Thermalbäder (unten im Bild), die große Markthalle, das Terrormuseum oder den Zoo.

Ich war auch im Parlament, was als Ausflug von YFU angeboten wurde, im Sissi-Schloss in der Stadt Gödöllö (unteres Foto), und mit meiner Gastschwester Fanni noch einmal im historischen Buda-Viertel. Ich habe mich bei allem zum Teil wirklich ein bisschen wie ein Tourist gefühlt, aber auf der anderen Seite war auch alles ganz vertraut – eben wie zuhause.

 

KONZERTE

Auch in der Schule gab es Änderungen zum Winterende. Da klassische Konzerte bevorzugt in der kalten Jahreszeit stattfinden, hatten wir Anfang März unseren letzten Chorwettbewerb. Und obwohl die Proben wirklich schlecht waren, haben wir den überraschenderweise gewonnen, was nicht nur Preisgeld, sondern auch eine sehr glückliche Lehrerin einbrachte. Auch mit der ganzen Schule waren wir im letzten gemeinsamen Konzert der Saison. Es war ein sehr eindrucksvolles Finale mit einem großen Orchester, einem noch größeren Chor und sehr professionellen Solosängern. Aber natürlich ist die Zeit der Vorführungen nicht vorbei – bald stehen stattdessen wieder eigene Auftritte an.

Außerdem war ich noch mit meiner YFU-Betreuerin, Esther aus Italien und David aus Mexiko auf einem Indie/Rock Konzert der ungarischen Band „Esti Kornel“, was mir sehr gut gefallen hat. Ich muss tatsächlich sagen, dass mir die ungarische Musik sogar besser gefällt als die deutsche. Ich würde mich also definitiv freuen, wenn ich ein solches Erlebnis wiederholen könnte 🙂

Zuletzt war ich auch im Theater, was mein Geburtstagsgeschenk an Esther war, und wir haben das Musical Én, József Attila (auf deutsch „Ich, József Attila“) geschaut. Der Protagonist, nach dem auch das Musical benannt ist, ist ein berühmter ungarischer Dichter, dessen Biographie in dem Stück nachgespielt wurde. Es war sehr gut gemacht, aber ich musste mich schon ziemlich konzentrieren, um die Handlung zu verstehen. Es war einer von diesen Momenten, in denen ich mir gewünscht habe, Ungarisch wäre meine Muttersprache – aber das ist dann auf der anderen Seite ja auch eine gewisse Motivation zum Weiterlernen.

 

SKIFAHRT

Eine Unterbrechung hatte die Frühlingsstimmung dann doch – und das war die viertägige Skifahrt in der Slowakei, die von YFU organisiert wurde. Aber ich war gerne bereit, in der Hinsicht eine Ausnahme zu machen, denn es war eine wirklich schöne Reise. Ich war eine von denen, die vorher noch nie vorher Ski gefahren sind, aber der Leiter und die anderen Austauschschüler haben uns natürlich geholfen. Es war eine gute Erfahrung, und die gemeinsamen Tage haben uns als Gruppe noch einmal näher zusammengebracht.

 

GESPALTEN

Aber um so besser man sich mit den Austauschschülern, der Gastfamilie, den Klassenkameraden versteht, umso besser man Ungarisch spricht und sich in Budapest auskennt, desto mehr nähert sich der Zeitpunkt der Rückkehr, der auf einmal nicht mehr unendlich weit weg, sondern erschreckend nah erscheint. Natürlich ist das Gefühl dabei nicht nur negativ: Man freut sich auf Familie und Freunde, auf das eigene Haus mit eigenen Regeln, auf die Muttersprache um einen herum, auf das Leibgericht von Mama, und tatsächlich auch auf einen anständigen Döner vom Türken um die Ecke. Aber auf der anderen Seite denkt man an all das, was einem hier fehlen wird. Und das ist eigentlich auch ein bisschen positiv, denn dadurch wird man dankbar für das, was man erleben darf, und nutzt seine Zeit so gut wie möglich aus, um die noch kommenden drei Monate unvergesslich zu machen.

Lucia