Archiv der Kategorie: Chile

A Casa

¡Queridos lectores!

Es ist lange her, ich weiß. Ich bin jetzt schon seit 25 Tagen in Chile und seit 21 Tagen bei meiner Familie. Und seit 3 Wochen gehe ich in die Schule. Aber mir kommt es vor, als wäre ich schon viel länger hier. Heute habe ich es auch gemeistert, an der richtigen Stelle dem Busfahrer „Tío, por acá“ zu sagen und bei der Banco de Chile auszusteigen. Dort arbeitet mein Gastvater. Wenn ich früh genug Schule aus habe, laufe ich runter ins Zentrum, manchmal nimmt mich auch jemand mit, da meine Gastbrüder eine Menge Leute kennen.

Mein Schultag endet nie vor 5 Uhr, und danach geht es meistens noch mit einem Treffen oder ähnlichem weiter. Und das zweimal die Woche. Die anderen Tage bin ich theoretisch um Viertel vor 6 fertig, praktisch bleibe ich dienstags und donnerstags noch zum Volleyball in der Schule. Ihr müsst wissen, dass ich eigentlich nicht besonders sportlich bin, um nicht zu sagen gar nicht, in Deutschland mache ich nur Musik, aber ich dachte mir, ich mach einfach mal alles, was sich so anbietet. Freitags bzw. samstags gehe ich zum Kinderorchester. Naja, ich war bisher erst einmal da, und da kam der Lehrer/Dirigent nicht da, aber ich hab schon mal gemerkt, dass es zwei ¾-Celli gibt, da werde ich mich wohl ein bisschen umstellen müssen. Diesen Samstag hatte ich zum ersten Mal Scout. Ihr seht, mein Plan ist wirklich voll. So gegen 7 ist mein Gastvater in der Bank fertig, bis dahin warten wir dort. Dann holen wir meine Gastmutter ab und fahren nach Hause. Da ist es kalt. Es gibt hier glaube ich nirgendwo eine Zentralheizung, sondern immer Heizlüfter. Wir haben auch zwei Kamine, einen unten und einen oben, aber die brauchen mehr Zeit, bis sie warm sind, deswegen werden zuerst die Heizlüfter angeworfen. Und nach dem Abendessen kommt dann die Schularbeit, zumindest für mich, und dafür setze ich mich immer mit Teppich und Kissen vor den Kamin und damit ans obere Ende der Treppe. Das mit der nicht vorhandenen Zentralheizung hat aber auch etwas Positives: es bringt die Familie zusammen.

Die Menschen hier sind aber generell mehr und näher zusammen. Und man teilt eigentlich alles. Essen, Materialien, Essen, Laptops, Essen, die Einzelarbeit, Essen, den Spiegel. Ich nehme im Moment oft mein Notebook mit, weil wir das für Literatura brauchen, und wenn ich es in den Pausen nicht brauche, es aber eingeschaltet ist, setzt sich auch mal meine Freundin an ihren Facebook-Account. Und wenn irgendjemand zum Kiosk geht, sind zwei Drittel des Einkaufes für den Rest der Klasse. Wie uns YFU Chile gesagt hat: Wir werden dick wiederkommen! Aber sie meinten auch, dass es nur einen Monat dauert, wieder abzunehmen…

Mit der Verständigung klappt es jeden Tag besser, auch wenn ich am Anfang gar nichts verstanden habe. Man redet hier einfach anders, als ich es von meiner Spanischlehrerin gewöhnt bin, und auch deutlich anders als in Santiago. Das hat es mir am Anfang sehr schwer gemacht, die Leute zu verstehen, aber das klappt mittlerweile ganz gut. Reden ist da viel schwieriger, vor allem, weil ich das „r“ nicht rollen kann 🙁 Aber das wird schon 😉

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Un abrazo

Kara

8 hours to go

Ich habe nicht allzu viel geschlafen, es war zum einen unglaublich warm, zum anderen haben wir natürlich in unserer YFU Chile-WhatsApp-Gruppe noch ein bisschen geredet. Witzigerweise bin ich überhaupt nicht müde, und die Nervosität ist jetzt komplett weg. Ich freue mich nur unglaublich auf mein Abenteuer, auf mein Jahr in Chile. Ich freue mich darauf, die anderen YFU-ler wiederzusehen und in der Morgendämmerung über Brasilien, Paraguay, Argentinien und die Anden zu fliegen. In 26 Stunden bin ich in Chile.

Cariños, aún desde Alemania
Kara

Vom Kribbeln und Zähneklappern

Jeden Morgen ist es da, dieses Gefühl. Nicht unbedingt beim Aufstehen, aber spätestens beim Zähneputzen. Es schaukelt sich hoch, wie wenn man auf dem großen Trampolin der Nachbarn immer höher springt, mehr und mehr die Kontrolle verliert und diesen Moment des Fliegens auskostet. Pures Glück ist das, etwas, das man nicht ausdrücken kann, weder mit dem höchsten Quietschen noch mit dem energiegeladensten Zappeln. Es staut sich auf, immer weiter. Und dann klingt es wieder ab. Langsam, unbemerkt, schleicht es sich davon. Bis man das gemerkt hat, ist es längst zu spät, um es festzuhalten. Man wird gereizt, hat keine Lust auf Fragen und Reden. Und dann kommt die Panik. Man sitzt vor seinem Koffer und denkt sich: „Okay, da ist alles drin, was ich brauche – aber ist das eigentlich genug?“ Denn man packt unweigerlich für einen Urlaub, man packt Klamotten, Kosmetika und ein, zwei Bücher ein. Die Kamera. Aber reicht das auch für ein ganzes Jahr pures Leben?

Ich weiß es nicht, aber ich werde es herausfinden. Denn mein tükiser Koffer mit dem gelben Kofferband und dem roten Berliner Ampelmännchen ist voll.

Ich bin 15. Ich heiße Kara und meine Lieblingsfarbe ist sonnengelb. Ich mag Geschichten, lese viel und liebe Filme, und mache Musik, seit knapp 11 Jahren. Außerdem mache ich gerne Fotos. In Chile werde ich mein Zimmer unglaublich vermissen, weil es alles enthält, was mich ausmacht: Die Schreibtischlampe, die aussieht wie die in den PIXAR-Filmen (bloß leider nicht in weiß, sondern aus Metall), meine Fotobücher, meine 200 Bücher und 40 DVDs, meine Fotoleine, meinen blauen Traumfänger, die Kunst an der Wand und die Wandklebefolien von Paris. Und meinen Spiegel mit Zitaten, die mich jeden Tag inspirieren. Und wahrscheinlich werde ich in einem Jahr in mein Zimmer eintreten und mich genau an den Menschen erinnern können, der ich war, als ich all diese Sachen hineingestellt habe und den Staub freundlich eingeladen habe, sich kurz darauf auszuruhen. Und dann werde ich ein bisschen umdekorieren, aber eben nur ein bisschen. Deswegen möchte ich ein Austauschjahr machen. Und weil ich dann so viele neue faszinierende Menschen kennenlernen kann. Weil ich ein anderes, fremdes Zuhause bekomme. Weil das Fremde irgendwann zum Alltag wird und man sich nicht vorstellen kann, dass man jemals anders gewohnt hat. Und weil vielleicht alles, was ich hier beschreibe, gar nicht eintreten wird. Ich hab das ja noch nie gemacht. Vielleicht wird es ja ganz anders. Aber egal. Denn genau darum geht es doch, oder?

Ich habe seit zwei Jahren Spanischunterricht. Diese Sprache ist so toll, dass ich es überhaupt nicht fair fand, sie nur so kurz zu lernen, während ich Englisch und Französisch ja schon seit 6 bzw. 4 Jahren habe. Schlussfolgerung: Mein Austauschjahr sollte möglichst in einem spanischsprachigen Land sein. Spanien selbst war mir ehrlich gesagt nicht weit genug weg. Also Südamerika. Wegen seines Rufes als sicherstes Land Südamerikas landete Chile auf Platz eins, allerdings beim Auswahlgespräch ohne Abstand zu anderen südamerikanischen Ländern und nur mit sehr geringem zu Finnland und Schweden. In der Nachwahl waren dann auch Litauen, Lettland und Estland dabei. Und dann wurde es Chile, meine Erstwahl! Ich bin überglücklich 🙂

Ich fliege in 6 Tagen. Ganz schön krass. Wenigstens haben wir es (wider meiner Erwartungen) tatsächlich geschafft, alles fertig zu machen: Die Gastgeschenke für meine Gasteltern und meine beiden Gastbrüder, 14 und 17, das Visum, die Einkäufe… Apropos Gastfamilie: Ich habe meinen Brief bereits Anfang April bekommen, worüber ich wirklich froh bin, weil ich auf die Weise schon einiges über meine Familie und auch meine Klassenkameraden und ein paar andere Freunde meiner Gastbrüder weiß. Ich werde bei Quellón wohnen, das liegt auf der Insel Chiloé, direkt an der Küste. Das genaue Dorf, Oqueldán, findet Google Maps leider nicht. Ich werde in die tercero medio gehen, also mit keinem meiner beiden Brüder in eine Klasse. Das ist aber nicht weiter schlimm, weil ich meine Klasse ja wie gesagt schon ein bisschen kenne. Und in wenigen Tagen treffe ich sie nach den vielen Facebook-Chats persönlich! Kaum zu glauben. Ich werde euch dann jedenfalls auf dem Laufenden halten 😉

Das reicht fürs Erste, denke ich. Noch 6 Tage, 3 Stunden und 33 Minuten bis zu meiner Abreise. Die Nervosität wird sich wahrscheinlich noch ziemlich steigern – ich dachte so an ein exponentielles Modell. Und für die Zeit werde ich mich weiter in meinen Büchern vergraben, die Sonne genießen (auf Chiloé kommt zum Winter nämlich auch eine Riesenportion Regen) und Minuten zählen – wo immer mich das auch hinführen wird.

Cariños para ustedes

Kara