Die Zeit verfliegt

Ich kann mich noch recht gut an meine Vorbereitungstagung im vergangenen Jahr in Lauenburg erinnern. Eines der Dinge, die man uns sagte, als wir über Erinnerungen und Blogging sprachen, war, dass 90% aller Austauschschüler, die einen Blog beginnen und in den ersten Monaten noch leidenschaftlich höchstens zwei Wochen vergehen lassen, bevor sie den nächsten Eintrag posten, irgendwann an den Punkt kommen, dass einer ihrer Einträge mit “Ich muss mich dafür entschuldigen, dass ich mich so lange nicht mehr gemeldet habe…” beginnen. Typischerweise denkt man dann, dass dies bei einem selbst sicherlich nicht der Fall sein wird. Und man irrt sich — ich zumindest. Vermutlich liegt es einfach daran, dass Dinge, die vor drei oder vier Monaten noch neu und besonders waren, inzwischen auch Teil der Routine geworden sind, und ich deshalb schon über zwei Monate ohne neuen Post habe verstreichen lassen.

Um dieses kleine Versäumnis wieder wettzumachen, werde ich berichten, was seit Februar so alles passiert ist:

Am ersten Februarwochenende fand die Middle Orientation, also sozusagen das Halbzeittreffen, zusammen mit allen anderen spanischen Austauschschülern in El Puig, einem kleinen Strandort bei Valencia, statt. Es war wirklich schön, alle anderen einmal wiederzusehen und sich über Erlebnisse und Erfahrungen in den Familien, mit Freunden, in der Schule etc. auszutauschen, da man sich, wenn man nicht gerade in der selben Stadt wohnt, aufgrund der relativ großen Entfernungen nur selten sieht. Gemeinsam mit zwei Freiwilligen von YFU España wurde am ersten Tag Bilanz des ersten Teils unseres Austauschjahres gezogen, während am zweiten Tag Ziele für die verbleibende Zeit festgehalten wurden — für mich sind es inzwischen weniger als 90 Tage. Außerdem planten wir auch unsere gemeinsame Reise zum Camino de Santiago, zu deutsch Jakobsweg, dessen letzte etwa 110km wir in einer Woche im Mai bestreiten werden.

Zeitgleich zur deutschen Karnevalszeit wird auch in allen Teilen Spaniens carnaval gefeiert, wobei die Feierlichkeiten in Cádiz und auf Teneriffa zu den bekanntesten zählen. In Euskadi hat jeder Ort seine eigenen, lokalen Traditionen und auch unterschiedliche Festtage, so sind beispielsweise in meiner Stadt der Samstag und der darauffolgende Dienstag die Feiertage, an denen sich nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern alle Altersgruppen gerne verkleiden. Ich hatte mich für ein Albert-Einstein-Kostüm inklusive Perücke und weißem Kittel entscheiden, und nach dem Abendessen mit meiner cuadrilla ging es in die Straßen der Stadt. Die “cuadrillas” sind Freundesgruppen, die sich größtenteils schon seit Jahren kennen, aus bis zu dreißig Personen bestehen und gemeinsam essen oder feiern gehen. Viele haben auch eigenes lokal, also einen gemeinsam angemieteten Ort, den sie, mit alten Sofas, Tischen, Stühlen und Musikanlagen ausgestattet, als Treffpunkt, an dem sie Teile ihrer Freizeit verbringen. Besonders an Wochenende landet man häufiger in drei oder vier verschiedenen dieser Räumlichkeiten, die meist die Untergeschosse von Mehrfamilienhäusern bilden, da man eigentlich immer jemanden kennt, dessen lokal ganz in der Nähe ist.

Am Karnevalssonntag, der erste wirklich sonnige tag seit längerer Zeit, fuhren meine Familie und ich mit ihrem Wohnmobil in den Küstenort Lekeitio und verbrachten den Tag am Strand, am Hafen und in der Altstadt. Viele dieser Kleinstädte am Kantabrischen Meer werden bevorzugt von Touristen besucht, da sie einerseits schön anzusehen, andererseits auch wirklich baskisch sind, sowohl was die Gebäude als auch die Sprache der Menschen angeht; doch auch Einheimische aus den küstenferneren Orten kommen gerne, um ein paar Stunden am Wasser zu verbringen.

Wie bereits erwähnt, ist der Dienstag der zweite Höhepunkt der Karnevalsfeiern, den meine Schule als Tag zum Skifahren nutzte, da ganz Ermua am Mittwoch frei hat und Schulen und Behörden geschlossen bleiben. Deshalb ging es für alle Schüler ab der siebten Klasse am frühen Morgen in Bussen in das kleine Skigebiet Alto Campoo, im Süden Kantabriens, auf etwa 2000m. Da es in diesem Jahr weniger geschneit hatte als normalerweise, waren die Pistenbedingungen nicht gerade optimal, aber für einen einzigen Skitag ausreichend. Jeder konnte zumindest ein wenig Ski oder Snowboard fahren, sodass größere Stürze ausblieben und wir am späten Abend zurück waren.

Wer meine früheren Einträge gelesen hat, weiß, das Kulinarische im Baskenland einen hohen Stellenwert hat und mehr und öfter zelebriert wird, als an anderen Orten. Neben den berühmten Pintxos, kleinen Häppchen, die man für etwa 1€ in wirklich jeder Bar variantenreich vorfindet und die zu jeder erdenklichen Gelegenheit konsumiert werden, gibt es auch die cazuelitas, kleine Tonschalen mit winzigen Portionen, die aber mit besondererer Detailversessenheit zubereitet und angerichtet werden. In der vergangenen Woche fand der Wettkampf um die beste cazuelita statt, bei der in den 30 teilnehmenden Bars sieben Tage lang eine besondere Eigenkreation angeboten wurde, die sowohl eine Jury als auch die Bewohner gerne verkosteten. Auch meine Freunde und ich haben uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen und eine Menge verschiedener Dinge probiert, sodass wir sagen können, dass das “Giroa”, welches direkt an meinem täglichen Schulweg liegt, mit seinem Fischgericht zurecht gewonnen hat.
Das letzte Wochenende verbrachten meine Gastschwestern und ich außerdem im Haus unserer Cousins, die beide vor Kurzem Geburtstag hatten. Dazu lässt sich sagen, dass es in meiner Gastfamilie mütterlicherseits zehn Cousins und Cousinen im Alter von 10 bis 25 Jahren gibt, die sich bei solchen Gelegenheiten gerne treffen und gemeinsam Zeit verbringen. Wir unternahmen unter anderem einen Spaziergang am Steilufer, da sich das Haus der Familie in unmittelbarer Küstennähe befindet, und verbrachten viel Zeit mit den Haustieren, zu denen auch ein Sittich gehört, der, je nach Laune, einige Sätze sprechen kann.

Zur Schule lässt sich sagen, dass inzwischen auch das dritte “Halbjahr” vorbei und die Zeit der Hausarbeiten und Prüfungen überstanden ist, sodass es zumindest bis zur Semana Santa, also den Osterferien, etwas entspannter zugeht, obwohl man uns trotzdem gut beschäftigt hält; denn Anfang Juni stehen für alle, die ab dem nächsten Jahr die Universität besuchen wollen, die Selectividad, eine Art Zugangsprüfung der Universität der Region, an. Obwohl es auch eine schuleigene Abschlussprüfung gibt, die die Endnote der zweijährigen Oberstufe beeinflusst, liegt der Fokus auf der Selectividad, die 40% der finalen Durchschnittsnote ausmacht. Allerdings werden nicht alle diese Prüfungen absolvieren, da man beispielsweise Fachhochschulen oder Ausbildungszentren auch mit dem einfachen Abschluss des Bachillerato besuchen kann.
Mit meinen Noten bin ich im Übrigen weiterhin zufrieden, und in der letzten Geschichtsklausur ist mir aufgefallen, dass ich mir den Stoff inzwischen mindestens so gut merken kann wie auf Englisch, während ich mir, wenn ich an das erste Semester zurückdenke, zu Beginn kaum drei Fakten auf Spanisch merken konnte. Allgemein zur Sprache würde ich sagen, dass ich mich annähernd so sicher fühle wie auf Englisch, wobei mir im Englischunterricht während des Schreibens auffällt, dass sich dort die zwei Sprachen teilweise vermischen und ich mich wirklich darauf konzentrieren muss, nicht plötzlich auf Spanisch weiter zu schreiben.

Abschließend bleibt mir noch zu sagen, dass man spätestens jetzt merkt, dass die Zeit wirklich wie im Fluge vergeht. Ich werde deshalb versuchen, die nächsten drei Monate so gut wie möglich zu nutzen und freue mich auf alles, was ich noch erleben werde. Für die Osterferien ist beispielsweise geplant die Familie meines Gastvaters in Extremadura, also dem Süden Spaniens, zu besuchen. Während Euskadi eine der reichsten Gebiete Spaniens ist, ist Extremadura mit Abstand die ärmste Region, sodass ich sicherlich noch einmal viel Interessantes über die Unterschiede zwischen den einzelnen Landesteilen erfahren werde.

Aber bis dahin, saludos y un abrazo fuerte
Timm

Feliz Navidad

Jetzt, da die Tage mit Minusgraden, vereisten Straßen und Wiesen laut Wetterbericht erst einmal wieder vorbei sind, scheint der richtige Zeitpunkt zu sein, um den Dezember, Weihnachten und den Jahreswechsel Revue passieren zu lassen. Einiges davon liegt nun schon über sechs Wochen zurück, deshalb von Beginn an:

Der Dezember ist ebenso für mich wie für viele andere der Weihnachtsmonat, doch so etwas wie die Adventszeit gibt es in Spanien nicht, obwohl das baskische Wort für Dezember abendua (gesprochen: aventua) zumindest entfernt an das erinnert, was man mit Kränken aus Tannenzweigen und den vier Kerzen verbindet. Die Adventskalender, die erst seit einigen Jahren verkauft werden und deren Hintergrund den meisten eher unbekannt ist, sind die einzige Spur von diesen vier vorweihnachtlichen Wochen. Trotzdem sind Städte und auch Dörfer ab Anfang Dezember mit vielen bunten Lichtern geschmückt, die die Weihnachtszeit einläuten.

Der 3. Dezember ist im Baskenland der euskararen eguna, der baskische Tag, der in allen Schulen gefeiert wird. Dazu gehört neben der baskischen Tracht, die aus bunten Kleidern mit langen Röcken oder weißen Hemden, blau-weißen Halstüchern und traditioneller txapela, der bekannten Baskenmütze, besteht, auch, dass der älteste Jahrgang einen Tanz aufführt, der in einem großen Kreis getanzt wird und aus verschiedenen Schrittfolgen, Drehungen und Sprüngen besteht. Dazu versammelte sich die gesamte Schule in der Sporthalle und nach der tänzerischen Eröffnung durch meinen Jahrgang folgten dann verschiedene Vorführungen wie Lieder, kurze Theaterstücke oder auch Tauziehen.
Wo es gerade um Baskisches geht: je mehr Zeit ich hier verbringe, desto mehr erfahre ich zwangsläufig über das Baskenland. Nicht nur dadurch, dass ich meine Weihnachtsferien unter Anderem dazu genutzt habe, mich intensiver mit der hiesigen Regionalsprache zu beschäftigen, sondern auch dadurch, dass ich versuche, möglichst viele verschieden Orte zu sehen. So haben beispielsweise mein Gastvater und ich die Basketballmannschaft meiner Schwester in die Küstenstadt Ondarroa begleitet, die neben Hafen, Strand und Altstadt auch etwas über die jüngste Geschichte zu bieten hat. Mein Gastvater, der als Kind aus dem Süden Spaniens ins Baskenland kam, deshalb nie richtig Baskisch gelernt hat und sich sozusagen zwischen dem befindet, was für ihn die spanische und die baskische Kultur sind, fühlt sich manchmal wahrscheinlich ähnlich wie ich, wenn er lieber den Radiosender wechselt, um die Moderatorin zu verstehen oder sich in diesem Teil Spaniens fremd fühlt, wenn in besagter Küstenstadt auf der Straße fast ausschließlich Euskera gesprochen wird und sich von außen durch die Beschriftung nicht sagen lässt, welche Art von Laden man hier vorfinden würde.
Mehr als den Namen ETA hatte ich vor meiner Ankunft nicht über diesen teilweise gewaltsamen Abschnitt der baskischen Geschichte gewusst, doch als wir während eines kurzen Rundganges durch die Stadt waren und eine Polizeiwache der spanischen Guardia Civil passierten, die hier neben der baskischen Regionalpolizei existiert und in den vergangenen Jahrzehnten allzu häufig Ziel terroristischer Angriffe durch ETA-Mitglieder war, erklärte mir mein Vater, dass es an eben dieser Polizeiwache zahlreiche, teilweise sogar tödliche Anschläge auf Polizisten gegeben hatte, was mich im Idyll der atlantischen Kleinstadtatmospähre recht beeindruckt zurückließ.

Am 10. Dezember fand im Haus meiner Gastfamilie eine Feier anlässlich der Silberhochzeit von Freunden meiner Gasteltern statt, die planend, putzend, kochend und backend tagelang vorbereitet wurde. Die etwa 30 Gäste kamen gegen Mittag an, und nach dem, was quasi die “zweite Trauungszeremonie” war, wurden Nachmittag und Abend mit Essen, Feiern und Tanzen verbracht, bis sich auch die Letzten gegen drei Uhr morgens auf den Heimweg machten und uns mit einem BErg an Köstlichkeiten zurückließen, sodass mindestens zwei Tage lang nicht mehr gekocht werden musste.
Danach ging es auch schon in die nächste Examenswoche, die den zweiten Teil des Schuljahres beendete. Mit meinen Noten kann ich auch dieses Mal ganz zufrieden sein, da ich in allen Fächern mindestens 5 von 10 Punkten erreichen konnte, was zum Bestehen ausreicht. Abgesehen davon habe ich mich inzwischen an den Unterrichtsstil und die meist etwas lautere Geräuschkulisse gewöhnt und kann dem Unterricht ohne große Probleme folgen. Auch der persönlichere Kontakt zwischen Lehrern und Schülern ist nichts Ungewöhnliches mehr, so ist es zum Beispiel ganz normal, sich vor den Ferien von der Schuldirektorin mit zwei “Wangenküsschen” zu verabschieden, die in Spanien sehr typisch sind. Außerdem veranstaltete mein Colegio am letzten Schultag eine Art Abendessen für alle Schüler und Lehrer, bei dem sich die Ältesten als heilige drei Könige verkleiden und die Wünsche der Jüngeren entgegennehmen.

Am 23. Dezember begannen schließlich die Ferien und mit dem 24. Dezember, der Nochebuena (gute/schöne Nacht), dann auch die Weihnachtszeit, die am 6. Januar mit der Ankunft der Reyes Magos (Heilige Drei Könige) endet. In Spanien existieren sowohl der “Papa Noel” genannte Weihnachtsmann, dessen Geschenke in einigen Familien am Morgen des 25. Dezember geöffnet werden, sowie die Heiligen Drei Könige, die in der Nacht vor dem 6. Januar aus dem Morgenland eintreffen und ihre Geschenke mitbringen.
Doch das Baskenland wäre nicht das Baskenland, wenn es nicht auch hier eine eigene Weihnachtstradition geben würde: auch wenn die landesweiten Werbespots und nationale Supermarktketten mit dem Weihnachtsmann werben, bekommen die meisten Kinder in der Nacht des 24. Dezember Geschenke vom Olentzero (gesprochen: Olentschéro), ein älterer, gutmütiger Bergarbeiter, in baskischer Tracht und mit rußverschmiertem Gesicht, der in vielen Weihnachtsdekorationen anzutreffen ist.
An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass in Euskadi sowohl in der Politik als auch in den Schulen sehr viel Wert auf die Gleichberechtigung der Geschlechter gelegt wird, zumal der machismo, also eine Einstellung, die zu Gewalt gegen Frauen führt, in Spanien weiterhin ein weit verbreitetes Problem ist. Mit der Intention diese Gleichberechtigung zu vermitteln, wird deshalb seit einigen Jahren mit Nachdruck die Figur der Mari Domingi eingeführt, die die Kinder gemeinsam mit dem Olentzero beschenkt.
In meiner Familie wurde am 24. Dezember und eigentlichen Día de Navidad, dem 25., gemeinsam mit anderen Teilen der Familie gegessen, wobei ich zum ersten Mal erleben konnte, wie man einen ganzen Tintenfisch zubereitet. Allgemein wird im gesamten Norden Spaniens viel von dem gegessen, was sich an Meerestieren verwerten lässt. Das Angebot reicht dabei von Fisch über verschieden Muscheln und Krebstiere bis hin zu Seeigeln uns Seeschnecken, die ich während der verschiedenen Gelegenheiten allesamt probieren konnte.

Ein weiterer wichtiger Tag, oder besser eine Nacht, ist schließlich die Nochevieja (alte Nacht), die Nacht des 31. Dezember. Die wichtigste Tradition ist dabei in Spanien das Essen der zwölf Weintrauben, die gleichzeitig mit dem Glockenschlägen gegessen werden müssen, die von der Puerta del Sol ins ganze Land übertragen werden, wobei die kanarischen Inseln mit eigener Glocke erst eine Stunde später ins neue Jahr wechseln. Mit der ansteigenden Spannung vor Mitternacht werden die Gläser mit den Trauben mindestens dreimal kontrolliert, damit auch ja keine Traube fehlt, bevor dann auf ein Feliz Año angestoßen wird. Später geht es dann in die Stadt, um das neue Jahr mit Freunden und Verwandten ausgiebig zu begrüßen, allerdings gibt es dabei kaum Feuerwerk, welches hier kaum verbreitet ist

Der 6. Januar ist der Tag der Geschenke, die morgens unter dem Tannenbaum meiner Familie ausgepackt werden, wobei auch an diesem Tag ein Familienessen in der Wohnung meiner Großeltern stattfand, bei dem der Roscón, ein großer, ringförmiger Kuchen unter den Familienmitgliedern aufgeteilt wird. Dabei ist es besonders wichtig, dass kein Stück übrig bleibt, denn der Kuchen enthält eine kleine Königsfigur, die demjenigen, in dessen Stück sie sich befindet, ein glückliches Jahr bescheren soll, während derjenige mit einer schwarzen Bohne den Kuchen des nächsten Jahres bezahlen muss.

Alles in allem war meine spanisch-baskische Weihnacht eine großartige Erfahrung, von der ich sicherlich einige Traditionen mitnehmen werde, und das nicht nur, weil ich das Stück mit der Bohne erwischt habe und deshalb im nächsten Jahr den Roscón bezahlen muss.

Saludos,
Timm

„Man lebt um zu essen“

Kaixo! (baskisch für Hallo!)

Inzwischen hat auch das Wetter festgestellt, dass wir uns bereits in der Mitte des Novembers befinden – was für mich bedeutet, dass ich seit zweieinhalb Monaten Im Baskenland lebe, obwohl es mir scheint, als wäre schon viel mehr Zeit vergangen – und hat uns in den letzten Wochen einen Ausblick auf die bevorstehenden Monate gegeben: anhaltender Regen mit einstelligen Temperaturen, die auch die scheinbar abgehärteten Basken zum Griff in die Schränke zwingen, um die Winterjacken und Regenschirme hervorzuholen und sich mit ausgesprochener Wortvielfalt über das besagte Wetter auszulassen. Nicht dass das irgendjemanden von irgendetwas abhalten würde, denn es passiert genauso viel wie in den Wochen zuvor, doch der Reihe nach:

Fast alle Dörfer, Städte und sogar Stadtviertel veranstalten jährliche Feiern zu Ehren der Heiligen, nach denen ihre jeweilige Kirche benannt ist, sodass es an vielen Wochenenden in der weiteren Umgebung ein Fest gibt. Tagsüber werden meist Märkte mit traditionellen baskischen Trachten, Konzerten oder Tortilla-Wettbewerben abgehalten, wobei die religiöse Komponente meist in den Hintergrund rückt. Die “fiestas San Faustos” in Durango, der Hauptstadt der “comarca” (eine Art Landkreis) erstrecken sich allerdings gleich über mehrere Wochen und endeten am Wochenende des 22. Oktober mit etwas, dass ich so auf Stadt- oder Dorffesten in Deutschland noch nicht gesehen habe: ab etwas 22 Uhr platzte die Stadt aus allen Nähten, die Straßen, Plätze, Bars und Clubs waren gefüllt mit Menschen; es schien als sei das ganze Baskenland auf den Beinen und an diesem Abend nach Durango zu kommen. So feierten Jung und Alt, teilweise sogar in Kostümen, entweder vor den verschiedenen Musikbühnen mit moderner oder traditioneller Musik, oder, wie ich mit vielen meiner Klassenkameraden, im “Kafe Antzokia” (Café-Theater), normalerweise eine Art Theater, dass zu diesem Anlass in eine Diskothek umfunktioniert wurde, bis es am frühen Morgen in den extra eingesetzten Sonderzügen zurück nach Hause ging. Dass man hier die “fiestas” gerne und ausgiebig feiert, haben mir die vergangenen Wochenenden gezeigt, wobei jede ihre speziellen Besonderheiten hat.

Gegen Ende des Jahres scheint sich eine gewisse Häufung an Feiertagen zu ergeben, die, um diese auch wirklich ausnutzen zu können, manchmal noch den einen oder anderen Brückentag mit sich bringen. Nach dem Nationalfeiertag Mitte Oktober war am 1. November der “Día de todos los Santos” (Der Tag aller Heiligen), an dem gewöhnlich die Gräber verstorbener Familienmitglieder geschmückt werden. Das dadurch verlängerte Wochenende nutzten meine Familie und ich für einen Besuch der Hauptstadt der Nachbarprovinz Gipuzkoa: Donostia, den meisten eher bekannt als San Sebastián.
Neben seiner muschelförmigen “Kontxa”-Bucht mit beeindruckender Strandpromenade und prachtvollen Altbauten, die den Bewohner der Ruf eines etwas höheren Einkommens bescheren, und dem jährlichen Filmfest, für das regelmäßig einige Hollywoodgrößen anreisen, ist die Stadt vor Allem für seine ausgezeichneten Bars und Restaurants bekannt, die die höchste Dichte an Michelin-Sternen im Verhältnis zur Einwohnerzahl aufweisen. Nach einem Spaziergang durch die Stadt besuchten wir eine befreundete Familie in ihrer beeindruckend großzügigen Dachgeschosswohnung, die uns und einige andere Bekannte zu einem Mittagessen eingeladen hatten. Man muss dazu wissen, dass eine baskische oder spanische Esseneinladung nicht mit einer deutschen vergleichbar ist, denn wenn man um 14 Uhr beginnt, endet das Ganze meist nicht vor 18 oder 19 Uhr und zieht sich über verschiedene Vorspeisen, den Hauptgang, Käse, Früchte, Kaffee und anläßlich des Feiertages auch “huesos de santos” (Heiligenknochen), kleine Marzipanrollen, die mit Honig gefüllt und absolut köstlich sind. Der hiesigen Kulinarik ließe sich an dieser Stelle sicher eine ganze Enzyklopädie widmen, was ich an späterer Stelle gerne noch tun werde, doch fürs erste genügt es, wenn man weiß, dass man den Hosenknopf nach einem solchen Essen nur schwerlich wieder zu bekommt. Denn die Lebensphilosophie lautet hier: “Man isst nicht um zu leben, sondern man lebt um zu essen.”

Dementsprechend besuchten wir am vergangenen Wochenende der Vater meiner Mutter zum “castañas”-Essen. Dieser lebt allerdings nicht wirklich in einem Haus, sondern eher in einem Bretterverschlag mit Holzofen, der an seinen Kaninchenstall mit mehreren Hundert Kaninchen grenzt. Keine Beschreibung könnte ihm wirklich gerecht werden, man könnte sagen, er sei speziell, eigensinnig, schrullig, doch er ist vor Allem eins: ein echtes Original. Zwar schwerhörig, doch mit einer Stimme wie ein Schiffshorn, die er auch gerne einsetzt um seiner Meinung Gehör zu verschaffen. Außerdem ein wahrer Nachtischliebhaber, der sich nur nach dem Verzehr von Eis, Keksen, Schokolade und Kuchen einigermaßen zufrieden fühlt. Alles in allem war dieses Kastanienessen ein Abend, denn ich so schnell nicht vergessen werde, auch wenn ich glaube, das meine Kleidung auch nach zwei Wäschen noch einen leichten Hauch von Kaninchen und Modrigkeit an sich hat.

Die meisten außergewöhnlicheren Dinge passieren an den Wochenenden, da die Schule unter der Woche doch relativ viel Platz einnimmt. In meiner Klasse fühle ich mich inzwischen sehr wohl und auch das erste Zeugnis ist nicht allzu schlecht ausgefallen. Auch mein Spanisch verbessert sich weiterhin, sodass ich mich über immer mehr Dinge austauschen und unterhalten kann. Morgen geht es für mich bereits auf Klassenfahrt nach Rom, und am Wochenende steht der Besuch einer befreundeten Austauschschülerin aus Madrid an.

Bis dahin, saludos,
Timm

Alles zu seiner Zeit

Inzwischen bin ich seit mehr als sechs Wochen hier. Mal vergeht die Zeit wie im Fluge, mal zieht sie sich wie ein Kaugummi. Nichts neues, eigentlich, doch während eines Austauschjahres wird einem diese Tatsache besonders bewusst. Momente, die man gerne festhalten würde, von denen man hofft, dass sie möglichst lange anhalten, und Momente, die man gerne so schnell wie möglich überstanden haben möchte. Beide gibt es, beide gehören dazu.

Hier geht alles seinen mehr oder weniger gewohnten Gang, das Wetter scheint sich nicht richtig entscheiden zu können, ob es den Walnussbäumen schon in Richtung Winter folgen soll, und der morgendliche Weg den Berg hinab zur Bahnstation wird zunehmend rutschiger, weil sich tiefhängende Wolken an den Wäldern festhalten, die die Hänge des Berges bedecken, auf dem ich lebe, und die Serpentinen in eine Rutschbahn verwandeln.

Der 12. Oktober war el Día de la Hispanidad, der spanische Nationalfeiertag, an dem der Ankunft Kolumbus’ auf dem amerikanischen Kontinent im Jahre 1492 gedacht wird. Für mich war dieser Tag ehrlich gesagt nicht mehr, als ein willkommener Tag zur Entspannung, der die Woche etwas verkürzt hat, weil es in meiner Familie – vielleicht nur in meiner Familie, wahrscheinlicher aber im ganzen Baskenland – keine großen Feierlichkeiten anlässlich dieses Tages gab. Die anderen Austauschschüler in Spanien könnten das anders erlebt haben, denn ich habe mir zumindest im Internet einige Bilder der Militärparade und der königlichen Familie in Madrid ansehen können, doch es überrascht mich nicht mehr besonders, dass die Dinge im Euskal Herria (baskisch für Baskenland) anders laufen als im Rest Spaniens. Diesen Eigenheiten werde ich zu gegebener Zeit noch eigene Posts widmen, doch ich kann sagen, dass ich von dem Nebeneinander dieser zwei Kulturen, die sich häufig zu einer eigenen, neuen vermischt haben, fasziniert bin. Auch die Sprache, in deren Sätzen ich nicht einmal die Unterteilung in einzelne Wörter heraushören kann, ist interessant, und ich hoffe, dass ich bald etwas mehr als nur die Alltagsausdrücke lernen kann, die das Standardspanisch zumindest in diesem Bereich verdrängt haben.

Im Colegio hat gerade die letzte Woche des ersten Viertels des Schuljahres begonnen, sodass jeden Tag mindestens eine Klausur ansteht, was mich recht beschäftigt hält. Ich gebe mein Bestes, und habe auch zu meiner Überraschung und der meines Lehrers das erste Examen in Wirtschaft bereits bestehen können, doch dadurch, dass ich noch viele Wörter übersetzen muss, bevor ich sie verwenden kann, bin ich meist etwas zu langsam.

Zur Sprache allgemein: Es geht bergauf. Ich bin gerade eine einer Art von Wendepunkt, an dem sich mein Sprachgebrauch von bloßem Zuhören und Aufnehmen zum aktiven Gebrauchen und Teilnehmen an Gesprächen entwickelt. Es braucht noch tägliche Überwindung, aber die Freude über geglückte Satzkonstruktionen und die Komplimente über meinen Fortschritt dienen als gute Motivation.

Alles zu seiner Zeit. Quasi mein Leitspruch momentan, denn Verständnis von Themen und Sprache, Kontakte zu neuen Leuten und die Einstellung auf ein Leben in einem neuen Umfeld kommen nicht von heute auf morgen. Man muss geduldig sein mit sich selbst, mit seiner Umgebung, alles auf sich zukommen lassen, aber gleichzeitig auch aus dem eigenen Komfortbereich herauskommen.

Das ist das, was mein Austauschjahr momentan für mich bedeutet.

Bis zum nächsten Mal, saludos,
Timm

Die ersten Schulwochen

Eine kurze Anmerkung zu Beginn: Ich probiere in meinen Posts gerne verschiedene Dinge aus, wie zum Beispiel die Vorstellung in Interviewform oder der Post über die Ankunftswoche, der in der Gegenwartsform verfasst ist. Heute geht es aber – wie in Erzählungen wohl üblich – in der Vergangenheitsform weiter.

Schule. Man möchte meinen, dass Schule etwas ist, mit dem man nach dem Abitur abgeschlossen hat, denn die Uni ist nicht wie die Schule – denke ich zumindest. Für meinen Teil kann ich sagen: hat man auch. Prüfungen im April und Mai, seitdem quasi Sommerferien. Ohne seitenlange Lernzettel zu erstellen, Formeln und Methoden auswendig zu lernen, ja, wahrscheinlich sogar ohne besonders oft einen Stift in die Hand zu nehmen.

Zwar hat sich das mit dem Stift hier nur teilweise geändert (dazu später mehr), aber es dauert eine gewisse Zeit, sich wieder an einen Schulalltag zu gewöhnen, besonders wenn man sich in einer völlig neuen Umgebung und Sprache befindet. Inzwischen habe ich drei Wochen Schule hinter mir, und kann sagen, dass sich glücklicherweise eine gewisse Routine eingestellt hat.

Aber der Reihe nach: Am Montag, dem 7. September, hatte ich, gemeinsam mit meiner Gastmutter, einen Termin bei der Direktorin des „Colegio San Pelayo Ikastetxea“ (dieses Buchstabengewusel da hinten sind keine 17 Tippfehler, sondern einfach nur Baskisch) in Ermua, einer benachbarten Kleinstadt. Das Colegio ist eine kleine, teilprivate Schule, in der von der Vorschule bis zur Oberstufe SchülerInnen jeden Alters unterrichtet werden. Die entscheidende Besonderheit dieser Schule ist, dass sie in der Umgebung als einzige einen Unterricht auf castellano, also dem normalen Spanisch, anbietet, während zum Beispiel meine Gastschwestern Schulen besuchen, in denen auf Euskera unterrichtet wird. Zum spanischen Schulsystem lässt sich sagen, dass jeder eine Grundschule von der ersten bis zur sechsten Klasse besucht, und anschließend bis nach dem zehnten Schuljahr auf eine einheitliche Sekundärschule geht. Die sich anschließende Oberstufe (Bachillerato) besteht aus zwei Jahren, ist aber nicht verpflichtend.

Ich besuche den zweiten Bachillerato-Jahrgang, der aus nur etwa 30 Schülern besteht, die, teilweise gemeinsam, teilweise getrennt in ihre jeweilige Wahlfächer, unterrichtet werden. Nach einer kurzen Besprechung mit der Direktorin, die gleichzeitig auch meine Mathelehrerin ist, stand für mich fest, dass ich den sprachlichen Zweig (letras) besuchen würde. Neben den Standardfächern wie Spanisch, Mathe, Englisch und Euskera habe ich deshalb auch Fächer wie Philosophie, Psychologie und Kunstgeschichte, außerdem Sport und Wirtschaft. Für mich ging es an diesem Montag direkt in den Unterricht, der überwiegend frontal abgehalten wird und in dem es eher weniger um Eigeninitiative geht und in dem es auch gerne mal etwas lauter zugeht, als ich es aus Deutschland gewohnt war. Am Colegio werden, abgesehen von den Naturwissenschaften, ausschließlich Laptops oder Tablets verwendet, mit denen die Schüler auf ein schuleigenes Netzwerk zugreifen können. Der ständige Internetzugang führt allerdings auch dazu, dass man sich lieber dem Surfen in Netz anstatt dem Unterricht zuwenden kann.

Von meinem Jahrgang wurde ich freundlich und offen aufgenommen, und ich kann mir inzwischen auch alle Namen merken. Den Unterrichtsinhalten kann ich inzwischen größtenteils folgen, auch wenn die Kommunikation mit meinen Mitschülern und Lehrern meist noch aus einer Mischung aus Spanisch und Englisch besteht.
Ein typischer Schultag beginnt für mich mit dem Aufstehen um 6.30 Uhr, die Fahrt den Berg hinunter zur Bahnstation funktioniert entweder mit einem meiner Gasteltern im Auto, oder mit dem Fahrrad – damit ist man zwar schnell unten, der Rückweg auf den Berg dauert dafür umso länger. Mit einigen anderen Leuten, die meine Schule besuchen, geht es auf eine etwa zehnminütige Bahnfahrt nach Ermua. Vom Bahnhof aus führt unser Weg durch die Stadt, in der um diese Zeit mehrere Hundert Schüler, Studenten und andere Pendler unterwegs sind. Auf meinem ersten morgendlichen Schulweg war ich zugegebenermaßen sehr überrascht, als unsere kleine Gruppe plötzlich vor einem Aufzug stand, der die Menschen in dieser bergigen Region hinauf zu ihren Häusern oder zur Schule bringt. Auch mehrere Systeme von Rolltreppen und weitere Aufzüge gehören hier zum Stadtbild. Der Schultag beginnt morgens um 8 Uhr und besteht an Tagen ohne Nachmittagsunterricht aus sechs Stunden, die jeweils 55 Minuten dauern, und einer halbstündigen Pause nach der dritten Stunde. Um 14 Uhr geht es den Berg wieder hinunter, diesmal allerdings über gewöhnliche Treppen, und mit dem Zug zurück nach Zaldibar, wo für mich dann meist der nächste Aufstieg in Richtung Haus meiner Gastfamilie beginnt. Viele, die hören, dass ich fast täglich diesen nicht allzu kleinen Berg hinaufsteige, reagieren erstaunt, aber ich muss sagen, dass man sich recht schnell daran gewöhnt und es nach inzwischen drei Wochen nicht mehr allzu anstrengend ist.

Einige der Aufzüge in Ermua

Einige der Aufzüge in Ermua

Die ersten Matheklausur ist bereits geschrieben, die nächsten in Englisch und Wirtschaft stehen in der nächsten Woche an, außerdem müssen alle „Bachi’s“ in diesem Jahr ein Abschlussprojekt ausarbeiten, dass aus einem Text von 20 bis 30 Seiten und einer medialen Darstellung (Modell, Film, Fotos, Musik etc.) besteht und sich auf ein oder zwei Fächer bezieht. Da wir für die Abgabe bis zum Ende des Schuljahres Zeit haben, bin ich zuversichtlich, bis dahin auch ein Projekt anfertigen zu können.

Das ist erstmal alles, was es über mein Schulleben hier zu berichten gibt, doch das nächste Thema wird sicher nicht lange auf sich warten lassen.

Saludos,
Timm