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Mu aeg siin on läbi

Tere tulemast kodumaale!

…ich bin wieder seit genau 21 Tagen in Deutschland! Schon! Die Zeit vergeht wie im Flug , und zwischen diesem und meinem letzten Blogpost liegen knapp 7 Monate…tut mir leid, aber die Zeit zum Schreiben habe ich leider nicht gefunden. Aber Zeit habe ich jetzt viel. Sehr, sehr viel.
Am besten nutze ich die, indem ich zusammenfassend von den letzten Monaten erzähle.

Unglaublich, dass ich im Januar das letzte Mal hier geschrieben habe. Während die vier Monate vor Weihnachten im Schneckentempo verging, kommen mir die letzten sieben rückblickend wie ein langer Monat voller Spaß vor. Kein Wunder: Zum dem Zeitpunkt hatte ich mich bereits eingewöhnt, konnte mit Esten in ihrer Muttersprache kommunizieren und war ein Teil meiner Gastfamilie. Ich kann wirklich nichts anderes behaupten, als dass es seit Anfang des Jahres nur bergauf ging. Zum Glück!
Ich versuche mal, Monat für Monat zusammenzufassen und später dann ein Fazit zu meinem Auslandsjahr zu ziehen.

Mein diesjährige Januar war in Estland ein enttäuschend schneefreier Monat. Es hat viel geregnet, SEHR viel. Nach einer Chorprobe, an der so gut wie alle gemischten Chöre Tallinns teilgenommen hatten, sagte eine Klassenkameradin bedauernd zu mir: „Da bist hierher gekommen und hast dich auf Schnee gefreut und jetzt hast du gerade ein verregnetes Jahr erwischt…“. Recht hatte sie schon, doch dafür war ich dieses Jahr pünktlich zum Sängerfest da, aber dazu später mehr.
Obwohl keiner damit gerechnet hatte, kam er doch noch: der Schnee. Irgendwann Ende Januar/Anfang Februar schneite es täglich wie doof, dann fielen Temperaturen und man konnte sich bei kuscheligen -17°C draußen bewegen. Der Schnee lag dann einen Monat, eine für Estland außergewöhnlich kurze Zeit, aber mir haben dreimal Schneeschippen und lustiges Schlittern von der Bushaltestelle nach Hause doch irgendwann gereicht. 😀 Dazu kam auch noch der Skitag, eine Art estnische Bundesjugendspiele, bloß auf Skiern. Da ich noch nie vorher Ski gefahren bin bzw. auch noch nie Langlaufen trainiert habe, war die ganze Sache eher witzig.
Februar und März waren dann relativ angenehme Monate. Im Februar fand unser Mitteljahresseminar statt, in einem wunderschönen modernen Haus im Süden Estlands. Dazu muss ich sagen, dass das Programm wirklich hätte besser sein können, dafür wurden wir rein vegetarisch verköstigt, für Estland eine echte Seltenheit! Später noch im Februar habe ich mit meiner Gastfamilie Narva besucht, eine Grenzstadt ganz im Nordosten, wo ca. 95% der Bevölkerung russischstämmig ist. Später bin ich auch noch einmal mit YFU dorthin gefahren. Übernachtet haben wir in der einzigen estnischsprachigen Schule der Stadt und viel über diese seltsame, aber gleichzeitig faszinierende Stadt gelernt.
Im April habe ich dann sowohl Ostern als auch meinen Geburtstag gefeiert. Zu Ostern waren wir wieder in unserem Sommerhaus auf Hiiumaa (zweitgrößte estnische Insel) und obwohl auf dem Festland von Frühling immer noch nicht viel zu spüren war, herrschte auf Hiiumaa praktisch Sommer.
Im Mai fuhren wir Austauschschüler zusammen mit YFU nach Südestlands und in die lettische Hauptstadt Riga, besuchten Bauernhofmuseen, schliefen in Schulen und gemütlichen Jugendherbergen und erkundeten eine andere den meisten unbekannte baltische Hauptstadt. Auffallend war, das Riga sehr viel russischer geprägt ist als Tallinn. In den Tunneln standen Sänger und sangen russische Volkslieder, am Bahnhof gab es russische Souvenirläden, Drogerien, in denen hauptsächlich russische Produkte verkauft wurden und natürlich den obligatorischen „Russenmarkt“, wie wir ihn nannten, auf dem Produkte verkauft wurden, die man in der EU eher selten zu Gesicht bekommt. 😉 Dazu waren wir an einem für die Russen sehr wichtigen Tag da, überall auf den Straßen sah man nämlich Leute mit russischen Flaggen, denn an diesem Tag feiert man die sowjetische Besatzung in den baltischen Staaten, quasi eine Antwort auf Unabhängigkeitstage.
Anfang Juni näherte sich dann auch der letzte Schultag…meine Gastmutter meinte, sie habe noch nie jemanden gesehen, den ein Ferienanfang so traurig mache. Gott sei Dank bekam ich am gleichen Tag noch etwas Abwechslung, indem wir mit meiner Gastschwester zu ihrem Geburtstag am darauffolgenden Tag mit dem Schiff nach Schweden fuhren. In Stockholm verbrachten wir dann einen wunderschönen Tag und kurz danach lief schon der Countdown.
Der von meinen Klassenkameraden ganz speziell „gefeiert“…mit einer Überraschungsparty! ♥ Das war ein wunderbarer Abend mit solchen wahnsinnig tollen Menschen, ich weiß einfach nicht, wie ich meine Dankbarkeit dafür ausdrücken soll, dass ich in Sachen Klasse so ein großes Glück hatte?
In den letzten Tag fuhr ich dann viel mit meiner Gastfamilie durch das Land, in den Süden, in die (eher langweilige) Mitte und auch nach Pärnu! Pärnu ist eine wunderschöne Stadt am Meer, mit einem tollen Strand und wohl mehr finnischen als estnischen Einwohnern. Außerdem habe ich zum letzten Mal dann Hiiumaa und auch Saaremaa besucht. Während meiner Woche auf der Insel hieß es dann auch für fast alle deutschen Austauschschüler, dass das Ende da war…die meisten sind zum YES geflogen, einem Seminar für europäische Austauschschüler in der Nähe von Berlin. Da ich aber zum Sängerfest bleiben wollte, welches kurz danach stattfand und auch mir selbst ein bisschen Stress ersparen wollte, blieb ich zuhause. Am 2. Juni kam dann der Bus mit den estnischen Austauschschülern in Tallinn an, mit dabei einige deutsche Austauschschüler, die zum Sängerfest zurückgekommen waren. An dem Tag traf ich dann auch meinen älteren Gastbruder, der sein Jahr in der deutschsprachigen Schweiz verbracht hatte, zum allerersten Mal. Wir hatten schon vorher ein paar Mal geskypt und verstanden uns dann auch in echt auf Anhieb sehr gut. Am 4. Juli begannen dann die Proben zum Sängerfest, das eine sehr alte und sehr wichtige Tradition ist. Dieses fand das größte Sängerfest aller Zeiten statt, knapp 50.000 Sänger standen auf der Bühne und 100.000 kamen zum Zuschauen und Zuhören. Schon gleich bei der ersten Probe überkam mich ein gewaltiges, unglaubliches Gefühl. In der Mitte von tausenden anderen zu stehen, während wir alle die gleichen patriotischen Lieder sangen, das gab uns Austauschschülern das Gefühl, auch Esten, auch ein Teil dieses großartigen Landes zu sein. Während vor allem die kleinen Esten eher den Eindruck machten, als hätten sie gar keine Lust auf diese Veranstaltung (irgendwie logisch, man war fast den ganzen Tag auf ein Gelände beschränkt, musste ständig proben, bekam pro Tag eine Ration Essen…), genossen wir das alles mit ganzem Herzen! Das ganze war einfach DAS Highlight meines Auslandsjahres, bestand aus nichts als vielen schönen, kleinen Momenten. Was bin ich froh, dass ich mich von meinem geringen Gesangstalent nicht habe entmutigen lassen. 😉

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„Ta lendab mesipuu poole“, ein wunderschönes Lied und dort in der Menge zu stehen und zu es zu singen war einfach einer der allerbesten Momente meines Austauschjahres.

Dann ging es auch mir nichts, dir nichts alles ganz schnell und ich stand am Flughafen 🙁 Nochmals waren einige Klassenkameraden mich überraschen gekommen (habe ich schon erwähnt, was für eine tolle Klasse ich habe?), aber leichter viel mir der Abschied trotzdem nicht. Es war furchtbar, sich von ihnen und meiner lieben Gastfamilie zu verabschieden, aber ich weiß, ich werde sie bald wiedersehen. 🙂 Glücklicherweise ist Estland so nah, dass die Entfernung nichts ausmacht. Und ansonsten stehen mir auch die positiven Seiten der modernen Technologie zur Verfügung.

Da ich jetzt über den Rest meines Auslandsjahres erzählt habe, ist es vielleicht auch ganz angebracht, ein kleines Fazit zu ziehen.
Im Großen und Ganzen kann ich nur sagen, dass dieses Jahr die beste Entscheidung meines Lebens war. Ich habe so unheimlich viel gelernt, erlebt, erfahren…einfach ein einmaliges Erlebnis war das, und lasst euch gesagt sein: Wenn ihr die Chance habt, nutzt sie! Ich weiß, dass ein Auslandsjahr für jeden anders ist und anders verläuft, aber eins bleibt: die Erfahrung, und die ist unbezahlbar, die bleibt ein Leben lang. Und auch mit meiner Länderwahl bin ich sehr, sehr zufrieden. Gerade jetzt, wo ich wieder zurück bin, merke ich doch, dass ich im Grunde nicht nur Austauschschülerin, sondern auch Entdeckerin war. Ich weiß jetzt so viel mehr über einen Teil dieser Welt, von dem viele Menschen noch nicht einmal gehört haben. Ich habe dort gelebt, spreche die Sprache und habe etwas, was mich mit diesen Menschen dort verbindet.
Großen Dank auch an alle, die geholfen haben, dieses Jahr GENIAL zu machen und im Besonderen an YFU, die mich so toll (moralisch und finanziell!) unterstützt haben.

Danke, danke, danke!

Head uut aastat! – Frohes neues Jahr!

Tere tere!

Ich weiß, mein letzter Blogeintrag liegt schon wieder viel zu weit zurück (und Silvester auch), aber was soll man machen? Einerseits ist das Leben im Auslandsjahr ja auch viel zu aufregend, aber andererseits ist ja nun auch nicht mehr alles neu, und das, was man anfangs nur bestaunen konnte, ist zur Alltäglichkeit geworden. Dennoch ist seit meinem letzten Eintrag viel Spannendes passiert: Der von YFU organisierte Ausflug nach Helsinki; Weihnachtszeit samt „Päkapikud“, „Piparkook“ und nicht vorhandenem Schnee; ein verschlafener Schulanfang mit interessanter Chorprobe und ENDLICH Schnee Mitte Januar. Habe ich irgendetwas vergessen? Ich habe nämlich das Gefühl, dass der Monat November hier gerade sehr kurz kommt…abgesehen davon, dass in diesem grauen Monat quasi nichts passiert ist, ist es wohl viel wichtiger, dass ich ihn überhaupt überlebt habe. Diese Tristess war wahrlich nicht angenehm. Genug davon, fangen wir mit dem ersten Dezemberwochenende an:

YFU-Wochenende in Helsinki

Dies ist wahrscheinlich die beliebteste Reise, die YFU Eesti mit Austauschschülern veranstaltet. So sind auch wir dieses Jahr zusammen nach Helsinki gefahren. Da fast alle Austauschschüler mitfuhren, hatte ich mich schon im Vorfeld wahnsinnig auf diesen Trip gefreut. Als es dann auch endlich losging, haben wir frohen Mutes das Schiff nach Helsinki gute zwei Stunden unsicher gemacht. Endlich in Finnland angekommen ging es dann aber nicht wie erhofft ins Warme, stattdessen wurden wir von einer Gruppe toller finnischer YFU-Mitarbeitern begrüßt, welche uns in Gruppen einteilten und schließlich zu einer Stadtrallye einluden…was uns allen wohl eher Angst machte, denn in Helsinki war es zu dem Zeitpunkt wesentlich kälter als in Tallinn. Das stellte sich hinterher dann als gar nicht so großes Problem heraus, denn die Rallye-Aufgaben, die uns quer durch die Innenstadt von Helsinki führten, hielten uns davon ab, ins Warme zu gehen.
Am Ende vom Tag, reichlich durchgefroren aber glücklich (was möglicherweise auch daran lag, dass wir Chance bekommen hatten, die schönsten Läden der Innenstadt zu erkunden), ging es dann für eine Nacht in finnische Gastfamilien. Ich war mit einer tschechischen und einer thailändischen Austauschschülerin bei einer Familie eingeteilt, die uns vom ersten Augenblick an unglaublich warmherzig aufgenommen hat. Am nächsten Tag sind wir dann früh aufgebrochen, denn ein Besuch im „Heureka“ stand an. Das ist ein finnisches Science Centre in Vantaa, nicht weit von Helsinki. Meiner Meinung nach hatten wir dort viel zu wenig Zeit, denn es gab einfach so viel zu entdecken, dass wir bestimmt auch den ganzen Tag dort hätten verbringen können. Am Abend dann ging es mit dem Schiff zurück nach Tallinn (was irgendwie gar nicht so lustig war wie die Hinfahrt, einzig und allein den Mexikanern ist nicht schlecht geworden…)

Weihnachtszeit in Estland

Soviel kann ich schon einmal ganz zu Anfang sagen: Wirklich groß untrscheiden sich estnische und deutsche Weihnachtsbräuche nicht. Was aber fest zur Weihnachtszeit dazugehört, sind „Päkapikud“: das sind Weihnachtswichtel und das, was sie tun, lässt sich als wohl am besten als Mischung aus Nikolaus und Adventskalender beschreiben. Die Kinder stellen einen Hausschuh vor ihre Zimmertür, und jeden Morgen hinterlassen die „Päkapikud“ ein kleines Geschenk. Dass dies jeden Tag im Dezember bis zu Heligabend so geht, hat mich erst sehr verwundert (meine Gastmutter hat mir aber versichert, dass die „Päkapikud“ in ihrer Kindheit jeden Advent kamen und nicht jeden morgen). Die Adventssonntage sind hier viel weniger wichtig als in Deutschland und Adventskränze sind nicht wirklich verbreitet.
Und wenn die Esten in der Adventszeit eine Sache lieben, dann sind es (abgesehen von Mandarinen, die in meiner Klasse einen absoluten Hype erlebten) „Piparkoogid“, was nichts anderes als „Pfefferkuchen“ bedeutet. Hier wird in den Supermärkten und Konditoreien massenweise fertigr Pfefferkuchenteig angeboten, aus dem man dann einfach nur noch Plätzchen ausstechen muss. Der Vorteil ist, dass man dann längst nicht so viel Zeit brauchen und sich her aufs Verzieren der Plätzchen konzentrieren kann, der Nachteil ist allerdings, dass man zum Schluss Pfefferkuchen im Überfluss hat und der Anblick lässt einem dann Mitte Januar nicht mehr wirklich das Wasser im Munde zusammenlaufen.
Das Weihnachtsfest mit meiner Gastfamilie war viel, viel erträglicher als erwartet. Heiligabend war der Tag, den die meisten Austauschschüler schon lange gefürchtet hatten, und wir alle malten uns einen furchtbaren Tag voller Heimweh und allgemeiner Enttäuschung und Traurigkeit aus. Gott sei Dank hat meine Gastfamilie auf übertriebene Weihnachtsatmosphäre verzichtet, sodass es sich nicht einmal wirklich wie Weihnachten anfühlte. Das mag seltsam klingen, doch es hat mir sehr geholfen.

Beim Begrüßungsseminar Mitte August sollten wir zusammentragen, was unsere Erwartungen, Hoffnungen und Ängste bezüglich des Gastlandes und unseres Austauschjahrs sind. Bei vielen gehörte „Schnee“ zu den Hoffnungen und bei anderen sogar zu den Erwartungen. Mir wurde gesagt, dass normalerweise schon Ende Oktober etwas Schnee liegt und im Dezember dann der Schnee fällt, der teilweise bis Mai hält. In der Hinsicht wurden wir leider alle enttäuscht. Anfang Dezember hatten wir mehrere feine Schichten Schnee hinter uns, die dann morgens die Landschaft bedeckten und nachmittags schon wieder verschwunden waren. Zu Weihnachten hatten wir dann herbstliche 4°C und grünen Rasen. Was zu Silvester leider auch nicht anders war. Auch beinahe den ganzen Januar hindurch: nichts. Bis dann plötzlich eines Nachts Schnee fiel…und der liegt immer noch! Gestern bin ich mit meiner Gastfamilie etwas aus der Stadt hinaus
gefahren, und dieser klare, estnische Winter mit seinem Schnee, der die Landschaft aussehen lässt wie aus Kristall, ist einfach viel zu schön, um ihn in Wort fassen zu können.

Schule

Also erst einmal, damit das auch klar ist: Schule findet statt. So etwas wie kälte- beziehungsweise schneefrei gibt es schon, doch das folgt klaren Regeln, im Gegensatz zu Deutschland, wo das Ermessen der Verantwortlichen entscheidet. Und diese Regeln heißen: es muss mindestens -20°C kalt sein, damit die Schule ausfällt. Die Mengen an Schnee sind da weniger entscheidend.

Der Schulanfang zeichnete sich vor allem durch sein Trägheit aus. Fast die ganze erste Woche lang waren meine Klassenkameraden und ich kaum ansprechbar und unsere bekamen von uns teilweise tief schlafenden Schülern sowieso nicht viel Aufmerksamkeit. Doch für uns Chormitglieder stand schon gleich zu Anfang eine relativ anspruchsvolle Veranstaltung an: eine große Chorprobe mit vielen gemischten Schulchören aus ganz Tallinn in Vorbereitung auf das Sängerfest, dass alle fünf Jahre stattfindet und so auch wieder dieses Jahr. Obwohl ich von meinem Chor sonst ganz gerne übergangen werde, da ich stimmlich nicht viel zu bieten habe und eigentlich nur mitsingen darf, weil ich am Sängerfest teilnehmen möchte, kam ich mit zur Probe, die von anscheinend sehr berühmten Sängern durchgeführt wurde (die ich aber natürlich allesamt nicht kannte). Das Prozedur dauerte mehrere Stunden, und abends lief in den Nachrichten ein kleiner Beitrag darüber.

Ich habe übrigens das Gefühl, dass ich mich in der Schule mal gewissermaßen „outen“ müsste…zum Anfang des Schuljahres bin ich zu allen Lehrern hingegangen und habe ihnen erklärt, dass ich kein Estnisch spreche und mich deshalb auch leider, leider nicht am Unterricht beteiligen kann. Seitdem habe ich mit den meisten von ihnen nicht mehr gesprochen, und in ihren Augen bin ich wahrscheinlich immer noch die deutsche Austauschschülerin, die eh kein Wort versteht. So ist es aber schon lange nicht mehr…viel mehr ist es so, dass ich nicht verstehen will. Ich weiß, das ist ganz und gar nicht gut, aber wenn man fünf Monat lang zur Schule geht, ohne ernsthaft zu lernen, eignet man sich eine Faulheit an, die man kaum wieder ablegen kann. Mal ganz abgesehen davon, dass man im Unterricht ohnehin total hinterher ist. Ein bisschen Angst habe ich also schon davor, in Deutschland wieder zur Schule zu gehen und absolut überfordert zu sein.

Seit wir so viel Schnee haben, gehen wir im Sportunterricht einer ganz bestimmten, typisch nordischen Sportart nach: Wir gehen Langlaufen. Da ich letzten Montag, vor genau einer Woche also, das erste Mal auf Skiern stand, war das sehr ungewohnt…und nicht wirklich erfolgreich. Macht mich angesichts der Tatsache, dass ich in den Frühlingsferien mit meiner Gastfamilie nach Norwegen zum Skifahren gehe, gaaar nicht nervös….nein, nein. :/

Sprache

Estnisch ist wirklich eine Sprache, die man sich nur ansieht und von man dann denkt, dass sie vollkommen unerlernbar sei. Ganz so schlimm ist es aber doch nicht. Mittlerweile ergibt sogar die Grammatik etwas mehr Sinn (obwohl…das stimmt nicht ganz, denn manchmal wirkt es so, als seien Nominativ, Genitiv und Akkusativ komplett austauschbar).
Beispiel gefällig? „Ich nehme Brot“ war ein Satz, der mir wirklich Kopfzerbrechen bereitet hat. Hatte ich vor, etwas Brot zu nehmen und zu essen, so sagte ich „Ma võtan leiva“ (Ich – nehme – des Brotes, also Genitiv), denn den Genitiv hatte ich in Verbindung mit dem Wort für „nehmen“ schon oft gehört. Meine Gastfamilie wies mich jedoch darauf hin, dass dieser Satz bedeuten würde, dass ich einen ganzen Brotlaib einfach nehmen wolle. Richtig wäre statt „leiba“ statt „leiva“, also Akkusativ, denn das würde sich nur auf einen Teil des Brotes beziehen und nicht auf den ganzen Laib an sich…keine Sorge, ich verstehe es auch nicht.
Abgesehen von der oft noch sehr holprigen Grammatik (soll ich euch vielleicht auch noch die drei estnischen Vokallängen „kurz“, „lang“ und „überlang“ erklären?), verstehe ich schon eine ganze Menge. Ich rede mit meiner Gastfamilie nur noch Estnisch und mit dem Großteil meiner Klassenkameraden auch. Das hilft ungemein und auch wenn man oft das Gefühl hat, gar keine Fortschritte zu machen, weil man nur langsam neue Wörter lernt, so ist man doch auch immer von sich selber überrascht, wenn man bedenkt, dass man vor fünf Monaten nicht mehr als ein „Hallo, mein Name ist soundso“ herausbekommen hat. Auch die Lieder, die man im Chor singt, werden immer verständlicher (obwohl es keine große Überraschung ist, dass die größtenteils ohnehin von der Schönheit des Vaterlandes handeln… 😉 )

So, das war es dann erst einmal wieder von mir, das nächste Mal berichte ich euch von meiner Reise nach Norwegen 🙂

Bis zum nächsten Mal!

Maryam

„Ainult aja küsimus“

…“nur eine Frage der Zeit“, dass ich mal wieder schreibe. Beinahe zehn Wochen sind schon um und ich habe noch nichts von mir hören lassen! Das soll sich ändern, denn es gibt wahnsinnig viel zu erzählen. Ich glaube nicht, dass ich jemals so viel Spannendes in in nur zwei Monaten erlebt und gelernt habe.

Ankunft in Estland

Himmel (oder auch „Issand jumal!“, was die Esten bei jeder Gelegenheit benutzen. Der vielseitigste Fluch, den ich kenne, und gleichzeitig auch der am wenigsten anstößige), das kommt mir schon wahnsinnig lange her vor. Der Moment, als ich (als letzte und auch leicht verspätet) einen Fuß ins Flugzeug gesetzt habe und mir klar wurde, dass ich das Land, in dem ich mich gerade noch befinde, erst nächstes Jahr wiedersehen werde und damit auch all die Menschen und Dinge, die mir wichtig sind, war einfach unbeschreiblich überwältigend und scheint mir gleichzeitig wie nur eine sehr vage Erinnerung. Wie lange ist es schon her? Zwei Wochen? Zwei Monate? Zwei Jahre? Das Zeitgefühl ist mir verloren gegangen, glaube ich. Was mir sehr viel mehr im Gedächtnis geblieben ist (abgesehen von meiner ersten estnischen Kohuke, der besten Süßigkeit überhaupt, die ich am gefühlt kleinsten Flughafen der Welt gegessen habe), sind die vier Vorbereitungstage, die wir in einem Ort, etwas außerhalb von Tallinn, verbracht haben. Dort haben wir alle Austauschschüler, die mit YFU ein Jahr in Estland verbringen, kennengelernt und gemeinsam wurden wir spitzenmäßig auf unser Austauschjahr vorbereitet. Die Teamer waren einfach klasse und man merkte ihnen an, wie viel Spaß sie hatten. Wir haben über Schule, Freunde, möglicherweise auftretende Probleme usw. geredet und haben außerdem jeden Tag Estnisch gelernt. Das war wahnsinnig hilfreich aber auch wahnsinnig ermüdend. Diese Grammatik…14 Fälle sind nun wirklich kein Zuckerschlecken.
Aber daneben hatten wir auch alle gemeinsam unheimlich viel Spaß und bin froh, wie viele neue Freunde ich gefunden und wie viel gelernt habe. Ein wirklich gelungener Einstieg in unser Austauschjahr.

Gastfamilie

Unsere Gastfamilien lernten wir am letzten Tag der Vorbereitung kennen. Nachdem wir alle vor Aufregung um die Wette gezittert hatten und alle Gastfamilien mit einer von uns gesungen Variante „Mein Hut, der hat drei Ecken“ (auf Estnisch!) beglückt hatten, durften wir sie dann auch wirklich kennenlernen. Es gab eine Art gemeinsames Picknick und ein paar Spiele, dann fuhren wir auch schon los und ich lernte die neuen Leute und das neue Umfeld kennen, welche mich ein Jahr lang umgeben werden.
Ich habe in meinem letzten Eintrag komplett versäumt, euch meine Gastfamilie vorzustellen, was ich aber jetzt tun werde.
Meine Gastfamilie besteht aus meiner Gastmutter, meinem Gastvater und meinen drei Gastgeschwistern. Meine beiden Gastbrüder sind 18 und 8, meine Gastschwester ist 14. Mein älterer Gastbruder ist noch vor meiner Ankunft in die deutschsprachige Schweiz geflogen, um dort ebenfalls mit YFU ein Austauschjahr zu machen (und Andreas, falls du das liest, ja, du darfst meinen Blog lesen, wenn du ihn verstehst :D). Persönlich lerne ich ihn dann also erst nächstes Jahr kennen. Mit meinem kleinen Gastbruder und meiner Gastschwester verstehe ich mich sehr gut (auch wenn die Konversationen zwischen mir und meinem Gastbruder eher dürftig sind, da er nur Estnisch versteht und Kinderestnisch mir dann teilweise doch zuu hoch ist). Wir leben in der Hauptstadt Estlands, Tallinn. Ich fühle mich in meiner Gastfamilie jedenfalls sehr wohl und finde auch die Ausflüge, die sie mit mir unternehmen toll. Wir waren bereits auf Hiiumaa, einer ziemlich großen estnischen Insel, in Tartu im Süden und in Sankt Petersburg in Russland, eine Reise, von der wir gerade vor zwei Tagen zurückgekommen sind. So habe ich verschiedene Seiten Estlands kennengelernt, denn es ist auffällig, wie sehr sich das Land doch unterscheidet, der Norden, der Süden, der Osten und die Inseln, alle sind irgendwie anders, und das in so einem kleinen Land.
Außerdem waren wir gleich an unserem ersten gemeinsamen Abend beim Konzert von Robbie Williams, was ein großartiges Ereignis war, da, ehrlich gesagt, große Stars sich nicht allzu häufig nach Estland verirren, außerdem war auch noch Unabhängigkeitstag und die Stimmung war, wie das Konzert auch, entsprechend bombastisch. Einen geileren Anfang für mein Auslandsjahr kann ich mir nicht vorstellen!

Schule, Fuchswoche etc.

Der erste Schultag in Estland ist generell immer der 1. September, an einigen Schulen so auch dieses Jahr, was hieß, dass einige Schüler sonntags zur Schule mussten, ich glücklicherweise nicht. Hier in Estland ist es Tradition, sich zum ersten Schultag fein anzuziehen und dem Lehrer Blumen zu überreichen. Ich muss sagen, dass ich schon ein wenig Bammel hatte, was sich nach diesem Tag auch nicht wirklich gelegt hat. Der Tag bestand eigentlich nur aus Singen und Schulregeln anhören und war dementsprechend kurz. Nachdem ich mich kurz vorgestellt hatte, unser Klassenlehrer einige organisatorische Dinge mit uns besprach und wir die Blumen überreichten, war es auch schon vorüber und jeder machte sich so schnell aus dem Klassenzimmer wie möglich. Niemand schien sich auch nur im Geringsten für mich zu interessieren, wohin die mexikanische Austauschschülerin, die ebenfalls auf meine Schule geht, jede Menge Aufmerksamkeit bekam und anscheinend schon Freunde gefunden hatte. Das soll aber typisch für die Esten sein, dass sie erste Begegnungen scheuen (und ich war bei weitem nicht die einzige, der das so ergangen ist, andere Austauschschüler berichteten Ähnliches). Meine Sorgen, so stellte sich heraus, waren allerdings völlig unbegründet, denn zumindest der Großteil der Klasse ist sehr extrovertiert, offen und fröhlich und ich wurde schon am nächsten Tag toll aufgenommen. Ich komme wunderbar mit meinen Klassenkameraden zurecht und fühle mich auch insgesamt sehr wohl an der Schule. Unsere Fuchswoche hatten wir auch schon. Während der Fuchswoche waren wir Zehntklässler die „Füchse“ und die Zwölftklässler unsere „Götter“, und sie konnten mit uns tun und lassen, was sie wollten…eine ganze Woche voller ekliger Aufgaben und Essen, an das man einfach nicht mehr denken möchte, dazu demütigende Klamotten. Am Ende bin ich dann, über und über mit Haarspray und Eigelb, nach Hause gefahren, während für mich feststand, dass das definitiv die lustigste Schulwoche meines Lebens war und wir so etwas dringend in Deutschland brauchen.
An der Schule stört mich also kaum etwas, eigentlich nur das Essen…sehr fleischlastig. Eigentlich bin ich Vegetarierin, doch hier in Estland in Fleisch praktisch unumgänglich und ich esse es fast jeden Tag, weil meine Schule es in jedem Gericht als nötig ansieht und sich um keine Alternativen bemüht. Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt und werde dann einfach nächstes Jahr zu meinen eigentlichen Gewohnheiten zurückkehren.

Die Sprache

Puh, Estnisch. Das ist eine Sprache, an die man mit Geduld herangehen muss. Mit den meisten europäischen Sprachen ist sie in keinster Weise verwandt, lediglich mit Finnisch und entfernt mit Ungarisch. Einzig und allein in Estland von nicht viel mehr als 1 Mio. Menschen gesprochen und über estnische Grenzen hinaus nicht wirklich nützlich, kommt man als Lernender manchmal ins Grübeln, was die eigentliche Motivation war oder überhaupt noch ist. Gott sei Dank ist die Frage leicht beantwortet, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, in was für einem tollen Land sich gerade befindet und wie schön es wäre, sich mit seinen neuen Freunden in ihrer Muttersprache unterhalten zu können. Leicht ist das aber wirklich nicht. Diese Sprache, die Präpositionen besitzt, aber lieber Fälle benutzt, es Worte wie „jäääär“ gibt und zig Unregelmäßigkeiten auftauchen, macht einem das Lernen nicht gerade leicht. Zuhause muss ich Estnisch sprechen, weil meine Gastfamilie das von mir erwartet und ich meinen kleinen Gastbruder und meine Gastoma ja auch nicht übergehen kann. Darüber bin ich auch sehr glücklich, denn meine Fortschritte sind, rückblickend, doch recht groß. Anfangs konnte ich nicht viel mehr als „Mhm“ und „OK“ antworten, mittlerweile bringe ich mehr oder weniger vollständige Sätze zustande. 😉 Laut meinem Gastvater war mein erster Satz „Aga kärbes ei meeldi mulle“, also „Ich mag die Fliege aber nicht“. Besonders sinnvoll ist das nicht, ich weiß…

Nach einer Woche Ferien fängt also morgen wieder die Schule an, und auch wenn das sehr oft recht ermüdend ist, ich freue mich dennoch drauf. Wenn sie mir nicht zu viel an Arbeit wird, lasse ich demnächst, hoffentlich nicht erst wieder in zwei Monaten etwas von mir hören. 🙂

Head aega!

Eure Maryam

Üks, Kaks, Eesti

Tere õhtust, alle miteinander!

„Tere õhtust, das ist estnisch und heißt „Guten Abend“. Aber ganz gleich, um welche Uhrzeit ihr diesen Beitrag lest, ich möchte alle recht herzlich wilkommen heißen. 🙂
Und „Üks, Kaks, Eesti“ heißt „Eins, Zwei, Estland“. Dann das ist die Anzahl der Tage, die ich noch in Deutschland habe, dann folgt Estland.

Bisher habe ich mich noch nicht vorgestellt, doch das möchte ich jetzt nachholen. Meine Name ist Maryam, ich bin seit noch nicht sehr langer Zeit 15 und damit eine relativ junge Austauschschülerin. Ich wohne im Norden Deutschlands, genauer gesagt, noch für 2 Tage, denn am 16. August werde ich den Weg nach Frankfurt antreten und dort ins Flugzeug nach Tallinn steigen. Jetzt wird’s ernst!

Und wieso ich nach Estland will? Wirklich einfach ist das nicht. Da ist der Reiz, das Neue zu entdecken, den Gewohnheiten zu entsagen, sich selbst zu testen, ein anderes Leben zu leben und Erfahrungen zu sammeln. Das sind wahrscheinlich die Wünsche und Gründe, die in jedem Austauschschüler stecken, sei es nur im Unterbewusstsein. Und was spielt bei der Länderwahl mit? Was mir von Anfang an klar war, war, dass es in Richtung Norden gehen soll. Ganz Skandinavien hatte ich auf meine Wunschliste gesetzt – und auch Estland. Ein Land, welches geographisch nördlicher ist als Dänemark und doch irgendwie nicht ganz zum (politschen) Norden gehört. Dabei spricht die Geschichte eine andere Sprache: Schweden und Dänen hinterließen ihre Spuren in Estland, Spuren, die es ebenfalls hier, in Deutschland gibt. Vielleicht ist es das, was ich an Estland so interessant finde. Es ist quasi das Land, das da ist und doch häufig übersehen wird. Die Lage und die Geschichte machen es genauso nordisch wie osteuropäisch. Beides finde ich auf die ganz eigene Art spannend. Und – wer kennt schon Estland? Das tun die wenigsten, schließlich hat das Land selbst nur 1 Mio. Einwohner. Da macht es doch besonders Spaß, in die Kultur einzutauchen, die Sprache zu lernen, zu leben wie eine echte Estin. Das sind Dinge, die wenige Leute von sich behaupten können. Ich weiß selber relativ wenig von Estland – in den Medien und der Schule findet es eigentlich nie Erwähnung. Und gerade das macht ein Auslandsjahr doch toll, wenn alles so gänzlich neu ist und der „Lerneffekt“ groß ist.
2 Tage noch, unglaublich. Wie weit weg dieses Datum, 16. August, noch lag! Und jetzt wird es wahr, jetzt wird alles wahr. Es ist irgendwie beängstigend. Und nicht nur das, auch mein Blick auf das Austauschjahr ist das. Früher konnte ich manchmal kaum einschlafen, weil mir der Gedanke, ein Jahr lang von meiner Familie, meinen Freunden, meinem Zuhause getrennt zu sein, überhaupt nicht behagte. Jetzt mache ich mir gar keine Sorgen mehr, ich denke eigentlich gar nicht an mein Austauschjahr und lebe mein Leben so weiter wie zuvor, während alle anderen um mich herum ständig davon reden. Mir ist das irgendwie überhaupt nicht möglich. Das mag gut sein, damit bewahre ich mich wahrscheinlich von vor großer Niedergeschlagenheit, seltsam finde ich es aber auch. Froh bin ich aber doch, denn ich scheine eine sehr nette, tolle Gastfamilie zu haben. Das ist jedenfalls etwas, worüber ich mir keine Sorgen machen muss, denke ich. Es nützt auch gar nichts, Panik zu schieben, lieber möchte ich alles gelassen angehen.

In baldiger Bälde wird es von mir wohl einen neuen Blogeintrag geben, entweder kurz vor oder nach dem Flug. Dann folgen auch mehr Details zu meiner Gastfamilie. Ich hoffe, mein Eintrag und meine Gedanken haben euch gefallen!

Nägemiseni, bis zum nächsten Mal!
Maryam

PS: Meine Gastfamilie hat mir Karten für das Robbie Williams Konzert in Tallinn gekauft, wenn das kein toller Start in ein Auslandsjahr ist!