Ein Monat.

Heute ist der 16.09.2017 und ich sitze auf meinem Sofabett, höre Jazz und denke nach. Darüber, was alles passiert ist. Darüber, wen ich bereits getroffen habe. Darüber, wo ich schon überall war.

Die Zeit fliegt. Genau vor einem Monat, genau zu dieser Uhrzeit, saß ich im Flugzeug und die Landschaft zog unter mir vorbei. Ich fühlte mich müde, aufgeregt und gleichzeitig voller Freude und Trauer.

Heute ist das anders. Ich habe mich super bei meiner Gastfamilie eingelebt, kenne die Regeln und befolge sie (hoffentlich) immer. Ich kenne meine Schule, weiß, wo die Räume sind und bei welchem Lehrer ich so zun muss, als würde ich aufpassen und bei welchem Lehrer ich auch nur estnisch lernen kann, ohne ihm zuzuhören. Ich weiß, wo alle Geschäfte in Kuressaare sind und brauche kein Google Maps mehr. Ich habe meine estnische ID-Card und meinen Schülerausweis. Ich habe in der Mensa einen festen Platz, wo ich immer mit meinen Freunden sitze und esse. Beim Einkaufen weiß ich nun auch endlich, wie das mit dem Self-Checking und den Piepteilen läuft.

Der Alltag kommt und ich freue mich darauf. Anfangs war alles neu. Alles. Nun sind es die kleinen Sachen, die mich erfreuen. Heute habe ich zum Beispiel am Frühstückstisch gefragt, ob in dem Salat Fleisch ist. Auf estnisch! Ohne Google-Übersetzer! (Kas see on lihaga?) Das mag für Nicht-Austauschschüler ziemlich weird klingen. Es ist nur eine Frage mit gerade mal vier Wörtern?

Dennoch war es eine Überwindung für mich. Estnisch zu sprechen ist immer ein wenig seltsam. Und bei mir meistens grammatikalisch falsch. Doch heute habe ich das richtige Fragewort UND den richtigen Fall benutzt, ohne groß darüber nachzudenken. Progress!

Solche Kleinigkeiten machen mich immer glücklich und stolz. Und lassen mich widerum mein Leben in Deutschland umso mehr wertschätzen. Dort verstehe ich die Sprache, kenne die Gepflogenheiten, wie ich mich wann und wo zu verhalten habe und verstehe den Klassenchat, wenn jemand etwas hineinschreibt.

Hier ist das nicht so. Und dennoch könnte ich nicht glücklicher sein.

Von Wohnzimmergefühlen, Sitzplatzschwierigkeiten und Abschied.

Am 16.08. war es dann endlich so weit: Meine Eltern und ich standen am Gate; doch irgendwie wusste keiner so richtig, was er tun, sagen oder lassen sollte. Die komplette Situation war auch irgendwie sehr absurd, denn vor, neben und hinter uns rannten, liefen oder gingen die Leute mal mehr, mal weniger hektisch zu den Orten, an denen sie zu sein hatten oder sein wollten. Und dann waren da noch wir. Die, die nicht so recht wussten, was jetzt passieren würde. Schließlich fasste ich einen Endschluss und umarmte erst meine Mutter und dann meinen Vater. Ohne groß nachzudenken, schnappte ich mir meine Koffer und ging zum Security Check, wo meine Eltern mich nicht mehr sehen würden. Ein letztes Mal drehte ich mich zu ihnen um und winkte ihnen zu. Dann verschwand ich um die Ecke.

Es fühlte sich… gar nicht an. Ich fühlte nicht viel in diesem Moment. Ich hatte geglaubt, dass dieser Moment für mich einer der schlimmsten während meiner Reise sein würde, doch ich fühlte rein gar nichts, außer der Nervosität vor dem Security Check.

Doch auch dort lief alles gut, und so stand ich plötzlich mit meinem Koffer und meiner Jacke in den riesigen Hallen des Frankfurter Flughafens. Die letzte Schwierigkeit war, das Terminal und die Anderen zu finden.

Das Unterfangen war allerdings auch schnell bewerkstelligt und dann saß ich auch schon mit circa 20 anderen Austauschschülern auf den mehr oder weniger bequemen Stühlen. 1,5 Stunden noch.

Ich snappte und stellte das Bild in meine Story. „Let’s go“, schrieb ich darunter. Direkt danach schrieben mich ein paar meiner Freunde an. Einen guten Flug wünschten sie mir, und dass ich eine schöne Zeit haben mag. Es fühlte sich sehr surreal an. So als würde ich in zwei Wochen bereits wieder zurück sein, doch dem war nicht so.

In diesem Moment traf es mich wie ein Blitz: Ich würde 11 Monate lang weg sein. Was habe ich mir dabei gedacht?

Doch diese Gedanken verflogen ebenso schnell, wie sie kamen: und ebenso schnell verging auch die Zeit, bis das Flugzeug starten würde. (Eine Lüge. Die Zeit verging unglaublich langsam.)

Nach einigem Hin und Her und einem: „Hey, I am sorry Mister, but I think this is my seat.“ meinerseits, saßen wir in der Maschine und sahen den Wolken beim vorbeiziehen zu.

Dann begann der Sinkflug und man konnte die ersten Blicke auf Tallinn erhaschen. Viele „Wow!“’s und „Oh!“’s waren zu hören, bevor das Flugzeug landete und wir in dem kleinen, süßen Flughafen ankamen.

Bereits der Flughafen bildete einen so großen Kontrast zu dem in Frankfurt, dass ich mir ein stetiges Dauergrinsen nicht verkneifen konnte. Der ganze Flughafen fühlt sich an wie ein Wohnzimmer. Gemütliche Sofas, ein paar hübsche Böden und Tapeten. Fehlt nur noch der Kamin, in dem ein kleines Feuer flackert.

Nach gefühlt ewigem Warten auf unsere Koffer, („Warum geht das denn nicht schneller?“ „Mensch, Estland ist so klein, da KÖNNEN hier doch gar nicht viele arbeiten.“ „Ach ja, vergessen.“) begrüßten uns einige Ehrenamtliche von YFU und alle stiegen in den Bus, der uns nach Kurtna bringen sollte.

Kurtna. Hach, Kurtna. Dazu später mehr…

Estland – oder auch: wie alles begann.

Hi, mein Name ist Marlene, ich bin 15 Jahre alt, besuche die 10. Klasse eines Gymnasiums und werde das Schuljahr 2017/18 im schönen Estland verbringen! Estland, fragst du dich? Hab’ ich mich verlesen und sie meint Island? Oder England? Nein, ich gehe tatsächlich in das kleine, verwunschen wirkende, unberührte Estland. „Was spricht man denn da? Wo ist das überhaupt? Haben die da Internet? Können die Englisch? Ist es da nicht arschkalt? Warum gehst du nicht einfach in die USA?!“ Das sind die Fragen, die ich wohl am häufigsten bezüglich meines Auslandsjahres bekommen habe und ich werde nun versuchen, sie gut zu beantworten.

Was spricht man denn da?

In Estland spricht man Estnisch. Estnisch gehört zu den finnisch-urgischen Sprachen und ist wohl am ehesten mit dem Finnischen zu vergleichen. Es gibt nur etwas über eine Millionen Menschen, die estnisch sprechen, deswegen freue ich mich besonders darauf, so eine Sprache zu lernen, die kaum jemand spricht! Das estnische Alphabet ist etwa so wie das Deutsche, nur dass es noch drei weitere Buchstaben gibt: Š, Ž und Õ. Grammatikalisch unterscheidet sich es allerdings stark vom Deutschen: Es gibt insgesamt 14 Fälle, anstatt, wie im Deutschen, nur vier. Dafür gibt es, wie im Englischen auch, keine grammatikalischen Geschlechter. Das coolste Wort, das ich kenne, ist das estnische Wort für „Nacht“: Öö.

Wo ist das überhaupt?

Estland ist das nördlichste der drei baltischen Staaten. Es grenzt südlich an Lettland und östlich an Russland. Nörd- und westlich liegt die Ostsee, an der auch die Hauptstadt Tallinn liegt. Estland hat eine Fläche von etwa 45.000 Quadratkilometern und ist somit kleiner als Niedersachsen! Mit seinen 1,3 Mio Einwohnern bildet Estland einen starken Unterschied zu Deutschland. Ich bin bereits super gespannt, ob man diese große Differenz als Austauschschüler zu spüren bekommt und wie es sich auf das alltägliche Leben auswirkt.

Haben die da Internet?

Natürlich haben „die da“ Internet. Schließlich wurde in Estland sogar Skype erfunden! Generell ist das Land sehr stark digitalisiert – man kann sogar per SMS wählen oder online ein Parkticket nutzen. Auch die Schulen sind digitalisiert, zum Beispiel nutzen alle Lehrer*innen und Schüler*innen „e-skool“: Ein Programm, auf dem Lehrer die Noten oder Hausaufgaben hochladen, oder den Eltern, einzelnen Schülern oder auch ganzen Klassen schreiben können. Umgekehrt funktioniert das natürlich auch, also können Schüler ihre Hausaufgaben bekommen, Eltern die Noten des Kindes einsehen usw. Überall in Estland gibt es freies Wlan, manchmal kannst du mitten im Wald stehen und trotzdem gibt es irgendwo Hotspot. Und wenn nicht, dann gibt es extrem günstige Internetflats, bei denen 3G das Mindeste ist, was man haben kann…

Können die Englisch?

Jüngste Studien haben gezeigt, dass die Esten zu den Europäern gehören, die am besten englisch können, deswegen ja, die Esten können englisch!

Ist es da nicht arschkalt?

Das ist ein Klischée, das tatsächlich stimmt. Im Winter kann es – zumindest in der Nacht – bis zu -30°C kalt werden und der Schnee fällt gerne mal ab Oktober bis in den März hinein. Auch die Tage sind sehr viel kürzer, da die Sonne um 9:00 Uhr auf- und um 15:00 Uhr schon wieder untergeht. Natürlich gibt es aber auch einen Sommer in Estland! Die Temperaturen klettern auf bis zu 30°C und die Sonne scheint von 3:30 Uhr morgens bis 23:00 Uhr abends. Zudem fällt sehr weniger Regen; heißt: Weniger Matschwetter!

Warum gehst du nicht einfach in die USA!?

Wenn einfach das neue abenteuerlustig wäre, würde ich vielleicht auch in die USA gehen, aber dem ist natürlich nicht so. Ich will einfach mal etwas Anderes erleben. Die USA ist das Land, in das die meisten Austauschschüler gehen. Viele wollen den american way of life kennenlernen, hoffen, nach california in eine große Stadt zu kommen und das ganze Austauschjahr wie einen Urlaub zu erleben. Ich habe mich der Illusion nicht hingegeben und will unter Anderem eine neue Sprache lernen, aber am wichtigsten ist mir:

Nicht das Land macht das Jahr zu etwas Besonderem, sondern, was du aus dem Jahr machst.

Und sonst?

Ich bin nun bereits seit zwei Wochen hier und habe diesen Blogeintrag geschrieben, als ich noch etwa 50 Tage in Deutschland hatte. Aber die nächsten Berichte kommen natürlich auch.